Sommernacht in Sevilla
Bei achtunddreißig Grad schwitzten sogar die Flaschen hinter der Bar.
Alejandro saß an dem Tisch, der am weitesten von der kleinen Bühne entfernt stand und doch alles sah. Die Wand in seinem Rücken gab Wärme ab, als hätte sie den ganzen Tag Sonne getrunken. Neben seinem Glas Wasser lag ein schmaler Band von García Lorca, die Ecken weich vom Tragen, und darunter ein gefalteter Plan mit einem roten Stempel. Er hatte den Plan zweimal geglättet und wieder zusammengelegt, ohne eine Zeile darin zu lesen.
Die Bar hieß El Candil. Sie roch nach Holz, altem Wein, Zitronenschale, Parfum und dem Salz von fünfzig Menschen, die nicht nach Hause gingen, obwohl ihre Hemden an ihnen klebten. Ein Ventilator drehte sich an der Decke und schob die Luft nur von einer Schulter zur anderen.
Miriam kam nicht auf die Bühne. Noch nicht.
Sie stand links neben dem Vorhang, dort, wo die Scheinwerfer sie nur halb trafen, und befestigte den Verschluss eines grünen Glasohrrings. Alejandro bemerkte nicht zuerst ihr Kleid, nicht die rote Nelke in ihrem Haar, nicht die geraden Linien ihrer Arme. Er bemerkte den kleinen Kampf mit diesem Ohrring. Ihr Daumen rutschte ab. Sie hob das Kinn nicht. Sie fluchte nicht. Sie nahm die Nadel zwischen zwei Fingern, als zöge sie einen Dorn aus der Haut, und schloss den Haken beim zweiten Versuch. Dann legte sie eine silberne Medaille auf einen Stuhl neben ein Glas Wasser, genau parallel zur Kante.
Er schaute weg.
Auf der ersten Seite seines Lorca-Buchs stand eine Notiz, die er vor Jahren mit Bleistift hineingeschrieben hatte: Holz merkt sich Füße. Er strich mit dem Daumen darüber, ohne den Satz zu lesen. Als die Gitarre den ersten trockenen Akkord schnitt, hob er den Blick wieder.
Miriam trat vor.
Sie tanzte nicht für ihn. Das sah er schon in der ersten Bewegung. Ihr Blick hielt sich über den Köpfen, irgendwo bei der schwarzen Decke, wo Staub am Licht klebte. Der Absatz ihres rechten Schuhs traf den Boden einmal, als prüfe sie, ob die Erde noch da sei. Dann antwortete der linke. Die Bretter unter ihr knackten an einer Stelle nahe der Bühnenkante; Alejandro kannte das Geräusch, bevor er es kannte. Er hatte es am Nachmittag gehört, als der Besitzer ihn durch die leere Bar geführt und mit zwei Fingern auf die Risse in den Balken gezeigt hatte.
Jetzt hämmerte Miriam auf dieselben Bretter, und der Raum nahm den Schlag auf.
Die Sängerin saß seitlich, ein Fächer auf den Knien, und sang mit einer Stimme, die an Metall schabte. Die Hände der Gäste setzten ein. Klatschen. Pause. Klatschen. Die Gitarre lief darunter wie Wasser über Steine.
Alejandro zwang sich, auf die Hände des Gitarristen zu achten. Er sah, wie die Sehnen am Handgelenk hervorsprangen, wie ein Fingernagel am Rand abgesplittert war. Dann traf Miriams Absatz wieder die lose Stelle, und sein Blick ging zurück, ohne ihn zu fragen.
Sie drehte sich. Nicht schnell. Der Saum ihres Kleides fing die warme Luft und fiel sofort wieder gegen ihre Beine. Schweiß lief ihr am Hals hinunter; sie wischte ihn nicht weg. Nur einmal, in einer Pause zwischen zwei Schlägen, berührte sie mit dem Handrücken die Stelle unter dem Ohr, wo der grüne Glasohrring saß. Er schwankte. Er hielt.
