Letzte Haltestelle Frühling
In der ersten Woche stand ich jeden Morgen an der Haltestelle Frühlingsgasse und tat so, als läse ich die Fahrpläne.
Die Fahrpläne hatten sich seit Monaten nicht geändert. Linie 7 kam um 7:42, quietschte in der Kurve vor dem Blumenladen und hielt mit einem Ruck, der den gelben Papierkorb am Mast zum Zittern brachte. Ich wusste das. Ich wusste auch, dass der alte Mann mit dem grauen Hut zuerst einstieg, dass die Schülerin mit dem Cello immer fluchte, wenn die Tür zu früh piepte, und dass die Frau mit dem grünen Buch nie zur Uhr sah.
Sie stand meistens zwei Schritte vom Schild entfernt, unter dem Ast der jungen Linde. Im April trug der Baum noch kleine, zusammengefaltete Blätter, als hätte er sich nicht entschieden. Sie hielt das Buch mit beiden Händen, den linken Daumen auf der Seite, den rechten am Rand, bereit zum Umblättern. Der Einband war grün und an der unteren Ecke heller gerieben. Auf dem Rücken stand in weißen Buchstaben: Die Wand.
Ich brauchte drei Tage, um den Titel ganz zu lesen. Am Montag sah ich nur Die, weil ein Lieferwagen zwischen uns hielt. Am Dienstag verdeckte ihr Schal den Rest. Am Mittwoch kam Wind durch die Gasse, schlug ihr eine Strähne vor die Wange, und sie klemmte sie hinter das Ohr, ohne den Blick von der Seite zu lösen. Da stand es. Die Wand. Ich sah weg, als hätte mich jemand ertappt.
In der Straßenbahn saß sie, wenn der Platz frei war, auf der linken Seite am Fenster, vier Reihen vor der hinteren Tür. Ich stand oft in der Mitte und hielt mich an der Stange fest. Die Bahn roch nach nassen Jacken, Metall und dem ersten Kaffee, den jemand in einem Pappbecher mitbrachte. An der Ecke ihrer Seite steckte ein alter Fahrschein als Lesezeichen. Er war hellblau, aus einer Zeit, in der die Automaten noch andere Farben druckten.
Am Donnerstag lachte sie einmal. Nicht laut. Nur ein kurzer Ausbruch durch die Nase, der sofort wieder im Buch verschwand. Ich suchte die Seite, als könnte ich später in einer Buchhandlung genau diese Stelle finden. Seite 83, vielleicht 84. Ihr Daumen lag auf der Zahl.
Ich stieg an der Haltestelle Amtsgericht aus. Sie blieb sitzen.
In der zweiten Woche kannte ich ihre Haltestelle.
Das klingt schlimmer, als es war. Ich wollte nicht hinter ihr her. Ich wollte nur wissen, wie lange das Buch noch in meinem Morgen vorkam.
Am Montag verpasste ich meinen Ausstieg, weil ein Junge seinen Rucksack gegen meine Knie stieß und ich einen Schritt zurücktrat. Die Tür am Amtsgericht schloss sich vor meiner Schulter. Ich sagte nichts. Die Bahn fuhr an, der Junge murmelte eine Entschuldigung in seinen Kragen, und vier Reihen vor mir blätterte sie um.
Eine Haltestelle später sah sie aus dem Fenster. Draußen zog das kleine Café an der Ecke vorbei, die Markise gestreift, zwei Stühle schon auf dem Gehweg, obwohl es für Stühle noch zu kühl war. Auf dem Glas stand mit weißer Farbe: Café Lenz. Sie klappte das Buch nicht zu. Sie legte nur den Fahrschein zwischen die Seiten, drückte den Einband mit der flachen Hand, als müsste sie etwas darin halten, und stand auf.
Beim Aufstehen geriet die silberne Kette an ihrem Handgelenk gegen die Haltestange. Ein kleines Geräusch. Kein Klingeln, eher ein helles Ticken. An der Kette hing ein schmaler Ring, zu groß für einen Finger, vielleicht zu klein für eine Geschichte, die man einem Fremden erzählte.
Sie stieg an der Markthalle aus.
