Die Hitzewelle und die toten Fische
Am dritten Tag der Hitzewelle trieb der erste Fisch mit dem Bauch nach oben unter der Betonbrücke durch. Am vierten waren es so viele, dass sie an den flachen Stellen hängen blieben und sich in den Halmen der Ufergräser drehten.
Jana stand am Geländer und hielt ihr Notizbuch gegen die Sonne. Sie schrieb Datum, Uhrzeit, Lufttemperatur. Sie schrieb nicht sofort den Geruch auf.
Der Fluss roch nicht nach Schlamm. Nicht nach Algen, nicht nach warmem Wasser, das zu lange in der Sonne gestanden hatte. Er roch wie ein neuer Duschvorhang, den jemand über einen heißen Heizkörper gelegt hatte.
Hinter ihr rollte ein Wagen der Umweltbehörde auf den Schotter. Umweltingenieur Beck stieg aus, setzte seine Sonnenbrille ab und sah nicht zum Wasser. Er sah zuerst auf die Brücke, dann auf die alten Rohre am gegenüberliegenden Ufer, dann auf Jana.
„Bei der Temperatur kippt jeder kleine Fluss irgendwann“, sagte er.
Jana sah auf einen Karpfen, der an einem Einkaufswagen hängen blieb. Seine Kiemen standen offen. Daran klebten helle Flocken, klein wie Grieß.
„Riechen Sie das?“, fragte sie.
Beck nahm die Probenflaschen aus seiner Tasche. „Niedriger Sauerstoff, hohe organische Last, wenig Durchfluss. Das sieht man jedes Jahr in irgendeinem Landkreis.“
Er hatte nicht geantwortet. Jana setzte den Stift wieder an und schrieb: Geruch chemisch, kunststoffartig. Dann zog sie einen Rahmen um das Wort Geruch. Sie mochte Rahmen. Ihre Akten lagen nach Farben sortiert im Büro, Tatorte nach Raster, Zeugen nach Verlässlichkeit. Nur Fälle am Wasser hielten sich an nichts. Wasser nahm alles mit und ließ nur das zurück, was gerade hängen blieb.
Beck ging zum Ufer hinunter. Seine Schuhe sanken in den grauen Schlamm. Er füllte drei Flaschen, beschriftete sie sauber und stellte sie in eine Kühlbox.
„Wo ist die nächste Einleitung?“, fragte Jana.
Beck deutete flussaufwärts, ohne hinzusehen. „Industriegebiet. Drei genehmigte Auslässe. Galvanik Lenz, Held Kunstharze, eine Spedition mit Waschanlage.“
„Und welcher riecht nach Duschvorhang?“
Beck schraubte die Kühlbox zu. Der Klick fiel zu laut in die trockene Luft. „Geruch trägt vor Gericht nicht weit.“
Am Nachmittag saßen sie in einem Besprechungsraum der Umweltbehörde. Der Ventilator drehte sich über dem Tisch und schob warme Luft gegen die Aktenstapel. Jana hatte die Probenliste vor sich. Sauerstoff niedrig. Temperatur hoch. pH unauffällig. Nitrat unauffällig. Metalle ausstehend.
„Das reicht für Dürre“, sagte Beck.
„Es reicht für eine Erklärung, die niemandem wehtut.“
Er ordnete einen Stapel Formulare so genau aus, dass alle Kanten bündig lagen. Jana kannte diese Bewegung. Menschen machten sie, wenn sie eine Hand beschäftigen mussten.
„Haben Sie Held in den letzten Jahren geprüft?“
„Routineprüfung vor achtzehn Monaten. Keine Beanstandung.“
„Und danach?“
Beck schaute zum Ventilator. „Eine Beschwerde wegen Geruch. Keine belastbare Probe.“
„Wer hat beschwert?“
„Anglerverein. Die melden jeden Schaumkranz.“
Er sagte es glatt. Zu glatt für einen Mann, der eben noch jedes Formular gerade gerückt hatte.
Jana fuhr am nächsten Morgen zu Held Kunstharze. Das Werk lag hinter einem Maschendrahtzaun, flach und hell, mit Tanks, die in der Sonne glänzten. Am Pförtnerhaus hing ein Schild: Wir schonen Ressourcen. Darunter stand ein Eimer mit vertrockneten Geranien.
Fabrikbesitzer Held wartete im Empfang. Weißes Hemd, keine Krawatte, braune Haut an den Unterarmen. Er reichte Jana die Hand, bevor sie ihren Namen nannte.
„Kommissarin Jana, nehme ich an. Ich habe Ihre Behörde schon erwartet. Schreckliche Bilder am Fluss. Aber bei dreiunddreißig Grad und kaum Durchfluss kann man leider nicht zaubern.“
„Sie kennen die Bilder?“
„Die Zeitung war vor Ihnen hier. Außerdem wohnen meine Mitarbeiter in der Stadt. Wir sind Teil dieser Gemeinde.“
Er führte sie durch einen Gang mit Glaswänden. Dahinter standen Behälter, Schläuche, gelbe Markierungen am Boden. Es roch sauber, nach Reinigungsmittel und warmem Plastik.
