Sommerfee Nila schläft zu lange
Im Feenpalast aus Sonnenblumen schlief Nila auf einem Kissen aus weichen Blütenfasern. Der Sommer wartete draußen, aber der Sommer wartete nicht gern. Er kroch über Dächer, legte sich schwer auf Wege und machte die Luft so dick, dass selbst die Grillen langsamer zirpten.
Nila wachte auf, weil ihr Nacken nass war. Feen schwitzten eigentlich nicht. Das taten nur Menschenkinder beim Rennen und Teekessel, wenn sie sich aufregten. Nila setzte sich auf. Unter ihren Flügeln klebte ein Tropfen, klein und ernst.
Da wusste sie es.
Sie hatte zu lange geschlafen.
Hilfsfee Pip flog in Kreisen über dem Bett, so schnell, dass ihre Worte aneinanderstießen. Pip war kaum größer als ein Daumen, fürchtete sich vor lauten Uhren und blieb doch immer dort, wo andere weglaufen wollten. Nila, der Schatten unter den Gänseblümchen ist warm geworden. Und die Brunnen gähnen.
Vor der Tür stand Gron, der Thermometer-Zwerg. Er trug sein langes Messgerät wie eine Harfe, obwohl er nie sang. Gron war streng und zitterte dabei an den Knien. Die Nadel seines Thermometers stand weit über dem Erlaubten. Sie klopfte gegen das obere Ende, als wolle sie hinaus.
Nila sprang auf. Ihre Macht reichte sonst, um einem ganzen Julitag die Stirn zu kühlen. Heute fühlten sich ihre Finger an wie halb vergessene Halme.
Ich mache es gut, sagte sie.
Sie hob die Hände. In ihren Handflächen begann das alte Sommermaß zu kribbeln, jenes leise Ziehen, mit dem man Hitze nicht verscheucht, sondern bittet, einen Schritt zurückzutreten. Nila atmete zu schnell. Pip hielt die Luft an. Gron hielt das Thermometer fester.
Nila sprach den Kühlreim.
Aber ein Wort kam zu eilig, ein anderes stolperte hinterher. Die Magie schmeckte ihr nach trockenem Brot im Mund. Statt Kühle löste sich ein warmer Wind und rollte durch den Palast. Draußen klappten drei Sonnenblumen müde die Köpfe tiefer. Eine Gurke im Garten wurde weich vor Ärger.
Nila hustete. Ihre Stimme war dünn geworden. Ein Zauber, der sich vergreift, nimmt sich trotzdem etwas mit. Diesmal nahm er ihr das Lachen aus der Kehle und ließ nur ein heiseres Fädchen zurück.
Pip landete auf ihrer Schulter. Sie bebte vor Aufregung, aber ihre Hand blieb fest an Nilas Ohr. Nicht rennen. Wenn du rennst, rennt der Sommer mit.
Gron nickte. Zur Mondkühlkammer, sagte er. Wenn sie dich einlässt.
Unter dem Feenpalast führten Wurzeltreppen hinab. Dort war es nicht dunkel, sondern still. Die Stille lag kühl auf Nilas Stirn. Jede Stufe erinnerte sie an ein verschlafenes Ticken.
Die Mondkühlkammer öffnete sich nur, wenn jemand vor der Tür nicht Ausreden mitbrachte. Nila legte beide Hände an den runden Stein.
Ich habe meinen Dienst vergessen, flüsterte sie.
Der Stein gab nach.
Drinnen standen Schalen mit Nachtkühle, sauber aufgereiht wie Atemzüge. Man konnte sie nicht sehen, aber man spürte sie an den Handgelenken, als lege sich dort eine kleine Pause nieder. Nila nahm die größte Schale. Sie war schwerer als ein Eimer Wasser und leichter als ein Gedanke.
Das kostet dich, murmelte Gron.
Nila nickte. Sie trug die Schale an ihr Herz. Die Kühle kroch durch ihre Rippen, nicht böse, nur gründlich. Ein Teil ihrer Müdigkeit wurde aus ihr herausgezogen, und mit ihm ein Traum von blauen Beeren, den sie am Morgen gern zu Ende geschlafen hätte.
Dann sang sie nicht. Ihre Stimme war noch fort. Sie summte nur.
Das Summen ging in die Sonnenblumenwurzeln, und die Wurzeln reichten es weiter unter Wege, Beete, Höfe und Felder. Die Hitze hörte auf zu drängen. Sie setzte sich. Auf den Fensterbänken wurden die Steine weniger streng. In einem Haus am Dorfrand legte ein Kind namens Lio, mutig genug für den Garten und besorgt genug für die kleine Schwester, die Hand auf das Kissen. Es war nicht mehr heiß. Lio drehte es einmal um und schlief weiter.
Gron sah auf sein Thermometer. Die Nadel sank langsam, als müsste sie jeden Grad einzeln um Verzeihung bitten. Pip lachte leise, dann erschrak sie vor ihrem eigenen Mut und versteckte sich halb in Nilas Haar.
Nila setzte sich auf die unterste Wurzelstufe. Ihre Flügel waren schwer. An ihren Schläfen blieb Salz zurück, eine feine Spur, die Feen sonst nicht tragen. Sie wischte sie nicht fort.
Am Abend kehrte der Sommer in sein richtiges Maß zurück. Warm genug für nackte Füße. Sanft genug für schlafende Hunde.
Bevor Nila sich wieder hinlegte, nahm sie einen Sonnenblumenkern aus der Vorratsdose. Pip band ein Fädchen darum. Gron stellte die winzige Nadel ein. Der Kern begann zu ticken, sehr leise, nach trockenem Sommerstaub und Verantwortung.
Nila legte ihn neben ihr Kissen.
Am Morgen danach war ein einzelner Sonnenblumenkern auf der Fensterbank kühl geblieben.




