Kein Schatten für zwei
Der Stadtpark lag flach in der Hitze. Die Wege waren hell, die Bänke leer, und sogar die Tauben standen so da, als hätten sie vergessen, warum sie losgelaufen waren.
Nur unter dem großen Baum war ein dunkler Fleck. Nicht groß. Ungefähr so groß wie eine Picknickdecke, wenn man sie nicht ganz ausbreitete.
Luca sah ihn zuerst.
Er zog seine rote Kappe tiefer ins Gesicht und rannte nicht, weil Rennen bei dieser Hitze dumm war. Er ging nur schneller. Sein T-Shirt klebte am Rücken, und seine Wasserflasche klopfte gegen sein Bein.
Als er den Baum erreichte, setzte er sich genau in die Mitte des Schattens.
„Meins“, sagte er zu niemandem.
Der Schatten sagte nichts. Er blieb knapp.
Dann kam Nora.
Sie hatte einen gelben Rucksack auf einem Arm und ein Buch unter dem anderen. Ihre Zöpfe hingen schief, als hätten sie auch keine Lust mehr. Sie blieb vor Luca stehen und sah auf den Schatten.
„Rutsch mal.“
Luca blinzelte zu ihr hoch. „Warum?“
„Weil da Platz ist.“
„Da ist mein Platz.“
„Du bist nicht so breit.“
Luca legte seinen Arm neben sich auf den Boden, als müsste er beweisen, dass er doch so breit war. „Jetzt schon.“
Nora stellte ihren Rucksack ab. Halb im Schatten, halb in der Sonne.
„Dein Rucksack schwitzt nicht“, sagte Luca.
„Weißt du doch gar nicht.“
Sie setzte sich an den Rand. Ein Knie in der Sonne, ein Knie im Schatten. Luca zog seinen Schuh ein Stück zurück, obwohl er so tat, als hätte er nur einen Stein unter der Sohle.
Eine Weile sagten sie nichts. Die Hitze setzte sich zwischen sie, schwer und frech. Vom Brunnen auf der anderen Seite des Weges kam ein dünnes Plätschern.
Nora zog ihr Buch auf den Schoß. Sie schlug es auf, las aber nicht.
„Du atmest laut“, sagte Luca.
„Du sitzt laut.“
„Sitzen macht kein Geräusch.“
„Bei dir schon.“
Luca sah zum Brunnen. Das Wasser lief in einem kleinen Bogen aus dem Hahn und verschwand in der runden Schale. Seine Flasche war noch halb voll. Er schüttelte sie leise. Nicht so, dass Nora es sehen sollte.
Nora sah es.
„Ich hab auch Wasser“, sagte sie.
„Hab ich gefragt?“
„Nein.“
Sie nahm ihre Flasche aus dem Rucksack. Sie war leer.
Luca schaute weg. „Tolles Wasser.“
„Ist durchsichtig.“
„Ist nichts.“
„Manchmal ist nichts leichter zu tragen.“
Luca verstand nicht genau, ob das ein Witz war. Er wollte nicht lachen, weil Nora dann vielleicht dachte, sie dürfte bleiben. Also zupfte er an einem trockenen Grashalm.
Der Schatten rutschte ein kleines Stück. Erst lag Noras Knie in der Sonne. Dann Lucas Fuß.
„Der Baum bewegt sich falsch“, sagte Nora.
„Bäume bewegen sich nicht.“
„Dieser schon. Gegen mich.“
Luca zog seinen Fuß zurück. Nora rückte nicht nach. Sie blieb mit ihrem Knie in der Sonne sitzen und presste die Lippen zusammen.
„Du kannst rücken“, sagte Luca.
„Ich will nicht in deinen Platz.“
„Dann lass es.“
„Mach ich ja.“
Sie sah stur auf ihr Buch. Auf der Seite war ein Bild von einem Polarfuchs im Schnee. Luca sah es auch. Schnee sah an diesem Tag aus wie ausgedacht.
„Der friert bestimmt“, sagte er.
„Nein. Der hat Fell.“
„Vielleicht will er trotzdem unter einen Baum.“
„Im Schnee?“
„Man weiß nie.“
Nora klappte das Buch zu. „Du redest dauernd.“
„Du hast angefangen.“
„Ich hab nur Rutsch mal gesagt.“
„Das ist anfangen.“
Wieder das Plätschern vom Brunnen. Luca nahm seine Flasche, trank einen kleinen Schluck und machte den Deckel zu. Sehr langsam.
Nora stand auf.
„Gehst du?“ fragte Luca.
„Nein.“
Sie nahm ihre leere Flasche und ging zum Brunnen. Luca sah ihr nach. Der Schatten war jetzt größer für ihn. Zu groß vielleicht. Er setzte sich breiter hin, aber das half nicht richtig.
