Der Feuermagier
Die Kerzen in der Halle der Gilde standen in Messingschalen. Man hatte sie für die Prüfung der Lehrlinge angezündet. Kein Fenster stand offen. Kein Luftzug lief durch den Saal.
Als Kael an ihnen vorbeiging, sprangen die Flammen eine Handbreit hoch. Der Docht knackte. Wachs lief über den Rand und blieb fest. Es roch nach Essig aus den Kühlkrügen an der Wand.
Kael blieb nicht stehen. Er trug die Hände in grauem Tuch. Unter dem Tuch schwoll die Haut. Das Salz seines Körpers lag als weiße Linie an seinen Fingernägeln. Im Sommer kostete ihn jedes kleine Feuer mehr. Im Sommer gab es mehr zurück.
Der eiserne Schlüssel zu seinem Zimmer hing an seinem Gürtel. Er schlug gegen seinen Schenkel. Das Metall war warm. Er hatte es seit dem Morgen nicht berührt.
Die Gilde von Arken stand auf den Fundamenten eines Backhauses, das während des Kupferaufstands niedergebrannt war. Im Keller lagen noch die alten Brotschieber, schwarz und breit wie Zungen. In die Schwelle des Haupteingangs hatten dreizehn Gildenmeister ihre Namen getreten. Der erste Name war nur noch eine Mulde. Der letzte Name gehörte Torn.
Gildenmeisterin Torn saß im Kartensaal. Ihre linke Wange spannte sich über altem Brandgewebe. Sie trug kein Tuch darüber. Neben ihr hing die Glocke von Veyr, gesprungen seit der Belagerung der Neun Nächte. Sie gab keinen vollen Ton mehr. Sie gab ein kurzes Stück Ton, dann Metall.
Kael legte den warmen Schlüssel auf den Tisch. Die Karten darauf wellten sich.
„Ich brauche den Ring“, sagte er.
Torn sah auf den Schlüssel. Sie nahm ihn nicht. „Du hast ihn drei Jahre abgelehnt.“
„Heute nicht.“
„Heute ist der heißeste Tag seit dem Salzsommer.“
Kael nickte. Sein Mund war trocken. Seine Zunge klebte am Gaumen. Der Kartensaal lag im Schatten. Trotzdem zog Schweiß über seine Rippen und verschwand, bevor er den Gürtel erreichte.
Der Ring lag in einer Schublade aus Ulmenholz. Er bestand aus schwarzem Eisen und trug innen die Zeichen der Gilde. Wer ihn trug, konnte eine Flamme halten. Wer ihn trug, konnte sie nicht mehr frei lassen. Das Eisen fraß die Hitze und fraß langsam mit.
Kael hatte gesehen, wie Meister Orren starb. Orren hatte sechs Jahre den Ring getragen. Am Ende lag seine Hand auf der Bahre wie Kohle, die noch an einen Menschen erinnerte. Die Lehrlinge hatten nicht hingesehen. Torn hatte hingesehen.
Sie öffnete die Schublade nicht.
Draußen schlug die gebrochene Glocke an. Einmal. Dann zweimal. Der dritte Schlag blieb aus. Auf dem Platz rief ein Wasserträger. Ein Tier schrie kurz und hörte auf.
Torn stand auf. „Unteres Gerberviertel. Hauswand am Roten Steig. Wind steht gegen die Stadt.“
„Es gibt keinen Wind.“
„Eben.“
Kael nahm den Schlüssel wieder. Er zuckte nicht. Das Metall hatte heißer gelegen als vorhin.
Sie gingen durch den Innenhof. Der Brunnen in der Mitte zeigte die Namen der ertrunkenen Lehrlinge. Man hatte sie in den Rand gemeißelt, weil Feuerleute selten im Wasser starben und die Stadt das festhalten wollte. Das Seil hing trocken in den Schacht. Der Eimer stand unten auf Stein.
Auf der Straße lag Sommer wie ein Tier. Die Pflastersteine glänzten nicht. Sie hielten nur fest. Alte Pechstreifen aus der Zeit der Dachsteuer zogen zwischen den Häusern. Dort, wo Wagenräder sie über Jahre gedrückt hatten, sahen sie aus wie dunkle Adern.
Kael ging hinter Torn. Sie trug den Stab der Gilde. Kein Schmuck. Nur Eschenholz, an drei Stellen von fremden Händen glatt gerieben. Die Leute wichen ihr aus. Sie wichen Kael weiter aus.
Am Stand der Messerschleifer lagen Klingen unter einem nassen Tuch. Als Kael vorbeiging, hob sich Dampf an einer Ecke. Der Schleifer zog das Tuch zurück und fluchte nicht. Er kannte die Gilde.
„Du hättest mir den Ring geben sollen“, sagte Kael.
„Du hättest ihn genommen und dich eingeschlossen.“
„Ja.“
„Dann brennt das Gerberviertel.“
Er antwortete nicht. Er suchte den Ring, seit die Sonne über den Dächern stand. Er hasste das Eisen. Er hasste noch mehr, dass seine Hände ohne Eisen nicht mehr ihm gehörten.
