Fee Diana ohne Feenstaub
Im Herbst hing der Feenwald tief über seinen eigenen Wurzeln, und jedes Blatt, das auf den Boden gefallen war, hatte dort unten die Größe eines Daches. Fee Diana erwachte in einer zusammengerollten Buche, die ihr in der Nacht als Bett gedient hatte, und tastete nach dem kleinen Beutel an ihrer Hüfte.
Er war offen.
Er war leer.
Ohne Feenstaub lagen ihre Flügel schwer an ihrem Rücken, nicht verletzt, nur müde, als hätten sie in einem langen Traum zu viel getragen. Diana war eine Fee, die gewöhnlich über Farnspitzen hinwegging, ohne sie zu berühren, und doch stand sie nun mit nackten Füßen im Moos, das unter ihr nachgab wie ein alter, weicher Gedanke.
Sie war mutig genug, den ersten Schritt zu tun. Sie war besorgt genug, ihn sehr langsam zu setzen.
Die Grashalme neben dem Wurzelpfad ragten über sie hinaus wie schlanke Bäume. Ein Kieselstein versperrte den Weg, grau und rund und hoch wie ein Hügel für jemanden, der sonst mit einem Fingerschnippen über ihn hinweg gewesen wäre. Diana legte die Hand auf das Moos und lauschte mit der Haut.
Ihr Feensinn war noch da.
Er kam nicht als Bild. Er kam als Kribbeln in den Handflächen, als hätte der Boden ihr eine winzige Frage gestellt. Irgendwo vor ihr war der Feenstaub gerollt, gesprungen, liegen geblieben. Diana schloss die Augen, bat die Wurzeln um Richtung und spürte ein Ziehen nach links.
Dann zog es auch nach rechts.
Der kleine Zauber hatte sich verhaspelt. In Dianas Fingern blieb ein taubes Prickeln zurück, und ihre Zunge fühlte sich trocken an. Magie nahm sich, was sie brauchte, auch wenn sie nur flüsterte.
Auf dem rechten Pfad bewegte sich ein braunes Haus mit zwei Fühlern. Schnecke Slo kam heran, so langsam, dass ein fallender Tautropfen neben ihr alt geworden wäre, bevor sie ihn erreichte.
Slo sprach bedächtig: ‘Wer seinen Weg verloren hat, sollte nicht nur nach vorn suchen.’
Diana setzte sich auf einen Wurzelknubbel. ‘Mein Feenstaub ist fort. Ohne ihn bin ich kaum größer als meine Angst.’
Slo nickte, und dabei brauchte ihr ganzer Kopf Zeit. ‘Ich bin langsam, aber ich komme an Stellen an, an denen Eilige nie waren.’
Das war wahr. Slo kannte die Ränder der Steine, die weichen Lücken zwischen Wurzeln und die feuchten Mulden, in denen ein Fuß nicht einsank, wenn man ihn schräg setzte. Diana ging neben ihr her. Jeder Schritt war eine kleine Entscheidung. Ein Grashalm bog sich und wurde zur Brücke. Ein Ahornsamen lag da wie ein Boot, das seinen Fluss vergessen hatte.
Dann begann der Regen.
Er fiel nicht wie Regen für große Tiere fällt. Er kam als Trommeln auf Blätter, als schwere kalte Schläge in den Boden. Diana duckte sich unter einen Pilzhut, aber Wasser lief an seinem Rand herab und fand sie trotzdem. Slo zog ihr Haus näher heran und machte aus Langsamkeit eine Mauer.
Diana hob beide Hände. ‘Blatt, erinnere dich an den Baum’, murmelte sie.
Ein abgefallenes Blatt krümmte sich über sie, gehorsam, aber nicht dicht genug. Der Zauber hielt nur halb. Tropfen sickerten hindurch. Dianas Knie wurden weich, als hätte jemand die Federn aus ihnen genommen, und ihre Stimme blieb für eine Weile dünn wie Spinnfaden.
Doch das Blatt hielt lange genug.
Als der Regen weiterzog, war der Pfad nicht mehr derselbe. Erde hatte sich verschoben, und der Geruch von nassen Wurzeln lag tief im Wald. Aus einem dunklen Gang schob sich Regenwurm Willi, glatt und ernst.
