Die Fee, die den Regen stahl
Im hohen Sommer wurde der Feenwald leiser, als hätte jemand die Lieder der Blätter in eine Schachtel gelegt und den Deckel festgebunden. Die Quellen lagen in ihren steinernen Betten und gaben keinen Laut mehr von sich. Wo sonst Wasser unter Moos murmelte, blieb nur ein harter, warmer Rand, an dem die kleinen Tiere ihre Pfoten hoben und nicht wussten, wohin.
Fee Lara flog nicht mehr gern.
Ihre Flügel waren trocken geworden, dünn und störrisch, und jedes Schlagen rieb in ihr, als trüge sie zwei alte Blätter auf dem Rücken. Lara war klein genug, um in einer Glockenblume zu schlafen, doch wenn sie ein Versprechen gab, hörten sogar die Wurzeln kurz auf zu wachsen. An diesem Morgen hatte sie versprochen, die vermisste Regenfee Nyla zu finden.
Bei der letzten Quelle wartete Jona, ein Menschenkind mit staubigen Knien. Er war mutig genug, dem Rauchgeruch im Wald zu folgen, aber vorsichtig genug, jeden Schritt erst mit den Zehen zu fragen.
„Die Farne brennen am Südhang“, sagte er leise.
Lara nickte. In der Ferne knackte Holz, kurz und trocken. Der Feenwald brannte nicht mit großen Stimmen. Er brannte, als schämte er sich.
Lara streute Feenstaub über die leere Quelle und bat das Wasser, sich an seinen Weg zu erinnern. Der Staub kitzelte in ihren Handflächen, doch die Hitze fraß ihn, ehe er den Stein berührte. Er verpuffte zu einem bitteren Geschmack auf ihrer Zunge. Kein Tropfen antwortete.
Das war das erste Scheitern.
Lara setzte sich auf den Rand der Quelle. Ihre Knie zitterten. Jona hielt ihr eine Eichelkappe hin, als könne man darin Mut sammeln.
„Noch einmal?“, fragte er.
„Nicht hier“, sagte Lara. „Der Regen ist nicht verloren. Er ist versteckt.“
Hinter den trockenen Brombeeren begann der Pfad zum Wolkenberg. Er war kein Berg aus Stein. Er war das alte Lager der schweren Himmel, und wer ihn betrat, spürte Druck in den Ohren, als flüsterten viele schlafende Wolken unter der Erde. Lara ging voran. Jona folgte, langsam, mit der Hand an der Rinde der Bäume.
Je höher sie kamen, desto weniger trugen Laras Flügel. Zweimal musste sie landen. Beim dritten Mal fiel sie in den Staub und blieb einen Atemzug lang liegen. Sie war mächtiger, als ihre Größe versprach, aber heute war selbst Macht nur ein Becher, der Risse hatte.
Am Hang fanden sie eine Tür, die niemand sehen musste, um sie zu finden. Sie war kalt. Sie roch nach Gewitter, das lange warten musste.
Davor saß Dorra.
Die böse Fee wirkte alt und schmal, mit Flügeln, die an den Rändern eingerollt waren. Doch unter ihren Fingern lag ein Knoten aus trockenem Gras, und in diesem Knoten war das Rauschen vieler Wolken gefangen. Dorra sah nicht grausam aus. Sie sah aus wie jemand, der zu lange Angst gehabt hatte.
„Nyla ist dort drin“, sagte Lara.
„Nyla hat immer allen Regen gegeben“, antwortete Dorra. Ihre Stimme kratzte wie ein leerer Krug. „Als mein Dornental verdorrte, kam niemand. Jetzt bleibt der Regen bei mir, bis meine Dornen trinken.“
Jona trat einen halben Schritt zurück. Dann blieb er stehen.
Lara hob die Hand und berührte den Grasknoten. Ein kühles Kribbeln lief ihren Arm hinauf, erst freundlich, dann schwer. Sie sprach den Öffnungsspruch, den jede Fee beim ersten Nebel lernt. Der Knoten löste sich ein wenig.