Der Rote Steig stank nach gegerbten Häuten und altem Kalk. Eine Wand brannte.
Nicht das Dach. Nicht der Hof. Nur die Wand. Flammen liefen auf dem Putz wie Finger, fanden Risse, krochen hinein und kamen höher wieder heraus. Die Fensterläden daneben blieben unversehrt. Ein Schatten fiel vom Haus auf die Straße. Er fiel gegen die Sonne.
Leute standen mit Eimern in einer Kette. Das Wasser zischte, bevor es den Putz berührte. Ein Mann hielt ein Kind im Arm. Das Kind hatte Ruß im Haar und sah nicht zur Wand. Es sah auf Kaels Gürtel.
Der Schlüssel dort glühte dunkelrot.
Torn hob die Hand. Die Eimerkette hielt an. Niemand fragte warum.
„Die Wand sitzt auf dem alten Brennzug“, sagte sie.
Kael kannte die Leitung. Unter dem Viertel liefen keramische Röhren aus der Zeit der Glasfürsten. Sie hatten einst Hitze von den Schmelzöfen zum Fluss getragen. Später hatte die Gilde sie versiegelt. Später hieß nicht sicher. Später hieß nur nach dem letzten Unglück.
„Du willst den Zug öffnen“, sagte Kael.
„Ich will das Feuer aus den Häusern ziehen.“
„In die Leitung.“
„In Stein. In alte Keramik. Nicht in Menschen.“
Er sah die Wand an. Der Putz bildete Blasen. In jeder Blase stand ein kleiner schwarzer Punkt. Nägel in der Tür gegenüber wurden rot, obwohl kein Feuer dort war.
Torn trat näher. Ihre Stimme blieb flach. „Wenn du ihn öffnest, kann die Gilde den Sommer halten. Nicht nur heute. Die Zisternen sind halb leer. Die Bäcker zahlen für Kohle mit Silber. Die Armen kochen Leder. Deine Kraft reicht weiter als deine Angst.“
„Meine Kraft hört nicht auf, wenn du sie brauchst.“
„Nichts in dieser Stadt hört auf, wenn einer müde wird.“
Ein Teil von ihm glaubte ihr. Er hatte die nassen Tücher vor den Kellerfenstern gesehen. Er hatte die langen Schlangen am Brunnen gesehen. Er hatte auch gesehen, wie Torn Rechnungen machte, wenn Tote noch warm waren. Sie zählte nicht kalt. Sie zählte genau.
Ein Schrei kam aus dem Haus. Kein Kind. Eine Frau. Dann ein Husten. Die Flamme an der Wand duckte sich, als hätte jemand darüber gestrichen.
Kael zog das Tuch von seinen Händen. Die Haut darunter war rot und rissig. An den Handflächen liefen helle Linien entlang, alte Schnitte von alten Übungen. Er presste zwei Finger auf den Putz.
Der Preis kam sofort. Seine Nägel hoben sich. Blut trat darunter hervor und kochte nicht. Es wurde dunkel und zog in die Risse.
Die Wand gab nach. Nicht sichtbar. Sie machte ein Geräusch wie ein Brotlaib, der innen reißt.
Kael fasste die Flammen. Er zog.
Im Winter kamen sie als einzelne Fäden. Im Frühling kamen sie als Schnüre. An diesem Tag kamen sie wie ein Netz, nass vor Hitze, schwer und lebendig. Sie stießen in seine Arme. Sie suchten Schulter, Hals, Mund. Seine Zähne schlugen aufeinander. Ein Backenzahn brach. Er schmeckte Stein.
Die Flammen verließen die Wand. Der Putz blieb stehen. Ein Muster aus Rissen zeichnete sich dort ab, eine Karte ohne Orte.
Hinter ihm rief Torn Befehle. „Zum Gildenstab. In den Brennzug. Kael. Jetzt.“
Er sah den Stab in ihrer Hand. Am Ende saß ein Ring aus schwarzem Eisen. Er hatte die gleiche Arbeit wie der Ring in der Schublade. Nur größer. Nur hungriger.
Wenn er das Feuer dorthin gab, gehörte sein Name der Leitung. Die Gilde würde ihn rufen können. Nicht immer. Nicht überall. Oft genug.
Eine zweite Stimme kam aus dem Haus. Leiser. Der Mann mit dem Kind fiel auf ein Knie. Das Kind sah noch immer auf den Schlüssel.
Kael ließ eine Hand von der Wand. Die Flammen folgten der Hand. Sie lagen nicht in der Luft. Sie lagen in den Dingen. Im Türnagel. Im Eimerreifen. Im Kupferknopf an Torns Kragen. Metall wurde warm, ohne Wahl.
„Gib es her“, sagte Torn.
„Du hast Recht“, sagte Kael.
Sie streckte den Stab vor.
