Waldspaziergang im Nebel
Markus bleibt am Anfang des Waldwegs stehen, ohne sich vorgenommen zu haben, wie weit er gehen will. Der Nebel liegt nicht vor ihm wie etwas, das man betrachtet, sondern auf ihm, dünn und feucht, auf der Stirn, an den Wimpern, in der kleinen Mulde über der Oberlippe. Er spürt, wie der Kragen seiner Jacke am Nacken dunkler und schwerer wird, wie die Kälte nicht beißt, sondern langsam Platz nimmt, erst an den Handrücken, dann an den Gelenken der Finger, als würde sie dort fragen, ob sie bleiben darf. Sein Atem geht flacher, als er bemerkt. Noch eine Nachricht. Später. Der Brustkorb hebt sich, aber nicht ganz. Etwas bleibt oben hängen, ein Rest von Eile, der keinen Gegenstand mehr hat.
Er setzt den ersten Schritt auf den weichen Weg, und die Sohle sinkt ein wenig nach, nicht tief, nur genug, dass der Fuß sich erinnert, dass er Gewicht hat. Links die Hüfte zieht kurz, rechts die Schulter will voraus, als müsste sie eine unsichtbare Liste durch den Nebel tragen. Markus lässt die Arme hängen, aber die Hände bleiben bereit, die Finger leicht gekrümmt, als hielten sie noch ein Lenkrad, eine Tasse, ein Telefon. Morgen früh. Der Gedanke hat keinen Schluss. Er wird schmaler, löst sich nicht auf, sondern verliert nur die Kanten. Markus geht weiter, und mit jedem Schritt berührt die feuchte Luft eine andere Stelle seines Gesichts.
Der Kopf arbeitet weiter, obwohl der Weg keine Antwort verlangt. In der Stirn sammelt sich ein Druck, flach und breit, als läge dort ein zusammengefaltetes Papier. Hinter den Augen sitzt eine kleine Anspannung, vertraut, fast ordentlich. Er merkt, wie die Zunge am Gaumen klebt, wie der Kiefer sich hält, als müsste er etwas festbeißen. Nicht vergessen. Wen anrufen. Die Wörter kommen ohne Stimme und brechen ab, sobald sein rechter Fuß etwas langsamer wird als der linke. Dieses Ungleichgewicht erreicht ihn deutlicher als die Gedanken. Ein Bein will voran, das andere will prüfen. Dazwischen hängt sein Körper, unentschlossen, und der Atem versucht, beide Seiten mitzunehmen.
Er geht nur so schnell, wie der Weg unter ihm es erlaubt. Der Nebel macht keine Grenze, die man sieht, sondern eine Nähe, die man im Körper einhalten muss. Markus merkt, dass er die Schultern anhebt, weil vor ihm nicht genug ist, um sicher zu sein. Fünf Schritte vielleicht. Dann wieder nichts, das einen Plan verdient. Sein Nacken spannt sich an, als könnte er die fehlende Weite ausgleichen. Er senkt das Kinn ein wenig. Die Wirbel im Hals antworten mit einem kleinen Nachgeben. Kein Ziel. Nur bis zur Biegung. Aber auch die Biegung ist noch nicht da, nur die Vorstellung davon, ein Stück voraus, und selbst diese Vorstellung wird feucht an den Rändern.
Nach einer Weile treten die Geräusche näher an ihn heran. Ein Tropfen fällt irgendwo, weich und kurz, und sein Ohr macht daraus eine Entfernung, die nicht stimmt. Ein Knacken könnte neben ihm sein oder weiter innen zwischen den Stämmen, doch in seinem Bauch zieht sich für einen Moment etwas zusammen, klein und wach. Dann ist wieder das gedämpfte Reiben seiner eigenen Kleidung da, der Stoff an der Innenseite der Arme, ein leiser Rhythmus, der sich mit den Schritten verschränkt. Markus bleibt stehen, nicht weil etwas passiert ist, sondern weil das Hören seinen Körper angehalten hat. In der Pause spürt er den Puls im Hals, zwei Schläge, dann drei, etwas höher als nötig. War da. Nein. Der Gedanke endet, bevor er eine Form bekommt.