Alejandro griff nach seinem Glas. Das Wasser hatte längst die Kühle verloren. Eine Zitronenschale klebte innen am Rand und bewegte sich nicht, obwohl seine Hand zitterte. Er stellte das Glas wieder hin, zu hart. Der Mann am Nachbartisch sah zu ihm herüber. Alejandro nickte, als gelte seine Aufmerksamkeit dem Lärm.
Der Plan unter dem Buch zeigte an einer Ecke hervor. Roter Stempel. Genehmigung zur Umgestaltung. Er schob Lorca darüber.
Miriam stampfte eine Folge, die das Klatschen der Gäste aus dem Takt warf. Für zwei Sekunden hielt sie den Raum fest, ohne die Hände zu heben. Dann schlug sie selbst in die Stille, mit den Absätzen, mit den Handflächen, mit einem Blick, der niemanden nahm und niemanden wegschickte.
Alejandro vergaß, so zu tun, als sähe er etwas anderes.
Am Ende stand Miriam mit einem Fuß vor dem anderen, die Brust hob und senkte sich unter dem roten Stoff. Die Sängerin rief etwas. Die Gäste riefen zurück. Ein Mann pfiff. Die Bar vibrierte von Stühlen, Stimmen, Gläsern.
Miriam verbeugte sich nicht tief. Sie ging zum Stuhl, nahm die silberne Medaille und legte sie in ihre Handfläche, bevor sie sie in den Stoffbeutel am Bühnenrand steckte. Erst dann sah sie in den Raum. Ihr Blick streifte Tische, Flaschen, Schultern. Bei Alejandro blieb er nicht stehen. Er hätte schwören können, dass sie ihn gesehen hatte.
Er sah auf sein Buch.
Nach dem Auftritt drängten sich Leute an die Bar. Miriam kam durch den schmalen Gang zwischen den Tischen, barfuß jetzt, die Schuhe an zwei Fingern baumelnd. Ihre Fußknöchel trugen rote Druckstellen. Sie blieb neben seinem Tisch stehen, nicht weil er dort saß, sondern weil eine Frau mit großem Hut den Weg versperrte.
Ein Tropfen lief von seinem Glas auf den Plan.
„Ihr Glas tropft“, sagte sie.
Das war das Erste.
Alejandro zog den Plan weg. „Es macht das seit einer Stunde.“
„Dann hat es Ausdauer.“
„Mehr als der Ventilator.“
Sie sah nach oben. Der Ventilator knackte einmal pro Umdrehung. „Der arbeitet nur, wenn jemand hinsieht.“
„Dann schaue ich nicht genug.“
Sie wandte den Kopf zu ihm. Der grüne Ohrring schwang gegen ihren Hals und blieb an einem feuchten Haar hängen. Sie löste ihn mit dem kleinen Finger. „Doch“, sagte sie. „Sie schauen sehr genau.“
Er hätte eine Antwort geben können. Er nahm stattdessen sein Glas und trank. Die Zitronenschale berührte seine Oberlippe. Das Wasser schmeckte nach warmem Metall.
Die Frau mit dem Hut ging weiter. Miriam hätte gehen können. Sie blieb, die Schuhe in der Hand, als müsste sie erst entscheiden, welcher Fuß den Boden zuerst wieder berührte.
„Es ist spät“, sagte Alejandro.
„In Sevilla ist das keine Uhrzeit.“
„Und draußen ist es nicht kühler.“
„Das sagen nur Menschen, die gehen wollen.“
Er legte zwei Münzen neben das Glas. Eine kippte, rollte gegen den Lorca-Band und blieb dort liegen. Miriam sah das Buch. Dann den Plan. Nicht lange. Lange genug.
„Sie lesen Lorca in Flamenco-Bars?“
„Ich trage ihn eher herum.“
„Damit er nicht allein ist?“
„Damit ich etwas habe, worauf ich nicht schaue.“
Da war es, offen auf dem Tisch, ohne dass einer von beiden den Namen dafür suchte. Die Sängerin lachte an der Bar, ein Glas zerbrach irgendwo hinten, und der Ventilator knackte weiter. Miriam setzte einen Schuh auf den Boden, hielt den anderen noch in der Hand.
