Fee Lumi und das Salzwasser-Meer
Fee Lumi tauchte aus dem warmen Dämmer des Waldes an das Meer wie aus einem alten, vertrauten Lied in einen neuen, salzigen Wind. Ihre Flügel fühlten sich schwer an, als hätte Nebel im Morgengrau daran genascht. Unter ihren Zehen war nichts Weiches, sondern nasser Sand, der klebte zwischen Haut und Herz.
Das Licht tanzte weit. Selbst Lumis innere Funken, die sonst im Schatten prickelten, wurden hier vom Wind fortgetragen, leise wie Schlafgedanken. Sie flüsterte einen Blütenzauber – doch er zerrann, noch bevor der erste Hauch die Luft fand. Statt Blumenduft nur Salzgeruch, so prägnant, dass es an der Nase brannte und in Erinnerung blieb. Lumi sog die neue Schwere tief ein, langsam, als würde der Ozean sie kurz festhalten. Zaubern am Meer war wie Niesen im Wind.
Sie tastete mit den Füßen durchs zerlöcherte Ufer, spürte Muschelkanten und mooriges Gras. Jedes Stück Land war glitschig, kühl. “Mein Wald fehlt hier,” dachte Lumi, aber der Gedanke tropfte ab wie Wasser von einem Stein.
Aus einer Pfütze, von Algen überzogen, klackerte es: Krabbenkind Knips, kleiner als vorgesehen, aber mit Scheren, die im Sonnenlicht Funken tasteten. Knips, dessen Lachen sich wie eine Muschel schloss, redete nicht vom Anfang und nie vom Ende. “Hier kann ich laufen, wo du schwimmen willst,” schmatzte das Krabbenkind, und Lumi ahnte nicht, ob das Witz war oder etwas anderes.
Gemeinsam glitten sie zwischen Felspools, in denen das Wasser nach Himmel und alten Geschichten schmeckte. Lumi versuchte Licht zu weben, doch jeder Funken wurde glitschig, zerplatzte, ließ ihre Schultern schmerzen, als hätte das Meer einen Preis gefordert für jeden Gedanken, der anders war. Ihre Handflächen kribbelten noch lange – als hätte sie heißes Gras berührt, dann kalten Stein.
Knips kicherte nur leise, bewegte sich durch das Seil aus Schatten im flachen Wasser. “Siehst du meine Höhle? Sie schnurrt, wenn das Meer atmet…” Lumi folgte ihm, verlor dabei eine Feder, fand sie glänzend-nass zwischen dem Tang, schwer wie Nebel am Morgen, doch irgendwie richtig.
In der Höhle war die Luft feucht, und mit jedem Herzschlag pochte draußen die Flut. Lumi legte sich auf den glatten Stein. Ihre Flügel waren feucht bis in die Mitte, der Rücken warm vom Salz. Knips rupfte an ihren Zehen und verschwand wieder. Alles war gleichzeitig fremd und still hier, keinen Duft, nur die Fülle von Wasser, das niemals schläft.
Lumi schloss die Augen. Ihr Körper summte noch nach, wie von einer winzigen Melodie, die im Meer verloren geht und als anderer Rhythmus zurückkehrt. Das Meer murmelte durch den Stein. Die Flügel würden erst spät trocknen.
Draußen am Eingang, zwischen den Rissen im Felsen, wuchs am Morgen ein einzelner Moosfleck, wo gestern noch keiner war.




