Sommerschule
Am dritten Augustmorgen klebte Vera den Stundenplan mit zwei Streifen Kreppband neben die Tafel. Das Papier hielt nicht. Es rollte sich an den Ecken ein, als wollte es den Raum verlassen.
Sie drückte die Handfläche dagegen. Zählte bis zehn. Nahm einen dritten Streifen.
Auf dem Lehrerpult lagen zwölf Arbeitsblätter in geraden Stapeln. Jede Ecke deckte die andere. Oben stand: Wasser, Verdunstung, Temperatur. Darunter hatte sie in blauer Tinte drei Ziele notiert. Die Kinder sollten messen, beobachten, erklären. Es sah aus wie Unterricht. Es sah aus wie etwas, das eine neue Lehrerin im Griff hatte.
Vera war neunundzwanzig, seit sechs Tagen an dieser Schule, und sie hatte am Abend zuvor noch die Linien auf dem Tafelbild mit einem Lineal gezogen. Sie hatte den Ordner Sommerschule Natur geöffnet, geschlossen, wieder geöffnet. Um 22:41 Uhr hatte sie die Überschrift geändert. Um 23:08 Uhr hatte sie die Fragen einfacher gemacht. Um 23:26 Uhr hatte sie noch einmal kontrolliert, ob alle Namen auf der Anwesenheitsliste standen.
Jetzt stand sie in Raum 204, und der Raum stand gegen sie.
Die Fenster ließen sich nur zehn Zentimeter kippen. Der Hausmeister hatte es ihr erklärt. Alte Rahmen, Sicherheitsvorschrift, keine Ausnahmen. Die Jalousien hingen schief. Eine Lamelle fehlte. Die Sonne fiel durch die Lücke auf die dritte Reihe und machte aus den Tischen helle Platten, auf denen Arme lagen wie vergessene Dinge.
Um acht Uhr dreizehn kam das erste Kind.
Mina setzte sich, zog die Maske aus der Tasche, legte sie wieder hinein, nahm ihr Heft heraus und ließ den Kopf auf den Unterarm sinken.
„Guten Morgen“, sagte Vera.
Mina hob zwei Finger.
Bis acht Uhr zwanzig saßen sie zu zehnt im Raum. Keiner schob den Stuhl leise. Rucksäcke fielen. Flaschen kippten. Ein Junge namens Rafi fächelte sich mit dem Arbeitsblatt Luft zu, bevor Vera es ausgeteilt hatte. Zwei Mädchen stritten nicht einmal richtig. Sie sahen einander an, öffneten den Mund, schlossen ihn wieder.
Vera schrieb Verdunstung an die Tafel. Die Kreide brach nach dem V. Sie nahm ein neues Stück. Ihr Daumen rutschte über den feuchten Rand der Tafel, wo der Lappen am Morgen zu nass gewesen war. Ein grauer Streifen zog sich durch das Wort.
Sie wischte ihn weg. Er wurde breiter.
„Wir beginnen mit einer Frage“, sagte sie. „Was passiert mit Wasser, wenn es warm wird?“
Ein Stuhl knarrte. Jemand trank. Die Flasche machte kleine harte Geräusche gegen die Zähne.
„Es verschwindet“, sagte Rafi.
„Es kocht“, sagte Mina, ohne den Kopf zu heben.
„Es wird eklig“, sagte ein Mädchen in der letzten Reihe.
Vera nickte zu schnell. Sie nahm den Stapel Arbeitsblätter. Das Papier war weich geworden. Es bog sich über ihrer Hand.
Sie ging durch die Reihen und legte jedem Kind ein Blatt hin. Bei jedem Tisch sagte sie den Namen, weil sie zeigen wollte, dass sie ihn kannte. Lara. Samir. Joana. Rafi. Mina. Die Namen kamen richtig. Die Augen blieben schwer.
Nach sieben Minuten hatte niemand die erste Frage beantwortet.
Vera stellte das Glas Wasser auf das Pult, daneben das Thermometer, die kleine Metallschale, das Küchentuch. Sie hatte alles in einer Stofftasche mitgebracht. Der Griff hatte sich auf dem Weg vom Fahrradständer in ihre Hand geschnitten. Sie hatte nicht um Hilfe gefragt. Neue Lehrerinnen baten nicht am dritten Tag um Hilfe, nicht wegen einer Stofftasche.