„Ich gehe zur Plaza Mayor“, sagte sie.
„Das ist nicht der kürzeste Weg von hier.“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich den kürzesten nehme.“
Er nahm Buch und Plan. „Ich muss in dieselbe Richtung.“
„Natürlich.“
Sie sagte es ohne Lächeln. Trotzdem trat sie zur Seite, damit er aufstehen konnte.
Draußen stand die Gasse wie ein schmaler Ofen zwischen den Häusern. Die Steine gaben die Hitze des Tages zurück. Über ihnen hingen Balkone mit Pflanzen, deren Blätter schlaff nach unten zeigten. Aus einem offenen Fenster kam der Geruch von gebratenem Knoblauch. Ein Motorroller schnurrte vorbei und ließ eine dünne Spur Benzin zurück.
Miriam zog die Schuhe wieder an. Sie stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Alejandro sah nicht auf ihre Beine. Er sah auf ihre Finger, die Kalk von der Wand mitnahmen und einen hellen Streifen auf der Haut ließen.
„Sie wohnen hier?“, fragte er.
„Im Sommer.“
„Und im Winter?“
„Dort, wo man mich bucht.“
„Das klingt nach Koffern.“
„Es klingt nach Rechnungen.“
Er nickte. Eine Katze sprang von einer Mülltonne und verschwand unter einem parkenden Wagen. Miriam ging weiter. Ihre Schritte waren jetzt leiser, aber der Rhythmus blieb in ihnen, ein Rest vom Holz der Bühne.
„Und Sie?“, fragte sie. „Sie tragen Pläne in Bars.“
„Ich zeichne Gebäude, bevor andere Männer sie verändern.“
„Das klingt nach Ausreden.“
„Es ist meistens Arbeit.“
„Meistens.“
Sie erreichten eine Ecke, an der die Gasse noch enger wurde. Dort blieb sie stehen. Nicht lang. Lang genug, dass Alejandro einen Schritt zu viel machte und dann zurück musste. Zwischen ihnen hing die Luft, dick von Stein und Nacht und dem Parfum, das vom Auftritt an ihr geblieben war, etwas Bitteres unter Orangenblüte.
Miriam nickte auf den gefalteten Plan in seiner Hand. „El Candil?“
Er schaute nicht hinunter. „Ja.“
„Sie sind also der Mann mit dem Stempel.“
„Einer davon.“
„Einer reicht.“
Ihre Stimme hob sich nicht. Das machte es schwerer. Sie trat aus dem Licht einer kleinen Lampe, und ihr Gesicht verlor die Farbe des roten Kleides. Nur der grüne Ohrring fing einen Punkt Licht.
„Ich bin nicht gekommen, um zu schließen“, sagte er.
„Nein. Sie kommen, um zu messen. Danach schließen andere.“
Er presste den Plan gegen seinen Oberschenkel. Der Rand schnitt eine Linie in seine Handfläche. „Die Balken sind schlecht.“
„Der Boden hält.“
„Heute.“
„Heute hat er getanzt.“
Er antwortete nicht.
In der Stille hörten sie Dinge, die vorher keinen Platz gehabt hatten: Wasser in einem Rohr hinter der Wand, eine Gabel auf einem Teller weit oben, das feine Summen einer Straßenlampe. Miriam sah auf seine Hand am Plan. Alejandro lockerte die Finger. Der rote Stempel zeigte kurz, dann faltete das Papier sich wieder zu.
Sie hob die Hand zu ihrem Ohr. Der Verschluss des Glasohrrings hatte sich gelöst. Sie tastete danach, fand ihn nicht gleich, und für einen Atemzug standen ihre Finger an ihrem Hals still. Alejandro hob die Hand, nur ein Stück. Dann ließ er sie sinken.
Miriam bemerkte es. Sie fand den Haken selbst.
„Sie helfen nicht gern?“, fragte sie.
