Der Schreiber der nie schrieb
Leon fand die Schreibmaschine nicht im Testament. Der Notar legte nur einen Schlüssel auf den Tisch. Messing. Abgegriffen. Ein braunes Etikett hing daran, mit Bindfaden befestigt. Speicher, stand darauf, in der Handschrift seines Onkels.
Der Speicher lag über der Altbau-Wohnung, eine Etage über Leons Küche. Das Treppenhaus roch nach kalter Asche und Bohnerwachs. Die Stufen hatten in der Mitte Mulden. Jemand hatte vor langer Zeit die Geländerpfosten mit kleinen Kerben gezählt. Bei der Zahl sieben hörten sie auf. Darüber blieb das Holz glatt.
Die Tür zum Speicher klemmte nicht. Sie öffnete zu leicht. Leon hatte Kraft in die Schulter gelegt. Die Tür gab nach. Er trat fast in den dunklen Raum. Ein Taubenknochen lag vor seinen Schuhen. Daneben stand die Schreibmaschine auf einem Kinderstuhl.
Sie trug keinen Markennamen. Schwarzer Lack. Matte Stellen an den Ecken. Die Leertaste glänzte wie ein alter Daumennagel. Die Taste E hing tiefer als die anderen. In der Walze steckte ein Blatt, vergilbt, leer. Das Farbband roch nach Metall und nassem Staub.
Leon nahm sie mit hinunter. Er stellte sie auf den Schreibtisch seines Onkels, den er mit der Wohnung geerbt hatte. Der Schreibtisch stand noch am Fenster. Auf der Platte blieben helle Rechtecke, wo Bücher gelegen hatten. In einer Schublade fand er Quittungen aus einem Tabakladen, der seit zwölf Jahren ein Nagelstudio war.
Er setzte sich nicht gleich. Er lief durch die Wohnung. Die Dielen knackten an denselben Stellen wie früher, wenn er als Kind zu Besuch gewesen war. In der Küche hing noch der Emaille-Topf mit der angeschlagenen Kante. Im Bad zeigte der Spiegel einen dunklen Rand, als hätte jemand das Silber von hinten abgekratzt.
Am Abend setzte Leon Papier ein. Er tat es ohne Grund. Er hatte den ganzen Tag an die Wohnung gedacht. An die Miete, die er nicht zahlen musste. An die Schulden seines Onkels, die doch irgendwo warten konnten. An seine eigene Wohnung, kleiner, sauberer, ohne Geschichte. Er tippte den ersten Satz, der ihm einfiel.
Morgen verliert der Ahorn im Hof seinen letzten roten Ast.
Die Tasten schlugen hart. Tak, tak, dann ein trockenes Klicken. Das E blieb hängen. Er drückte es mit dem Fingernagel zurück. Das Farbband roch stärker. Der Satz stand schief auf dem Papier. Leon lachte nicht. Er zog das Blatt heraus und legte es in die Schublade.
Am nächsten Morgen lag der Ast im Hof.
Leon sah ihn vom Fenster aus. Der Ahorn stand zwischen den Mülltonnen und dem Fahrradständer. Er hatte noch drei rote Äste gehabt. Nun fehlte einer. Der Ast lag quer über den Pflastersteinen. Die Bruchstelle am Baum war trocken. Kein Saft trat aus. Frau Brehm aus dem zweiten Stock stand im Morgenmantel daneben und hielt eine Gartenschere, die zu klein für den Ast war.
Es hatte keinen Wind gegeben. Die Regenrinne tropfte langsam. Ein Lieferwagen hielt vor dem Haus. Der Fahrer fluchte über die Einfahrt. Leon blieb am Fenster. Er hob nicht die Hand. Er ging nicht hinunter. Er dachte an die Tasten. Tak, tak. Das E, das nicht hochkam. Den Geruch von altem Farbband.
Er zog die Schublade auf. Das Blatt lag dort. Der Satz war derselbe. Nur das E in verliert stand dunkler als am Abend. Das Papier hatte an dieser Stelle eine kleine Delle. Leon legte zwei Finger darauf. Er nahm sie wieder weg. Der Abdruck blieb.