„Wir machen es zusammen“, sagte sie.
Sie tunkte das Tuch ins Wasser. Legte es über die Metallschale. Hielt das Thermometer darüber.
„Was messen wir?“
„Hitze“, sagte Samir.
„Temperatur“, sagte Vera.
„Ist doch dasselbe.“
„Nicht ganz.“
Samir sah zur Tür. „Für mich schon.“
Vera hielt das Thermometer länger als nötig. Die Zahl änderte sich kaum. Ein Tropfen lief vom Tuch auf das Pult und blieb dort stehen.
Im Flur schlug eine Tür. Mehrere Kinder drehten den Kopf. Die Bewegung ging durch den Raum wie eine kleine Erlaubnis, nicht mehr hinzusehen.
Vera legte das Thermometer ab. Sie strich mit dem Finger über die Anwesenheitsliste. Ihre Hand blieb bei Rafi stehen, obwohl sie ihn nicht suchte.
Sie hätte jetzt lauter sprechen können. Sie hätte die Regeln an die Tafel schreiben können. Sie hätte sagen können, dass Sommerschule nicht Pause bedeutet. Die Sätze lagen bereit, trocken und ordentlich. Sie passten nicht in den Raum.
Um acht Uhr vierzig klopfte Herr Mertens, der stellvertretende Schulleiter, an den offenen Türrahmen.
Er trug ein Hemd mit kurzen Ärmeln und hielt ein Klemmbrett vor der Brust. „Alles in Ordnung?“
Vera stellte sich ein Stück vor das Pult, als könne sie das schlaffe Tuch und die leeren Blätter dahinter verdecken. „Ja. Wir sind beim Einstieg.“
Herr Mertens sah in den Raum. Sein Blick blieb an der gekippten Fensterreihe hängen, dann an Rafi, der das Arbeitsblatt über den Kopf gelegt hatte.
„Trinkpausen einbauen“, sagte er. „Und keine Experimente mit offenen Fenstern. Wir hatten letztes Jahr einen Vorfall.“
„Natürlich.“
„Draußen nur mit Anmeldung. Wegen Aufsicht und Allergien. Außerdem nutzt die Ferienbetreuung den Hof ab zehn.“
Vera nickte. Dieses Argument hatte Gewicht. Sie konnte kein Kind in die Sonne stellen, keine Aufsichtslücke riskieren, keine Elternmail provozieren, bevor sie ihre Dienstmail richtig eingerichtet hatte.
Herr Mertens senkte die Stimme. „Halten Sie die Stunde einfach ruhig. Bei der Hitze lernt keiner viel. Hauptsache, sie bleiben beisammen.“
Er sagte es freundlich. Das machte es schwerer.
Vera nickte wieder. Herr Mertens ging.
Die Klasse sah sie nicht an. Das war schlimmer als Widerstand. Widerstand gab eine Kante. Diese Kinder sanken nur tiefer in ihre Stühle.
Sie nahm den Folienstift und schrieb auf ein Blatt: Warum mache ich das? Sie sah auf den Satz. Die Frage stand da wie eine Beschwerde. Sie strich ihn nicht durch. Sie drehte das Blatt um.
Dann sah sie das Wasser auf dem Pult. Der Tropfen war kleiner geworden. Nicht verschwunden. Nur kleiner.
Vera nahm die Metallschale, trug sie zur dritten Reihe und stellte sie in den Sonnenstreifen auf Laras Tisch.
„Nicht anfassen“, sagte sie.
Lara zog die Hände zurück.
Vera ging zum Pult, holte ein zweites Tuch, machte es nass und wrang es nicht aus. Sie legte es auf die Fensterbank, halb in den Schatten, halb in die Sonne.
„Hefte zu“, sagte sie.
Ein paar Kinder hoben den Kopf.
„Arbeitsblätter umdrehen.“
Rafi nahm das Blatt vom Kopf. „Müssen wir nicht schreiben?“
„Noch nicht.“
Das Wort hing kurz im Raum. Nicht als Versprechen. Als Platz.
Vera öffnete die untere Schublade des Pults. Darin lagen alte Kreidestücke, Klebeband, ein Schwamm, drei Wäscheklammern, ein Schlüssel ohne Schild. Sie nahm die Kreide. Dann griff sie nach der roten Notfallmappe neben der Tür.