„Ich greife nicht gern an Dinge, die nicht nach mir rufen.“
„Und wenn sie rufen?“
„Dann höre ich manchmal zu spät.“
Sie sah ihn an. Diesmal wich er nicht aus.
Ein Paar bog in die Gasse ein, lachte, verstummte beim Vorbeigehen und ließ den Geruch von kaltem Bier zurück. Miriam zog den Stoffbeutel höher auf die Schulter. Darin klirrte etwas Kleines. Die silberne Medaille, dachte er. Oder ein Schlüssel. Er wollte fragen. Er fragte nicht.
„Die Plaza ist dort“, sagte er und zeigte nach rechts.
„Ich weiß.“
„Ich dachte nur.“
„Sie denken viel.“
„Berufskrankheit.“
„Und was sagt Ihr Beruf jetzt?“
Er sah die Gasse hinunter, wo am Ende ein Stück Platz lag, hell wie ein Blatt Papier unter einer Lampe. „Dass ich Sie hier lassen sollte.“
Miriam stellte den Absatz ihres rechten Schuhs genau auf eine Fuge zwischen zwei Steinen. „Das sagen Männer, wenn sie glauben, sauber davonzukommen.“
Er atmete durch die Nase aus. Kein Lachen. Eher etwas, das sich gegen ein Lachen wehrte. „Und was sagen Tänzerinnen?“
„Wir sagen nichts, wenn der Takt noch nicht fertig ist.“
Sie ging weiter.
Auf der Plaza Mayor saßen Menschen auf den Rändern des Brunnens, obwohl das Wasser nur müde aus den Düsen fiel. Kinder liefen mit klebrigen Händen um ihre Eltern. Ein Verkäufer schob einen Wagen mit geschmolzenem Eis über die Steine. Die Nacht hatte die Stadt nicht abgekühlt; sie hatte sie nur dunkler gemacht.
Miriam blieb am Brunnen stehen. Alejandro blieb neben ihr stehen, nicht zu nah. Der Plan in seiner Hand hatte sich an den Ecken gebogen. Lorca steckte unter seinem Arm. Ein Wassertropfen vom Brunnen sprang auf den roten Stempel und machte die Tinte am Rand weich.
„Morgen früh“, sagte Miriam, „fahren sie neue Tische in die Bar. Weiße. Mit Speisekarten in vier Sprachen.“
„Wenn ich unterschreibe.“
Sie sah nicht zu ihm. „Und wenn nicht?“
„Dann streiten sie mit mir.“
„Sie sehen nicht aus wie jemand, der Streit sucht.“
„Ich suche eher nach Stellen, die tragen.“
Das zweite Ding lag zwischen ihnen, größer als der Plan. Sie ließ es dort liegen.
Aus ihrem Stoffbeutel holte sie die silberne Medaille. Sie war kleiner als eine Münze, blank an den Rändern, vom vielen Anfassen dünn geworden. Miriam legte sie auf den gefalteten Plan in seiner Hand. Nicht als Geschenk. Nicht als Bitte. Nur so, als müsste etwas Leichtes daran gehindert werden, wegzufliegen.
„Für die Stelle, die trägt“, sagte sie.
Alejandro schaute auf die Medaille. Dann auf ihre Finger, die schon wieder zurückgingen. An ihrem Daumen klebte noch Kalk von der Gassenwand.
„Ich bringe sie zurück“, sagte er.
„Ich habe nicht gefragt.“
„Ich weiß.“
Sie standen am Brunnen, während hinter ihnen ein Straßenmusiker die ersten Töne einer verstimmten Gitarre suchte. Miriam drehte sich zur Gasse zurück. Alejandro faltete die Hand um Plan und Medaille, vorsichtig, damit das Metall keine neue Spur in das Papier drückte.
Am Rand des Brunnens blieb eine nasse Stelle auf dem Stein zurück, rund und dunkel. Daneben lag eine schmale Zitronenschale, die jemand aus einem Glas geworfen hatte. Sie glänzte unter der Lampe, als hätte die Nacht sie noch nicht getrocknet.




