Mila und der neue Mitschüler
Im Klassenzimmer lag Herbstlicht auf den Tischen. Es machte helle Vierecke auf die Hefte, nur bei der Tür blieb der Boden grau.
Frau Keller stellte einen Jungen neben ihr Pult.
– Das ist Max, sagte sie. – Er ist ab heute in unserer Klasse.
Max hielt seinen Ranzen vor dem Bauch, als wäre er ein Schild. An einem Schuh war die Schleife offen. Er sah nicht zur Klasse. Er sah auf den kleinen Riss im Boden.
Ein paar Kinder kicherten.
Für Mila klang es zu laut. Sie drückte ihren Bleistift so fest, dass die Spitze abbrach.
– Wer zeigt Max nachher den Schulhof? fragte Frau Keller.
Stühle rutschten. Niemand sagte etwas.
Mila sah zu Jana. Jana zog nur den Reißverschluss an ihrem Federmäppchen auf und zu.
Mila schaute kurz zum Fenster. Draußen hing ein braunes Blatt am Glas. Erst als Frau Keller schon den Mund wieder öffnete, hob Mila die Hand halb.
– Ich kann, sagte sie. – Also, wenn keiner sonst.
Max sah sie an. Nur kurz. Dann nickte er, als hätte er etwas Schweres geschluckt.
Er bekam den freien Platz hinter Mila. Als Frau Keller die Mathebücher austeilte, blätterte Max darin von hinten nach vorn.
Ben flüsterte: – Der kann nicht mal Buch.
Wieder lachten welche.
Mila drehte ihren Kopf nicht sofort. Ihre Ohren wurden warm. Dann schob sie ihr eigenes Buch ein Stück nach hinten.
– Wir sind auf Seite zwölf, sagte sie.
– Ich hab’s, sagte Max.
Er hatte Seite zweiundzwanzig aufgeschlagen.
– Zwölf hat eine Eins und eine Zwei, sagte Mila.
– Weiß ich.
Er blätterte. Zu schnell. Dann zu langsam.
Mila zog ihr Buch nicht zurück. Max legte seins daneben, so dass die Ecken sich berührten.
In der Pause war der Schulhof voller Jacken und Mützen. Die Kastanienblätter klebten dunkel auf dem Pflaster. Max stand bei der Mauer, beide Hände in den Taschen. Seine offene Schleife lag wie ein kleiner Wurm neben dem Schuh.
Jana kam mit dem Springseil.
– Mila, komm. Wir machen Dreher.
– Ich muss Max zeigen, wo alles ist.
– Der steht doch nur da.
Ben rief von der Bank: – Mila hat Aufpassdienst!
Ein paar Kinder machten Hundegebell.
Mila zog den Schal bis an ihr Kinn. Sie tat, als müsste sie an ihrer Mütze zupfen. Max hatte es gehört. Er ging zwei Schritte von der Mauer weg, aber nicht zu ihr. Eher irgendwohin, wo keiner war.
Jana hielt Mila das Seil hin.
– Nur eine Runde.
Mila nahm das Seil. Es war kalt in ihrer Hand. Sie machte einen Schritt zu Jana. Dann sah sie Max’ Schuh. Die Schleife schleifte über den Boden.
– Gleich, sagte Mila.
– Du sagst immer gleich, sagte Jana.
– Heute erst einmal.
Mila ging zu Max. Nicht schnell. Wenn sie schnell gegangen wäre, hätten die anderen noch lauter gelacht.
– Da hinten ist die Turnhalle, sagte sie.
– Ich such nichts.
– Hab ich auch nicht gesagt.
Max trat mit dem offenen Schuh auf ein Blatt. Es blieb an der Sohle hängen.
– Du musst nicht neben mir stehen, sagte er.
Mila sah zum Klettergerüst. Jana sprang jetzt mit Lara. Das Seil klatschte regelmäßig auf den Boden.
– Ich weiß, sagte Mila.
Sie blieb.
Ben rief: – Max braucht eine Landkarte!
Max zog die Schultern hoch. Sein Kinn verschwand fast im Kragen.
