Flucht vor dem Sandsturm
Der Sand lag nicht mehr still.
Jonas sah es zuerst an seinen Schuhen. Eben hatte sein rechter Schuh noch einen klaren Rand gehabt. Jetzt kroch ein dünner gelber Faden darüber, als würde die Wüste heimlich anfangen zu laufen.
Leo hockte sich hin und stupste den Sand an. „Der bewegt sich.“
Papa antwortete nicht. Er faltete die Karte nicht zusammen. Er zerknüllte sie auch nicht. Er steckte sie flach unter sein Hemd, zog die Wasserflasche vom Rucksack, drehte den Deckel fest zu und sah nicht mehr auf den Weg, den sie gekommen waren.
Er sah nach Westen.
Dort flimmerte die Luft so stark, dass die Felsen dahinter wackelten. Jonas hielt die Arme eng an den Bauch. Seine Haut brannte vor Hitze, aber seine Finger wurden kalt.
Leo sprang auf. „Gehen wir weiter? Da vorne sind doch die roten Felsen.“
„Nicht weiter geradeaus“, sagte Papa. Seine Stimme war leise. Er band den Gurt von Leos Rucksack enger. Dann den von Jonas. Dann seinen eigenen. Dreimal zog er daran, bis nichts mehr klapperte.
Wenn Papa Dinge festzog, kam etwas.
„Was kommt?“, fragte Jonas.
Papa hob eine Hand. Keine Rede. Kein Zeigen in den Himmel. Nur die Hand vor seinem Mund, damit sie den Sand nicht schluckten, der noch gar nicht da war.
Dann kam der erste Stoß.
Nicht stark. Nur genug, um Leos Kappe vom Kopf zu zupfen.
Leo schoss los. „Meine Kappe!“
„Leo!“ Papa packte ihn am Rucksackriemen.
Die Kappe hüpfte dreimal über den Sand und blieb an einem Dornbusch hängen. Der Busch war trocken, grau und ganz allein. Hinter ihm begann der Boden in kleinen Wellen zu rutschen.
Jonas starrte auf die Wellen. Sie liefen gegen den Wind.
„Papa“, sagte er, und seine Zähne schlugen einmal zusammen, obwohl die Hitze an seinen Wangen klebte.
„Wir brauchen Fels“, sagte Papa.
Sie liefen.
Nicht schnell am Anfang. Der Sand schluckte jeden Schritt. Jonas wollte nach hinten sehen, aber Papa sagte: „Nur zum nächsten Stein.“
Also suchte Jonas den nächsten Stein.
Ein schwarzer Brocken. Dann ein flacher heller. Dann eine Spur von kleinen Kieseln, die nicht verweht war. Warum blieb sie liegen? Jonas trat genau darauf. Der Boden war härter.
„Hier!“, rief er.
Leo kam sofort neben ihn. „Kieselstraße!“
Sie folgten der schmalen Spur. Papa lief hinten, nicht vorne. Immer wieder legte er eine Hand zwischen Jonas und Leo, als wäre seine Hand ein Zaun.
Vor ihnen kippte ein Felsdach aus der Wüste. Es sah aus wie ein offener Mund. Schatten lag darunter.
„Da rein!“, rief Leo.
Er war schon fast dort.
Papa pfiff kurz. Leo blieb stehen, ein Fuß im Schatten, ein Fuß in der Sonne.
„Erst schauen“, sagte Papa.
Jonas wollte nicht schauen. Schatten war Schatten. Sein Nacken brannte. Seine Finger waren immer noch kalt. Er drückte die Trinkflasche gegen seine Brust und ging trotzdem zwei Schritte näher.
Unter dem Felsdach lag Sand in einem hohen Haufen. Nicht glatt. Er hatte Rillen, die nach innen zeigten.
Leo trat hinein. Der Sand gab nach bis über seinen Knöchel.
„Ist weich“, sagte er.
In diesem Moment fauchte es hinter dem Fels.
