Zwei Kollegen suchen Eier und sich selbst
Die Luft im Grossraumbuero steht zwischen abgestandenem Kaffee vom Morgen und dem Parfum, das jemand in der Kueche zu grosszuegig verteilt hat. Vom Kopierer zieht es einen dumpfen Heissluftgeruch herueber, der sich mit dem Tickern der Tastaturen vermischt. Am Fenster hat irgendjemand einen Aufsteller mit Ostergras und farbigen Plastikeiern platziert. Die Sonne schafft es durch den Streifen der vertikalen Jalousien, die nie ganz exakt schließen, und taucht den Schreibtisch von Katharina in ein zebraartig gestreiftes Licht.
Das Firmenmailprogramm blinkt. Unter Betreffs wie „Q2-Freigaben bitte vor 13 Uhr“ steht eine Einladung: „Ostereiersuche, heute, 15 Uhr, Start Kueche. Wer am meisten findet, bekommt einen halben Tag frei.“ Ein Versuch von HR, fuer Zusammenhalt zu sorgen. Katharina lehnt sich zurueck, streicht einmal uebers Mousepad, greift zur Kaffeetasse. Der Rand ist rau – irgendjemand hat damals die falschen in die Kueche gestellt. Sie bemerkt, dass sie die Tasse seit dem Meeting heute Morgen noch nicht ein einziges Mal wirklich zum Trinken erhoben hat.
David tritt an ihrem Schreibtisch vorbei, bleibt aber nicht direkt stehen. Nur ein kurzer Blick. Dann zieht es ihn weiter an den Drucker. Ihre Blicke kreuzen sich im Zwielicht der Spaetmittagsmuede. Sie entdeckt an ihm einen Fleck auf dem Karohemd, vielleicht vom Muesliriegel aus der Kueche. Er sieht ihn nicht.
Das Klacken der Stuehle im Meetingraum holt sie aus ihrer Schau. Jemand schiebt zu nah an den Tisch, das Geraeusch fährt ihr durch die Nerven. Ueber allem das Summen des Beamers, der auch jetzt laeuft, obwohl niemand praesentiert. Katharina klickt eine Mail an David an, tippt einige Zeilen, löscht, schließt den Entwurf. Sie schiebt den Sessel ein paar Zentimeter nach hinten, zu viel Ablenkung heute.
Um Punkt drei stehen alle in der Kueche. Muffiger Duft nach Geschirrspueler, irgendwer hat aus Versehen Knoblauchbutter mitgebracht. Der Locher ist in die Mitte des Tisches gerutscht, als sei er ein Preis. Die Kollegin von HR drueckt Katharina einen Zettel in die Hand. „Teamgruesse. Du mit David, heute suchen wir gemeinsam.“ Davids Blick sucht den ihren, bleibt aber an ihrer Schulter haengen, als sei dort etwas Interessantes.
„Wenigstens kein Teambuilding im Escape Room“, murmelt er, sie erwidert nichts, laesst aber ein angedeutetes Laecheln zu. Jemand zieht einen Schrank auf, das Quietschgeraeusch sticht in die Stille. Sie bemerkt, wie David die Arme vor der Brust verschraenkt, als waere ihm die Kuechenluft unheimlich.
Die Ostereiersuche beginnt. Ein paar rennen strategisch auf die Fensterbank zu, andere durchsuchen Schreibtischcontainer. Katharina und David bleiben einen Moment zu lange in der Kueche stehen, bis sie aufbrechen.
Er sagt: „Zwei von uns, ein Budget von fünf Minuten. Wo wuerden Sie verstecken?“
Sie laeuft ein paar Schritte voran, schnuppert an der Luft. „Irgendwo, wo niemand gerne hinfasst. Hinter der Rueckwand vom Drucker vielleicht.“
Er folgt ihr, haelt aber zwoelf Zentimeter Abstand – auf den Fliesen ist das fast spuerbar. Ihr Wuermchenhaar am Ohr baumelt, als sie sich zur Seite beugt. Sie sucht, aber eigentlich schaut sie, wo David stehen bleibt.