Ich stieg auch aus, weil ich musste. Nicht dort, wo ich hinwollte, aber irgendwo musste ein Mensch aussteigen, wenn er zu lange an einer Stange stand und den Namen einer Haltestelle im Kopf behielt. Ich ging die Strecke zum Büro zurück. Zwölf Minuten. An diesem Morgen bemerkte ich, dass vor dem Café Lenz ein Topf mit Narzissen stand, deren Köpfe nach der Straße zeigten, als warteten sie auf jemanden.
Am Dienstag stieg ich wieder am Amtsgericht aus. Ich zählte die Schritte bis zur Tür. Drei. Zwei. Einer. Ich sah nicht zurück.
Am Mittwoch sah ich doch zurück. Sie fuhr weiter, den Kopf gesenkt. Auf dem grünen Einband lag ein heller Streifen Sonne, der zwischen zwei Häusern in die Bahn fiel und gleich wieder weg war.
Am Donnerstag hatte sie keine Handschuhe an. Ihre Finger waren rot an den Knöcheln. Sie rieb den rechten Daumen über den Buchrücken, immer an derselben Stelle, als prüfe sie, ob der Titel noch da war.
Am Freitag stieg ein Mann mit einem Blumenstrauß ein. Tulpen, gelb und eng gebunden. Er blieb neben ihr stehen und hielt die Blumen so tief, dass eine Blüte gegen ihr Buch stieß. Sie hob den Blick. Der Mann merkte es nicht. Ich machte einen Schritt, dann noch einen, als wollte ich nur Platz schaffen.
„Ihre Tulpen lesen mit“, sagte ich.
Der Mann sah mich an. Dann sah er die Blüte auf dem grünen Einband und hob den Strauß. „Oh. Entschuldigung.“
Sie sagte nichts. Ihr Mund blieb ernst, aber auf Seite 112 oder 113 zitterte der Rand kurz, weil ihre Hand nachgab.
Ich stieg am Amtsgericht aus und lief gegen einen Papierkorb.
In der dritten Woche fuhr ich eine Haltestelle weiter.
Nicht jeden Tag. Am Montag sagte ich mir, das Büro brauche mich pünktlich. Um 7:51 stand ich trotzdem noch in der Bahn, während das Amtsgericht hinter mir kleiner wurde. Ich hielt mein Handy in der Hand, ohne es zu entsperren. Meine Jackentasche vibrierte nicht. Niemand rief an. Kein Notfall verlangte, dass ich neben der Frau mit dem grünen Buch blieb.
An der Markthalle stand sie auf. Ich blieb sitzen.
Das war neu. Mein Körper hatte sich schon nach vorn gelehnt. Meine Knie wussten von der Entscheidung, bevor ich sie zurücknahm. Sie ging zur Tür. Der Ring an ihrer Kette tickte gegen die Stange. Die Tür piepte. Sie stieg aus.
Durch das Fenster sah ich, wie sie vor dem Café Lenz stehen blieb. Sie sah in die Scheibe, nicht hinein, eher auf das, was die Scheibe zurückgab. Dann zog sie den Schal enger und ging weiter.
Am Dienstag fuhr ich wieder weiter, und am Mittwoch auch. Ich kannte nun den Riss im Boden der Straßenbahn vor dem Sitz neben der Heizung. Ich kannte den Ton, den die Schienen machten, kurz bevor die Bahn die Markthalle erreichte. Ich kannte nicht ihre Stimme.
Am Donnerstag regnete es fein. Nicht genug für Schirme, genug für dunkle Punkte auf Mantelärmeln. Sie kam später als sonst zur Haltestelle. Die Linie 7 bog schon ein. Sie hielt das Buch unter der Jacke, als trüge sie Brot.
In der Bahn blieb nur ein Platz frei. Neben mir.
Sie setzte sich. Zwischen uns lag mein zusammengefalteter Schirm, schwarz, mit einem verbogenen Draht am Griff. Ich nahm ihn zu schnell weg und stieß mit dem Ellbogen gegen die Scheibe.
Sie sah auf meinen Ellbogen. Dann auf den Schirm. Dann auf das Buch in ihrem Schoß.
„Sie lesen das Buch schon sehr lange“, sagte ich.
Der Satz fiel flach zwischen uns. Falsch, banal, fast unhöflich. Ich hätte ihn zurück in den Mund nehmen mögen.