Auf der ersten Seite stand: Verhalten bei Hitze. Trinkpausen, Kopfbedeckung, körperliche Anstrengung vermeiden. Unten stand ein Satz, den sie am Montag überlesen hatte: Bei unzumutbaren Raumtemperaturen kann die Lerngruppe an einen geeigneten schattigen Ort verlegt werden; Schulleitung informieren.
Kann. Nicht muss. Informieren. Nicht beantragen.
Vera las den Satz zweimal. Beim dritten Mal tippte sie mit dem Fingernagel auf geeigneten schattigen Ort.
Sie ging zur Tür und sah den Flur hinunter. Herr Mertens stand nicht mehr dort. Im Sekretariat würde jemand ans Telefon gehen, vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Ferienbetreuung kam um zehn. Jetzt war neun Uhr zwei.
Sie nahm ihr Handy, schrieb eine Nachricht an die Schulnummer: Raum 204 zu heiß. Verlege Gruppe bis 9:45 in den Schatten am hinteren Hof, Bereich Kastanie. Notfallmappe S. 1. Liste bei mir.
Ihr Daumen blieb über dem Senden-Feld. Die Kinder rutschten hinter ihr auf den Stühlen. Eine Flasche fiel um. Niemand fluchte. Das Wasser rollte über einen Tisch.
Vera drückte auf Senden.
„Alle nehmen ihre Flasche“, sagte sie. „Nur Flasche und Stift. Keine Rucksäcke. Wir gehen langsam. Zweierreihe.“
„Dürfen wir raus?“ Mina saß jetzt gerade.
„Wir gehen an einen geeigneten schattigen Ort.“ Vera nahm die Anwesenheitsliste. „Das ist ein Unterschied.“
Rafi grinste. „Klingt verboten.“
„Klingt genau genug.“
Sie stellte sich an die Tür. Zählte die Kinder beim Hinausgehen mit dem Stift ab. Zehn. Dann ging sie hinter ihnen her, die rote Mappe unter dem Arm, die Kreide in der Faust.
Im Treppenhaus wurden sie leiser. Nicht brav. Nur vorsichtiger, weil Bewegung eine Aufgabe war. Vera sah auf die Stufen, nicht auf ihr Handy. Eine Antwort kam nicht.
Auf dem Schulhof lag der Schatten der Kastanie wie eine unregelmäßige Insel. Der Asphalt war dort nicht kühl, aber er blendete nicht. Am Zaun standen drei Mülltonnen. Neben dem Geräteschuppen lehnte ein alter Besen. Die Ferienbetreuung hatte zwei Tore und eine Kiste Bälle bereitgestellt. Noch niemand war da.
„Kreis“, sagte Vera.
Die Kinder stellten sich halb hin, halb fielen sie in die Hocke.
„Nicht auf den Boden legen. Ihr braucht eure Hände.“
Sie kniete sich auf den Asphalt. Die Kreide lag hart in ihrer Hand. Sie zog einen Kreis um den Schattenrand der Kastanie. Dann schrieb sie daneben: 9:08.
„Was machen Sie da?“ fragte Joana.
„Ich markiere einen Zustand.“
„Wie Polizei.“
„Fast.“
Vera gab Rafi ein Stück Kreide. „Du markierst den Schatten vom Zaunpfosten.“
Rafi sah auf die Kreide, als hätte sie ihm jemand geliehen, der ihn sonst nie etwas anfassen ließ. Er ging zum Pfosten und zog eine Linie.
„Mina, du stellst die Metallschale hierhin.“
„Die ist noch oben.“
Vera hielt still.
Sie hatte die Schale vergessen.
Für einen Moment schrumpfte der Hof auf die rote Mappe unter ihrem Arm und das Kreidestück in ihrer Hand. Oben lagen die Schale, das Tuch, das Thermometer. Ihr geplanter Versuch stand allein im Raum 204 und nützte niemandem.
„Dann nehmen wir etwas anderes“, sagte sie.
Sie nahm ihre eigene Trinkflasche, schraubte den Deckel ab und goss eine dünne Linie Wasser auf den Asphalt. Die Linie glänzte kurz.
