Die Wolkenschreiberin
Über der Sommerwiese hing der Feenhimmel tief genug, dass die Grashalme seine Unterseite kitzeln konnten. Dort oben saß Fee Dawa auf einer langsamen Wolke und schrieb die Gedanken der Kinder in den Himmel, damit sie vor dem Einschlafen noch einmal sehen konnten, was in ihnen leise herumging.
Dawa war kleiner als eine Distelblüte und konnte doch Sätze tragen, die schwerer waren als Regen. Wenn sie schrieb, kribbelten ihre Fingerspitzen von innen, als liefen winzige Ameisen aus Mondstaub darin hin und her. Danach wurde ihr Atem dünn. Das war der Preis. Sie bezahlte ihn gern, aber nicht ohne Mühe.
Unten lag Lara im Gras. Sie war fünf Jahre alt, mutig genug, den Kopf in den Wind zu halten, und vorsichtig genug, dabei beide Hände an ihrem roten Tuch festzuklammern. Neben ihr schauten andere Kinder hoch. Lara blinzelte nicht lange. Wenn der Himmel etwas sagte, wollte sie es nicht verpassen.
Dawa lauschte in die Wiese hinein. Gedanken kamen nicht als Worte zu ihr, sondern als kleine Gewichte im Herzen: ein Wunsch nach Erdbeeren, eine Sorge um einen verlorenen Knopf, ein Schlaf, der noch nicht kommen wollte. Sie nahm Laras Gedanken zuerst, weil er tapfer und ängstlich zugleich war.
Sie schrieb: Heute darfst du dich klein fühlen und trotzdem mutig sein. Die Wolke gab nach unter den Buchstaben. Dawa spürte ein Ziehen bis in die Schultern. Kaum war der Satz gelegt, rollte Braus heran, der Wind-Geist, groß genug, eine ganze Wiese umzublättern, und unruhig wie ein Kind, das seine Füße nicht finden kann.
Braus meinte es nicht böse. Er passte nur selten auf. Er wollte Dawa begrüßen und atmete dabei zu breit. Der Satz zerfiel. Unten sah Lara nur: Heute darfst du dich klein … Dann war alles auseinandergetragen. Die Ränder der Wolken wurden dünn, und Laras Stirn wurde ernst.
Dawa stemmte die Füße in den Wolkenrücken. Noch einmal. Sie schrieb langsamer: Klein und mutig passt zusammen. Dieses Mal hielt sie den Atem an, damit die Buchstaben dichter wurden. In ihrem Mund blieb eine Kälte zurück, wie nach zu viel Schatten. Braus versuchte, sich schmal zu machen. Das konnte er schlecht.
Er flüsterte: Ich halte mich fest. Doch sein Flüstern war schon Wind. Wieder rissen die Worte los. Unten fielen nur Stücke durch den Blick der Kinder: mutig … passt … zusammen. Lara setzte sich auf. Sie sorgte sich um die kleine Fee, obwohl sie Dawa kaum erkennen konnte. Wer so viel schrieb, musste müde werden.
Dawa ließ ihre Hände sinken. Ihre Finger zitterten, nicht stark, nur so, dass die Wolke es merkte. Sie war stolz auf lange Gedanken. Ganze Trostdecken konnte sie aus Sätzen machen. Aber der Himmel war heute kein Zimmer. Er war ein laufendes Tier, und Braus war sein wedelnder Schwanz.
Also schrieb sie kürzer. Mutig sein. Braus hielt die Luft in sich wie eine zu volle Tasche. Einen Herzschlag lang blieb alles beieinander. Dann nieste er, klein für ihn, groß für die Wolken. Dawa verlor das Gleichgewicht. Das Kribbeln in ihren Fingern wurde taub. Unten lachten zwei Kinder leise, nicht über sie, sondern weil der Wind ihnen die Haare in den Mund schob.
Lara lachte nicht. Sie hob beide Hände, als könnte sie die Wörter auffangen. Das war mutig, denn der Wind zog an ihrem Tuch. Das war besorgt, denn sie sah, wie die Wolkenstücke fortliefen. In ihrem Bauch wurde es still.
Dawa sah Laras Hände. Da verstand sie nicht mehr, was sie schreiben wollte, sondern nur, dass etwas ankommen sollte. Sie nahm den kleinsten Rest ihres Atems. Ein einzelnes Wort würde weniger kosten, dachte sie, und doch wusste ihr Körper es besser. Manchmal ist das Kleine nicht leichter. Manchmal passt es nur enger.
Sie legte ein Wort in die Wolke. Nicht mit Schwung. Mit Sorgfalt. Jeder Strich zog Wärme aus ihren Handgelenken, und als sie fertig war, blieb ein feines Pochen zurück, als hätte ihr Herz bis in die Finger geübt. Braus machte sich rund. Er hielt sich zurück. Seine große Unruhe zitterte an den Rändern.
Das Wort blieb.
Es trieb nicht davon. Es wanderte nur langsam über die Wiese, so langsam, dass sogar die Grashalme Zeit hatten, sich darunter zu neigen. Lara las es. Sie sagte nichts. Ihr rotes Tuch flatterte, dann ließ sie es los, nur ein wenig, und lächelte so klein, dass es zuerst niemand bemerkte.
Dawa konnte von oben nicht erkennen, welches Wort angekommen war. Der Wind hatte ihre eigenen Buchstaben beim Warten durcheinander in ihrem Kopf gelegt. Sie wusste nur, dass Lara nicht mehr ganz so fest hielt.
Braus zog sich neben Dawa zusammen, mächtig und verlegen. Dawa lehnte sich an ihn, weil sie müder war, als eine Wolkenschreiberin gern zugibt. Unter ihnen senkte sich die Sommerwiese in den Abend. Dort, wo Lara gelegen hatte, standen drei Halme anders als die anderen, gebogen zu einem kleinen Zeichen, das der Wind nicht mitnahm.