Er drehte sich nicht zu ihr. Er trat zur Mitte der Straße. Dort lag eine runde Steinplatte mit dem Zeichen der alten Brunnenmeister. Drei Wellen. Ein Hammer. Ein durchgestrichener Name. Die Platte deckte einen Notbrunnen, den man seit der Roten Ruhr nicht geöffnet hatte. Man hatte die Kranken damals dort hinabgelassen, weil Wasser sauberer klang als Grab.
Torn verstand einen Atemzug zu spät.
„Nein.“
Kael stieß den glühenden Schlüssel in den Spalt der Platte. Das Eisen bog sich. Die Ränder des Steins schwitzten. Er legte beide Hände darauf.
Der Brunnen unter der Straße nahm die Hitze nicht gern. Wasser schlug gegen Stein. Dampf drückte aus den Ritzen und roch nach Kalk und alten Münzen. Kaels Handflächen blieben auf der Platte. Haut löste sich. Er bewegte sich nicht.
Das Feuer aus der Wand sank durch ihn. Nicht in den Gildenstab. Nicht in die alten Brennröhren. In den Notbrunnen.
Unter der Straße knackte etwas Großes. Ein Keramikrohr brach. Ein zweites antwortete. Der Rote Steig hob sich um die Breite eines Fingers und setzte sich wieder.
Die Flammen an den Nägeln erloschen. Die Wand stand schwarz und nass. Aus dem Haus krochen zwei Menschen. Eine Frau mit verbrannten Brauen. Ein alter Mann, der eine Holzschale hielt, als habe sie ihn gerettet.
Kael nahm die Hände vom Stein. Teile von ihm blieben dort. Er sah sie an. Die Linien der Handflächen fehlten. Kein Wahrsager würde je wieder etwas daraus lesen.
Torn schlug ihn nicht. Sie hätte es gekonnt. Sie sah auf die Platte. Dampf quoll noch heraus.
„Du hast den Notbrunnen getötet“, sagte sie.
„Die Wand brennt nicht.“
„Der Zug hätte die halbe Stadt versorgt.“
„Und mich.“
„Ja.“
Das Wort stand zwischen ihnen. Es war kein Geständnis. Es war keine Lüge.
Die Leute holten die Frau und den alten Mann fort. Niemand dankte Kael. Niemand verfluchte Torn. Der Sommer blieb. Die Sonne lag auf den Dächern und tat ihre Arbeit.
Kael ging zur Gilde zurück. Torn folgte ihm nicht sofort. Am Messerschleiferstand lag das nasse Tuch trocken und steif. Die Klingen darunter hatten blaue Ränder bekommen.
Im Innenhof der Gilde blieb Kael am Brunnen stehen. Der Eimer hing nicht mehr unten. Er schwebte auf halber Höhe. Das Seil war verkohlt. Aus der Tiefe kam kein Wassergeruch.
Er ging in den Kartensaal. Die Schublade aus Ulmenholz stand offen. Der Eisenring lag darin. Torn hatte ihn vor dem Aufbruch doch herausgenommen. Oder jemand anderes. Der Ring war kalt.
Kael nahm ihn nicht.
Er nahm das Gildenbuch vom Pult. Die Kanten der Seiten waren mit Ruß geschwärzt von Händen, die vor seiner Geburt geschrieben hatten. Meister, Lehrlinge, Schuldner, Tote. Unter seinem Namen standen drei Zeilen frei. Torn hatte Platz gelassen.
Kael legte zwei verbrannte Finger auf die Seite.
Papier brannte sonst schnell. Dieses Papier krümmte sich nur. Die Tinte löste sich von seinem Namen und zog in seine Haut. Es tat weniger weh als erwartet. Das machte es schlimmer.
Als Torn eintrat, war der Name weg. Die drei freien Zeilen blieben.
Sie sah auf das Buch. Dann auf seine Hände. „Du glaubst, ohne Namen ruft dich niemand.“
Kael schloss das Buch. „Nein.“
„Was glaubst du dann?“
Er antwortete nicht. Er hatte keine Lehre dafür. Keine Regel. Keine saubere Schuld.
Draußen sprang im leeren Saal eine Kerze hoch. Kael stand weit von ihr entfernt.
Torn trat an die Tür. Ihre Narbe glänzte nicht. „Die Stadt wird morgen Wasser verlangen.“
„Ja.“
„Sie wird mich fragen, warum ich dich gehen ließ.“
„Hast du das?“
Sie lächelte nicht. „Noch nicht.“
Kael ging an ihr vorbei. Die Schwelle unter seinen Füßen war glatt von Jahrhunderten. Sein Blut fiel in die älteste Mulde und blieb dort liegen. Es trocknete nicht.
Am Abend stand der Rote Steig still. Die gerettete Wand trug die Risse wie Schrift. Aus dem Notbrunnen kam weißer Dampf, dünn und stetig. Auf dem Stein lag Kaels Schlüssel. Er hatte seine Form verloren. Im krummen Eisen hing ein Tropfen Wasser. Er kochte nicht.




