Der Eispalast der schmilzt
Am Rand des Feentals, wo die Sommergräser so hoch standen, dass kleine Kinder darin verschwinden konnten, lag der Eispalast der Fee Crysta. Er hatte keine Tür, weil Eis sich an gute Schritte erinnerte und aufging, wenn jemand freundlich genug fror. An diesem Morgen kam Mina den schmalen Pfad hinauf. Sie war mutig genug, allein zu gehen, doch in ihrer Tasche hielt sie einen Sorgenstein fest, den ihre Großmutter ihr gegeben hatte.
Der Palast antwortete nicht gleich. Die Wände waren dünn geworden. Wenn Mina die Hand daranlegte, fühlte sie darunter ein Zittern, als würde der ganze Bau leise atmen und sich dabei verausgaben. Vom hohen Gang fielen Tropfen. Erst einzeln. Dann dichter. Jeder Tropfen klang größer als der vorige.
Crysta stand in der Halle, kleiner als Minas Daumen und doch mit einem Namen, vor dem sogar Winterbäche innehielten. Ihre Flügel hingen schwer. Neben ihr lag Boron, der Schneelöwe, so groß wie ein Pony, aber mit Augen, die um Erlaubnis baten. Aus seinem Pelz lösten sich feine Flocken. Sie sanken nicht, sie wurden zu Wasser, bevor sie den Boden erreichten.
Der Sommer ist früh gekommen, sagte Crysta. Ihre Stimme klirrte nicht. Sie war weich und müde. Und Helo geht seinen Weg.
Helo stand draußen auf der Schwelle des Tages. Man konnte ihn nicht ansehen müssen, denn er war eher Wärme auf der Haut als Gestalt. Wenn er sprach, summten die Steine im Boden. Ich kann nicht kühler gehen, sagte er. So bin ich gerufen worden. Er klang nicht stolz. Eher wie jemand, der einen vollen Eimer trägt und keinen Tropfen verlieren darf.
Crysta hob beide Hände. Mina spürte das Kribbeln zuerst in den Zähnen, dann unter den Fingernägeln. Die Fee zog Frost aus den alten Ecken des Palasts, aus Ritzen, aus Treppen, aus den stillen Plätzen, an denen Winterträume ruhten. Für einen Atemzug wurden die Tropfen langsamer. Boron richtete sich auf.
Dann gab der Boden nach.
Nicht weit. Nur ein Fingerbreit. Aber genug, dass Mina ausrutschte und Boron sie mit der Schnauze auffing. Crysta sank auf ein Knie. Auf ihren Lippen lag ein blasser Riss, als hätte sie zu lange Schnee gegessen. Der Zauber hatte den Palast gehalten und zugleich an ihr gezogen.
Noch einmal, flüsterte sie.
Boron schüttelte seine Mähne. Dabei fiel ein Büschel Schneehaar auf den glitschigen Boden und wurde zu einem kleinen Bach. Wenn du noch einmal ziehst, nimmst du deine Kälte aus dir selbst.
Crysta tat es trotzdem. Sie war schwächer, als ihr alter Ruf versprach, und mächtiger, weil sie aufstand, obwohl ihr Körper nein sagte. Diesmal legte sie die Hand auf Borons Stirn. Der Schneelöwe brummte tief. Sein Brummen lief durch Minas Schuhe bis in ihre Knie. Aus seinem Atem kam Kühle, schwer und sanft.
Die Palastwände wurden fester. Drei Tropfen hielten sich am Rand einer Decke, als überlegten sie. Mina zählte sie. Eins. Zwei. Drei. Beim vierten lösten sie sich alle zusammen.
Boron wurde kleiner.
Nicht viel. Doch seine Schultern sanken, und unter seinem weißen Fell zeigte sich eine graue, weiche Haut, die nicht für die Hitze gemacht war. Er schämte sich nicht. Schneelöwen schämen sich selten. Aber er legte den Schwanz um die Pfoten, als wolle er sich selbst bewahren.