„Alle schauen auf die Linie. Nicht treten.“
Samir beugte sich vor. „Das trocknet.“
„Ja.“
„Weil es heiß ist.“
„Schreib es hin.“
„Wohin?“
Vera zog ein Rechteck auf den Boden. „Hier. Beobachtung eins.“
Samir kniete sich hin und schrieb langsam: Wasser wird weniger. Er drückte die Kreide so fest auf, dass sie quietschte. Neben ihm hielt Lara ihre Flasche mit beiden Händen.
Vera teilte Aufgaben aus. Joana maß mit Schritten den Abstand vom Baumstamm bis zum Schattenrand. Mina schrieb die Uhrzeit. Rafi prüfte alle fünf Minuten seine Linie am Zaunpfosten. Lara bekam den Auftrag, ein Stück Asphalt in der Sonne und eins im Schatten mit je drei Tropfen Wasser zu vergleichen.
„Das ist unfair“, sagte Lara. „Die Sonne gewinnt.“
„Dann schreib, wie sie gewinnt.“
Lara sah Vera an. Dann hockte sie sich hin und machte zwei kleine Tabellen auf den Boden.
Um neun Uhr siebzehn kam Herr Mertens über den Hof.
Er ging nicht schnell. Das Klemmbrett hielt er wieder vor der Brust. Vera stand auf und klopfte Kreidestaub von ihren Fingern.
„Frau Neumann.“
„Ja.“
Die Kinder hörten auf zu schreiben. Rafi versteckte die Kreide hinter dem Rücken.
Herr Mertens sah die Linien, die Uhrzeiten, die hockenden Kinder. Sein Blick blieb bei der roten Mappe hängen.
„Ich habe die Nachricht gesehen.“
„Ich wollte anrufen. Dann ist Wasser ausgelaufen.“
Das klang nicht besser, als sie es sagte.
„Die Ferienbetreuung kommt um zehn.“
„Wir sind um neun fünfundvierzig weg.“
„Draußen lenkt viel ab.“
Vera sah zu Rafi. Er hatte die Kreide wieder nach vorn genommen und verlängerte seine Linie um zwei Zentimeter.
„Drinnen auch“, sagte sie.
Herr Mertens antwortete nicht gleich. Dieses Schweigen gab ihr keine Sicherheit. Es prüfte nur, ob sie stehen blieb.
„Allergien?“ fragte er.
Vera hob die Liste. „Abgefragt. Zwei Wespenstiche empfindlich, keine akute Medikation. Wir bleiben weg von den Mülleimern.“
„Aufsicht?“
„Zehn Kinder. Sichtfeld bis Zaun. Keine Rucksäcke. Flaschen bei ihnen.“
„Lehrplan?“
Vera zeigte auf den Boden. „Verdunstung. Temperatur. Messung. Erklärung.“
Herr Mertens sah wieder zu den Kindern. Mina hatte die Uhrzeit neben die Wasserlinie geschrieben und pustete nicht, obwohl Rafi es ihr vormachte. Lara hielt ihre Hand schützend über die Schattentropfen, bis Vera den Kopf schüttelte. Lara zog die Hand zurück und schrieb: Hand verändert Ergebnis.
Herr Mertens räusperte sich. „Neun fünfundvierzig.“
„Ja.“
Er ging zurück zum Gebäude.
Kein Kind klatschte. Niemand sagte etwas Großes. Rafi steckte nur die Kreide nicht mehr hinter den Rücken.
Vera kniete sich wieder hin. Ihre Hose bekam helle Flecken an den Knien. Sie zeichnete drei Spalten: Beobachtung, Vermutung, Begründung.
„Das ist eure Tafel“, sagte sie. „Sie ist größer als oben. Nutzt sie.“
Die Kinder verteilten sich im Schatten. Sie stritten jetzt über Worte. Nicht laut. Genau genug, dass Vera nicht eingriff.
„Weniger ist keine Beobachtung“, sagte Mina.
„Doch.“
„Man muss sagen, was weniger wird.“
Samir wischte mit dem Handballen einen Satz weg und schrieb neu: Die Wasserlinie ist kürzer.
Vera stand daneben und hielt den Stift über der Liste. Sie hakte nichts ab. Sie schrieb nur kleine Zeichen neben die Namen: Rafi Linie, Mina Zeit, Lara Fehlerquelle, Samir Satz.
Um neun Uhr achtunddreißig wanderte der Schatten. Die erste Kreidelinie lag nun in der Sonne. Joana bemerkte es.
„Der Baum bewegt sich.“
„Der Schatten“, sagte Mina.