Am Brunnen drückte Nora auf den silbernen Knopf. Erst kam nur ein müder Tropfen. Dann ein dünner Strahl. Sie hielt ihre Flasche darunter. Das dauerte.
Luca legte seine Kappe neben sich auf den Boden. Die Stelle, wo Nora gesessen hatte, war dunkel und frei. Ein Käfer kroch darüber und bog vor dem heißen Rand um.
Nora kam zurück. Ihre Flasche war voll. Sie blieb vor dem Schatten stehen.
„Da ist ein Käfer auf meinem Platz.“
Luca schob die Kappe vor den Käfer, bis er darunter kroch.
„Jetzt nicht mehr.“
Nora setzte sich. Diesmal ein bisschen näher.
„Deine Kappe hat Beine“, sagte sie.
„Nur wenn sie muss.“
Sie hielt ihm ihre Flasche hin.
„Du hast noch“, sagte sie.
„Ja.“
„Dann eben nicht.“
Sie stellte die Flasche zwischen sie, genau auf die Grenze, die keiner gemalt hatte.
Luca tat so, als sähe er sie nicht. Dann nahm er seine eigene Flasche und stellte sie daneben. Die beiden Flaschen berührten sich mit einem kleinen Klack.
Nora zog aus ihrem Rucksack ein zerknicktes Blatt Papier. Sie faltete es auseinander. Es war ein Stadtplan, aber so oft geknickt, dass die Straßen kreuz und quer liefen.
„Willst du Wind?“
„Wind kann man nicht wollen.“
„Doch.“
Sie wedelte mit dem Blatt. Erst zu sich, dann aus Versehen zu Luca. Ein warmer Luftstoß streifte sein Gesicht. Es war kaum kühler, aber es bewegte etwas.
„Falsch rum“, sagte Luca.
Nora hielt an. „Dann mach selber.“
Sie reichte ihm das Blatt. Er nahm es nicht sofort. Dann doch. Er wedelte zweimal zu sich, einmal zu Nora, wieder zu sich. Beim vierten Mal wartete er und wedelte länger zu ihr.
Nora schloss die Augen. Nur kurz.
„Du wedelst schief“, murmelte sie.
„Absicht.“
„Klar.“
Der Schatten wurde schmaler. Sie mussten beide die Beine anziehen. Lucas Knie stieß gegen Noras Rucksack.
„Nicht treten.“
„Der Rucksack tritt zurück.“
Nora zog ihn auf ihren Schoß, aber das Buch rutschte heraus. Luca fing es, bevor es in den Staub fiel.
„Ist nur ein Polarfuchs“, sagte er.
„Ist meiner.“
„Hab ich gemerkt.“
Er gab ihr das Buch, ohne die Seite zu knicken. Nora nahm es und legte es zwischen die beiden Flaschen, als wäre dort ein Regal.
Vom Brunnen kamen zwei kleinere Kinder, tropfend an den Händen. Sie liefen vorbei und spritzten mit ihren Fingern Wasser auf den Weg. Ein paar helle Punkte landeten im Staub vor dem Baum.
Nora sah hin. Luca auch.
„Wir könnten unsere Füße nass machen“, sagte Nora.
„Ich nicht.“
„Ich auch nicht.“
Sie standen beide auf.
Am Brunnen war der Stein warm. Luca drückte den Knopf, Nora hielt beide Flaschen. Dann wechselten sie, ohne zu fragen. Das Wasser lief über Lucas Finger. Nora stellte einen Fuß in die flache Pfütze unter dem Brunnen.
„Du machst es doch“, sagte Luca.
„Nur der Fuß.“
„Der gehört zu dir.“
„Nicht bei Hitze.“
Luca stellte seinen Fuß dazu. Ihre Sandalen standen nebeneinander im Wasser, und keiner guckte den anderen an.
Als sie zurück zum Baum gingen, trug Nora Lucas Kappe, weil er beide Flaschen hielt. Unter dem Baum war der Schatten noch kleiner geworden. Sie setzten sich seitlich hin, Schulter fast an Schulter, Knie angewinkelt, das Buch auf Noras Schoß und der zerknickte Stadtplan in Lucas Hand.
Er wedelte. Sie blätterte. Nach einer Weile schob sie das Buch so, dass Luca den Polarfuchs sehen konnte.
„Der hat’s gut“, sagte Luca.
„Der muss nicht rutschen.“
„Vielleicht doch. Wenn noch ein Fuchs kommt.“
Nora sagte nichts. Sie nahm ihre Flasche, trank, und hielt sie dann hin, ohne hinzusehen. Luca nahm einen Schluck. Danach stellte er beide Flaschen wieder nebeneinander.
Die Sonne drückte weiter auf den Park. Unter dem Baum lagen zwei nasse Fußabdrücke im Staub, dicht an dicht, und darüber bewegte sich ein zerknickter Stadtplan hin und her.