Zwischen Aktenordnern findet sie ein pastellgelbes Kunststoffei, dreht es zweimal in der Hand, legt es wieder hin. „Hab ich schonmal gesehen…“
David linst zur Kaffeemaschine. „Da ist bestimmt eines im Wasserkasten. Die HR hat Humor.“
Sie nehmen das Spiel ernst, zumindest nach außen. Jeder Fund kommentiert mit einem fast zufaelligen Nicken. Katharina schiebt einen Stuhl zur Seite, dreht am Fuss ein Stueck Plastikwiese. Ihre Finger beruehren seinen, als er nach dem gleichen Schokohasen greift – kurz, kuhl, nicht gewollt. Sie laesst los, er nimmt das Häschen, betrachtet die Folie so ausfuehrlich, als koenne nur dieser Hase den Tag retten.
Das Meeting auf der anderen Seite der Flurwand bricht ab. Stimmen – die Tuer bleibt offen, man hört, wie jemand laut den Stuhl zurueckschiebt, wieder dieses Knarren. Katharina schaut nicht auf. Sie fixiert den tanzenden Staub im Lichtstreifen der alten Neonroehre.
„Wollen wir in den kleinen Meetingraum? Ich glaub, da hat HR was versteckt. Da geht doch sonst keiner rein.“ Davids Stimme klingt zu laut in der Geraeuschkulisse, als waere sie nach innen gesprochen, aber die Worte finden ihren Weg.
Der kleine Meetingraum riecht nach Teppichboden und altem Kaffee. Jemand hat einen einzigen lila Hasen auf den Beamer gestellt, als ironisches Denkmal. Katharina tritt nah an den Tisch. David schuettelt den Becher, der dort steht – leer, aber mit Lippenstiftabdruck.
„Viel gefunden?“, fragt sie, graebt die Nägel in das Palmenblatt des Topfes neben dem Fenster.
„Vielleicht reichts fuer einen halben Tag frei. Wo wuerdest du hin, wenn du einen Tag nix denken muesstest?“
Sie ueberlegt, fingert am Blumentopf: „Wahrscheinlich irgendwo hin, wo mich keiner kennt.“
Er nickt. „Oder dahin, wo man denkt, keiner sucht.“
Sie stehen einen Moment schweigend da. Nur draussen kopiert jemand, Papier staut sich im Auswurffach. Katharina schaut David an, waehrend sie vorgibt, das Etikett des Topfes zu lesen. Er wiegt das gelbe Plastik-Ei in der Hand. Das Licht auf seinem Gesicht ist nicht schmeichelhaft, eher ehrlich.
Sie gehen zurueck in die Kueche, bringen ihre Fundsachen. Die Auswertung beginnt: bunte Eier aufgereiht, Zwischenrufe, Stimmen schaukeln uebereinander.
Katharina faehrt ueber Davids Handgelenk, als sie beide die Fundstücke abgeben – ein Streifen Schokolade bleibt kleben. Er zieht seine Hand schneller zurueck als noetig. Sie sagt: „Willst du den Hasen behalten? Ich ess eh keinen Suesskram.“
Er laesst ihn auf ihrer Aktenmappe liegen. „Lieber morgen, im Fruehstuecksmeeting. Manchmal sucht man morgens ja noch halb und weiss nicht wonach.“
Sie lacht, zu kurz. Jemand ruft sie zum Fenster, sie geht, aber schaut noch einmal zurueck. Auf dem Weg hoert sie das Summen des Beamers wieder, auf einmal lauter als noch vorhin. Sie laesst einen Mousepadrand zwischen Daumen und Zeigefinger gleiten, bleibt einen Moment laenger am Tisch stehen als noetig, bevor sie sich setzt.
Der Hasen-Streifen funkelt auf ihrer Aktenmappe, daneben das offenliegende Handy: eine Mail an David, Entwurf, nicht abgeschickt. Als sie lehnt, sinken die Schultern einen Tick tiefer. Draussen zieht ein Windstoss am Ostergras.