Mila bückte sich nicht nach seinem Schuh. Sie zeigte nur mit dem Fuß darauf.
– Wenn du rennst, fällst du.
– Ich renne nicht.
– Dann eben wenn du gehst wie ein Rennfahrer.
Max sah sie an. Sein Mund bewegte sich, aber kein Lachen kam heraus. Er stellte den Fuß auf die Bank und band die Schleife. Der Knoten wurde krumm.
– Hält, sagte Mila.
– Sieht blöd aus.
– Manche Knoten sind so.
Nach der Pause gingen alle zurück ins Klassenzimmer. Mila wollte Max den Haken mit seinem Namen zeigen. Auf dem Schild stand MAX, noch ganz neu, mit Klebeband an die Garderobe geklebt.
– Da, sagte Mila.
– Ich kann lesen.
Das sagte er hart. Härter als nötig.
Mila nahm ihre Hand herunter. Sie spürte, wie ihr Hals eng wurde.
– Dann lies halt, sagte sie.
Sie ging vor. An der Ecke blieb sie stehen, als müsste sie ihren Ärmel richten. Hinter ihr kamen Schritte. Erst keine. Dann doch.
Max blieb zwei Fliesen entfernt stehen.
– Wo ist nachher Essen? fragte er.
– Kantine.
– Weiß ich.
– Dann frag nicht.
Max schob den Ranzen höher auf seine Schulter.
– Ich wollte nur wissen, welche Tür.
Mila sah ihn nicht an.
– Die mit den gelben Punkten.
– Danke.
Das Wort war so leise, dass es fast zwischen den Fliesen blieb.
In der Kantine klapperten Tabletts. Die Kinder standen in der Schlange, und die gelben Punkte an der Tür waren schon hinter ihnen. Max hielt sein Tablett mit beiden Händen ganz gerade. Auf seinem Teller lagen Nudeln ohne Soße.
– Da ist noch Soße, sagte Mila.
– Mag ich nicht.
– Du hast sie nicht probiert.
– Muss man nicht alles.
Ben kam vorbei und zeigte auf Max’ Teller.
– Trockenessen! Trockenessen!
Mila sagte nichts. Sie nahm sich einen Löffel Soße. Dann stellte sie den Löffel wieder zurück und nahm auch trockene Nudeln.
– Du magst auch nicht? fragte Max.
– Heute nicht.
– Wegen mir?
– Wegen Nudeln.
Jana winkte von einem Tisch am Fenster. Neben ihr war ein Platz frei. Sie legte ihre Tasche darauf, nahm sie wieder weg, legte sie wieder hin.
– Mila! Hier!
Mila ging zwei Schritte hin. Max blieb bei einem Tisch am Rand stehen. Da saß niemand. Er stellte sein Tablett ab, aber setzte sich nicht.
Jana schob die Tasche endgültig weg.
– Na komm schon.
Mila sah zu Jana. Dann zu Max. Max tat, als würde er die Gabel suchen, obwohl sie auf seinem Tablett lag.
– Ich sitz da, sagte Mila.
– Wieso?
– Da ist mehr Platz.
– Am Rand?
– Für Ellbogen.
Jana verdrehte die Augen, aber nicht sehr groß.
Mila setzte ihr Tablett neben Max’ Tablett. Die Ecken stießen leise aneinander.
Max setzte sich erst, als Mila saß. Er nahm seine Gabel, legte sie wieder hin und schob ihr eine Serviette hinüber.
– Deine Soße ist trotzdem drauf, sagte er.
Mila schaute auf ihr Tablett. Ein roter Klecks klebte am Rand.
– Ist Absicht, sagte sie.
– Komische Absicht.
– Manche Absichten sind so.
Max nickte. Er begann mit den trockenen Nudeln. Mila wartete einen Atemzug und nahm dann ihre Gabel. Neben ihnen stand Janas Tasche nicht mehr auf dem Fensterplatz, aber Mila blieb sitzen.
Am Rand des Kantinentisches lagen zwei krumme Servietten, zwei Gabeln und zwei Tabletts, die sich an den Ecken berührten.