Sand schoss aus einer Spalte im Rücken des Felsdachs. Er spritzte Leo gegen die Beine. Leo sprang zurück.
Papa zog ihn heraus. „Der Sturm kommt da durch.“
Jonas sah die Rillen noch einmal an. Sie zeigten nicht hinaus. Sie zeigten hinein. Der Wind hatte diesen Schatten schon benutzt.
„Dann ist das kein Versteck“, sagte Jonas.
„Nein“, sagte Papa. „Aber es sagt uns etwas.“
Leo wischte Sand von seinem Knie. „Dass die Wüste gemein ist?“
„Dass wir einen Eingang brauchen, der nicht gerade zum Wind liegt. Und innen eine Biegung.“
Der Himmel im Westen wurde unten braun. Nicht wie eine Wolke. Wie eine Wand, die zu breit war, um eine Tür zu haben.
Sie rannten wieder.
Jetzt zählte Leo laut. „Zehn Schritte. Stein. Zehn Schritte. Stein.“
Jonas zählte nicht. Er sah nur noch Kanten. Eine Kante konnte ein Schutz sein. Eine falsche Kante konnte Sand in den Mund werfen. Er suchte Rillen. Wo Rillen nach innen liefen, gingen sie nicht hin.
Der Wind zog an seinen Ohren. Papa band sein Tuch los und wickelte es Jonas um Nase und Mund. Dann gab er Leo das zweite Ende.
„Zusammen halten.“
Leo griff das Tuch. „Ich zieh nicht.“
„Doch“, sagte Jonas durch den Stoff. „Aber nach vorne.“
Da sahen sie die Felsspalte.
Sie war nicht groß. Kein Eingang für Helden. Eher ein Riss, den jemand mit einem Messer in den roten Stein geschnitten hatte. Davor lag kaum Sand. Der Boden fiel erst nach innen ab und bog dann nach rechts, weg vom braunen Westen.
Papa ging auf die Knie und hielt die Hand in den Spalt. Sein Ärmel flatterte nicht hinein. Er blieb fast still.
„Das ist sie“, sagte er.
Der Sturm antwortete mit einem Schlag.
Sand prasselte gegen ihre Rücken.
Leo drückte sich zuerst hinein. „Eng!“
„Weiter bis zur Biegung“, sagte Papa.
Jonas blieb am Eingang hängen. Sein Rucksack kratzte am Stein. Für einen Atemzug passte nichts: nicht der Rucksack, nicht seine Schultern, nicht der Mut, der irgendwo in ihm steckte und keinen Platz fand.
„Rucksack ab“, sagte Leo von innen.
Jonas wollte schreien, dass er das wusste. Stattdessen schob er die Arme aus den Riemen. Der Wind zerrte sofort am Rucksack.
Papa griff den Griff. „Du zuerst.“
Jonas kroch seitlich. Stein schabte an seinem Hemd. Sand klopfte gegen seine Waden. Er kam zur Biegung und fiel neben Leo auf die Knie.
Papa schob die Rucksäcke hinterher. Dann kam er selbst und zog den letzten Spalt mit seinem Körper zu, bis nur noch ein schmaler Streifen hell blieb.
Dann wurde die Wüste laut.
Nicht draußen. Überall.
Der Sturm schlug gegen den Fels, als wollte er wissen, wer sich darin versteckte. Sand kroch unter Papas Arm hindurch. Er sammelte sich in Jonas’ Schuh. Leo presste beide Hände auf das Tuch vor seinem Gesicht und wippte nicht mehr.
„Wasser?“, fragte Leo.
Papa schüttelte den Kopf. Dann hielt er einen Finger hoch. Warten.
Jonas verstand nicht, warum Warten schwerer war als Rennen.
Sand rieselte von oben. Erst wenig. Dann mehr. Ein dünner Strich fiel genau zwischen Jonas und Leo. Jonas starrte hinauf. Über ihnen war ein zweiter Riss, schmal wie ein Auge.
„Da kommt er rein“, flüsterte Jonas.