Am Nachmittag trug er die Maschine zum Antiquitätenladen in der Schillerstraße. Der Laden hatte früher einem Uhrmacher gehört. Das erkannte man an der runden Spur über der Tür, wo die alte Uhr gehangen hatte. Im Schaufenster standen Silberlöffel, ein ausgestopfter Marder, drei Totenmasken aus Gips. Zwischen ihnen trockneten Herbstblätter in einer Glasschale.
Rosa saß hinter dem Tresen. Sie war klein. Ihre Haare lagen eng am Kopf. An ihrer rechten Hand fehlte der Nagel des Zeigefingers. Sie trug Ringe an den anderen Fingern, zu viele, zu schwere. Keiner passte zu einem anderen.
Sie sah die Schreibmaschine. Sie sah Leon danach an.
„Sie kennen sie“, sagte er.
Rosa strich mit dem knöchellosen Teil ihres Zeigefingers über die Leertaste. „Warum bringen Sie sie hierher?“
„Mein Onkel hat sie besessen.“
„Er hat viele Dinge besessen.“
„Sie haben sie ihm verkauft.“
Rosa lächelte. Es war ein glattes Lächeln. Es blieb nirgends hängen. „Hat er das gesagt?“
Leon schwieg.
Sie hob die Maschine ein Stück an. Sie kannte ihr Gewicht. Das sah er. Sie stellte sie wieder ab, ohne die Füße auf dem Holz kratzen zu lassen. „Das Farbband ist alt“, sagte sie. „Sie sollten nicht zu viel damit schreiben.“
„Warum?“
„Was wollen Sie denn schreiben?“
Ihre Gegenfrage lag auf dem Tresen wie eine Münze. Leon nahm sie nicht.
Er erzählte nichts vom Ast. Rosa fragte nicht danach. Sie suchte in einer Schachtel nach einem Farbband, fand keines, das passte, und sagte, manche Maschinen nähmen nur, was schon in ihnen sei. Draußen fiel ein Blatt gegen die Scheibe. Es blieb daran kleben, obwohl das Glas trocken war.
Leon trug die Maschine zurück. Der Henkel schnitt in seine Finger. In der Wohnung setzte er sie wieder auf den Schreibtisch. Er wusch sich die Hände. Schwarze Farbe blieb unter zwei Nägeln. Er schrubbte, bis die Haut rot wurde. Die Farbe blieb.
Er wartete bis Mitternacht. Das Haus legte seine Geräusche ab. Die Rohre hörten auf zu schlagen. Über ihm ging niemand. Unter ihm hustete Frau Brehm zweimal. Dann nahm Leon ein neues Blatt.
Er wollte einen Satz schreiben, der nichts bedeutete. Er wollte ein Messer ohne Klinge. Seine Hände blieben über den Tasten. Die Finger zögerten. Er schrieb langsam.
Im Stadtpark findet morgen ein Hund einen Handschuh mit drei Knöpfen.
Tak. Tak. Das trockene Klicken. Das E klemmte in findet, als habe die Maschine das Wort festgehalten. Leon atmete durch den Mund. Das Farbband roch nach Metall und nassem Staub. Unter dem Geruch lag etwas Bitteres, kaum da.
Am nächsten Tag ging er in den Stadtpark.
Der Park lag zwischen alten Mietshäusern und dem Krankenhaus, das früher eine Kaserne gewesen war. Am Eingang standen zwei Sandsteinlöwen ohne Gesichter. Kinder hatten Kastanien in ihre Mäuler gelegt. Auf einer Bank klebte ein Messingschild für einen Mann, der dort jeden Sonntag gelesen hatte. Die Schrauben fehlten. Das Schild hielt trotzdem.
Leon ging den Kiesweg entlang. Er sagte sich nicht, dass er suchte. Er tat es. Die Linden rochen feucht. Krähen saßen auf dem alten Musikpavillon. Sein Dach trug noch Einschusslöcher. Niemand hatte sie geflickt. Man hatte nur neue Farbe darüber gestrichen.
Beim Ententeich zog ein Hund an der Leine. Ein grauer Mischling. Er steckte die Schnauze in einen Haufen gelber Blätter und kam mit einem Handschuh heraus. Leder. Dunkelgrün. Drei Knöpfe am Schaft. Zwei geschlossen. Einer hing an einem Faden.
