Der Geschmack von Trotzdem
Der Löffel, silbern und ein bisschen zu schwer, liegt zwischen seinen Fingern. Jakobs Daumen dreht ihn immer wieder, über den Rand der kleinen weißen Schüssel, zurück zur Mitte, als könnte die Bewegung den Geschmack verändern. Die Arbeitsplatte seiner winzigen Küche glänzt von tausendmal abgewischtem Sojaöl. Fast niemand erkennt hier noch den alten Fliesentisch. Es riecht nach Erbsenprotein und leicht verbranntem Toast. Die Geräusche draußen: Lieferwagen, ein Hund, Gläser, das Plopfen der Kühlschranktür.
Er rührt. Dann hält er inne. Ein paar Tropfen Sauce fallen auf seinen Ärmel. Der Kaffee daneben – längst kalt – riecht nach gar nichts mehr. Seine Finger verharren mitten im Rühren, als hätte jemand sie kurz ausgeschaltet. Der Atem wird eng. Die letzte Mail von Dr. Selin lodert in seinem Kopf. Da steht nicht “Unfug”. Aber das, was sie schreibt über Konsistenz, Mundgefühl, Erwartungen. Immer sachlich, nie hämisch. “Hast du einmal selbst mit jemandem gesprochen, der Sojaschnetzel wirklich aus Begeisterung isst?”, ihre Frage, in der Zeile. Er antwortete darauf nicht mehr – öffnete nach dem Lesen nur stumm den Kühlschrank, sah auf den klammen Block Hefeflocken und machte weiter. Heute wieder.
“Schmeckt wie niedergeschlagener Dienstag”, sagte er zu sich, und zwingt sich trotzdem, den nächsten Löffel zu probieren. Die Zunge sucht nach Fett, nach einem Knall – stattdessen Textur, zu früh bröckelnd im Mund. Die Wanduhr klickt. Er klatscht die Masse auf ein neues Bleck und tippt Rezeptanpassung Nummer vierunddreißig: “Leinöl erhöhen, Kurkuma rein, Meersalz.” Der Laptop surrt – Exhibitiontext für den Stand auf der Messe: “EatBright bedeutet: echt, natürlich, Zukunft.” Seine Hände legen Pause ein – auf einmal ist da Schwere in den Unterarmen. Ein Atemzug, dann noch einer. Die Argumente in seinem Kopf: Wozu das alles? Wer will das? Ihm fällt keine neue Antwort ein. Die Antwort ist im Tun, nicht im Wort.
Als die Sonne ins Fenster fällt, schiebt er das Blech in den Ofen, Tippen, Timer stellen, Hände abwischen. Die Spüle voll mit Schnitten und abgemessenen Messbechern. Dr. Selin kommt heute – sie hat zugesagt, das Sample zu testen, “ohne Schonung”. Er räumt hektisch die Arbeitsplatte leer, kippt kaltes Wasser aus halbvollen Gläsern in die Pflanzen am Fenster. Ein letzter Blick auf das Excel: Nährwerte stimmen, Standnummer A36, Zutatenliste.
Der Türsummer summt zu laut. Sie tritt ein, Wind im Frühlingsmantel, Notizbuch, Bleistift. Ihre Bewegungen sind kontrolliert, nicht ausweichen, keine Zeit für Zaudern. “Riechst du das? Es hat was von altem Brot.” Sie setzt sich an den Tisch, sieht ihn an.
“Ich will ehrlich sein”, sagt sie. “Die Textur ist noch, naja, du weißt. Aber dein Ansatz mit Lupinen – da steckt was drin. Die Allergiker müssen aber raus aus der Gleichung, sonst bist du erklärungspflichtig bis zum Letzten.”
Jakobs Herz macht einen Knoten. Er dreht den Bleistift auf dem Tisch, hört das Kratzen. “Was sagst du zum Markt für sowas?”, versucht er.
“Es gibt einen Nischenmarkt. Doch die Leute kaufen Geschmack, keine Mission. Wie willst du erklären, warum jemand das essen sollte, wenn der erste Biss immer ein Vergleich mit Fleisch bleibt?”
Jedes Wort fällt schwer auf den Tisch. Jakob räumt langsam das Blech aus dem Ofen – die Finger zittern leicht, trotzdem packen sie weiter ein. Die Probe schneidet er exakt auf dreißig Gramm. Dr. Selin langt zu, kaut, zieht ein Stück Brot aus der Tasche und dippt. “Mit dem richtigen Dip, vielleicht. Aber – du brauchst ein Argument, das nicht erklärt, sondern direkt überzeugt. Sonst bist du verloren im Rauschen der Produktnamen.”
Als sie geht, bleibt der Geruch von Kümmelbrotrinde. Dr. Selins Handschrift bleibt auf ein paar Notizzetteln: “Knusprigkeit”. “Haptik”. “Verzicht auf Missionierungsdruck.” Jakob schreibt alles ab, tippt es wie eine Liste fremder Sprachen in seine Präsentation.
Die Nacht steigt in die Küche. Seine Augen schlitzen, er starrt die letzten Muffins im Ofen an. Die Müdigkeit hat sich in seine Ellenbogen geschlichen, wohnt unter den Fingernägeln. Die Vorfreude auf die Messe ist ein Gefühl wie nasser Asphalt unter neuen Schuhen. Er packt Geschirr und Proben hervor, alles in müde gefaltete Tücher. Am Morgen sortiert er Visitenkarten und einen Kugelschreiber, der nicht schreiben will, in die Jackentasche. Die Fahrt zur Messe schmeckt nach Sand – Nerven signalisieren Zweifel, der Körper aber funktioniert, Gang um Gang.
