Fee Mira und der fehlende Donner
Über den Sommerwiesen hing das Gewitter seit dem Mittag fest, als hätte jemand den Himmel beim Einatmen vergessen. Unten warteten die Grashalme mit gebeugten Köpfen, die Käfer saßen unter Blättern, und oben, zwischen den schweren Wolken, stand Fee Mira im Feenturm aus Wolkenbausteinen und hielt den Donnerschlägel in beiden Händen.
Der Turm war klein für eine Donnerstelle, doch Mira brauchte nicht viel Platz. An gewöhnlichen Tagen legte sie den Fuß auf die Windwippe, zog mit dem Ellbogen den Sturmriemen an, und dann schlug sie auf die große Wolkentrommel, die mitten im Raum hing. Der Schlag lief durch den Windkanal, wurde in den runden Wolkenbäuchen herumgeknetet und kam als Donner zurück. Danach roch Miras Haar immer ein wenig nach nassem Stein, und ihre Knie waren weich wie Schlaf.
Heute klang die Trommel nicht richtig.
Mira hob den Schlägel. Sie atmete ein. Der Griff kribbelte in ihrer Handfläche, als wollte er lieber Farn werden. Dann schlug sie.
Plumm.
Kein Rollen. Kein Grummeln. Nur ein müder Ton, der sich in die Ecke setzte.
Mira verzog nicht das Gesicht, denn Donnerfeen verziehen nicht das Gesicht, wenn alle Wolken zusehen. Aber in ihrer Brust wurde es eng, und die Ränder der Dinge fühlten sich härter an. Sie schlug noch einmal. Plamm. Die Wolkenbausteine antworteten nicht. Der Windkanal blieb still, bis auf ein dünnes Pfeifen, das Mira zwischen den Zähnen kitzelte.
Blitzfee Zara kam durch die obere Luke, schnell wie jemand, der langsam sein möchte und es nicht gut kann. Ihre Blitzspulen klirrten an ihrem Gürtel, und unter jedem Schritt blieb ein kleines Prickeln in der Luft hängen.
„Mira“, sagte Zara leise. „Meine Blitze warten. Sie werden ungeduldig.“
„Dann lass sie noch einen Augenblick warten“, sagte Mira.
Zara nickte. Sie war die hellste Blitzfee im ganzen Gewitterflügel und konnte doch keinen Blitz losschicken, wenn kein Donner ihm den Weg freiräumte. Ohne Miras Schlag verirrte sich der Blitz in den Wolkenfalten und kam als Schluckauf zurück. Das war schon einmal geschehen. Drei Libellen hatten danach eine Stunde lang gereimt.
Aus dem Windkanal kroch Wolkenkind Nim. Nim war klein genug, um in eine Regentonne zu passen, und alt genug, um die Launen der Wolken zu kennen. Es trug Sorgen in den Augen und Mut in den Fäusten.
„Der Donner ist auf der falschen Seite geknotet“, sagte Nim.
Mira senkte den Schlägel. „Welche Seite?“
Nim überlegte so lange, dass der Turm mit ihm überlegte. „Die weiche. Nicht die weiche, die man fühlt. Die andere weiche. Da, wo der Wind sich erinnert, dass er einmal ein Seufzer war.“
Zara presste die Lippen zusammen. „Das ist fast hilfreich.“
Nim nickte stolz und besorgt zugleich.
Mira trat an den Mechanismus. Er war einfach, wie alle wichtigen Dinge im Himmel: eine Trommel aus verdichtetem Wolkenfell, drei Regenfedern zum Nachschwingen, ein Windkanal, der den Ton lang zog, und der Sturmriemen, der dem Ganzen den Mut gab. Mira strich über den Riemen. Kalt. Zu kalt für Sommer. Die Kälte stieg ihr bis in die Schulter, und für einen Atemzug fühlte sie sich sehr klein in ihrem eigenen Amt.
„Wir versuchen den alten Doppelschlag“, sagte sie.
Zara stellte sich an die Blitzspule. Nim kroch halb in den Windkanal und hielt die Wangen auf, damit es besser lauschen konnte. Mira hob den Schlägel, trat die Windwippe, zog den Riemen und schlug zweimal, kurz und tief.
Plumm-plimm.
Die Trommel antwortete mit einem Ton, der sich schämte. Im selben Augenblick rutschte eine Wolkenbaustufe aus der Wand und setzte sich auf Miras Fuß. Nicht schwer, aber entschieden.
„Aua“, sagte Mira sehr ordentlich.
Zara fing ihre Blitzspule ein, bevor sie nieste. Nim kam rückwärts aus dem Kanal, die Haare voller Wolkenkrümel.
„Der Donner mag nicht geschoben werden“, murmelte Nim. „Er mag, wenn man ihm die Tür nicht zeigt.“
Mira setzte sich auf die Trommelbank. Jeder Zauber, der nicht gelang, ließ etwas zurück; diesmal war es ein Ziehen in ihren Handgelenken, als hätten kleine Fische daran geknabbert. Unten warteten die Gärten auf Regen. Oben warteten die Blitze. Und Mira, die den Donner rufen konnte, fühlte sich so leise, dass sogar ihre Gedanken auf Zehenspitzen gingen.
Da machte Nim etwas Unnützes.
Es pustete gegen einen losen Wolkenkrümel auf Miras Ärmel. Der Krümel rollte über den Rand der Trommel, fiel auf eine Regenfeder und blieb dort hängen. Die Feder vibrierte. Nicht laut. Eher wie ein Brummen im Bauch, wenn man an eine warme Decke denkt. Der Sturmriemen zuckte.
Mira hob den Kopf.
„Noch einmal“, sagte sie.
Nim pustete, vorsichtig. Zara hielt den Atem an, was ihr schwerfiel, weil Blitze gern losrennen. Der Wolkenkrümel hüpfte auf der Regenfeder, und die Trommel begann nicht zu klingen, sondern zu warten. Dieses Warten fühlte sich richtig an. Weich. Tief. Wie eine Tür, die nicht geöffnet werden wollte, sondern gebeten.
Mira legte den Schlägel zur Seite.
„Ohne Schlag?“ fragte Zara.
„Mit weniger Mira“, sagte Mira.
Sie nahm den Sturmriemen nur mit zwei Fingern. Das kostete sie mehr, als fest zu ziehen; die feine Magie lief ihr bis in den Nacken, und dort blieb sie als müde Wärme liegen. Nim pustete den Krümel. Zara drehte ihre Blitzspule langsam, langsamer als sie je etwas gedreht hatte. Mira tippte mit dem Schlägelstiel gegen die Bank, nicht gegen die Trommel.
Der Windkanal holte sich den Ton selbst.
Erst war da ein Brummen unter den Füßen. Dann ein Rollen, das durch die Wolkenbäuche wanderte, schwer und freundlich, als würde der Himmel seine Möbel rücken. Zara ließ ihren Blitz gehen. Diesmal fand er den Weg. Das Gewitter löste sich aus seinem langen Warten, und der Donner rollte über die Sommerwiesen.
Im Turm sahen alle Mira an.
Mira nickte, als hätte sie genau das die ganze Zeit vorgehabt. „Gut“, sagte sie. „Dann machen wir den nächsten ebenso.“
Zara lächelte klein. Nim lächelte groß. Draußen begann der Regen zu fallen, und Mira spürte, wie ihre Knie weich wurden, aber diesmal hielt der Turm sie freundlich aufrecht.
Als das Gewitter weiterzog, blieb auf Miras Ärmel ein winziger Wolkenkrümel sitzen. Wenn sie den Arm bewegte, brummte er leise im Takt.




