Nastasia und die verschwundenen Zwei
Nastasia kam um sechs Uhr achtunddreißig ins Lebenshilfe-Wohnhaus, sieben Minuten früher als im Dienstplan stand. Sie mochte diese sieben Minuten. Der Flur gehörte dann noch ihr. Kein Radio aus der Küche, kein Rollator, der gegen die Fußleiste stieß, kein Streit um den ersten Kaffee. Nur die Schuhreihe unter der Garderobe und die magnetische Tafel mit den Namen, Farben, Medikamentenzeiten.
Sie hängte ihre Jacke auf den dritten Haken von links. Im Herbst roch die Wolle immer nach nassem Laub, auch wenn sie den ganzen Weg mit der Straßenbahn gekommen war. Nastasia zog den Schlüsselbund aus der Tasche und richtete nebenbei ein schiefes Bild an der Wand. Sie hasste Unordnung. Sie hasste sie so gründlich, dass sie bei jedem offenen Schrank stehen blieb. Aber wenn etwas im Haus kippte, wenn ein Bewohner nicht schlief, wenn ein Plan riss, dann wachte in ihr ein Teil auf, den sie vor niemandem zugab.
In der Küche brannte Licht. Marco stand am Spülbecken und spülte eine Tasse aus, obwohl die Maschine leer war. Seine Haare klebten flach am Kopf. Nachtdiensthaar, sagte Nastasia sonst. Heute sagte sie nichts.
„Alles ruhig?“ fragte sie.
Marco stellte die Tasse in den Schrank. „Alles ruhig. Bruno war gegen fünf kurz draußen auf dem Flur, aber ich hab ihn zurückgebracht.“
Die Antwort kam so glatt, dass kein Rand daran hängen blieb.
Nastasia nickte. Sie nahm die Medikamentenbox aus dem abgeschlossenen Schrank, zählte die Fächer, verglich die Liste. Ordnung zuerst. Dann Menschen. Das hatte ihr die Ausbildung beigebracht, obwohl sie später gelernt hatte, dass die Reihenfolge nur auf Papier funktionierte. Sie legte Hildes Tabletten in den kleinen blauen Becher, Brunos in den roten. Bruno mochte Rot. Er trug jeden Tag eine rote Mütze, selbst im Juli, selbst im Haus, wenn niemand es merkte.
Um sechs Uhr fünfundfünfzig ging Nastasia den Flur entlang. Die Tür zu Hildes Zimmer stand zwei Finger offen. Hilde ließ Türen nie offen. Sie schloss sie nicht nur, sie drückte danach noch einmal mit beiden Händen dagegen, als könnte der Tag sonst hineinlaufen.
Nastasia blieb stehen. Ihr Handy lag in der rechten Hand, obwohl sie es nicht bewusst genommen hatte. Die Kanten pressten sich in ihre Finger.
„Hilde?“
Das Bett war leer. Die Decke lag halb auf dem Boden, eine Pantoffelspitze zeigte unter dem Stuhl hervor. Auf dem Fensterbrett standen drei Kastanien in einer Reihe. Hilde sammelte sie seit Tagen und sagte bei jeder: „Für später.“ Später bedeutete bei ihr alles, was sie nicht halten konnte.
Nastasia ging nicht schneller. Sie drehte sich nur um und öffnete Brunos Tür.
Sein Bett war zu ordentlich.
Bruno schlief wie ein Sturm in Stoff. Jeden Morgen fand Nastasia das Laken zusammengedreht, die Decke am Fußende, manchmal die Mütze unter dem Kissen, manchmal in der Waschschüssel. Jetzt lag die Decke glatt bis zur Kante. Auf dem Kopfkissen fehlte die Delle. Die rote Mütze hing nicht am Bettpfosten.
Marco kam hinter ihr in den Flur. „Vielleicht sind sie im Bad.“
Er sagte es sofort. Zu sofort.
„Welches Bad?“ fragte Nastasia.
Marco sah zur Badezimmertür, dann zu den beiden geschlossenen Türen am Ende. „Na, eins von denen.“
Nastasia öffnete beide. Fliesen. Handtücher. Kein Bruno. Keine Hilde. Im Abfluss lag ein dunkles Haar, das sie gestern Abend schon gesehen hatte. Jemand hatte es nicht weggemacht.
Sie ging zur Seitentür neben dem Waschraum. Der Riegel stand waagrecht. Offen. Darüber klebte ein gelber Zettel vom Hausmeister: Sensor meldet unregelmäßig. Termin folgt. Der Zettel hatte eine umgeknickte Ecke. Nastasia hatte ihn vor elf Tagen fotografiert und an die Leitung geschickt.
Sie hörte Marco atmen. Er holte Luft, als wollte er etwas sagen und fand keinen Satz, der klein genug war.
