Sansa und die Therme
Der warme Nebel in der Umkleide zog dünne Schlieren vor die Spiegel. Es roch nach feuchten Handtüchern und diesen billigen, zu süßen Kloreinigern, die über allem zu schweben schienen. Sansa stellte ihre Sporttasche ab, hörte den dumpfen Klang auf den Fliesen. Niemand war zu sehen. Doch der Geruch von Mentholsalbe in der Luft stimmte nicht zu den Parfüms, die sich in den Schließfächern mischten.
Ihre Schultern sanken nicht, auch wenn sie es wollte. Sie prüfte das Fach, das ihr der Automat zuwies: 102. Der Schlüssel lag bereits verdächtig schief in der Vertiefung. Kaum merkbar. Sansa drehte ihn mit Zeigefinger und Daumen, spürte einen feinen Schmierfilm. Jemand hatte vor ihr hier aufgeschlossen. Vielleicht.
Im Bademantel quer durch die Anlage: Stimmengewirr am Beckenrand, das gelegentlich stockte, wenn die Tür zur Saunawelt aufging. Der Boden im Dampfbad war zu ordentlich. Die Handtücher akkurat gefaltet. Zu akkurat. Eine junge Frau suchte verstohlen nach ihrem Spindschlüssel. Offiziell war alles entspannt. In den Bewegungen: ein Hauch Vorsicht, eine Unsicherheit an Stellen, wo Routine zu erwarten wäre.
Nach dem Schwimmen lag Sansa auf der Massageliege. Der Raum war zu hell für Entspannung. Viktor, dunkelhaarig, kräftige Schultern, Hände mit zu kurzen Nägeln, stellte Öl bereit. Seine Hände blieben ruhig, die Finger nicht ganz gerade. Beim Gespräch wechselte sein Blick zu oft zum Handtuchhaufen am anderen Ende. “Sind Sie zum ersten Mal hier?”, fragte Viktor, massierte den Nacken. Die Pause vor der Antwort war ein Hauch zu lang. “Ja. Ich freue mich aufs Wochenende.” Sansa hörte ihre Stimme wie durch Glas. Am Rand: ein Handtuch, zerknittert, Fremdfarbe zwischen den anderen, violett statt weiß. Viktor folgte ihrem Blick, zuckerte mit der Schulter. “Wir mischen manchmal Wäsche von anderen Häusern, weil…”, er grinste, aber gerade seine Lippen spannten unter den hohen Wangenknochen unangenehm.
Zurück in der Umkleide. Zwei Frauen tuschelten am Spiegel. Eine suchte ihre Ohrringe und lachte schrill. “Hast du schon von den geklauten Sachen gehört? Die sagen an der Rezeption, man habe nichts verloren!” Ihre Freundin presste Lippen zusammen. “Vielleicht hast du sie zu Hause vergessen.” – “Bestimmt nicht!” Die Stimme zu laut.
Sansa wurde langsamer beim Anziehen. Ihr eigenes Fach war sauber, aber das Duschgel war verrückt. Nicht mehr exakt dort, wo sie es aus der Tasche genommen hatte. Sie hob die Tube hoch: leichte Spuren, die nicht passten. Im Spiegel ihr Blick: die Brauen zu tief, Schultern steif. Kein Urlaub, ihr Körper wusste es längst.
Sie fand den Hotelmanager an der Bar. Die Winterkälte draußen presste sich gegen die Glasscheiben, drinnen roch es nach süßem Sirup und Desinfektionsmittel. Der Mann mit dem Namensschild “Schober” tippte nervös auf dem Tresen, als sie sich setzte. “Sie haben aber entspannte Gäste, Herr Schober.” Ihr Ton war weich. Die Pause nach seiner Antwort zog sich, dann sagte er: “Unsere Stammgäste kommen wegen der Ruhe. Hier ist alles sicher.” Der Blick wanderte an ihr vorbei zur Tür, nicht zu ihr. Das Telefon auf der Bar blinkte, ein unbeantworteter Anruf. Sie deutete darauf. “Viel zu tun?” – Schober schob das Telefon beiseite. “Ja, die Wintersaison… alle sind nervös.” Ein Glas wurde geputzt, aber das Handtuch hatte einen Fleck am Saum, den er nicht sah.