„Unsere Einleitung liegt bei Kilometer 6,3“, sagte Held. „Genehmigt seit 1998, modernisiert 2016, automatische pH-Kontrolle, Tagesmengen unter Grenzwert. Wir produzieren diese Woche nur auf halber Linie. Wegen der Hitze. Ich kann Ihnen die Schichtpläne zeigen, die Chargenlisten, die Wartungsberichte.“
Jana blieb vor einem Fenster stehen. Hinter dem Werk verlief ein schmaler Graben zum Fluss. An einem Rohr hing ein blauer Kabelbinder. Am Ufer unten steckten mehrere davon im trockenen Gras.
„Was läuft dort?“
Held folgte ihrem Blick sofort. „Regenwasser. Dachflächen. Versiegelt, getrennt, dokumentiert. Da ist seit Wochen nichts gelaufen, wie Sie sich denken können.“
„Und der Notüberlauf?“
Beck, der neben der Tür stand, hob den Kopf. Nur kurz.
Held lächelte. „Ein historischer Begriff in alten Plänen. Technisch außer Betrieb. Sie kennen das, Papier altert langsamer als Anlagen.“
„Ich kenne Papier“, sagte Jana.
Held lachte einmal. „Dann werden Sie unsere Unterlagen lieben.“
Er gab ihr zu viele Unterlagen. Drei Ordner, zwei USB-Sticks, ein Ausdruck der Wasserwerte der letzten sechs Monate. Alles mit Deckblatt. Alles mit Datum. Alles so fertig, als hätte jemand die Frage schon vor der Frage beantwortet.
Am selben Abend fuhr Jana zu Galvanik Lenz. Die Halle sah verdächtiger aus, weil sie nichts tat, um harmlos zu wirken. Rost lief an der Wand herunter. Hinter einem Container standen Fässer unter einer Plane, und am Boden schimmerte ein blaugrüner Fleck.
Der Inhaber, Herr Lenz, kaute auf einem Zahnstocher. „Wenn Sie wegen der Fische kommen, viel Spaß. Bei mir suchen alle zuerst.“
„Warum?“
„Weil Chrom besser klingt als Dürre.“
Er zeigte ihr die Abscheider, die Protokolle, den Störfallbericht von Montag. Ein Ventil hatte getropft. Zwei Liter in eine Auffangwanne. Gemeldet um 7.12 Uhr. Der Zeitpunkt passte nicht. Der Fluss war schon vorher gekippt. Die Metallwerte aus Becks Labor kamen am nächsten Tag: keine Spur, die zu Lenz passte.
Jana strich Lenz nicht durch. Sie zog nur eine dünne Linie neben den Namen. Falsche Fährten bekamen bei ihr keine Kreuze. Kreuze machten zu.
In der zweiten Woche stank der Fluss weniger. Das war schlimmer. Der Geruch hatte sich in den Schlamm gesetzt und kam nur noch an bestimmten Stellen hoch, wenn Jana mit dem Stiefel den Rand trat. Die toten Fische lagen jetzt nicht mehr weiß im Wasser, sondern fehlten. Die Stadt hatte sie einsammeln lassen. Auf dem Bauhof standen schwarze Tonnen in einer Reihe.
„Nicht beweissicher“, sagte der Mitarbeiter, als Jana die Deckel sah.
„Warum nicht?“
„Weil niemand gesagt hat, dass wir zählen sollen. Wir sollten räumen.“
Jana sah auf seine Handschuhe. An einem klebte eine helle Flocke. Er wischte sie an der Hose ab.
Sie rief Beck an. Er meldete sich nach dem fünften Klingeln.
„Die Fische sind weg“, sagte sie.
„Das Gesundheitsamt wollte keine Kadaver am Ufer.“
„Wer hat die Freigabe gegeben?“
„Das Ordnungsamt. Jana, so läuft das.“
„So läuft was?“
Am anderen Ende schwieg er. Im Hintergrund klapperte eine Tastatur, dann eine Tür.
„Die automatische Messstation am Wehr“, sagte Jana. „Ich will die Rohdaten.“
„Außer Betrieb seit April. Ersatzteil fehlt.“
Er sagte es ruhig. Nicht gleichgültig. Eher wie jemand, der einen Satz auswendig kann und trotzdem jedes Wort prüft.
„Warum steht das nicht in Ihrer ersten Mail?“
„Weil es für die akute Lage nichts ändert.“
„Doch“, sagte Jana. „Es ändert, wer wann nichts gesehen hat.“
In der Nacht ordnete sie die Akte neu. Nicht nach Firmen. Nach Zeit. 3.40 Uhr: erste Meldung eines Anglers, tote Fische an der alten Mühle. 4.18 Uhr: Feuerwehr rückt wegen Böschungsbrand am Bahndamm aus. 5.05 Uhr: Anruf beim Bereitschaftsdienst Umwelt. 8.30 Uhr: Beck nimmt Proben. 10.12 Uhr: Zeitung fotografiert Brücke.
Der Böschungsbrand hatte nichts mit dem Fluss zu tun. Jana schob den Ausdruck erst nach links, zu den Nebensachen. Dann blieb ihr Finger auf der Zeile. Wasserentnahme aus Fluss, stand dort. Tragkraftspritze eingesetzt.
