Sammy und der Zahnarzt
Metallischer Napf auf Fliesen. Mia schiebt mit dem Fuß, das Kratzen kracht durchs Wohnzimmer. Sammys Nase zuckt, sein Bauch gluckert leise. Sonst ist er schneller am Napf als sein eigener Schatten, heute bleibt er sitzen. Riecht doch nach Huhn, nach Karotten, sogar nach dem alten Gummiball unten im Napf – aber da ist ein dumpfes Ziehen auf der linken Seite vom Maul. Er schiebt die Schnauze näher, blinzelt Mia an. Ein dicker Tropfen sabbert genau neben den Napf. Mia rubbelt an Sammys Ohr. „Los, Sammy! Guck, heute mit extra Soße! Ich will sehen wie du Schlabberflecken machst!“ Sammy dreht die Schnauze weg, setzt sich schwerfällig wieder hin, Kopf ganz schief. Mia hält den Löffel hin, trifft aber nur Sammys Stirn.
„Blöde Mütze!“ schnaubt Mia. Sie rutscht auf den Knien näher, Fäuste in die Wolle ihrer Strumpfhose geknüllt. Das Futter riecht immer stärker, aber für Sammy liegt Blech im Maul. Die Luft ist warm von der Heizung, doch der Boden klaut ihm die Pfotenwärme. Kaum hat er geschnuppert, zieht ein kribbelndes Ziehen durch seinen Kiefer. Er schiebt die Pfoten vom Napf weg, der Dosenöffner berührt nur sein Fell.
Mia wird still. Ihre Finger bohren sich ins Halsband: „Magst du mich nicht mehr? Geht’s dir schlecht?“ Sammy sieht zum Fenster, draußen tänzelt Schnee auf ein vermatschtes Vogelbad. Mia stampft mit dem Fuß. Das Wasser im Napf zittert. „Komm, SAM-my! Sitz! Sitzsitzenklacksleck, jetzt iss schon!“ Sammy sackt langsam runter bis zum Kinn auf die Fliesen. Der Geschmack im Maul: irgendwas Metallisches, nichts von Huhn. Die Rinde am alten Spielzeugknochen sieht weich aus, aber er schiebt ihn mit der Nase weg.
Der Flur ist matschig von Mias Stiefeln. Draußen beißt der Wind durch die Jacke, Mia zappelt, hakelt Samys Leine irgendwie um den eigenen Arm. Sammy trottet, jeder Schritt schwer. Die Schneeflocken picken sein feuchtes Fell, er schleudert den Kopf kurz zur Seite, als könnte er so das Ziepen im Zahn herauswerfen. „Du bist so langsam wie Omas Staubsauger“, meckert Mia. Sammy schaut auf ihre Wollhandschuhe. Ihre Fingerspitzen zittern an seiner Leine, sie schnauft aus, so lang wie ein Ententeich.
In der Tierarztpraxis heißt der Geruch Sammys Nase willkommen und will sie zugleich vertreiben: Desinfektion, Fellwolle, scharfes Papier, etwas wie kaltes Metall und darunter Angst anderer Tiere. Mia schiebt vorwärts, Sammy bremst an jeder Stufe, kratzt mit einer Kralle am Gummimattenrand. „Jetzt nicht pieseln!“ zischt Mia. Sammy drückt den Schwanz fest ans Hinterbein, sein Herz klopft in den Ohren. Der Flur zur Ärztin ist zu eng, Hände an seiner Flanke bugsieren ihn in ein Zimmer. Mia ist gleich neben ihm, Hand am Rücken, Worte prallen an der Tischecke ab: „Ich komme mit rein! Sammy bleibt sitzen! Muss er sein Maul aufmachen?“
Die Tierärztin raschelt mit Papier, kniet sich tief zu Sammy, so tief, dass ihre Haare sein Auge kitzeln. Sie streckt eine Hand vor, wetzt über sein Kinn, ihre Finger sind kühl. Sammy dreht den Kopf, will nicht, doch die Hand hält fest, zieht sanft die Lefzen hoch. Ihr Atem riecht nach Pfefferminz, viel zu fremd. Mia klammert sich an Sammys Halsband. „Tut er jetzt weh?“ kräht sie. Die Ärztin grummelt etwas, Sammy hört nur das Klicken der Instrumente. Der Geruch: noch muffiger, irgendwas Eisenartiges. Sein Hinterbein zuckt, die Pfoten zittern ein bisschen, doch Mia ist nah und ihre Pulloverhand kratzt zwischen seine Schulterblätter.
Die Prozedur wird dauern, aber Sammy hält aus. Sein Rücken spannt, jeder Muskel zuckt, aber ein Schmatzen klingt nachher ganz klein durch den Raum, fast wie ein Tropfen im Waschbecken. Die Ärztin nickt. „Großer Kerl, das ist bald wieder besser.“
Im Wartezimmer wartet Mia mit einer Dose Frischfutter. Sammy sieht sie an, schnuppert, bewegt die Zunge ganz vorsichtig zwischen den Zähnen. Das Wasser riecht immer noch kalt, aber Mia hockt noch immer neben ihm, krault ihn ungeduldig am Ohrläppchen. Sammy schiebt die Schnauze langsam ins Schälchen, berührt ein Stück Futter ganz leicht mit dem Zahn. Es bleibt kurz zwischen den Zitzen, rutscht dann träge herunter. Mia hält die Luft an. Sammy kaut – langsam, vorsichtig, mit dem Hintern auf den kalten Klinikfliesen – und draußen schimmert das Streusalz auf schwarzen Stiefelabdrücken im Lichtgang der Tür.




