Die Seilbahn über das Hitze-Tal
Der Mittagsglocke fehlten noch neunzig Minuten, und Theo hielt Omas kleine Medizinflasche in der Faust, als wäre sie ein Vogel, der wegfliegen konnte. Die Apothekerin hatte nur gesagt: Vor zwölf. Nicht in die Sonne legen.
Amelie trug den Korb mit dem feuchten Tuch darüber. Das Tuch war schon warm. Sie wechselte die Hand, obwohl der Korb nicht schwer war.
Vor ihnen lag die Steinbrücke mit einem roten Brett davor.
Gesperrt. Lose Felsen.
Hinter dem Brett fehlte ein Stück Geländer. Darunter flimmerte das Tal. Drüben, klein und weiß, klebte Omas Haus am Hang.
„Wir nehmen den Ziegensteig“, sagte Theo.
Er sagte es so breit, als hätte er den Weg gebaut. Seine Ohren waren rot.
Amelie nickte. Ihre Knie stießen aneinander. Dann lief sie zuerst los.
Der Ziegensteig begann hinter der Kapelle und wurde nach drei Kurven dünn wie ein Faden. Die Steine lagen nicht auf dem Weg. Sie lagen im Weg. Ein frischer Riss schnitt durch den Staub, und am Ende des Risses hing ein Holzpflock in der Luft, obwohl er in der Erde stecken sollte.
Theo setzte einen Fuß darauf.
Der Pflock kippte.
Er sprang zurück. Ein Stein hüpfte über die Kante. Beide sahen ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen war.
„Das dauert zu lange“, sagte Amelie.
„Das ist nicht der Grund“, sagte Theo.
„Doch.“
Er wischte sich die Hände an der Hose ab. „Gut. Dann bleibt nur die Seilbahn.“
Niemand lief schneller los als Amelie.
Die Talstation stand hinter dem alten Sägehaus. Die Tür hing offen. Nicht weit offen. Nur so weit, dass man sich fragen musste, wer zuletzt hinausgegangen war und warum er die Tür nicht zugemacht hatte.
Die Kabine wartete am Seil. Sie war grün gewesen. Jetzt war sie grün, braun und an manchen Stellen einfach Loch. Ein Schild baumelte an Draht:
Tür schließen. Bremshaken lösen. Hebel ziehen. Nicht springen.
„Wer springt denn aus einer Seilbahn?“, flüsterte Amelie.
Theo griff nach dem großen Hebel. „Leute, die nicht lesen.“
Er zog.
Nichts.
Er zog stärker. Die Kabine ruckte nicht einmal. Nur oben am Rad knackte etwas, als würde es sich räuspern.
„Kaputt“, sagte Theo sofort.
Amelie stellte den Korb ab. Dann hob sie ihn wieder hoch. Das feuchte Tuch durfte nicht auf den heißen Boden.
Sie schaute nicht auf die rostigen Stellen. Sie schaute auf das, was sich bewegen wollte. Neben der Tür steckte ein kleiner Messingstift. Beim Ziehen des Hebels zuckte er, kam aber nicht ganz heraus.
„Noch mal“, sagte sie.
„Warum?“
„Weil da etwas Nein sagt.“
Theo zog. Der Messingstift zitterte.
Amelie drückte die Kabinentür. Sie klapperte, blieb aber einen Finger breit offen. Unten hatte sich ein Stein verklemmt. Kein großer. Nur groß genug, um alles aufzuhalten.
Theo sah weg, als hätte er den Stein nicht übersehen. Dann stocherte er ihn mit einem alten Besenstiel heraus.
Die Tür fiel zu. Der Messingstift schnappte vor.
„Jetzt“, sagte Amelie.
Theo zog den Bremshaken. Er ging schwer, aber er ging. Der große Hebel kam hinterher.
Die Kabine setzte sich in Bewegung.
Langsam.
Dann nicht mehr langsam.
Amelie packte die Holzbank. Theo packte den Hebel. Der Korb rutschte gegen ihre Füße. Unter ihnen fiel das Dorf weg, erst die Dächer, dann die Gärten, dann die kleinen Wege, die eben noch Möglichkeiten gewesen waren.
Das Seil sang nicht. Es schabte. Jedes Rad über ihnen schlug einen Takt, der nicht ganz gleich blieb. Klack. Klack-klack. Klack.
„Das ist normal“, sagte Theo.
Seine Finger waren weiß.
Amelie sah auf das Seil. Nicht auf das Tal. Das Seil hatte rote Haut, aber an den Stellen, wo es über die Rollen lief, glänzte es schwarz. Frisches Fett. Jemand hatte es versorgt. Jemand, den sie nicht gesehen hatten.
„Es ist geölt“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Du hast gar nicht hingeschaut.“
„Ich wusste es trotzdem.“
Da blieb die Kabine stehen.
Nicht mitten im Tal, aber weit genug, dass beide sofort still wurden. Der Boden schwang unter ihren Schuhen nach. Der Hebel stand schief. Theo zog daran. Nichts.
Er zog noch einmal. Die Kabine schaukelte stärker.
„Nicht!“, sagte Amelie.
Theo ließ los. Er sah zum anderen Hang. Die Station drüben war nah genug, um das blaue Dach zu erkennen, aber zu weit für einen Sprung. Auch für Leute, die nicht lesen konnten.
Amelie kroch zur Tür und sah auf den Boden der Kabine. Dort waren Pfeile ins Holz geritzt. Alt. Fast weg. Einer zeigte nach vorn. Daneben stand: Gewicht vor der Rolle.
„Wir sind hinten“, sagte sie.
„Wir sind nicht hinten. Wir sind in der Mitte.“
Der Korb lag hinter Theos Füßen. Theo stand hinter dem Hebel. Amelie hockte auch hinten, weil das Tal vorne größer aussah.
Sie schob den Korb nach vorn. Nichts.
„Mehr“, sagte Theo leise.
Er ging einen Schritt. Die Kabine neigte sich. Amelie biss auf ihre Lippe und krabbelte neben den Korb. Vorne gab das Holz unter ihren Knien nach, aber es brach nicht.
Oben rollte etwas an.
Ein halber Klack.
Theo hielt den Atem fest. Amelie hob den Korb auf den Schoß, als wäre die Flasche darin schwerer geworden.
Klack.
Die Kabine fuhr weiter.
Keiner bewegte sich zurück.
Die Hitze stieg aus dem Tal und drückte gegen den Boden. Amelie sah nur noch die vordere Kante der Kabine und das blaue Dach, das größer wurde. Theo sagte nichts mehr Normales. Er zählte die Rollen.
„Vier. Fünf. Sechs.“
Bei sieben stieß die Kabine gegen den Gummipuffer der Bergstation.
Nicht weich. Nicht hart genug, um etwas zu zerbrechen.
Theo suchte den Bremshaken und traf ihn erst beim zweiten Versuch. Amelie schob die Tür auf. Diesmal sprang sie sofort auf, als hätte sie nie geklemmt.
Sie stolperten auf die Plattform. Der Schatten dort war schmal. Omas Haus lag noch drei Gassen weiter, aber die Gassen gingen bergab.
Amelie nahm den Korb. Theo nahm die Medizinflasche. Dann tauschten sie, ohne ein Wort.
Als sie bei Oma ankamen, schlug die erste Mittagsglocke. Oma öffnete die Tür, bevor Theo klopfte. Die Flasche war noch kühl unter dem Tuch.
Amelie und Theo standen nebeneinander auf den Steinfliesen. Beide atmeten aus. Keiner sagte etwas.
Auf ihren Handflächen blieb ein dunkler Streifen vom alten Seil.