Nastasia wählte die Polizei. Während es klingelte, sah sie auf den Hof. Nasse Blätter klebten am Pflaster. Die Gartentür im Maschendrahtzaun lehnte an, nicht offen genug für einen Lieferwagen, offen genug für Bruno und Hilde.
Um sieben Uhr zweiundzwanzig saß Nastasia nicht, obwohl die Beamtin am Telefon es ihr gesagt hatte. Sie stand am Tisch im Gemeinschaftsraum, das Handy zwischen Schulter und Ohr, beide Hände auf dem Dienstplan. Ihre Finger hatten helle Ränder.
„Bruno ist achtunddreißig, nonverbal, Autismus-Spektrum, versteht viel, antwortet nicht mit Worten. Er trägt fast immer eine rote Strickmütze. Hilde ist zweiundsiebzig, orientierungsschwach, geht bei Überforderung Richtung Wasser. Nicht Richtung Licht, nicht Richtung Lärm. Wasser.“
Die Beamtin sagte: „Wir nehmen das sehr ernst.“
Nastasia hörte Tastaturklicken. Gleichmäßig. Nicht schneller.
„Sie dürfen Bruno nicht von hinten anfassen. Nicht festhalten. Er bleibt eher stehen, wenn man ihm die Handfläche zeigt und zwei Schritte Abstand lässt. Hilde folgt Stimmen, die ihren Namen weich sagen. Wenn man ruft, läuft sie weiter.“
„Ich notiere das alles“, sagte die Beamtin.
Der Satz lag sauber auf der Leitung. Nastasia drückte das Handy fester gegen ihr Ohr.
Marco suchte im Haus. Er öffnete Schränke, obwohl niemand in einem Schrank fehlte. Er rief Brunos Namen über den Hof, zu laut, zu breit. Nastasia nahm ihm den Schlüsselbund ab und sagte: „Du bleibst hier. Falls sie zurückkommen.“
„Ich kann mit raus.“
„Nein.“
Er nickte, als hätte sie ihm eine Aufgabe gegeben, die er ohnehin gewollt hatte. „Klar. Ich halte die Stellung.“ Wieder diese glatte Stelle in der Stimme.
Nastasia zog die Regenjacke an. In der linken Tasche steckte Brunos Ersatzkarte mit den Piktogrammen: Toilette, Essen, Pause, Zuhause. In der rechten Tasche Hildes Foto, vom Sommerfest, mit Pappkrone und Sahne am Kinn. Sie lief nicht. Bruno reagierte auf hektische Körper. Also ging sie schnell, mit geraden Schultern, bis sie außer Sicht des Hauses war. Dann rannte sie bis zur Haltestelle.
Der Herbst hatte den Bürgersteig schmierig gemacht. Bus 42 kam mit beschlagenen Scheiben. Nastasia zeigte dem Fahrer die Fotos.
„Rote Mütze. Ältere Frau. Haben Sie die gesehen?“
Der Fahrer zog die Brauen hoch. „Heute Morgen steigen viele ein.“
„Haben Sie diese zwei gesehen?“
Er sah wieder hin. „Kann sein. Am Klinikum vielleicht.“
Kann sein half niemandem. Nastasia stieg ein, ging den Gang entlang, zeigte die Bilder. Eine Schülerin schüttelte den Kopf. Ein Mann mit Aktentasche sah kaum hoch. Eine Frau im hellen Mantel fasste Nastasia am Ärmel.
„Ich hab sie gesehen. Ganz sicher. Die beiden saßen hinten. Er mit roter Mütze, sie mit grünem Mantel. Sie sind Richtung Hauptbahnhof gefahren.“
Hilde besaß keinen grünen Mantel. Sie trug den braunen Wollmantel mit dem fehlenden Knopf, weil sie sich weigerte, den neuen zu nehmen. Nastasia fragte: „Hat der Mann gesprochen?“
„Nein, nein. Ganz still. Wie Sie sagen.“
Auch das kam zu glatt. Die Frau blickte dabei nicht auf das Foto, sondern auf Nastasia, als wollte sie richtig liegen.
Trotzdem fuhr Nastasia zum Hauptbahnhof, weil man falsche Spuren nicht ignorieren durfte, nur weil sie falsch klangen. Sie suchte die Bänke, die Bäckerei, die Toiletten, den Aufzug zur Straßenbahn. Ihre Hände hielten das Handy so fest, dass der Bildschirm aufleuchtete, ausging, wieder aufleuchtete. Acht Anrufe. Drei von der Polizei. Zwei von der Leitung. Marco einmal.
