Wer die meisten Eier findet verliert die Karte
Die Luft roch nach nassen Blättern, und irgendwo quietschte ein Vogel wie eine rostige Fahrradklingel. Tom stampfte über die feuchte Spielwiese und kickte auf einen Ast. Lena beugte sich ein letztes Mal zum Rucksack, zog ihre Kapuze tiefer und schob ihren Zettel in die Hosentasche.
Der Park war leer, außer ihnen und einer alten Frau auf der Bank, die ein zu großes Brötchen in zwei Hälften brach. “Kann es jetzt losgehen?” Tom machte drei große Sprünge. “Sag wo!” Lena blinzelte und zählte leise die Streifen auf Toms Jacke. “Du kannst eh nicht so schnell laufen.” Tom grinste, zog an seinem linken Schuh und war schon weg, dabei fiel ihm fast sein Korb aus der Hand.
Lena zupfte an ihrem Ärmel. “Du musst warten, wir— also wir müssen zusammen! Sonst weißt du nicht wo—”
“Bist du schon losgelaufen?” rief er zurück, rannte und stolperte, drehte sich, hielt nach ihr Ausschau statt nach Eiern.
“Du siehst eh nix!” Sie raffte ihre Hose hoch, spähte zwischen die Stiefel und den ersten Löwenzahn. Die Farben knallten heute. Gelbe Eier, blau, ein lila Ei halb unter einer zerdrückten Dose. Lena bückte sich, ließ eins in ihren Korb fallen, es polterte lauter als sie dachte. Tom sprintete am Gebüschpfad vorbei, knickte dabei einen Ast ab, drehte sich und rief: “Wie viele hast du?” Er wartete die Antwort nicht ab.
Ein quietschendes “Du bist eh unfair!” kam von Lena, die einen Moment lang nur die Fingernägel anschaute, als hätte sie Dreck unter den Nägeln. Tom hörte nur das Rascheln von ihren Schritten hinter sich, dann das Knacken einer Kastanienschale.
“Ich hab ein goldenes!” rief Tom, viel zu laut, stolperte und landete fast im modrigen Gras. “Es gibt kein goldenes,” keuchte Lena und bückte sich, warf ihm einen Blick zu und schaute sofort wieder fort. Ihr Herz pochte im Hals.
Tom hampelte mit seinem Korb, hielt ihn schief, ein Ei rollte über den Rand und knallte an seinen Schuh. Er kicherte. Lena kam zu nah an ihn heran, blieb aber stehen. “Zeig mal dein… gib mal kurz.” Sie streckte die Hand aus und zog sie gleich zurück. “Vergiss es.”
“Du musst doch eh noch, äh, die Karte!” Er schob ihr einen zerknitterten Zettel zu. „Ich geb sie nur kurz.“
“Das ist meine! Guck nicht, das ist geheim.” Lena hielt den Zettel fest, aber Tom schielte rüber. Beide schwiegen, ihre Schuhe zeichneten Kreise ins Gras. Tom wischte den Nieselregen vom Gesicht.
Da tauchte aus dem Nichts das jüngere Kind auf—Jakob vielleicht? Er griff nach einem Ei, das keinem gehörte, und rannte davon. Keiner sagte was. Nur Lenas Hand ballte sich um ihren Korb. Tom starrte auf den Boden.
“Das war meins,” flüsterte er, dann lauter: „Das zählt nicht, oder?“
Lena zuckte mit den Schultern, als würde sie einen Mückenstich jucken. Keiner sah den anderen an.
Nach einer langen Stille: “Hast du die Karte noch?” Lena kramte in sämtlichen Taschen; plötzlich hingen ihre Schnürsenkel offen. Sie zog erst an der einen, dann an der anderen, wurde langsamer. Tom stand starr: „Hast du sie verloren?“
Sie beugte sich, kratzte Moos von einem Stein, tat so als suchte sie was. Nichts. „Nein. Oder… hab ich sie? Geh weg!“
Tom schaufelte Gras mit seinem Schuh, wartete zu lange. “Egal, war eh blöd.”
“War’s nicht.” Lena stapfte ein Stück davon, bückte sich und tat als hätte sie eine Spur. Tom drehte sich, seine Jacke knisterte, blieb aber stehen – zu nah.
Keiner sprach. Das Suchen war jetzt langsamer. Beide schlichen um einen Busch, der zu viele Brennnesseln hatte. Lena kramte in Trikot-Taschen, Tom zog an seinem Kapuzenband. “Vielleicht unter der Bank,” murmelt einer, aber keiner dort schaut hin. Die Frau auf der Bank nickt einmal, sieht sie nicht.
Lena kniete sich, das Knie wird feucht. Tom schob ein paar Steine hin und her, zuckte mit der Schulter. Ein Hund stöbert, keiner sagt was.
Schweigen. Das Dröhnen eines Flugzeugs. Jemand wirft einen Ball. Lena und Tom stöbern durch nasses Laub. Räumen Kieselsteine auf. „Ist doch eh alles voll doof. Lass halt aufhören.” Tom kratzt Farbe von seinem Fingernagel, Lena nestelt an ihrem Zopf.
“Du kannst meine Eier haben,” sagt Tom in Richtung Fuß, “also wenn du willst halt.”
“Pass du lieber auf deine goldenen auf,” sagt Lena, hebt aber nichts auf. Sie bleiben stehen, Schultern fast berührend.
Der Wind riecht nach Regen. Keine Bewegung, keiner sagt mehr etwas. Korb in der einen, Taschenlampe in der anderen Hand. Zwei Paar Schuhe im Staub, beide schauen auf denselben Fleck zwischen den Gänseblümchen.