Sansa lehnte sich zurück. Die Stimmen hinter ihr waren gedämpft. Jemand sprach über verlorene Ketten. Niemand meldete offiziell einen Diebstahl. Zu viele kleine Verluste, zu wenig Beweise.
Sie blieb am nächsten Morgen länger im Frühstücksraum, beobachtete Viktor am Kaffeeautomaten, wie er einhändig den Filter wechselte, dabei immer einmal zu lang auf die Kaffeepads starrte. Er fragte die Frühstücksdame nach Zuckertütchen, die diesmal schon auf dem Tablett standen. Seine Jacke lag quer über einem Stuhl, ärmellos, ein kleiner Schlüssel lugte aus der Innentasche. Sansa fragte sich, ob dieser Schlüssel zu einer Abstellkammer gehörte. Oder zu einem bestimmten Spind.
Im Massageraum, zwischen den Terminen, war es still. Das violette Handtuch lag immer noch da. Nachlässigkeit passte nicht zu Viktor: ausgeschütteter Ölfilm, längst am Beckenrand aufgewischt. Sie hob das Handtuch an, roch dran: der Geruch war nicht Massageöl, sondern Parfüm, schwer, blumig – nicht passend zu den Pflegeprodukten im Raum. Eine Gästin, die suchte.
In der Personalumkleide stand die Tür einen Spalt offen. Sansa blieb einen Moment, bemerkte, dass die Schließfächer dort keine Nummern trugen, anders als im Gästebereich. Geräusch von klirrendem Metall, eine Stimme, Viktor lachte auf eine Art, die nicht in seinen Hals zu gehören schien. Die Pause nach dem Lachen zu leer.
Abends, an der Bar, nippte Sansa an abgestandenem Weißwein. Die Eiswürfel klirrten, obwohl es kein Cocktail war. Herr Schober räumte Gläser ein, sah Sansa nicht an. Sie fragte, ob es Videoüberwachung in der Umkleide gäbe. “Aus Datenschutzgründen nicht im Spindbereich.” Ein kurzer, fester Blick. “Aber unsere Mitarbeiter sind geschult.”
Später sah sie Viktor an den Spinden, Nachtschicht. Er tauschte ein Handtuch aus, kontrollierte ein offenes Schließfach, schloss es hastig. Seine Bewegungen waren fast zu leise für den Raum. Am Morgen: ein Gast an der Rezeption, die Stimme belegt. “Mein Ring ist weg. Aber vielleicht hab ich ihn am Becken vergessen.” Die Rezeptionsdame schüttelte den Kopf, zu ruhig, zu schnell.
Sansas Notizen auf ihrem Block: Die Schrift schlampiger als am Anfang des Aufenthalts. Die Reihenfolge der Gesprächspartner verschwimmt. Immer wieder das violette Handtuch, Viktors Blick, die Geräusche im Personalraum, der graue Schnellhefter auf Schobers Tisch, auf dem “Inventar” steht, aber niemand blättert jemals um.
Beweisen konnte sie nichts. Noch nicht. In der Umkleide ein Schrank, halb offen, fremde Schuhe darin – eine Größe zu groß für den Spindbenutzerin von vorhin. Sansa hält kurz inne.
Ihr Spiegelbild wirkt wie eine andere. Die Haare von der Feuchtigkeit schwer, ein Muskel zuckt im Augenwinkel. Alles wirkt für eine Sekunde allzu still.
Draußen vor der Therme liegt frischer Schnee, unberührt, aber darunter: der Asphalt in Wellen, als wäre schon zu oft jemand darüber hinweggegangen.




