Emma und der Weg zum Osterberg
Der Waldboden war weich und feucht unter Emmas nackten Zehen. Jeder Schritt machte ein leises, schmatzendes Geräusch. Die Luft roch nach feinem, kühlem Gras und irgendwo kitzelte ein Hauch Veilchen in ihrer Nase. Kein Vogel zu sehen, aber das dichte Zwitschern vibrierte rund um Emmas Kopf, fast so, als sei es überall.
Vor ihr huschte Weissbart, der Hase – sein Fell schimmerte in der Morgensonne heller als die Steine am Bach. Emma setzte den nächsten Fuß. “Warte!”, rief sie, ihre Stimme schneller als sie’s wollte. Sie stolperte über eine Wurzel, die aus der Erde ragte – beide Hände fingen sie gerade noch ab. Ein Krümel Matsch klebte an ihrem Ellbogen. Weissbart zuckte mit den Ohren, als habe er Fragen gestellt, aber wartete nicht. Sein runder Rücken verschwand zwischen Farn und Brombeere.
“Ich komm ja schon!” Die Bäume wurden dichter. Emmas Beine machten plötzlich kurze, eilige Schritte, schneller als sie denken konnte. Zweimal trat sie auf den selben Ast, weil sie die Spur zu schnell verfolgte. Ihr Atem flatterte – nicht tief, mehr so, als müsse er weniger wiegen. Hinter den Ohren brannte es, und ihre Finger klammerten sich an einen Ast, der stach.
Emma kauerte sich hin, schnaufte durch die Nase und schob Dornen zur Seite, die am Ärmel zerrten. “Autsch!”, flüsterte sie, und kleine, rote Punkte zeigten sich auf ihrer Haut. Einmal tief Luft holen, so tief es geht: Es riecht nach nasser Erde und ein bisschen wie der Keller von Oma.
Der Hang wurde steiler. Weissbart saß oben am Rand und putzte sich das Gesicht. “Warte aufs Osterkind!”, rief Emma wieder – diesmal leiser, denn ihr Mund war trocken. Sie stemmte die Hände in den Matsch, schob sich nach oben. Der Schuh rutschte ab. Sie glitt zwei Hände breit hinunter, die Erde schmeckte kälter, der Wind zog einmal kalt durch den Nacken.
Noch mal. Rechts vom alten Baum, wo sich zwei Wurzeln wie Finger verdrehten, tastete Emma nach Halt. Der Matsch gab erst nicht nach, dann knackte darunter eine kleine Wurzel – diesmal hielt sie. Fester drücken, Ellenbogen anziehen, Zähne zusammenkneifen. Schritt, Hand, Schritt. Arme schwer wie Steine, aber endlich der Griff nach oben. Der Boden war dort trocken und prickelte unter den Fingern wie Sandpapier.
Weissbart schnüffelte am Gras. “Bist du verloren?”, fragte Emma, aber der Hase schlenkerte nur mit dem Kopf und stob wieder los Richtung Tal. Die Sonne stach jetzt durch die Bäume und malte helle Flecken auf Moos und Fels.
Im Tal lag alles einen Moment still. Emma beugte sich vor, der Rucksack zog schwerer am Rücken. Zwischen den Steinen stank es nach altem Wasser, es gluckerte unter dem Moos. “Haste ein Nest gesehen?”, fragte sie. Weissbart zuckte nur mit der Nase.
Emma kniete sich hin, fingerte zwischen Moos und kleinen, spitzen Steinen. Ihre Hände wurden kalt. Nichts, außer kratzigem Grün und einer Schnecke, die auf ihrem Schuh kroch. “Das kann ich besser.”, murmelte sie. Beim zweiten Anlauf konnte sie den Rucksack abnehmen. Mit beiden Händen tastete sie langsam tiefer, bis die Fingerspitzen auf etwas Rundes trafen – ein scharfer Zapfen, kein Osterei. Die Luft schmeckte jetzt fast sauer.
Sie zog die Knie an die Brust, wartete, bis ihr Atem wieder ganz ruhig schwebte. Weissbart saß drei Meter weiter und scharrte mit den Pfoten. Da war etwas unter dem Laub. Mit zittrigen Armen kroch Emma näher. Ihre Beine wurden schwerer, als ziehe jedes Moospolster sie ein kleines Bisschen zurück. Die nächste Hand griff unter einen alten Ast: Diesmal knackte nichts. Warm und weich war etwas zwischen ihren Händen – ein Büschel helles Fell! Es war kein Osterei, sondern das Versteck eines richtigen Hasenbaus.
Weissbart rieb seine Nase an Emmas Hand. Die Haut an ihren Knien war verschrammt, ihre Hose feucht bis zur Wade. Aber das Licht war weich auf dem Fell, auf ihrer Hand. Der Boden fühlte sich ruhig an. Und Weissbart zuckte langsam mit einem Ohr, als ob das Ziel noch irgendwo neben ihnen lag. Emma senkte die Stirn in das helle Fell und schmeckte noch Moos an der Lippe.