Am nächsten Morgen fuhr sie zum Feuerwehrhaus. Die Tore standen offen. Drinnen roch es nach Gummi und Staub. Ein Gerätewart führte sie zu einem Regal mit Schläuchen.
„Wir haben nichts gesehen“, sagte er. „Es war noch dunkel.“
„Was haben Sie benutzt?“
„Saugkorb. Da vorn. Hat sich dauernd zugesetzt.“
Er zeigte auf ein Metallteil mit Sieb. In den Maschen klebte ein heller Belag, trocken und spröde. Jana berührte ihn nicht. Sie holte Handschuhe, Beutel, Siegelmarken. Der Gerätewart sah ihr zu und hörte auf, mit dem Schlüsselbund zu spielen.
„Ist das wichtig?“
„Vielleicht.“
„Wir wollten den gestern reinigen.“
„Heute nicht.“
Das Labor brauchte vier Tage. Jana fuhr in dieser Zeit noch einmal zu Beck. Er saß allein in seinem Büro. Auf der Fensterbank stand ein Glas Wasser, darin schwebte ein toter Käfer.
„Sie wussten vom alten Überlauf“, sagte Jana.
Beck rieb mit dem Daumen über den Rand seiner Kaffeetasse. „Ich wusste, dass er in Plänen steht.“
„Und dass Held ihn bei Starkregen nutzen konnte.“
„Es war kein Starkregen.“
„Bei Hitze auch?“
Er sah sie an. Seine Brille lag auf dem Tisch, dadurch wirkten seine Augen kleiner. „Wenn die Kühlung ausfällt und die Anlage nicht stoppen soll, sucht Wasser den niedrigsten Weg.“
„Warum haben Sie das nicht gesagt?“
„Weil ich es nicht beweisen konnte.“
„Sie hätten es prüfen können.“
„Ich habe die Prüfung beantragt.“ Er zog eine Mappe aus der Schublade. „Zweimal. Einmal kam Personalmangel. Einmal kam die Bitte, Betriebe in der Energiekrise nicht zusätzlich zu belasten.“
Jana las die Vermerke. Unten stand Helds Name in einem Verteiler, nicht als Beschuldigter, als Teilnehmer eines runden Tisches zur Standortpolitik.
„Wer hat Sie gebeten?“
Beck legte die Hand auf die Mappe. Nicht fest. Nur so, dass Jana die Bewegung sah. „Die Antwort steht nicht in Akten.“
Der Laborbericht kam an einem Freitag um 16.43 Uhr. In den Rückständen aus dem Saugkorb fanden sich Acrylatpartikel, ein Biozid und ein Entschäumer. Die Zusammensetzung entsprach einer Charge, die Held Kunstharze laut eigener Liste am Vortag verarbeitet hatte. In den Kiementupfern zweier Fische, die ein Angler vor der Räumung in seiner Gefriertruhe gesichert hatte, lagen dieselben Partikel.
Jana las den Bericht zweimal. Dann rief sie Held an.
„Wir müssen über Ihren Notüberlauf sprechen.“
Held atmete hörbar aus. Nicht lang. „Ich begrüße jede sachliche Klärung. Sie wissen, dass in einer Hitzeperiode viele Faktoren zusammenkommen. Sauerstoff, Algen, Fremdeinträge von oberhalb, auch illegale Entsorgung durch Dritte. Ich hoffe, Sie sichern die gesamte Beweislage und nicht nur den Teil, der in eine einfache Geschichte passt.“
„Das mache ich.“
„Gut“, sagte er. „Dann sind wir auf derselben Seite.“
Jana sah auf den Laborbericht. Neben dem Wort Entschäumer hatte der Gutachter einen kleinen Pfeil gesetzt. Sie zeichnete keinen Rahmen darum.
Die Durchsuchung kam nicht am Montag. Der Antrag wanderte vom Schreibtisch der Staatsanwältin zum Amtsgericht, zurück wegen einer Formulierung, erneut hin. Helds Anwalt reichte eine Stellungnahme ein. Beck wurde zu einem Personalgespräch geladen. In der Zeitung stand eine Woche später: Ursache des Fischsterbens weiter unklar.
Jana ging am Abend zur Brücke. Die Hitze hatte nachgelassen. Der Fluss führte etwas mehr Wasser, genug, um die Steine zu bedecken und die Spuren im Schlamm zu glätten. Am Geländer hing ein blauer Kabelbinder, lose, vielleicht von einem Plakat, vielleicht von etwas anderem. Jana zog ihn nicht ab.
Unter ihr trieb ein einzelner heller Fleck im Wasser. Er drehte sich einmal, blieb kurz an einem Halm hängen und löste sich wieder.
Jana öffnete ihr Notizbuch. Auf der ersten Seite stand noch das Wort Geruch im Rahmen. Sie strich es nicht durch. Sie schrieb darunter: Beweis vorhanden. Verfahren offen.
Dann klappte sie das Buch zu und blieb stehen, bis der Fleck hinter der nächsten Biegung verschwand.



