Fee Herbstine und die verblassenden Farben
Im Feenwald lag der Spätsommer schon mit einem Knie im Herbst, und die Wege waren weich von müden Samen. Fee Herbstine kam am Morgen zwischen den Farnen an, so klein, dass eine Eichel ihr als Hocker diente, und doch senkten die Gräser ihre Spitzen, wenn sie ihren Namen dachte.
Sie trug den Schlüssel zum Farbschrank an einem Faden aus Spinnenruhe. Der Schrank stand im hohlen Bauch einer alten Buche und bestand aus Blütenblättern, die sich Schubladen nannten, wenn man sie freundlich berührte. Sonst blieben sie einfach Blumen.
Heute roch alles nach trockenem Moos. Die Bäume warteten blass am Rand der Lichtung, als hätten sie ihre Geschichten zu oft erzählt. Herbstine öffnete die erste Blütenschublade. Darin schlief das Rot, zusammengerollt wie ein warmer Gedanke.
Sie nahm ihren Pinsel, der aus dem Schnurrhaar einer schlafenden Haselmaus gemacht war, und tauchte ihn hinein. Nichts kam mit. Der Pinsel blieb leicht. Kein Rot hing daran, kein warmer Zug lief durch den Griff. Nur ihre Fingerspitzen wurden kalt.
Herbstine runzelte die Stirn. Sie war die Fee, die jeden Herbst die Blätter erinnerte, welche Namen sie tragen konnten. Wenn sie im Frühling hustete, keimten irgendwo drei Kressekörner zu früh. Wenn sie im Sommer seufzte, legten sich die Schatten ordentlicher unter die Pilze. Aber heute nahm ihr Pinsel nicht einmal ein einziges Rot auf.
Am Rand der Lichtung stand Baumgeist Ilo. Er war so hoch wie drei Rehe übereinander und so still, dass ein Käfer auf seiner Schulter einschlief. In seiner Rinde saßen Jahresringe wie leise Fragen. Er sagte nichts. Sein Schweigen war nicht leer. Es hielt Platz frei.
Herbstine stellte sich auf die Eichel, hob den Pinsel und strich über das erste Blatt der Buche. Das Blatt blieb blass. Es raschelte nur ein wenig, nicht im Wind, sondern als würde es sich schämen, noch nicht bereit zu sein. Herbstines Hand zitterte. Die Kälte kroch bis in ihr Handgelenk.
Sie versuchte es ein zweites Mal, denn Verantwortung hatte bei ihr die Form eines kleinen festen Knotens hinter dem Herzen. Diesmal öffnete sie die Schublade mit Gelb. Es roch darin nach eingewickeltem Sonnenmittag, doch der Geruch war dünn geworden, fast vorsichtig. Herbstine flüsterte einen alten Spruch, den schon ihre Großmutter unter Pilzhüten gemurmelt hatte.
Der Spruch ging los. Er kam aber nicht weit. Er blieb zwischen Herbstines Zähnen hängen und schmeckte nach Regen, der seinen Weg vergessen hatte. Der Pinsel wurde schwer. So schwer, dass sie ihn mit beiden Händen halten musste. Ein Tropfen Gelb fiel nicht auf das Blatt, sondern auf ihren Schuh, und dort wurde er zu einem winzigen trockenen Fleck.
Ilo schwieg weiter. Er beugte sich nur ein wenig näher. Aus seinen Ästen fiel kein Wort, aber Herbstine hörte, wie tief in ihm Saft langsamer wurde. Das war seine Art zu warten. Nicht drängen. Nicht trösten. Nur da sein, wie ein alter Stamm da ist, wenn ein Kind sich anlehnt.
Herbstine setzte sich auf die Wurzel vor dem Schrank. Ihre Finger waren nun so kalt, dass sie die Rillen der Rinde genauer spürte als sonst. Jede Kerbe hatte einen Rand. Jede kleine Mulde hielt einen Rest Sommer fest. Sie atmete aus und merkte, dass ihr Atem nicht mehr nach Blütenstaub schmeckte, sondern nach kühler Erde.
Da verstand ihr Körper etwas, bevor ihr Kopf es ordnen konnte. Der Herbst ließ sich nicht aus warmen Händen verteilen. Man konnte ihn nicht über die Blätter legen wie eine Decke, wenn man selbst noch im Sommer stand. Herbstine zog die Schultern nicht hoch. Sie ließ die Kühle herein.
Es dauerte. Die Zeit wurde schmal und langsam. Ein Samen fiel neben ihr zu Boden und brauchte dafür einen ganzen Gedanken. Herbstines Knie wurden kühl. Ihre Wangen auch. In ihrem Bauch löste sich der feste Knoten ein wenig, nicht ganz, nur so weit, dass ein kleines Zittern hindurchpasste.
Dann öffnete sie die rote Blütenschublade noch einmal. Diesmal griff sie nicht sofort zum Pinsel. Sie legte beide Hände über die Farbe und wartete, bis das Kribbeln nicht von der Schublade kam, sondern aus ihren eigenen Handflächen. Es war kein warmes Kribbeln. Es war die erste Decke am Abend, bevor man merkt, dass man sie braucht.
Der Pinsel nahm Rot auf. Nicht viel. Gerade genug für ein einziges Blatt. Herbstine stand auf. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Tau gemacht und müssten vorsichtig getragen werden. Sie ging zu Ilo hinüber, der den untersten Zweig senkte.
Sie berührte ein Blatt. Kein großes, kein besonders gerades. Nur eines, das am Rand ein wenig eingerollt war. Der Pinsel glitt darüber, und Herbstine spürte einen winzigen Stich im Daumen, als hätte die Farbe sich einen Faden von ihr genommen. Das Blatt wurde rot.
Ilo sagte nichts. Doch durch seinen Stamm ging ein tiefer, weicher Klang, den man eher im Brustkorb hörte als mit den Ohren. Die anderen Blätter rührten sich. Erst eines. Dann drei. Dann so viele, dass Herbstine den Pinsel sinken ließ und einfach atmete.
Die Farben kamen nicht hastig. Sie kamen wie Kinder, die erst prüfen, ob die Tür wirklich offen ist. Gelb fand einen Birkenzweig. Orange setzte sich an den Rand eines Ahornblattes. Das Rot blieb nicht überall, wo Herbstine es wollte, aber dort, wo es blieb, fühlte sich die Luft etwas kühler und ehrlicher an.
Am Abend schloss Herbstine den Farbschrank. Ihre Finger waren noch kalt, und auf ihrem Daumen blieb der kleine rote Stich. Ilo stand neben ihr, groß und zerbrechlich in seiner Geduld. Auf der Wurzel lag der trockene gelbe Fleck auf ihrem Schuh nicht mehr allein. Daneben klebte ein erstes rotes Blatt. Dann mehr.