Papa sah hoch. Dann zu den Rucksäcken. Er zog die leere Brotdose aus dem Seitenfach und drückte sie Leo in die Hand.
„Nicht essen“, sagte Leo heiser.
„Schieben.“
Leo begriff zuerst. Er kletterte halb auf Jonas’ Knie, streckte die Dose hoch und versuchte, den Riss zu bedecken. Die Dose rutschte ab. Sand fiel stärker.
Erster Versuch. Falsch.
Jonas spuckte Sand in das Tuch. Er sah die Dose. Glatt. Der Fels. Schräg. Glatt rutschte auf schräg.
Er griff in seinen Rucksack und zog sein verschwitztes Hemd vom Ersatzstapel. „Einwickeln.“
Leo wickelte die Brotdose ein. Papa hob ihn an den Hüften hoch. Jonas drückte von unten gegen Leos Fuß, obwohl sein Bein zitterte.
Diesmal klemmte die Dose im Stoff. Der Sandstrich wurde dünner. Dann hörte er auf.
Leo rutschte herunter und blieb neben Jonas liegen. Keiner sagte, dass es geklappt hatte.
Der Sturm machte weiter.
In der Dunkelheit gab es nur Geräusch und Druck. Der Fels brummte. Sand drückte gegen Papas Rücken. Manchmal bebte der Eingang, und Jonas dachte an das falsche Felsdach mit den Rillen nach innen.
Papa gab jedem einen kleinen Schluck. Nicht mehr. Der Deckel ging sofort wieder zu.
„Wie lange?“, fragte Leo.
Papa legte zwei Finger auf den Boden. Jonas legte seine Hand daneben. Der Boden zitterte noch. Also warteten sie.
Leo fing an, leise die Steine in der Wand zu zählen. „Eins. Zwei. Drei mit Loch. Vier sieht aus wie ein Zahn.“
Jonas’ Hände waren nicht mehr kalt. Sie waren voller Sand. Er hielt das Tuch zwischen sich und Leo fest, obwohl keiner mehr zog.
Der Lärm wurde dünner.
Nicht weg. Dünner.
Papa bewegte sich nicht sofort. Er legte wieder zwei Finger auf den Boden. Jonas spürte fast nichts. Leo hielt den Atem an und machte dabei die Backen dick.
„Noch warten“, sagte Papa.
Draußen scharrte etwas am Eingang. Sand sackte nach. Ein heller Streifen wuchs an Papas Schulter vorbei.
„Jetzt?“, fragte Jonas.
Papa nickte.
Sie gruben sich hinaus.
Leo schob mit der Brotdose. Jonas kratzte mit beiden Händen. Papa drückte von innen gegen den Sandwall, langsam, damit er nicht zurückfiel. Der erste Versuch machte nur ein Loch, das gleich wieder vollrutschte.
Jonas sah, warum. Sie gruben unten. Der Sand wollte nach unten.
„Oben erst“, sagte er.
Papa nickte wieder.
Sie schoben den oberen Rand weg, dann die Mitte, dann unten. Licht fiel auf ihre Schuhe.
Sie krochen hinaus.
Die Sonne stand tief und blass. Die roten Felsen hatten gelbe Kanten bekommen. Der Dornbusch war fort. Das falsche Felsdach war bis zur Hälfte voll Sand.
Leo fand seine Kappe nicht.
Er fand nur den Abdruck davon, eine flache runde Stelle hinter einem Stein. Er setzte sich daneben und lachte einmal, kurz und trocken.
Papa klopfte Jonas Sand aus dem Kragen. Jonas klopfte Leo Sand aus den Haaren. Leo schüttelte Papas Ärmel, bis ein kleiner Haufen auf den Boden fiel.
Dann gingen sie zur Kieselspur zurück. Langsam. Dicht beieinander.
Hinter ihnen blieb die Felsspalte offen, mit einer Brotdose im Riss und einem Hemd daran, das im ersten Sonnenlicht nicht mehr weiß war.