Mina ging zu Crysta. Gibt es einen Ort, der Schatten trinkt?
Crysta sah sie an. In ihren Augen lag Müdigkeit, und darunter etwas Waches. Der Schattenquell.
Sie gingen. Nicht hinaus in eine andere Welt, sondern tiefer in dieselbe. Der Weg zum Schattenquell führte unter Wurzeln hindurch, die sich beugten, wenn man ihnen dankte. Mina ging voran, weil sie Angst hatte und weil Angst ihre Füße sehr genau machte. Crysta saß auf Borons Rücken. Helo folgte mit Abstand, damit die Farne nicht seufzten.
Am Quell war es kühl, aber nicht kalt. Dort tropfte Schatten aus einem Steinbecken, Tropfen ohne Gewicht, Tropfen, die auf der Haut wie Erinnerung lagen. Crysta schöpfte davon in eine Nussschale. Die Schale zitterte. Schatten lässt sich ungern tragen.
Damit kann ich ihn retten, sagte sie.
Sie flog zurück. Mina rannte. Boron trabte, und bei jedem Schritt blieb ein nasser Pfotenabdruck im Gras. Helo blieb stehen, als der Palast näherkam. Ich warte hier, sagte er, und sein Summen wurde leiser.
Crysta goss den Schatten über die Schwelle.
Der Palast nahm ihn an. Für einen langen Moment wurde alles still, so still, dass Mina ihren Sorgenstein in der Tasche aneinanderreiben hörte. Dann kam ein Knacken aus den Wänden. Kein böses Knacken. Eher das Geräusch von etwas, das lange die Luft angehalten hatte.
Das Eis schmolz weiter.
Crysta hielt die leere Nussschale. Ihre Hände bebten. Ein Tropfen Schatten blieb an ihrem Handgelenk zurück und machte die Haut dort kühl. Es reicht nicht, sagte sie.
Mina wollte sagen, dass man mehr holen könne. Dass man graben könne. Dass man Helo bitten könne, anders zu sein. Aber Helo war nicht böse, und der Schattenquell war kein Fass ohne Boden, und Boron hatte kaum noch Schnee im Fell.
Da setzte Crysta sich mitten in die Halle. Das Wasser lief um sie herum. Die Tropfen fielen nun schnell, aber nicht mehr hart. Sie machte keinen neuen Frost. Sie legte nur die Hände auf den Boden und lauschte.
Der Palast wurde kleiner. Treppen wurden Rinnen. Säulen wurden Bäche. Wände wurden so dünn, dass sie sich mit einem letzten Knistern ergaben. Boron stand neben Crysta und verlor den Rest seiner Mähne. Darunter war er schmaler, fast zart, und immer noch ein Löwe.
Mina setzte sich dazu. Ihr Kleid wurde nass. Der Sorgenstein in ihrer Tasche war kühl wie ein kleiner Mond.
Als der letzte Turm zusammensank, hob Crysta den Kopf. Sie weinte nicht. Vielleicht weinen Feen anders. Vielleicht war jeder Tropfen schon Träne genug. Helo trat näher, sehr vorsichtig, und seine Wärme legte sich nicht über sie, sondern neben sie.
Wo der Eispalast gewesen war, blieb ein klares Becken zurück. Darin schwammen keine Fische. Noch nicht. Am Rand lag die Nussschale, und in ihr ruhte ein Stück Schatten, kleiner als ein Fingernagel.
Crysta berührte es. Ihre Finger zitterten, doch diesmal zog sie nichts fest. Sie drückte das Schattenstück in die feuchte Erde. Boron legte eine graue Pfote daneben. Mina legte ihren Sorgenstein dazu.
Am Abend wuchs aus der Stelle ein dünner Halm, kühl beim Anfassen. An seiner Spitze hing ein Tropfen, der nicht fiel.