Als er weitergeht, wird der Schritt kürzer. Nicht vorsichtig im Sinn von Angst, eher so, als hätte die Luft selbst ein langsameres Maß ausgegeben. Die Knie beugen sich früher, die Füße rollen vollständiger ab, und die Zehen suchen den Boden, bevor das Gewicht folgt. Markus merkt, wie viel Arbeit sonst in seinem Gehen steckt, Arbeit, die keiner bemerkt, weil sie immer schon geschehen ist. Hier, im Nebel, ist jeder Schritt ein kleiner Vertrag mit dem Boden. Die rechte Wade wird warm, dann die linke. Unter der Jacke sammelt sich eine eigene Temperatur, nicht gemütlich, nicht kalt, etwas dazwischen, ein schmaler Raum, in dem sein Atem sichtlos bleibt und doch den Brustkorb von innen streift.
Er denkt an die Uhr, ohne sie anzusehen. Die Hand zuckt leicht zum Ärmel, hält inne, fällt wieder nach unten. Zeit hat im Nebel keinen Rand, an dem man sie greifen könnte. Es gibt nur den Druck der Sohle, das Abheben, die kurze Schwebe, das erneute Nachgeben. Markus zählt drei Schritte, verliert die Zahl beim vierten, beginnt nicht neu. Das ist ungewohnt. Ein Teil von ihm möchte messen, möchte wissen, wie lange er schon draußen ist, wie weit der Weg ihn trägt, wann es vernünftig wäre umzudrehen. Ein anderer Teil antwortet nicht mit Worten. Er lässt nur die Ausatmung länger werden, so lange, bis der Bauch sich unter dem Bund der Hose etwas weicher macht.
Der Waldweg steigt kaum merklich an, und Markus spürt es zuerst in den Oberschenkeln. Es ist kein Anstieg, den man benennen müsste, eher eine zusätzliche Schwere, die sich in die Muskeln legt und ihnen sagt, dass sie arbeiten. Die Gedanken nutzen diese Schwere sofort. Zu wenig geschlafen. Wieder nicht. Der Satz bleibt wie ein halb geöffneter Reißverschluss. Er zieht nicht weiter. Stattdessen merkt Markus, dass seine Hände wärmer werden, obwohl die Haut außen feucht bleibt. In den Handflächen entsteht ein dumpfes Leben, ein langsames Pochen, das die Finger von innen füllt. Er öffnet sie ganz, streckt sie, lässt sie wieder sinken. Der Nebel berührt die Knöchel, und dort bleibt er.
An einer Stelle wird der Weg breiter, oder sein Körper nimmt mehr Raum wahr. Markus bleibt am Rand einer Lichtung stehen. Vor ihm löst sich aus dem helleren Grau eine schmale Gestalt, ein Reh, nicht groß, nicht nah genug für Einzelheiten und doch so da, dass sein Blick still wird. Es steht für einige Atemzüge am Übergang, ohne dem Nebel ganz zu gehören und ohne aus ihm herauszutreten. Markus blinzelt nicht. Seine Augen wollen festhalten, was sich nicht festhalten lässt. Dann ist die Gestalt wieder weniger als Gestalt, ein heller Rücken, ein dunklerer Hals, und danach nur noch die weiche Fläche, aus der sie gekommen ist. Sein Atem setzt nicht neu ein, er findet nur wieder den Weg durch die Nase.
Nach der Lichtung ist der Kopf leiser, aber nicht leer. Er sendet noch kleine Zeichen. Einkaufen. Rechnung. Der Name von jemandem, der auf Antwort wartet. Jedes Fragment berührt kurz die Innenseite der Stirn und rutscht dann ab, weil der Körper mit etwas anderem beschäftigt ist. Markus spürt, wie die Schulterblätter sich unter der Jacke voneinander entfernen, als würde zwischen ihnen ein kühler Spalt aufgehen. Der obere Rücken, der sonst oft wie eine geschlossene Tür ist, wird nicht offen, nur weniger verriegelt. Beim Einatmen hebt sich die Jacke am Brustbein. Beim Ausatmen sinkt sie etwas tiefer, als hätte sie vorher vergessen, wohin sie gehört.
Er verliert das Gefühl dafür, ob er schnell oder langsam ist. Das Wort langsam passt nicht mehr ganz, denn es vergleicht mit einem anderen Tempo, und dieses andere Tempo hat hier keinen Platz. Da ist nur der nächste Abdruck, der entstehen will, und der Körper, der Gewicht nach vorn verlegt. Markus merkt, wie sein Bauch auf die Schritte antwortet, ein sanftes Halten beim Aufsetzen, ein Lösen beim Weiterrollen. Er atmet nicht schön, nicht gleichmäßig, nicht wie in einer Anleitung. Manchmal stockt es, wenn ein Gedanke sich verhakt. Manchmal strömt die Luft länger hinaus, ohne dass er etwas dazu tut. So also. Nein. Auch dieser Halbsatz fällt in sich zurück.
