Die Regenhöhle
Jonas klemmte die gelbe Decke zwischen Gartenstuhl und Apfelbaumast. Sie hielt zwei Atemzüge lang. Dann rutschte sie ihm über den Kopf.
„Nicht ziehen“, sagte er unter der Decke.
„Ich ziehe gar nicht“, sagte Lena und zog noch ein bisschen.
Die Decke roch nach Schrank und nach Gras, weil ihr Rand schon im Rasen lag. Jonas kroch heraus. An seinem Knie klebte ein grüner Halm.
„Das ist mein Eingang“, sagte er und schob zwei Kissen davor.
„Ein Eingang braucht kein Kissen“, sagte Lena.
„Doch. Damit Räuber stolpern.“
Lena stellte sich mit verschränkten Armen daneben. Dann hob sie das Kissen an, genau so weit, dass Jonas die Ecke der Decke darunter stopfen konnte.
„Ich halte nur, weil du es falsch machst“, sagte sie.
„Gut“, sagte Jonas. „Dann halt falsch weiter.“
Die Höhle wurde niedrig. Man musste den Kopf einziehen und die Knie schief halten. Innen war es dunkelgrün vom Gras unter ihnen. Draußen blieb der Sommer hell. Lena schob ihr Stoffkrokodil hinein.
„Krokodil bewacht hinten“, sagte sie.
„Hinten ist bei uns vorne“, sagte Jonas.
„Dann bewacht es eben falsch.“
Jonas legte einen Stock quer vor den Eingang. Lena nahm ihn weg.
„Das ist die Brücke“, sagte Jonas.
„Das ist ein Stock.“
„Eine Brücke aus Stock.“
Lena legte ihn zurück, aber näher an seinen Fuß.
„Jetzt fällt keiner drüber“, sagte sie.
Jonas tat so, als würde er es nicht merken. Er krabbelte hinein und klopfte auf den Platz neben sich. Nur einmal. Ganz klein.
Lena blieb draußen stehen. „Ich muss noch den Turm bauen.“
„Dann bau halt.“
Sie baute keinen Turm. Sie nahm die blaue Decke und warf sie über die gelbe, sodass alles schief wurde.
„Das Dach ist zu schwer“, sagte Jonas.
„Dächer sind schwer. Sonst fliegen sie weg.“
„Meine Dächer nicht.“
Lena setzte sich auf den Rasen und hielt die Ecke fest. „Dein Dach kann ja sagen, wenn es müde ist.“
Jonas wollte etwas zurücksagen. Stattdessen blieb er ganz still. Er schnupperte.
„Regen“, sagte er.
„Quatsch. Es ist Sommer.“
Er schnupperte noch einmal. Die Luft roch nach warmem Stein und nasser Erde, obwohl noch kein Tropfen fiel. Erst danach sah Lena zum Himmel. Über dem Nachbarhaus hingen graue Wolken wie Decken, die niemand richtig ausgeschüttelt hatte.
„Nur ein bisschen“, sagte Lena.
„Gewitterbisschen“, sagte Jonas.
Ein leises Grollen rollte hinter den Bäumen entlang. Lena griff nach ihrem Krokodil und steckte es unter ihr T-Shirt.
„Es hat keine Angst“, sagte sie.
„Hab ich auch nicht“, sagte Jonas und sammelte die Wäscheklammern viel zu schnell in die Dose.
Der erste Tropfen traf die gelbe Decke und machte einen dunklen Punkt. Dann noch einer. Jonas zog an der Ecke.
„Nicht reißen!“
„Dann hilf!“
„Ich helfe doch, du stehst auf meiner Hand.“
Lena sprang weg, nahm die blaue Decke in beide Arme und drückte sie an sich. Jonas riss die gelbe los. Drei Klammern fielen ins Gras.
„Die bleiben“, sagte Lena.
Jonas sah hin. Die Klammern lagen wie kleine Boote zwischen den Halmen.
„Eine brauch ich.“
Lena bückte sich, bevor er es tat, und fischte die rote heraus.
„Nur die Kapitänsklammer“, sagte sie.
Sie rannten zur Terrassentür. Jonas trug die gelbe Decke, zwei Kissen und die Dose an sein Kinn gepresst. Lena trug die blaue Decke und das Krokodil, das unten aus ihrem T-Shirt guckte. Der Stock blieb im Garten. Auch das Gras unter der Höhle blieb, platt und dunkel.
Drinnen tropfte die gelbe Decke auf den Wohnzimmerboden.
„Mama sagt bestimmt: Handtuch“, sagte Jonas.
„Dann holen wir eins, bevor sie es sagt.“
Sie holten zwei. Lena warf eines hin. Jonas breitete es ordentlicher aus, mit den Zehen an den Ecken.
„Das Wohnzimmer hat keinen Baum“, sagte Lena.
„Der Tisch hat Beine.“
„Bäume haben auch Beine?“
„Für Decken schon.“
Sie hängten die gelbe Decke über den Tisch. Die blaue kam darüber. Drinnen roch es nicht nach Gras. Es roch nach Sofakissen. Die Höhle war heller, weil die Lampe am Rand durch den Stoff schaute.
Lena schob das Krokodil hinein. „Es sagt, der Garten war besser.“
Jonas legte die rote Klammer auf den Tischrand. „Es sagt viel.“
„Du kannst ja wieder raus.“
Draußen krachte es, und die Fensterscheibe zitterte leise.
Jonas schob ein Kissen an Lenas Seite. „Da zieht’s.“
„Hier drin zieht es gar nicht.“
Sie ließ das Kissen liegen.
Jonas kroch hinein. Lena blieb am Eingang und hielt die Decke hoch.
„Kommst du?“, fragte er.
„Ich gucke nur, ob das Dach hält.“
„Es hält.“
„Du siehst es von da nicht.“
Jonas rutschte ein Stück zur Seite. Nicht viel. Genug für zwei Knie.
Lena kroch hinein. Ihre nassen Haare tropften auf das Handtuch.
„Du tropfst in meine Küche“, sagte Jonas.
„Das ist keine Küche.“
„Dann in mein Nicht-Küche.“
Lena zog die blaue Decke tiefer, bis der Eingang kleiner wurde. Das Donnern draußen klang nun dicker und weiter weg. Jonas legte die Dose mit den Klammern zwischen sie.
„Falls das Dach müde wird“, sagte er.
Lena nahm die rote Klammer und befestigte damit eine Falte über seinem Kopf.
„Nur damit es nicht auf dich fällt.“
„Fällt nicht.“
„Weiß ich.“
Sie saßen eine Weile, ohne fertig zu bauen. Der Regen klopfte gegen das Fenster. In der Höhle lagen zwei Kissen aneinander, das Krokodil quer darüber, und unter der Tischdecke schauten vier kleine, grasgrüne Zehen in dieselbe Richtung.