Die Polizei schickte eine Streife zum Bahnhof. Zwei junge Beamte kamen aus dem Seiteneingang. Einer fragte: „Sind die Personen eigengefährdet?“
Nastasia zeigte auf Hildes Foto. „Wenn sie Wasser sieht, geht sie hin. Nicht weil sie hineinwill. Weil Wasser sie sortiert. Sie stellt sich an den Rand und schaut. Wenn sie müde wird, setzt sie sich. Wenn der Rand nass ist, rutscht sie.“
Der Beamte nickte. „Verstanden. Wir prüfen den Bereich Bahnhof.“
„Das ist kein Bahnhofsproblem.“
„Wir gehen strukturiert vor.“
Nastasia sah auf seine blanken Schuhe. Daran klebte kein einziges Blatt.
Die Leitstelle meldete einen möglichen Treffer in Bus 17. Ein Mann habe eine rote Mütze gesehen, ältere Begleitung, Ausstieg am Westmarkt. Nastasia fuhr hin, obwohl der Westmarkt kein Wasser hatte. An der Haltestelle stand nur ein Junge mit Kopfhörern. Er trug eine rote Mütze. Als Nastasia ihm Brunos Foto zeigte, nahm er die Kopfhörer ab und sagte: „Das bin nicht ich.“
„Ich weiß.“
Sie stieg in die nächste Straßenbahn, Linie 6. Die Bahn roch nach nassen Jacken. An der Tür stand ein Kinderwagen, darüber klebte der Linienplan. Nastasia hielt sich an der Stange fest und sah auf die Haltestellen: Rathaus, Opernplatz, Stadtpark Nord, Stadtparkbad, Mühlwehr.
Stadtparkbad.
Letzte Woche hatte Bruno dort mit ihr gestanden, weil die Werkstatt früher geschlossen hatte. Er hatte nicht in die Bahn steigen wollen. Er hatte mit zwei Fingern auf den Plan getippt. Nicht auf die rote Linie, wie sie gedacht hatte. Auf das kleine blaue Symbol neben Stadtparkbad. Drei Wellen. Nastasia hatte gelächelt und gesagt: „Ja, Wasser.“ Bruno hatte die rote Mütze tiefer gezogen und noch einmal getippt. Zweimal. Dann hatte Hilde, die damals dabei gewesen war, gesagt: „Da sind Enten für später.“
Nastasia drückte den Halteknopf. „Ich fahre zum Stadtparkbad“, sagte sie ins Handy.
Der Beamte am anderen Ende antwortete: „Bleiben Sie bitte am vereinbarten Suchpunkt.“
„Nein.“
„Frau Berger, wir koordinieren gerade.“
„Dann koordinieren Sie schneller.“
Sie stieg aus, bevor er noch einmal ihren Namen sagen konnte. Der Stadtpark lag hinter der Straße, gelb und braun, mit Wegen, die sich teilten wie Adern auf einer alten Hand. Nastasia kannte den Park nicht gut. Hilde kannte ihn vielleicht gar nicht. Bruno kannte Pläne. Er kannte Symbole. Er kannte Wiederholungen. Und Hilde kannte Wasser, auch wenn sie den Weg dorthin vergaß.
Am Kiosk war die Rolllade unten. Auf einer Bank lag eine zerknüllte Serviette. Keine rote Mütze. Nastasia ging zum Teich. Nicht rennen. Schauen. Handfläche zeigen, zwei Schritte Abstand, wenn Bruno irgendwo stand. Hildes Namen weich sagen, nicht rufen.
„Hilde.“
Der Wind schob Blätter über den Weg. Am Ufer stand ein Schild: Betreten verboten. Der Boden davor war dunkel vom Regen. Nastasia sah Schuhspuren, viele, keine klar genug. Sie ging weiter bis zum Bootshaus, das seit Jahren geschlossen war. Die Fenster hatten Bretter vor dem Glas. Dahinter führte ein schmaler Pfad zur Mühlwehr, wo der Teich in einen niedrigen Kanal ablief.
Dann sah sie die rote Mütze.
Sie lag nicht im Wasser. Sie hing an einem Zweig, einen Meter vom Ufer entfernt, als hätte jemand sie dort abgelegt, damit sie trocken blieb. Darunter saß Hilde auf dem Betonrand, beide Hände im Schoß, den braunen Mantel bis oben zugeknöpft. Ein Knopf fehlte. Ihr linker Schuh stand im Wasser. Der Fuß steckte noch darin.
Nastasia ging in die Hocke. „Hilde.“
Hilde drehte den Kopf. „Für später“, sagte sie.
„Ja.“ Nastasia zeigte ihre leeren Hände. „Wo ist Bruno?“
Hilde sah auf den Kanal. „Er macht leise.“
Nastasia zählte einen Atemzug, ohne es zu merken. Dann den nächsten.