Willi mochte keinen trockenen Himmel, aber er wusste mehr über ihn als manche Vögel, weil er jeden Schritt hörte, der von oben kam. Er hob den vorderen Teil seines Körpers und lauschte in die Erde.
‘Etwas Leichtes ist über den Boden gehüpft’, sagte er. ‘Und etwas Schweres läuft ihm nach.’
Diana fühlte das Kribbeln wieder. Diesmal kroch es bis in ihre Ellenbogen. Ihr Feenstaub war nah, aber zwischen ihr und dem Suchen lag ein Schatten mit Pfoten.
Katze Grau.
Sie saß auf dem Moosteppich, groß wie ein Hügel mit Ohren, und ihr Schwanz bewegte sich langsam über den Wurzelpfad. Grau jagte, wenn etwas rannte. Grau schnupperte, wenn etwas zitterte. Und doch sammelte sie verlorene Dinge unter einer Brombeerwurzel: Federn, Nussschalen, einen Knopf aus Menschenstoff.
Zwischen ihren Vorderpfoten lag Dianas Beutel.
Diana hielt den Atem klein. Slo zog sich ein wenig in ihr Haus zurück, blieb aber da. Willi verschwand halb in der Erde und blieb ebenfalls da, was bei einem Regenwurm fast schon Tapferkeit mit Hut bedeutete.
Die Fee hätte früher einen Schlafkreis in die Luft gestreut. Jetzt hatte sie keinen Staub. Nur ihre Stimme. Sie summte den Schlafknoten, den Feen singen, wenn junge Disteln zu wild träumen.
Der Klang war weich. Er legte sich auf Graus Schnurren, fand dort aber keinen Halt. Die Katze blinzelte nur und gähnte. Der Zauber klappte nicht ganz. Dianas Brust wurde eng, und in ihren Schultern blieb eine Kälte sitzen.
Grau senkte den Kopf. Eine Pfote hob sich.
Diana trat vor. Klein. Nass. Ohne Staub. ‘Das gehört zu mir’, sagte sie, und ihre Stimme war nicht laut, aber sie lief geradeaus.
Die Katze hielt inne. Ihre Schnurrhaare bebten, denn an dem Beutel hing ein Rest Feenduft, kitzelnd wie ein Gedanke, den man nicht niesen möchte. Grau war gefährlich, weil sie spielen konnte, ohne zu wissen, wie zerbrechlich ein Spielzeug war. Aber sie war auch vorsichtig mit Dingen, die nicht davonliefen.
Slo kroch einen einzigen Schneckenschritt voran und hinterließ eine feuchte Spur. Willi schob von unten einen Erdbuckel hoch. Der Beutel rollte, langsam, nur ein Stück, dann noch eins, bis Diana ihn mit beiden Armen umfassen konnte.
Er war schwer vor Bedeutung und leicht vor Inhalt.
Ein wenig Feenstaub war noch darin, verklumpt vom Regen, müde vom Boden. Diana nahm nur eine Prise. Sie streute sie nicht in die Luft, sondern rieb sie zwischen ihre Handflächen. Es wurde warm in ihren Knochen. Nicht sehr. Genug.
Ihre Flügel hoben sich einen Fingerbreit, dann eine Handbreit. Dafür begann ihr Herz zu stolpern, als wäre es zu schnell gelaufen. Magie zahlte nie mit leeren Münzen. Diana wartete, bis der Schlag wieder leise wurde.
Dann verbeugte sie sich vor Slo, vor Willi und sogar vor Katze Grau, die den leeren Platz zwischen ihren Pfoten betrachtete, als hätte er ihr eine Geschichte erzählt.
Diana flog nicht hoch. Sie glitt nur bis auf eine niedrige Wurzel. Von dort sah der Boden nicht kleiner aus. Er war noch immer ein Land aus Wegen, Mulden, Dächern und Gefahren. Der Himmel wartete darüber, aber Diana hielt den Beutel fest und schaute zurück auf die Schneckenspur, den kleinen Erdhügel und die Pfotenabdrücke im Moos.
Später, als sie wieder zwischen den Farnen schlief, blieb an ihren Füßen ein kühler Geruch nach nasser Erde. Neben ihrem Feenstaubbeutel klebte ein winziges Moosblatt, und niemand nahm es ab.