Die Frau an der Leine lachte. „Was hast du denn da?“
Leon blieb stehen. Seine rechte Hand zog sich zur Faust zusammen. Er öffnete sie nicht gleich. Als er es tat, sah er eine schwarze Linie unter der Haut seines Zeigefingers. Sie lief vom Nagel bis zum ersten Gelenk. Wie ein Buchstabe ohne Alphabet.
Er ging nach Hause. Er legte den Handschuh nicht an sich. Er sprach nicht mit der Frau. Er kaufte kein Brot, obwohl er es vorgehabt hatte. In der Wohnung setzte er sich vor die Maschine und rührte sie nicht an.
Am Abend klopfte Frau Brehm. Sie hielt einen Brief in der Hand. Der Hausverwalter wollte die Altbau-Wohnung sanieren. Erst ihre. Dann die von Leon. Die neuen Eigentümer nannten es Rückbau. Im Keller standen noch Kohleschütten mit Nummern aus Emaille. Im Hof gab es einen Brunnen, den jemand zubetoniert hatte. Rückbau bedeutete, dass man Dinge fand, die man nicht bezahlen wollte.
„Ihr Onkel hat immer mit denen gestritten“, sagte Frau Brehm. „Er hat Briefe geschrieben. Sehr gute Briefe.“
Leon nahm den Brief. Er las ihn zweimal. Die Frist lief am nächsten Tag ab. Frau Brehm sah auf den Schreibtisch hinter ihm. Die Schreibmaschine stand dort. Die Taste E hing tiefer als die anderen.
„Sie sind doch jetzt der Eigentümer von seiner Wohnung“, sagte sie. „Vielleicht können Sie etwas tun.“
Leon sagte ja. Er sagte es zu schnell.
Nachdem sie gegangen war, setzte er Papier ein. Er wusste, was er wollte. Er wollte, dass der Verwalter zurücknahm, was im Brief stand. Er wollte bleiben. Er wollte nicht die Frau unter ihm retten müssen. Er wollte nicht der Mensch sein, der einen Satz in eine Maschine schlug und danach auf ein Unglück wartete. Seine Finger lagen kalt auf den Tasten.
Er schrieb: Der Verwalter zieht die Kündigung morgen zurück.
Die Tasten klangen stumpf. Kein trockenes Klicken. Das E sprang sofort hoch. Das Farbband roch nach nichts. Der Satz stand sauber auf dem Blatt. Zu sauber. Leon blieb sitzen, bis der Hof dunkel wurde. In seinem Zeigefinger pochte die schwarze Linie. Sie wanderte nicht weiter.
Am nächsten Tag kam kein Anruf. Kein Brief. Frau Brehm klopfte nicht. Der Ahorn stand im Hof und hielt seine übrigen roten Äste. Leon ging zum Briefkasten. Nur Werbung lag darin. Eine Karte vom Bestatter, adressiert an seinen Onkel, drei Wochen zu spät.
Er nahm die Maschine wieder zu Rosa.
Der Antiquitätenladen war voll. Ein Mann kaufte eine Taschenuhr ohne Zeiger. Eine Studentin betrachtete einen Spiegel mit blindem Glas. Rosa kassierte, verpackte, nickte. Als die Kunden gingen, schloss sie die Tür ab. Das Schild blieb auf Offen stehen.
„Sie funktioniert nicht, wenn man sie braucht“, sagte Leon.
Rosa nahm die Maschine nicht entgegen. „Was heißt braucht?“
„Sie wissen es.“
„Wissen schützt selten.“
„Warum haben Sie sie meinem Onkel verkauft?“
Rosa drehte einen Ring. Darunter blieb ein heller Streifen Haut. „Er wollte sie. Das genügt den meisten Händlern.“
„Und Ihnen?“
Sie sah auf ihren nagellosen Finger. „Mir genügte, dass er nicht sagte, wofür.“
Leon stellte die Maschine auf den Tresen. „Nehmen Sie sie zurück.“
„Wollen Sie das?“
Er antwortete nicht. Seine Kehle arbeitete. Draußen lief ein Kind durch Blätter. Der Laden roch nach altem Holz. In einer Vitrine lag ein Kompass. Seine Nadel zeigte nicht nach Norden, sondern auf die Schreibmaschine.