Die Feuchtigkeit sitzt inzwischen überall, aber sie dringt nicht mehr als Störung zu ihm durch. Sie ist eine dünne Schicht auf der Haut, am Haaransatz, an den Ohren, über den Wangenknochen. Markus wischt sie nicht weg. Er lässt sie liegen. Der Körper unterscheidet genauer, wenn er nicht sofort eingreift: hier kühl, dort wärmer, am linken Handgelenk ein Tropfen, der langsam unter das Bündchen kriecht und dann von Stoff aufgenommen wird. Diese kleine Spur ist deutlicher als die nächste Stunde, deutlicher als die Nachricht, die wartet, deutlicher als das, was er hätte erledigen wollen. Der Kopf hebt noch einmal an. Du solltest. Die Worte bleiben ohne Ziel.
Irgendwann bemerkt Markus, dass er nicht mehr nach vorn zieht. Die Füße gehen, aber sie nehmen den Oberkörper nicht mit Gewalt mit. Das Becken schwingt etwas freier, die Schultern folgen später, und zwischen Schritt und Atem entsteht ein Abstand, in dem nichts entschieden werden muss. Er bleibt stehen, legt eine Hand auf den unteren Rippenbogen, nicht fest, nur mit dem Gewicht der Finger. Unter der Jacke bewegt sich die Rippe gegen die Hand. Einatmen hebt sie. Ausatmen lässt sie sinken. Er spürt, dass der Atem nicht im Kopf beginnt. Er muss ihn dort nicht planen. Er kommt tiefer, als die Gedanken reichen, und geht wieder, ohne eine Erklärung mitzunehmen.
Als er umkehrt, ist es keine Entscheidung mit klarer Kante. Der Körper dreht sich zuerst, weil ein Fuß anders aufsetzt, weil die Wirbelsäule der Drehung folgt, weil die Hände kurz schwingen und dann wieder zur Ruhe kommen. Markus erkennt den Weg nicht mit Sicherheit, sondern mit einer körperlichen Vertrautheit. Die Neigung unter den Sohlen, der weiche Streifen in der Mitte, die kleine Mulde, in der der linke Fuß tiefer sinkt. Er geht zurück, ohne schneller zu werden. Der Nebel hat sich kaum gelichtet. Wenn überhaupt, hat Markus aufgehört, von ihm zu verlangen, dass er Platz macht. Aber der Satz ist zu groß. Er bleibt nicht.
Auf dem Rückweg sind die Geräusche noch da, doch sie tragen weniger Auftrag. Ein ferner Schlag im Holz lässt den Bauch nicht mehr fest werden. Ein Tropfen, ein Rascheln, der eigene Stoff. Alles kommt gedämpft, als würde es erst durch etwas Weiches gehen, bevor es Markus erreicht. Seine Ohren nehmen es auf, sein Körper prüft kurz, und dann muss nichts folgen. Kein Suchen. Kein Ordnen. Nur ein leichter Druck in den Fußsohlen, der ihm sagt, dass der Weg weiterhin unter ihm liegt. Er hat keine Ahnung, wie spät es ist. Die Frage steigt auf und sinkt, bevor die Hand den Ärmel findet.
Am Anfang des Waldwegs bleibt Markus wieder stehen. Der Übergang zurück ist nicht heller, nicht klarer, nur ein wenig anders im Körper. Die Oberschenkel tragen eine angenehme Müdigkeit, die Knie sind warm, der Nacken fühlt sich länger an, als hätte jemand das Gewicht dort mit zwei Fingern ein kleines Stück nach unten gestrichen. Der Kopf arbeitet noch, ja. Er legt schon wieder Dinge nebeneinander. Heimweg. Schlüssel. Licht. Doch zwischen den Fragmenten ist mehr Abstand, und in diesem Abstand liegt kein Plan. Markus hebt die Hand, nicht bis zur Uhr, nur bis zum Kragen, und spürt den feuchten Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Unter seinem linken Daumen bleibt ein kleiner kühler Tropfen liegen.