Sie legte den Finger auf die Seite, damit sie die Stelle nicht verlor. „Sie sehen sehr lange auf den Umschlag.“
Die Bahn fuhr an. Der alte Mann mit dem grauen Hut hustete zweimal. Vorne bezahlte jemand mit Münzen, obwohl die Automaten seit Jahren Karten nahmen.
Ich nickte, als hätte sie nach der Uhrzeit gefragt. „Der Titel steht günstig.“
„Für wen?“
Ich öffnete den Mund. In der Scheibe sah ich mein Gesicht, blasser als am Morgen, und hinter mir die Frühlingsgasse, die schon weg war. „Für Leute, die Fahrpläne nicht auswendig lernen wollen.“
Sie sah wieder ins Buch. Ihr Daumen strich über den hellblauen Fahrschein. „Dann lesen Sie langsamer als ich.“
Das war das erste Gespräch. Es dauerte vier Haltestellen und enthielt weniger als dreißig Wörter. Als ich am Amtsgericht nicht ausstieg, bemerkte sie es. Sie sagte nichts. Nur ihr Blick ging zur Tür, dann zu meinen Schuhen, die auf dem Gummiboden standen, als hätten sie sich verirrt.
„Bessere Bäckerei an der Markthalle“, sagte ich.
„Natürlich.“
Das Wort lag ruhig da. Es nahm mir nichts ab.
Am Freitag hatte die Linie 7 Verspätung. Sie stand an der Haltestelle Frühlingsgasse ohne Buch in den Händen. Das grüne Buch steckte in ihrer Tasche; nur die obere Ecke sah heraus. Sie trug einen Becher Kaffee, und aus dem Deckel stieg kein Dampf mehr.
„Heute liest der Umschlag allein“, sagte sie, als ich neben sie trat.
„Vielleicht braucht er Pause.“
„Vielleicht hat er genug davon, angesehen zu werden.“
Ein Bus fuhr vorbei und drückte Luft gegen uns. Sie hielt den Becher mit beiden Händen fest. Auf dem Kunststoffdeckel klebte ein Tropfen Kaffee und bewegte sich nicht.
„Clara“, sagte sie.
Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass sie keinen Satz begonnen hatte. „Jonas.“
Sie wiederholte meinen Namen nicht. Sie schob ihn nur mit einem kleinen Nicken irgendwohin, wo er bleiben durfte.
Die Bahn kam zehn Minuten später. Voll. Wir standen diesmal an der hinteren Tür, Schulter an Schulter, ohne uns zu berühren. Jemand hatte eine Zeitung auf dem Boden liegen lassen. Der Regen hatte die Buchstaben am Rand weich gemacht.
„Sie steigen gar nicht am Amtsgericht aus“, sagte sie.
„Manchmal doch.“
„Wenn es regnet?“
„Wenn ich vernünftig bin.“
Sie sah nach vorn, wo sich im Gang Jacken und Taschen aneinander drängten. „Und heute?“
Ich zog den Bauch ein, weil jemand vorbei wollte, und mein Ärmel streifte ihren. Nur Stoff. Trotzdem blieb der Platz zwischen uns danach anders.
„Heute ist die Bäckerei wichtig“, sagte ich.
Sie blickte auf ihre Tasche. Der grüne Einband ragte heraus. „Ich dachte, das Café.“
Da war der zweite Satz, der nicht meinte, was er sagte. Draußen flogen die Haltestellen vorbei. In der Bahn zählte niemand die Sekunden. Nur ich, vielleicht. Nur sie, vielleicht auch.
An der Markthalle stieg sie aus. Ich folgte ihr auf den Gehweg. Der Regen hatte aufgehört, aber die Pflastersteine hielten kleine helle Ränder um jeden Schuhabdruck. Vor dem Café Lenz standen die zwei Stühle noch immer draußen. Auf einem lag eine dünne Schicht Wasser.
Sie blieb vor der Tür stehen. „Ich hole hier morgens Kaffee.“
„Ich weiß.“
Das Wort kam zu schnell. Es traf die Scheibe, die Tür, den Topf mit den Narzissen. Clara drehte den Becher in ihrer Hand. Der Ring an der Kette lag still auf ihrem Puls.
„Natürlich“, sagte sie wieder, aber diesmal war es schmaler.
