Die Windfee die zu stark pustete
Im Sommer hing der Feenhimmel sonst leicht über den Gärten, so leicht, dass die Ameisen unten manchmal dachten, jemand habe ihnen ein warmes Tuch über den Rücken gelegt. An diesem Morgen aber lag er schwer. Die Wolken drückten sich aneinander wie nasse Kissen, und zwischen ihnen war kaum noch Platz für einen Atemzug.
Windfee Suli stand mitten darin.
Sie war klein genug, um in einer Glockenblume zu schlafen, und stark genug, einen ganzen Nachmittag von der Wäscheleine zu heben, wenn sie beim Pusten die Augen vergaß. Genau das war geschehen. Sie hatte nur ein bisschen kühlen Wind für die schlafenden Kinder schicken wollen. Ein kleiner Sommerhauch, dachte sie. Ein freundlicher.
Doch ihr Atem hatte gekribbelt, tief in den Rippen, und war größer geworden als ihr Mut. Die Wolken kamen zu schnell. Sie kamen in Lagen, in Knäueln, in dicken Atemrollen. Suli spürte sie an den Knöcheln, feucht und ungeduldig.
Jetzt war der Sonnenschrank gesperrt.
Er stand am Rand des Feenhimmels, ein schmaler Schrank mit einer Tür, die nur aufging, wenn der Morgen ordentlich war. Heute hielt sie fest. Sonnenfee Raya legte beide Hände an den Griff. Die Luft um sie wurde warm, aber ihre Finger zitterten, als hätten sie zu lange eine heiße Tasse gehalten.
„Suli“, sagte Raya. Ihre Stimme war klein und hart zugleich.
Suli zog die Schultern hoch. In ihrer Kehle saß noch Wind.
Wolkenwart Grumm kam aus dem grauen Gewimmel gestapft. Er war breit wie ein Regentag und trug ein Bündel Fäden über dem Arm. Jeder dachte, Grumm könne Wolken mit einem Stirnrunzeln sortieren, doch seine Knie knackten bei jedem Schritt, und er musste sich oft an einer Wolke abstützen, damit sie ihn nicht weitertrug.
„Zu viel Puste“, brummte er.
„Ich wollte helfen“, sagte Suli.
Grumm nickte, als sei Helfen manchmal ein schwerer Eimer. „Dann räum auch mit deinen eigenen Winden auf.“
„Wie?“
Grumm zog einen grauen Faden aus seinem Bündel und hielt ihn ihr hin, aber nur so weit, dass sie ihn nicht nehmen konnte. „Wolken hören auf den Atem, der sie gerufen hat. Nicht auf den lautesten. Auf den ehrlichsten.“
Suli verstand nur die Hälfte. Die andere Hälfte klopfte in ihrem Bauch.
Sie stellte sich breitbeinig hin, holte tief Luft und pustete gegen die Wolken. Sie pustete links. Sie pustete rechts. Sie pustete so kräftig, dass ihre Wangen brannten und die Spitzen ihrer Ohren taub wurden.
Die Wolken rückten näher zusammen.
Grumm sagte nichts.
Raya drückte wieder an den Sonnenschrank. Der Griff gab keinen Laut von sich. Nur die Wärme blieb, eng und müde, an Sulis Armen hängen.
„Noch einmal“, flüsterte Suli.
Diesmal trat sie vor den Schrank. Sie kannte ein altes Sonnenwort, das die jüngsten Feen manchmal benutzten, wenn sie ihre Frühstücksbeeren trocknen wollten. Suli legte die Zunge an den Gaumen und sprach es leise in das Schloss.
Das Wort schmeckte nach Kreide.
Der Sonnenschrank blieb zu.
Suli sank auf die Knie. Der Himmel unter ihr fühlte sich dünn an, als hätte er selbst zu wenig geschlafen. In ihrer Brust war eine kleine Leere, dort, wo eben noch das Sonnenwort gesessen hatte. Raya wandte den Kopf ab. Ihre Schultern hoben sich und fielen nicht gleich wieder.
Grumm setzte sich neben Suli. Die Wolke unter ihm seufzte. „Du kannst die Sonne nicht herausreden, wenn du den Himmel vollgemacht hast.“
Suli rieb ihre brennenden Wangen. „Ich habe zu stark gepustet.“
Das sagte sie nicht laut. Aber der Satz ging durch die Wolken, denn Sätze, die stimmen, finden ihre Wege.
Die erste Wolke lockerte sich ein wenig.
Grumm reichte ihr nun den Faden. „Nicht wegpusten. Zurückfalten.“
Suli nahm den Faden zwischen zwei Finger. Er war kühl und schwer, schwerer als er aussah, und er zog an ihrem Handgelenk wie ein Versprechen, das man nicht vergessen darf. Sie atmete ein. Nicht viel. Nur so viel, wie in eine Entschuldigung passt.
Dann blies sie nicht.
Sie ließ den Atem rückwärts gehen.
Es kitzelte hinter ihren Zähnen. Ein kleiner Wind kehrte zu ihr zurück, müde und zerzaust. Suli hielt ihn fest, faltete ihn in den grauen Faden, und der Faden wurde still. Eine Wolkenrolle löste sich und glitt zur Seite, als hätte sie endlich Platz zum Liegen gefunden.
Suli machte weiter.
Bei jeder Wolke sagte sie in sich: diese auch. Bei jeder Wolke wurde ihr Atem kürzer. Ihre Fingerspitzen wurden kalt. Einmal musste sie sich an Grumms Ärmel festhalten, und Grumm tat so, als merke er es nicht. Raya stand beim Sonnenschrank. Sie zog nicht mehr. Sie wartete.
Die zweite Reihe Wolken war störrischer. Suli fand darin ihren stärksten Puster, den, der alles angefangen hatte. Er lag eingerollt wie ein Tier, das nicht nach Hause will. Suli kniete davor und presste die Lippen zusammen.
„Ich wollte nur gut sein“, murmelte sie.
Der Puster rührte sich nicht.
Also sagte Suli das andere, das schwerere. „Und ich habe den Sommer zugedeckt.“
Da kam der Wind zu ihr zurück. Er war rau im Hals. Suli musste husten, und eine winzige Träne fiel auf den Faden. Grumm band einen Knoten darum. Der Knoten blieb.
Der Sonnenschrank machte ein leises Klicken.
Nicht weit. Nur genug.
Wärme schob sich durch den Spalt und legte sich auf Sulis kalte Finger. Die Wolken wurden dünner, nicht fort, nur leichter zu tragen. Unten konnten die Kinder wieder blinzeln, und die Gänseblümchen richteten ihre Köpfe, als hätten sie einen Namen gehört.
Raya öffnete den Schrank ganz. Sommer kam heraus und blieb sanft an den Rändern.
Suli stand auf. Ihre Knie wackelten. In ihren Haaren hing ein grauer Faden, und niemand nahm ihn weg.
Raya sah Suli kurz an.
Mehr nicht.
Am Abend, als der Feenhimmel wieder atmete, lag auf der Schwelle des Sonnenschranks ein winziges Wolkenknötchen. Es war kühl, wenn man es berührte.




