Sammy und der Zahnarzt
Ein leises Schmatzen am Napfrand mischt sich mit dem dumpfen Aufprall von Sammys Rute auf dem Wohnzimmerboden. Statt nach Futter zu betteln, bleibt der Hund sitzen, die Vorderpfoten breit auf die Dielen gestemmt, der Napf ein Schritt zu weit weg. Das übliche Knurren seines Magens klingt schlaffer als sonst. Mia schiebt ihm sein Lieblingsfutter näher, der Geruch schiebt sich durch Sammys große schwarze Nase: Rind, ein Hauch Möhrensaft und ein winziges bisschen Katzengeruch von draußen klebt am Napfrand.
Normalerweise würde Sammy zu gierig schnappen, mit den Barthaaren in der Pfütze landen. Heute presst er die Lefzen zusammen, legt den Kopf schief, sein Blick tupft nur über das Dunkle im Napf. Einmal schnauft er, schnuppert, zieht die Nase ruckartig zurück, als ob das Futter sticht. Dann streckt er die Zunge seitlich ein Stückchen heraus, zieht sie wieder ein. Mia stupst ihn an. “Du bist doch mein kleiner Staubsauger! Mach schon, sonst klaut die Katze alles.”
Sammy wedelt – aber zu kurz. Das Fell am Hinterteil zittert, die Ohren zucken zum Kühlschrank. Er setzt an, streckt die Vorderläufe zum Napf, dann sackt er ein wenig nach hinten und rutscht fast auf dem blanken Boden aus. Der Napf klackert. Sammy sieht Mia an, sie sieht aus, als überlege sie, den Napf selbst zu probieren. “Mia, hol deinen Schal, wir gehen mal zum Tierarzt.” Mamas Stimme schneidet durch den Raum. Mia springt, ihr Schal schleift über den Boden, kleine Staubfussel bleiben darin hängen. Sammy rollt sich etwas ein, als Mia die Leine sucht.
Draußen frisst sich kalte Luft durch Sammys Fell. Die kleinen Splitter im Schnee brennen an den Ballen, er tänzelt von einer Seite auf die andere, jeder Schritt zieht schwerer, weil sein Bauch so leer ist. Mia redet unaufhörlich: “Glaubst du, der Tierarzt hat Gummibärchen für Hunde?” “Wie viele Zähne hat so ein Hund überhaupt, Sammy?” Sammy schnuppert an einem Stein, ignoriert den Keks, den jemand beim Bäcker verloren hat. Sein Maul bleibt fest geschlossen. Die Geräusche am Straßenrand rauschen an ihm vorbei, alles riecht zu scharf, als ob der Wind Zwiebeln heranträgt.
In der Tierarztpraxis springt der Geruch von Desinfektionsmittel mit kaltem Metall und einer dicken Schicht nassem Fell gegen sein Gesicht. Sammy will sitzen, aber seine Hinterhand findet keinen festen Halt auf dem gefliesten Boden. Mia hockt sich zu ihm, legt einen Arm um seinen Rücken. Ihre Hand kratzt kurz ungeschickt hinter seinem Ohr. Beim ersten Bellen aus einem Nebenraum zucken Sammys Ohren, seine Lefzen flattern leicht, der ganze Körper zieht sich unter dem Fell zusammen.
Die schwere Tür geht auf, die Tierärztin winkt. “Na, wer kann denn keinen Keks mehr mampfen?” Sammy schielt zu Mia, ihre Finger verkrallen sich in sein Halsband. Er lässt sich ins Behandlungszimmer führen, die Pfoten knicken ein Stück auf dem kalten Metalltisch. Ein glattes Stethoskop streift über sein Fell, alles riecht nach Mensch und fremden Tieren. Die Ärztin tastet vorsichtig sein Maul. Sammy drückt sich weg, ein warmer Schwall Sabber tropft auf Mias Jacke. Er blinzelt, als die Tierärztin mit der kalten Lampe an sein Zahnfleisch leuchtet. Sammy würde am liebsten verschwinden, aber Mias Hand ruht fest am Halsband.
Die Tierärztin murmelt zu Mia: “Hier ist es ein bisschen wund. Du hast ganz schön tapfer durchgehalten, Großer.” Sammy rutscht beim Absteigen vom Tisch mit der Kralle in einen Spalt. Die Luft draußen fühlt sich anders an – schwerer und trotzdem frischer. Mia hält Sammy die Leine locker, er trottet neben ihr her, Nase tief, der Winterwind kitzelt kühl in seiner Kehle.
Zuhause schiebt Mia den Napf wieder zu ihm. Ein langer Augenblick. Sammy steht, das Gewicht auf den Hinterläufen, die Schnauze knapp über dem Futter. Seine Schultern sinken, der Atem wird länger. Er nimmt ein Stückchen Futter, kaut langsam, mit halb geschlossenen Augen. Mias warme Hand liegt noch immer auf seinem Nacken, als draußen eine Schneeflocke auf das Fensterglas tupft.



