Die Hasen-Mama und die Flut
Ein Schlag, als dicker Eichelmatsch neben Lottes Hinterpfote aufplatscht. Knacken, Tropfen, das ferne, gleichmäßige Rauschen, strenger als je zuvor. Lotte zieht die Nase kraus: feuchte Erde, harziger Zweig, dahinter der grünstichige Biss von altem Laub. Die Luft klebt an ihren Schnurrhaaren, schwer vom feinen Regen, das Zittern des nassen Grases kriecht hoch durch ihre Ballen.
Ein Rascheln hinter ihr, dann Finns Pfoten – zu schnell, ein Stolpern, Fellsprenkel, die über den Rücken zittern. “Mama, Mira hat nassen Bauch!”, ruft Finn, alles zu laut, zu nah am Ohr. Mira schüttelt den Kopf, Wasser tropft, “Hab ich gar nicht. Bubi hat’s gewollt.” Bubi verzieht die Lippen über einen Ast und beißt hinein, ohne Grund. Die Welt ist durcheinander seit heute.
Lotte schiebt sich unter einen krummen Brombeerstrauch. Der Boden saugt lauwarme Feuchtigkeit, ein Frösteln sitzt in den Pfoten. “Nicht so weit!” – Sie ruft den Jungen nach, die schon zu dritt über feuchte Blätter fegen, ohne Sinn für Richtung. Ihr Bauch ist kälter als sonst, das Fell sträubt bei jedem Windstoß. Der Bach, der sonst gemächlich kluckt, schwillt an – kein Bach mehr, sondern eine Stimme, die alles übertönt.
Ein Schmatzen, Sog, dann ist das Schniefen der Jungen weg. Lotte spürt, wie ihre Ohren sich anlegen. Keine Schatten mehr hinter ihr. Die Lücke in der Luft summt. Das Rauschen wächst, schluckt alles. Nasser Schimmelgeruch brennt in der Nase; sie rennt los, holpert zwischen Wurzeln, ein Sprung, zu kurz – linke Vorderkralle schrammt an einem Stein. Der Schlamm giert nach ihrem Hinterlauf, saugt am Fell. Lotte rutscht, stemmt sich mit aller Kraft hoch. Lautlose Wut in Kiefer und Beinmuskeln, die einfach nicht wollen – der Boden will sie zurückhalten, als hätte er ihre Jungen verschluckt.
Sie schnuppern, tasten, wittern: Der Herbst hat sein Futter zerstreut, Spuren gibt es überall und nirgendwo. Nasses Laub macht alles gleich. Wieder sucht die Nase. Kein Bubi, kein Mira, kein Finn; nur ihr eigener, schneller Hasenatem, der zu laut klingt.
Quer durch den Brombeerhau, eine Astspitze rammt sich unter das Fell, stachelt an der Seite. Das Gras spritzt, der Regen frisst die Gerüche auf – alles Matsche und Modrigkeit. Lotte kriecht tiefer, schiebt sich unter eine niedrige Haselwurzel, bleibt hängen mit dem Rückenfell, tritt zurück, fängt sich, schont ein Bein. Ihre Schultern sind eng wie die Höhle, aus der sie kam. “Finn?” – Ihre Stimme bleibt zwischen den Bäumen kleben, kommt nicht weit.
Der Bach gurgelt, aber brüllt nicht mehr. Oder nur ihre Ohren brummen? Der Wind pfeift, treibt kalte Tautropfen in den Nacken. Lotte presst sich unter einen morschen Stamm. Die Rinde bröckelt, beißt sich unter ihre Krallen. Keine Antwort, keine Spur. Die Sonne brennt nicht – sie bleibt hinter Wolken, lässt das Fell noch schwerer werden. Das nächste Grasbüschel knickt unter ihr weg. Lotte beißt in einen trockenen Stängel, er schmeckt bitter. Satt macht das nicht.
In der Ferne knackt Ästchengekräusel. Ein Mückenstich juckt zwischen Ohr und Schulter, doch sie fährt nicht mit der Pfote hoch. Da – ein bekannter, ganz dünner Duftfaden: warmer Milchhauch, Junghasenfell. Lotte steht, zögert, schnuppert, schiebt das Zittern in den Bauch. Sie hockt. Nichts. Dann wieder ein Rascheln, vorsichtig, als wollte jemand das Laub nicht stören.
Ein müdes “Ich hab Hunger”. Finns Stimme, aber kleiner als sonst. Zwei kugelige Schatten drängen sich eng unter die Wurzel, Bubi macht die Ohren weit, Mira zwickt ihm ins Hinterbein.
“Musstest du schreien, Finn! Jetzt hab ich Erde im Maul!”
“Gar nicht, Mira hat angefangen!”
Bubi grunzt, zeigt Grashalme zwischen den Zähnen: “Ich bin der Fuchs, ich fresse euch alle!”
Lotte setzt sich, atmet durch. Ihr Brustkorb weitet sich, die Muskeln sinken in das nasse Laub. Da stürmt Finn gegen ihr Vorderbein, Mira zwinkert, Bubi stapft gegen ihren Bauch – kein Wort, nur ein Haupt voller Junghasenmuff.
Sie stappen gemeinsam zum Eingang der Höhle: Geruch von trockener Erde, kratziger Decke aus Wurzeln, kaum Licht. Die kleinsten Füße drücken sich an ihre Seite, ein Atemzug dauert länger. Im halben Dunkel kauern sie nebeneinander; niemand sagt etwas. Nur das Rascheln ihrer Bäuche und der leise Tropfen draußen.


