Alexis und die Woche ohne Saltos
Alexis’ Zehen reiben entlang der rauen Sofakante. Das Muster praegt rote Linien auf den Fuss. Draussen knistert feuchtes Laub, von weitem ein Hund der bellt. Kein Getrappel aus der Turnhalle, nur die Uhr tickt und die Beine wollen unter der Decke hervor. Alexis’ Knie spannt, wenn sie den Fuss streckt; die Luft riecht nach Tee und Staub. Das Zimmer wird enger, je laenger sie daliegt.
Mit dem Finger tippt Alexis gegen das Sofapolster. Erst leise, dann lauter, vier Mal, Pause, wieder. Der Zeh zuckt bei jedem neuen Ton. Mama ruft aus der Kueche: „Soll ich dir Kakaopulver bringen?“ Alexis’ Mund formt ein Ja, aber die Stimme laesst sich Zeit. Als sie kommt, klingt sie kratzig. „Aber nur ein bisschen.“
Kakao schmeckt suess auf der Zunge; zuckrig. Aber draussen faellt der Wind gegen das Fenster. Nichts springt, nichts rollt. Alexis starrt auf das Buch mit den Maerchen. Blaetter umkleben den Daumen, rutschen wieder weg, als waeren sie zu glatt. Zu viele Worte, zu wenig Platz im Kopf. „Bist du noch wach?“ Lena steht im Flur, die Jacke noch an. „Weiß nicht.“ Alexis sammelt die Beine ein, das Knie protestiert. Lena setzt sich. Ihre Tasche schlaegt gegen das Sofa. „Soll ich was vorlesen?“
Alexis schuettelt erst, dann nickt sie. Lena nimmt ein Buch. Ihre Stimme stolpert durch Sätze. „Hier, die Fee… Nee, das ist doof… Ah, Spatzenkinder.“ Plötzlich lacht sie. Sie liest zu schnell, verhaspelt sich. Alexis laesst den Kopf in das Kissen sinken. Die Worte prallen ab, aber Lenas Schnellen Atmen macht die Luft leichter.
Nachmittags ist das Fenster beschlagen. Alexis haelt den Finger dagegen, malt eine Spirale. Der Dampf schluckt den Strich sofort. Sie drueckt fester, der Finger wird kalt. Mama kommt und stellt Buntstifte hin. „Magst du was malen?“ Alexis murrt ein Geraeusch, dann legt sie einen Bogen Papier auf die Lehne. Sie versucht ein Turnrad. Die Linie ist schief. Noch eine. Wieder eiert die Figur. Sie wirft den Stift, er rollt unter die Couch. Kein Rad. Nur Striche. Die Luft schmeckt saurer.
Am Abend beisst Alexis in die Schrippe. Krümel haften auf der Zunge. Am Fenster draussen Lichter. Alexis ruft: „Kann ich kurz raus?“ Die Beine spueren das Gewicht beim Aufstehen. Mama nickt, reicht den Mantel. Die Tuerschwelle wirkt hoch, als waere sie geschrumpft. Im Garten faeßt Alexis nach dem nassen Ast. Die Hand rutscht ab, Rinde klebt an den Fingern. Ein zweiter Griff. Mehr Halt, aber der Wind pustet Haselblaetter auf die Schuhe. Alexis hockt sich ins feuchte Gras, die Knie werden kalt, das Ziehen im Bein erinnert sich.
Am dritten Tag probiert Alexis Knete. Ein bunter Klumpen rutscht erst aus der Hand, bleibt dann an den Fingern haften. Die Figur wird zu dick, der Kopf rollt ab. Sie laesst alles stehen. Im Flur faengt sie ein leises Telefonat von Mama auf. „… vermisst das Turnen schon…“ Die Schritte werden langsamer, zurueck aufs Sofa. Die Decke ist zu warm. Am naechsten Tag faltet Alexis Papierflugzeuge. Der erste dreht sich im Flug, stuerzt gegen den Tisch. Der zweite gleitet, knickt am Fensterbrett ein. Sie drueckt, streicht die Falten glatter, gibt dem Papier mehr Zeit.
Lena ruft an, die Stimmen ueberschneiden sich im Hörer. „Wann darfst du wieder?“ – „Bald.“ – „Was machen wir bis dahin?“ – „Weiß nicht. Mal was bauen?“ Am Fenster rauschender Regen.
Am Freitag kommt Mama mit Bandagen. „Geht’s?“ Alexis beugt das Knie. Das Ziehen ist weniger. „Darf ich morgen wieder?“ – „Wenn du magst.“ Das Herz trommelt ungewohnt laut im Brustkorb, die Zunge stolpert über die Antwort.
Am Morgen riecht die Luft in der Turnhalle nach Gummi und Holzstaub. Alexis schleift die Tasche uebers Pflaster. Die Schritte sind langsam, der Bauch eng. Lenas Rufen von drinnen. Alexis hebt einen Fuss auf die Matte.
Die Haende pressen in den Schaumstoff. Ein leises Zittern im Arm. Knie durch, Schwung holen. Die Decke ist weit oben, der Boden unruhig fest. Alexis dreht. Landet. Bleibt stehen.
Der Boden bleibt. Einen Augenblick laenger als sonst.