Dann zog er sich fester zusammen.
Laras Flügel knackten leise. Sie biss die Zähne aufeinander. Ein feiner Riss blieb am linken Flügelrand, und mit ihm blieb ein Ziehen, das bei jedem Atemzug wiederkam.
Das war das zweite Scheitern.
Aus der Tür drang eine Stimme, klein wie ein Tropfen in einer tiefen Schale.
„Lara.“
Nyla lebte. Die Regenfee, die sonst ganze Wolkenherden heimführen konnte, klang müde und dünn. Ihre Stärke lag hinter Stein und Durst, und doch vibrierte ihr Name in Laras Brust, als hätte ein ferner Donner sie berührt.
„Ich kann den Speicher öffnen“, flüsterte Nyla. „Aber ich brauche Kühle. Nur ein wenig.“
Lara wusste, was das bedeutete. Feenflügel tragen nicht nur den Körper. Sie tragen auch das bisschen Nacht, das eine Fee in sich bewahrt, damit der Tag sie nicht verbrennt.
Dorra schloss die Hand um den Knoten. „Nein.“
Da nahm Jona den roten Faden von seinem Hemdsaum. Er war besorgt; seine Finger zitterten. Doch er band den Faden um Laras Handgelenk, damit sie sich nicht ganz an die Hitze verlor.
„Ich halte dich“, sagte er.
Lara legte beide Flügel an die kalte Tür. Sie gab ihre Kühle ab.
Es tat nicht weh wie ein Schnitt. Es tat weh wie ein Abschied. Ihre Schultern wurden schwer, ihr Atem kurz, und in ihrem Rücken blieb eine matte Stelle zurück, an der vorher leiser Abend gewohnt hatte. Hinter der Tür rührte sich Nyla. Ein Tropfen fiel. Man hörte ihn lange.
Dorra hörte ihn auch.
Ihr Gesicht wurde kleiner. „Wenn der Regen herauskommt, nimmt er alles mit“, sagte sie. „Auch meinen Vorrat.“
„Er nimmt nicht“, sagte Lara. „Er geht heim.“
Eine Weile antwortete Dorra nicht. Dann lösten ihre Finger den Grasknoten, einen Halm nach dem anderen. Es kostete sie mehr, als Lara gedacht hatte. Mit jedem Halm wurde Dorras Stimme heiserer, als gäbe sie ein Stück von ihrem eigenen Trotz fort.
Die Tür öffnete sich.
Der Regenspeicher war kalt und dunkel. Er roch nach nahen Gewittern und alten Pfützen. Nyla trat heraus, klein, blass, zitternd, und doch senkte sich mit ihr eine Ruhe über den Wolkenberg, vor der sogar die Glut im Wald den Atem anhielt.
Nyla berührte Laras gerissenen Flügel.
„Nur der erste Regen“, sagte sie. „Mehr schaffe ich heute nicht.“
Das genügte.
Über dem Feenwald begann es zu fallen. Lara sah nicht hin. Sie spürte es. Der erste Tropfen traf ihren rechten Flügel und machte ihn schwer. Der zweite sank in den Riss am linken Rand, kühl und vorsichtig. Dann kamen mehr. Ihre Flügel tranken langsam, so langsam, dass Lara dabei stehen bleiben musste. Das Ziehen in ihrem Rücken wurde nicht ganz weniger, aber es wurde weicher.
Unten zischten die brennenden Farne leise. Die Quellen räusperten sich in ihren Steinen. Jona streckte die Hände aus, fing nichts fest und lachte trotzdem nicht laut, weil der Wald noch schlief.
Dorra stand neben der offenen Tür. Regen lief über ihre eingerollten Flügel. Sie sagte kein Wort. Im Tal, weit unter ihr, bekamen ihre Dornen denselben Regen wie alle anderen.
Als Lara am Abend in ihre Glockenblume kroch, klebte ein winziger dunkler Punkt am Rand ihres linken Flügels. Er blieb kühl, auch als die Nacht warm war.