„Die Sonne“, sagte Samir.
„Wir schreiben alle drei Sätze auf“, sagte Vera. „Dann streichen wir, was nicht stimmt.“
Sie gab Joana die Kreide. Joana schrieb groß, zu groß, die Buchstaben liefen ineinander. Vera griff nicht nach ihrer Hand. Sie wartete, bis Joana selbst den letzten Buchstaben kleiner machte.
Oben im Klassenraum hätten sie jetzt Aufgabe zwei bearbeitet. Unten auf dem Hof standen sie um einen Schattenrand und prüften, welche Aussage hielt. Vera nahm das Arbeitsblatt aus ihrer Mappe. Es war am Rand geknickt. Sie las die zweite Frage: Erkläre Verdunstung in eigenen Worten.
Sie legte das Blatt auf den Boden. Der Wind hob eine Ecke. Sie setzte ihre Flasche darauf.
„Schreibt eure Erklärung nicht für mich“, sagte sie. „Schreibt sie so, dass jemand aus Raum 204 sie versteht, wenn er erst später kommt.“
Mina schrieb: Wasser geht in die Luft, auch wenn es nicht kocht.
Rafi schrieb: Man sieht nicht alles, was weggeht.
Samir strich weggeht durch und setzte sich verteilt darüber.
Vera las die Sätze. Sie sagte nicht, dass sie gut waren. Sie tippte mit dem Stift auf auch wenn es nicht kocht.
„Beleg?“
Mina zeigte auf den Asphalt. „Da.“
„Schreib die Uhrzeit dazu.“
Mina schrieb sie dazu.
Um neun Uhr vierundvierzig sammelte Vera die Kreidestücke ein. Die Kinder murrten, aber sie standen auf. Das Murren klang nicht wie vorher. Es hatte Richtung.
„Wir lassen die Tafel da“, sagte Rafi.
„Bis der Hof sie löscht.“
„Oder bis die Kleinen drauf treten.“
„Auch das ist ein Ergebnis“, sagte Vera.
Sie führte die Gruppe zurück. An der Tür zu Raum 204 blieb sie stehen und ließ die Kinder einzeln hinein. Die Luft im Raum schlug ihnen entgegen, schwer und eng. Niemand setzte sich sofort. Sie standen zwischen den Tischen, als müssten sie die Größe des Raumes neu berechnen.
Vera öffnete die Mappe. Nahm die Arbeitsblätter. Legte sie nicht aus.
„Eine Zeile“, sagte sie. „Was habt ihr draußen gelernt, das auf diesem Blatt nicht stand?“
Die Stifte bewegten sich langsam. Nicht alle gleichzeitig. Nicht sauber. Rafi schrieb mit zu viel Druck. Mina hielt ihr Heft schräg. Lara radierte ein Wort aus und ließ den Krümel liegen.
Vera ging durch die Reihen. Sie las keine ganzen Hefte. Nur einzelne Zeilen.
Der Schatten ist auch eine Uhr.
Man kann Fehler machen und sie hinschreiben.
Wenn es zu heiß ist, muss man anders messen.
Bei diesem Satz blieb sie stehen. Er stand in Samirs Heft. Die Schrift kippte nach rechts.
Vera zog keinen Stern daneben. Sie fragte nicht, ob sie den Satz vorlesen durfte. Sie ging zum Pult, nahm ihr eigenes umgedrehtes Blatt und schrieb darunter: Was do I do next? Sie merkte den englischen Rest aus dem Studium erst nach dem Schreiben. Sie strich nicht alles durch. Sie setzte nur Was tue ich als Nächstes? darunter.
Dann schrieb sie an die Tafel, trotz des grauen Streifens: Morgen: Schattenmessung 8:30 / 9:00 / 9:30.
Die Kreide brach nicht.
Nach der Stunde räumten die Kinder langsamer als sonst. Mina legte das Kreidestück, das sie in der Tasche behalten hatte, auf Veras Pult.
„Für morgen“, sagte sie.
Vera nahm es nicht gleich. Sie sah auf das kurze weiße Stück, auf die staubige Kante, auf Minas Finger, die nicht mehr daran festhielten.
„Leg es in die Schublade“, sagte Vera.
Mina öffnete die untere Schublade, schob das Kreidestück neben die Wäscheklammern und machte sie leise wieder zu.