Unter der kleinen Fußgängerbrücke hockte Bruno auf einem trockenen Streifen Beton. Er hatte die Knie an die Brust gezogen. Neben ihm lag eine Plastiktüte mit zwei Kastanien und einem nassen Brötchen. Er sah nicht zu Nastasia. Er sah auf das Wasser, das unter der Brücke durch den Rechen lief und dort Blätter festhielt. Immer wieder schob ein Blatt nach, blieb hängen, zitterte.
„Bruno.“
Er presste die Hände auf die Ohren.
Nastasia blieb stehen. Zwei Schritte Abstand. Sie nahm die Piktogrammkarte aus der Tasche und zeigte Zuhause. Dann Pause. Dann Zuhause wieder. Bruno schielte kurz hin. Seine rote Mütze fehlte auf seinem Kopf. Ohne sie sah er jünger aus und fremd.
Hinter Nastasia knackten Äste. Zwei Polizisten kamen den Pfad entlang. Einer hob die Hand. „Wir übernehmen.“
„Nicht näher“, sagte Nastasia.
Der Beamte blieb nicht stehen.
Bruno schlug mit der flachen Hand gegen den Beton. Einmal. Zweimal. Hilde begann zu summen, tief im Hals, und ihr nasser Schuh rutschte einen Zentimeter weiter.
Nastasia drehte sich nicht um. „Wenn Sie noch einen Schritt machen, verlieren wir ihn.“
Diesmal hielten sie an.
Sie legte die Piktogrammkarte auf den Boden und schob sie langsam vor. Zuhause. Pause. Zuhause. Bruno nahm die Karte nicht. Aber er nahm die Hände von den Ohren. Nastasia zog ihre eigene Mütze vom Kopf, eine schwarze, und legte sie neben die Karte. Dann zeigte sie auf den Zweig mit der roten.
„Mütze zuerst.“
Bruno sah zum Zweig. Sein Mund bewegte sich ohne Laut. Er kroch nicht heraus. Er wartete, bis Nastasia die rote Mütze nahm, ausschüttelte und vor sich auf den Boden legte. Erst dann schob er sich unter der Brücke hervor.
Die Rettung dauerte sieben Minuten. Auf dem Polizeibericht standen später zweiunddreißig. Hilde ließ sich aufrichten, nachdem Nastasia den nassen Schuh ausgezogen hatte. Bruno setzte die Mütze auf, zog sie bis zu den Augen und hielt die Piktogrammkarte so fest, dass ein Knick durch Zuhause lief.
Auf der Wache saß Nastasia um zehn Uhr sechsundfünfzig auf einem Plastikstuhl. Marco saß gegenüber und rieb sich die Stirn. Die Leitung telefonierte im Flur. Ein Beamter füllte Formulare aus und fragte nach Diagnosen, Medikamenten, Weglauftendenzen. Das Wort stand da, als hätte Bruno eine Richtung gewählt und nicht eine offene Tür gefunden.
„Der Türsensor war bekannt“, sagte Nastasia.
Der Beamte sah nicht auf. „Das nehmen wir in die Akte.“
„Seit elf Tagen.“
„Wie gesagt, wir nehmen das auf.“
Nastasia legte ihr Handy auf den Tisch. Ihre Finger öffneten sich langsam darum, als müsste sie jeden einzeln überreden. Auf dem Display sah sie ihr eigenes Gesicht im schwarzen Glas. Daneben lag Brunos rote Mütze in einem durchsichtigen Beutel, weil sie nass geworden war, nachdem ein Polizist sie noch einmal hatte prüfen wollen.
Hilde schlief im Nebenraum auf zwei zusammengeschobenen Stühlen. Bruno saß auf dem Boden neben der Tür und sortierte Kastanien: eine zu Hilde, eine zu sich, eine auf die Linie zwischen zwei Fliesen. Für später.
Nastasia unterschrieb drei Blätter. Sie las jedes Wort, obwohl die Buchstaben an den Rändern ausfransten. Marco sagte leise: „Es ist gut ausgegangen.“
Nastasia sah zur roten Mütze im Beutel. Wasser sammelte sich in einer Ecke des Plastiks. Tropfen für Tropfen.
„Heute“, sagte sie.
Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei. Die Scheiben spiegelten den grauen Himmel, und für einen Moment sah Nastasia darin nur Linien, Haltestellen, kleine blaue Zeichen für Wasser. Sie nahm ihr Handy wieder in die Hand. Nicht fest. Noch nicht. Morgen würde sie den Sensor erneut melden, den Bericht schreiben, die Tür prüfen, die Mützen zählen. Morgen würden Menschen fragen, wie so etwas passieren konnte, und danach Kaffee trinken.
Bruno schob die dritte Kastanie über die Fliesenlinie. Hilde murmelte im Schlaf etwas von Enten. Nastasia blieb sitzen, bis niemand mehr etwas von ihr wollte, und sah auf die Tür der Wache, die von allein zufiel und doch einen Spalt offen blieb.