Ich sah auf den Boden. Zwischen zwei Steinen steckte ein Lindenblatt, klein und neu, vom Regen festgedrückt. „Ich weiß es, weil ich einmal zu weit gefahren bin. Dann noch einmal. Dann habe ich aufgehört, mir Gründe auszudenken.“
Sie antwortete nicht.
Die Stille füllte den Platz vor dem Café. Hinter der Scheibe stellte jemand Tassen aufeinander. Porzellan klang hell, dreimal. Eine Straßenbahn bog oben in die Gasse, noch ohne uns. Clara hielt den kalten Kaffee vor sich, und ich sah, wie ihr Zeigefinger den Rand des Deckels suchte, fand, wieder losließ.
„Das ist nicht besonders klug“, sagte sie.
„Nein.“
„Und wenn ich jeden Morgen nur in Ruhe lesen wollte?“
„Dann war ich drei Wochen lang der Mann, der zu lange auf ein Buch gestarrt hat.“
Sie sah mich an. Nicht lange. Lang genug, dass ich den Atem nicht nachholen konnte, ohne es hörbar zu machen.
Dann zog sie das grüne Buch aus der Tasche und hielt es mir hin. „Seite 83.“
Ich nahm es nicht sofort. Ihr Finger blieb auf dem Einband, meiner schwebte über der geriebenen Ecke. Eine Sekunde lang hielten wir beide dasselbe Buch nicht fest.
„Was ist auf Seite 83?“
„Nichts für die Straßenbahn.“
Sie öffnete die Tür zum Café.
Drinnen roch es nach gemahlenem Kaffee und nasser Wolle. Wir setzten uns an den kleinen Tisch neben der Scheibe. Clara legte das Buch zwischen uns, den hellblauen Fahrschein darin wie eine schmale Zunge. Sie bestellte einen Kaffee. Ich bestellte dasselbe, obwohl ich schon zwei getrunken hatte.
„Sie lesen wirklich langsam“, sagte ich.
„Ich lese morgens. Vier Haltestellen.“
„Fünf, wenn jemand vernünftig ist.“
Sie nahm den Löffel aus der Untertasse und legte ihn gerade neben die Tasse. „Oder unvernünftig.“
Wir saßen dort zwölf Minuten. Vielleicht fünfzehn. Sie erzählte nicht, wem der Ring gehört hatte. Ich fragte nicht. Einmal berührte sie ihn mit dem Daumen, als draußen die Linie 7 vorbeifuhr. Ich erzählte nicht, dass ich die Fahrpläne wirklich auswendig kannte. Sie wusste es schon.
Als sie aufstand, blieb der Stuhl einen Augenblick an den Fliesen hängen. Dieses kleine Kratzen machte den Raum größer. Sie schob das Buch in die Tasche und ließ den Fahrschein herausstehen.
„Morgen?“, fragte ich.
Sie band den Schal, aber der Knoten wurde beim ersten Versuch schief. Sie löste ihn wieder. „Linie 7 fährt jeden Morgen.“
„Das habe ich gehört.“
„Sie sollten am Amtsgericht aussteigen.“
„Sollte ich?“
Sie sah zur Tür, dann auf meine Tasse, in der noch Kaffee stand. „Manchmal.“
Draußen hielt die Straßenbahn an der Markthalle. Sie ging hinaus, bevor die Tür wieder schloss. Ich zahlte zu viel, nahm das Wechselgeld nicht mit und trat hinter ihr auf den Gehweg.
Sie stieg ein. Ich auch.
Die Bahn fuhr an. Am Amtsgericht öffneten sich die Türen. Ich blieb stehen. Clara sah nicht zu mir. Ihr Buch lag geschlossen in ihren Händen.
Eine Haltestelle später, an der Frühlingsgasse, stand sie auf.
Zu früh. Für sie. Für mich auch.
Der Ring an ihrem Handgelenk tickte gegen die Stange. Sie trat auf den Gehweg hinaus. Ich folgte ihr, ohne nach dem Fahrplan zu sehen.
Hinter uns schloss die Linie 7 die Türen. Im Café Lenz stellte jemand zwei Stühle nach draußen, und auf dem nassen Sitz blieb der Abdruck einer Hand.