Rosa öffnete die Kasse. Sie legte Geldscheine auf den Tresen. Zu viele. „Für Antiquitäten zahlt man nach Zustand. Für Werkzeuge nach Nutzen.“
Leon nahm das Geld nicht. Er dachte an Frau Brehm. An den Verwalter. An den Ast. An den Hund. An den Satz, der sauber und tot auf dem Papier gestanden hatte. Dann dachte er einen Satz, den er nicht schreiben wollte. Er schob ihn weg. Er blieb.
Rosa sah es. „Man muss nicht alles aussprechen.“
„Aber schreiben?“
Sie stellte keine Antwort daneben. Nur eine neue Frage. „Haben Sie schon bezahlt?“
Leon verstand nicht. Dann sah er auf seine Hand. Der Zeigefinger krümmte sich nicht mehr ganz. Die schwarze Linie lag fester unter der Haut. Wie Tinte in Fleisch. Er steckte die Hand in die Manteltasche.
In dieser Nacht schrieb er nicht den Satz über den Verwalter. Er schrieb nicht, dass Frau Brehm bleiben durfte. Er schrieb nicht, dass die Eigentümer ihr Geld verloren. Er saß lange vor der Maschine. Der Herbst legte nasse Blätter an das Fenster. Die Wohnung knackte in ihren alten Nähten.
Gegen zwei Uhr zog er ein Blatt ein. Seine linke Hand führte die rechte. Das E hing tief. Das Farbband roch wieder nach Metall und nassem Staub. Der bittere Geruch war deutlicher. Er schrieb:
Morgen vergisst jemand den Schlüssel zum Haus.
Er wollte, dass es der Verwalter war. Er wollte es zu sehr. Also schrieb er jemand. Die Tasten schlugen hart. Tak, tak, trockenes Klicken. Beim letzten Buchstaben riss die Haut an seinem rechten Zeigefinger auf. Kein Blut kam. Nur schwarze Farbe.
Am nächsten Morgen stand Frau Brehm im Treppenhaus. Sie trug ihren Mantel über dem Nachthemd. Ihre Tür war ins Schloss gefallen. Der Schlüssel lag innen. Sie lachte einmal, klein und schief. Dann begann sie zu weinen. In ihrer Wohnung klingelte das Telefon.
Leon hörte es durch die Tür. Ein alter Apparat. Drei kurze Töne. Pause. Drei kurze Töne. Frau Brehm klopfte an ihr eigenes Holz, als könne sie sich selbst hereinlassen.
Der Verwalter kam eine Stunde später. Er hatte einen Ersatzschlüssel. Er öffnete die Tür. Er sah den laufenden Herd. Ein Topf stand darauf, schwarz am Boden. Die Küche roch nach verbranntem Emaille. Frau Brehm setzte sich auf die Treppe. Der Verwalter fluchte. Dann telefonierte er lange. Am Ende sagte er, die Sanierung müsse warten. Gefahr im Bestand. Prüfpflicht. Versicherung.
Leon stand oben am Geländer. Er fühlte seinen rechten Zeigefinger nicht mehr. Frau Brehm dankte ihm nicht. Sie wusste nichts. Der Verwalter sah ihn nicht an. Er war kein böser Mann. Er war müde. Er hatte Ruß an der Manschette.
Am Abend lag ein Brief unter Leons Tür. Kein Absender. Darin steckte das Blatt mit dem Satz vom Schlüssel. Er hatte es nicht aus der Maschine genommen. Das E in jemand war dunkel. Neben dem Wort stand ein zweiter Abdruck, schwach, als hätte eine andere Taste gezögert.
Leon ging zum Schreibtisch. Die Schreibmaschine stand still. Die Taste E war zum ersten Mal auf gleicher Höhe mit den anderen. In der Walze steckte ein neues Blatt.
Darauf stand nur ein Wort.
Weiter.
Leon legte seine rechte Hand auf die Tasten. Der Zeigefinger blieb gerade. Im Hof fiel kein Ast. Hinter der Wand klingelte Frau Brehms Telefon wieder. Drei kurze Töne. Pause. Drei kurze Töne. Das Farbband roch frisch.




