Fee Sila und der Sonnenbann
Als die Sonne zum dritten Mal über derselben Farnspitze stand, rollten sich die Blätter im Feenwald ein, als wollten sie ihre grünen Gedanken verstecken. Der Boden war warm bis tief hinunter zu den Wurzelbetten, und aus den Pilzhäuschen stieg ein trockener Geruch, dünn wie altes Papier.
Fee Sila saß vor dem Sonnenstein und hielt beide Hände in den Schoß. Ihre Flügel hingen schwer an ihrem Rücken. Am Morgen hatte sie nur ein wenig Sommerwärme binden wollen, damit die Brombeeren schneller reiften. Sila war klein genug, um in einer Glockenblume zu schlafen, doch der Stein hatte auf sie gehört, als wäre sie eine Königin der Mittagshöhe.
Nun ging die Sonne nicht unter.
Der Feenwald kannte lange Tage. Er kannte heiße Tage. Aber dieser Tag blieb liegen wie ein Tier, das nicht weiterwollte. Die Bäche wurden leiser. Die Pilze schrumpften an ihren Rändern. In den Mooswiegen wachten die Raupen auf und schliefen gleich wieder ein, weil sogar Träumen Mühe machte.
Sila stand auf. Mut wohnte in ihr, aber er trug ein besorgtes Gesicht. Sie legte die Fingerspitzen auf den Sonnenstein. Unter ihrer Haut kribbelte es, erst fein, dann hart, als liefen kleine Körner durch ihre Adern. Sie flüsterte den Schattenfaden, den jede Fee für solche Fälle lernt.
Der Bann gab nach.
Ein Atemzug lang wurde die Hitze dünner. Dann schnappte sie zurück und setzte sich Sila auf die Schultern. Ihre Knie wurden weich. Aus ihrer Nase tropfte ein winziger roter Punkt auf den Staub. Magie nahm sich ihren Lohn, auch wenn man es eilig hatte.
Vom Rand der Lichtung kam ein schwaches Ticken. Pip, das Glühwürmchen, flog heran. Sein Bauch gab kaum noch Helle von sich, und doch fand er den Weg besser als alle Nachtfalter des Waldes. Pip war geboren, um Dunkelheit zu tragen, und ausgerechnet im zu langen Tag wurde er Silas Führer.
„Erno“, sagte Pip, und seine Stimme war klein. „Er weiß, was der Stein vergisst.“
Der Alte Baum Erno stand am Hügel, wo die Wurzeln tiefer reichten als manche Geschichten. Seine Krone war groß, aber seine Blätter raschelten nicht mehr. Er sagte wenig, weil in ihm ganze Winter schwiegen. Sila legte ihre Hand an seine Rinde. Sie war rau und viel zu warm.
Erno schwieg.
Sila wartete. Bei ihm war Warten keine Lücke, sondern eine Tür.
Nach einer langen Weile fiel eine einzelne Eichel neben ihre Füße. Sie war noch grün und roch nach Regen, obwohl kein Regen im Himmel lag. Pip kroch auf die Eichel, horchte mit seinem ganzen kleinen Körper und nickte.
„Mondlichtquelle“, sagte er. „Unter den kühlen Steinen.“
Sila hob die Eichel auf. Sie wog mehr als sie sollte. Verantwortung hat oft ein kleines Gewicht, das man nicht ablegen kann.
Sie gingen los. Pip flog niedrig, weil die Luft oben schwerer war. Sila folgte ihm zwischen Farnen hindurch, deren Spitzen an ihren Armen kratzten. Jeder Schritt zog Wärme aus dem Boden in ihre Füße. An einer Stelle lag ein vertrockneter Schneckenschleim wie ein silberner Faden, und Sila musste daran denken, dass ihr kleiner Fehler Wege berührte, die sie nie gesehen hatte.
Die Mondlichtquelle lag in einer Mulde aus Steinen, die auch am heißesten Sommertag kühl blieb. Heute war sie nur beinahe kühl. Das Wasser sang nicht, wie es sonst tat, sondern summte müde, als hätte es zu lange einen schweren Traum gehalten. Sila kniete sich hin. Der Stein in ihrer Hand zog nach vorn.
„Du musst den Tag nicht fortschicken“, murmelte Pip. „Nur heimbringen.“
Sila nickte. Das klang leichter, als es war. Sie tauchte die Eichel in die Quelle und spürte die Kälte bis in ihre Zähne. Dann legte sie die nasse Eichel auf ihre Zunge, denn alte Gegenbänne wollten nicht nur Worte, sondern den Mut, etwas Bitteres zu tragen.
Sie sprach leise.
Der erste Spruch zerbrach in ihrem Mund. Er schmeckte nach Asche. Sila hustete, und ihre Flügel zitterten so stark, dass Pip sich an einem Grashalm festhalten musste. Die Quelle schwieg.
„Noch einmal“, sagte Sila.
Niemand widersprach. Nicht einmal Erno in der Ferne, dessen Schweigen bis hierher reichte.
Sila nahm den Sonnenstein aus ihrer Tasche. Er war heiß genug, dass ihre Handfläche schmerzte. Sie setzte ihn in das Quellwasser. Es zischte nicht. Manche Dinge machen keinen Lärm, wenn sie wehtun. Das Kribbeln kam zurück, tiefer diesmal, nicht in den Fingern, sondern im Bauch, dort, wo Angst und Entschluss nebeneinander sitzen.
Sila sprach den Bann rückwärts, Wort für Wort, und gab jedem Wort etwas von sich mit. Dem ersten gab sie ihre Kraft in den Knien. Dem zweiten die Wärme aus ihren Wangen. Dem dritten einen Tag ihrer fröhlichen Leichtigkeit. Nach dem vierten war sie so müde, dass Pip gegen ihre Schulter flog, um sie wach zu halten.
Der Sonnenstein wurde still in ihrer Hand.
Über dem Wald ließ die Hitze los. Nicht ganz. Nicht sofort. Sie löste ihre Finger einzeln. Die Blätter blieben eingerollt, doch sie hielten nicht mehr den Atem an. Aus der Ferne kam ein tiefer Laut, kaum mehr als ein Knacken in alter Rinde. Erno hatte sich bewegt.
Sila sank neben die Quelle. Ihre Flügel lagen auf dem Stein wie nasse Blüten. Pip setzte sich auf ihren Daumen. Seine Helle war schwach, aber sie war da.
Dann kam der erste Regen.
Er war kühl auf Silas Stirn, so kühl, dass sie zitterte und lachte, ohne ein Geräusch zu machen. Tropfen liefen über ihre Arme und nahmen Staub mit. Der Feenwald trank langsam. Sila blieb liegen, bis ihre Atmung wieder zu ihr passte.
Später trug Pip sie bis zu Ernos Wurzeln, obwohl er kaum größer war als ein Samen. Erno sagte kein Wort. Ein Blatt senkte sich über Sila und hielt den Regen nicht ab, nur die Schwere.
Am Morgen danach stand die Sonne wieder an ihrem Weg. Neben dem Sonnenstein wuchs ein kleiner Mooskreis, kühl unter Silas Fingerspitzen. In ihrer Handfläche blieb ein feiner Halbmond, blass und kalt, selbst als der Sommer zurückkehrte.