Der Stand ist kleiner als gedacht. Eine Pappwand, ein Stehtisch, ein Rollup von “EatBright. Zukunft essen.” Die Luft schmeckt nach Pappkarton und künstlicher Erdbeere. Frühstückssnacks rascheln um ihn herum wie vorschnelle Versprechen von Glück. Jakob legt Muster aus, füllt das Schälchen, ordnet die Snackwürfel, richtet das Tablet mit der animierten Präsentation.
Stimmen, die an seinem Stand vorbeihuschen. Fragen, skeptische Blicke, spitze Finger auf dem Tastbildschirm. “Ist das vegan?”, kommt zehnmal pro Stunde. Er nickt, verteilt Proben, schaut auf Hände, die sofort nach Wasser oder Kaugummi greifen. “Interessant,” murmelt eine Frau, während sie nach dem zweiten Würfel fragt – Jakob lächelt, aber innen ist es kalt, das Gesicht spannt, der Rücken klebt am Hemd. Die Mittagssonne sticht durch die Glasdecke. Gegenüber himmeln alle den Stand von “Bergner Protein” an – deren Flyer flattern, deren Markenlogo leuchtet wie ein Versprechen von “Zumindest anders”.
Am Nachmittag steckt Dr. Selin die Nase zur Tür herein, nickt ihm zu. Aus dem Messelautsprecher schwappt die Ankündigung des Investorenpitches. Jakob stellt seinen Timer, nimmt die Flasche Wasser, zwei kleine Samples, das überarbeitete Skript. Er sieht auf seine Hände – leicht feucht. Die Notizen zittern, als er sie nimmt. Er geht die Treppe hoch zum Präsentationsraum, Herzschlag gegen Hals, Beine wollen nicht locker werden.
Wartend am Rand sitzt ein Mann mit Notizblock: Investor Brandt. Im Gesicht Falten, aber die Augen wacher als bei den anderen. Brandt steht, schüttelt kurz die Hand – fest, genau bemessen. “Was haben Sie uns heute gebracht?”, fragt er, nicht unfreundlich, nur sehr direkt.
Jakob klappt den Laptop auf, Video startet, die Samples, Servietten, alles bereit. “Meine Idee ist eine neue Art von Mahlzeit. Schnell, pflanzlich, keine Zusatzstoffe, allergikerfreundlich soweit möglich, nachhaltiger Anbau. Der Geschmack – mild, vielseitig.”
Brandt lacht nicht. “Ich verstehe die Mission. Aber: das machen jetzt schon alle. Wie unterscheiden Sie sich? Der Markt ist übersättigt. Die Leute suchen nicht den heiligen Gral, sondern den kleinsten Schmerzpunkt. Warum soll ich Ihren Riegel einem Eiweißtoast vorziehen?”
Jakob hört seinen eigenen Atem zu laut. Der Satz, den er vorbereitet hat, fällt ihm nicht ein. Er legt die Hände flach auf die Tischplatte, spürt das Holz. “Wir setzen alles auf schlichte Zutaten, kein Geschmacksersatz, sondern ein ehrlicher Biss. Und: unser Rohstoff kommt von lokalen Landwirten. Aber ich gebe zu, alles steht und fällt mit dem Geschmack.”
Brandt nimmt einen Bissen, kaut. “Er ist… okay. Nicht schlecht. Aber da ist eine Trockenheit am Gaumen. Und mir fehlt die Erinnerung an irgendetwas Gebratenes – das haben die anderen, selbst wenn’s künstlich ist. Beschäftigen Sie sich mit Mundgefühl?”
Jakob nickt, zuckt im Gesicht. Körperlich wirkt jede Zelle abwesend, Magen eng. “Ich arbeite daran. Es ist der vierunddreißigste Prototyp. Vielleicht muss ich…”
“Sie brauchen einen Kniff. Etwas Heimisches vielleicht?” Brandt lehnt sich zurück. “Glauben Sie im Ernst, Sie schaffen das noch am Markt, wenn die Textur allen zu trocken ist?”
Jakobs Stimme ist kurz eine Nuance zu leise: “Ich weiß nicht, ob die Masse das will. Es gibt Leute wie mich, die suchen nach genau diesem ehrlichen Geschmack.”
Brandt hebt die Braue, notiert. “Das ist wenigstens keine Werbefloskel. Aber ehrlich gesagt: Ich kann Ihnen keine Zusage geben. Nicht jetzt. Sie brauchen ein Argument, das Menschen fühlen. Sie erklären zu viel, Sie zeigen zu wenig.”
Jakob atmet stockend, merkt, wie schweißnass sein Rücken ist. “Würden Sie ein Sample mitnehmen? Zwei Tage daheim, dann melden Sie sich?”
Brandt nimmt das Probierpäckchen, nickt, schüttelt die Hand. Das Gespräch bleibt in den Armen kleben, wie ein Rest von ungewaschenem Teig. Dr. Selin wartet unten, klopft ihm auf die Schulter. „Du hast mehr gesagt als sonst. Aber das Zeigen… das kommt noch.“
Der Gang zum Stand ist mühsam. Für einen Moment hängt die Messepause in der Luft. Am Rollup falten zwei Jugendliche eine Broschüre, probieren. Einer verzieht das Gesicht, der andere nimmt noch ein Stückchen. “Ey, das schmeckt wie meine Kindheit bei Oma – trocken, ja, aber irgendwie cool!”
In Jakobs Brust entspannt sich ein Muskel, den er nicht benennen kann. Er steht einfach da, das Licht fällt schräg auf den Stand, ein etwas längerer Moment als sonst.




