Das Gewitter das nicht kommt
Finn rannte nicht bis zum Turm. Er rannte drei Schritte, blieb stehen, schaute zum Himmel, rannte weiter.
Emma war schon am Zaun. Sie hielt den Rucksack noch auf dem Rücken, obwohl sie längst angekommen war.
Über den Sommerfeldern hing eine dunkle Wolke. Ihr Rand fraß sich langsam über die gelben Halme. Finn zeigte hinauf.
— Wenn die Wolke den Birnbaum berührt, gehen wir runter.
Emma griff nach dem rostigen Tor.
— Erst hoch.
Der alte Aussichtsturm stand schief genug, dass Finn ihn nicht zählen wollte. Unten klemmte die Holztür einen Spalt offen. Um den Riegel war ein blaues Band gewickelt. Es war neu. Nicht staubig. Nicht gerissen.
Emma zog daran.
Das Band löste sich. Die Tür gab nach.
Innen war es schmal. Die Treppe drehte sich nach oben, eng wie eine Schnecke. An der Wand standen Kreidestriche. Viele. Manche waren verwischt. Einer war frisch und zeigte nicht nach oben, sondern seitlich in die dunkle Ecke unter der ersten Stufe.
Finn schluckte. Seine Hand blieb an der Tür, aber seine Füße gingen hinein.
— Das zählt nicht, sagte Emma. — Ecke später. Erst Turm.
Finn sah durch den Türspalt zum Himmel. Die Wolke war noch vor dem Birnbaum, aber der helle Streifen dahinter wurde dünner.
— Bis zum dritten Fenster. Dann schauen wir.
Emma nickte schon auf der zweiten Stufe.
Sie stieg schnell. Zu schnell.
Die siebte Stufe kippte.
Emma fiel nach vorn. Ihr Knie schlug auf Holz. Finn packte ihr T-Shirt. Beide rutschten. Die Stufe klappte zurück und zeigte darunter ein schwarzes Loch.
Keiner sprach.
Finns Finger zitterten am Stoff. Emma atmete durch die Zähne und zog das Knie an. Auf der Unterseite der kippenden Stufe war ein rotes Kreuz gemalt.
Finn sah höher.
Noch zwei Stufen hatten rote Kreuze. Klein. Genau in der Mitte.
— Nicht mittig treten, sagte er.
Emma rieb ihr Knie. Dann stellte sie den Fuß ganz außen auf den Rand der nächsten Stufe. Sie drückte. Nichts kippte.
Finn tat es ihr nach. Außen war das Holz dunkler und fest. Innen war es hell und hungrig.
Sie stiegen weiter. Langsam jetzt. Emma zuerst, aber nicht mehr schnell. Finn dahinter, mit einem Auge auf den Stufen und einem Auge auf den Fensterschlitzen. Bei jedem Schlitz schaute er hinaus.
Das Feld lag noch hell. Der Birnbaum war halb im Schatten.
Am dritten Fenster hing ein kleiner Eisenring in der Wand. Darunter zeigte ein Kreidepfeil nach rechts. Emma grinste.
— Da ist was.
— Da ist Zeit weg, sagte Finn.
Aber er blieb stehen.
Neben dem Fenster saß eine niedrige Klappe im Mauerwerk. Sie hatte keinen Griff. Nur ein rundes Loch, so groß wie Finns Daumen. Emma steckte den Finger hinein und zog.
Nichts.
Sie zog stärker. Der Finger blieb stecken.
— Emma.
— Ich weiß.
Sie zog noch einmal. Der Ring über ihnen löste sich aus der Wand und fiel Finn vor die Schuhe. An seinem Ende saß ein kurzer Haken.
Emma bekam den Finger frei. Sie starrte auf den Ring.
— Der war nicht zum Festhalten.
Finn hob ihn auf. Der Haken passte genau durch das Loch in der Klappe. Er zog. Die Klappe sprang auf.
Dahinter lag kein Schatz. Nur ein Stück Schiefer mit eingeritzten Worten: Wenn der Hahn schwarz wird, steig ab.
— Welcher Hahn? fragte Emma.
Finn zeigte zum nächsten Fensterschlitz. Ganz oben auf dem Turm drehte sich ein Wetterhahn. Noch glänzte sein Bauch grau. Hinter ihm kroch die Wolke höher.
Emma steckte den Haken in ihre Hosentasche.
— Dann müssen wir den Hahn sehen.
Finn wollte nein sagen. Sein Mund machte schon die Form. Dann rollte weit weg ein Donner über die Felder, so leise, dass er mehr im Bauch als im Ohr war.
Er schaute wieder zum Birnbaum.
Die Wolke berührte die obersten Blätter.
— Bis oben. Ein Blick. Dann runter.
Emma nickte. Diesmal wartete sie, bis Finn die nächste rote Markierung sah.
Sie stiegen außen. Schritt. Griff. Schritt. Griff. Der Turm knackte, aber nicht unter ihren Füßen. Wind drückte durch die Schlitze und hob Emmas Haarband an.
Oben endete die Treppe an einer Falltür. Sie lag waagerecht über ihren Köpfen. Kein Griff. Kein Riegel. Nur wieder ein rundes Loch.
Emma stemmte beide Hände dagegen.
Die Falltür rührte sich nicht.
Finn schob mit. Sein Schuh rutschte. Er trat in die Mitte einer Stufe. Sie ächzte.
Er sprang zurück an den Rand.
— Nicht drücken, sagte er schnell. — Ziehen.
Emma zog den Eisenring aus der Tasche. Der Haken glitt in das Loch. Sie drehte ihn. Etwas klickte.
Finn hob nur mit den Fingerspitzen.
Die Falltür gab nach. Ein Streifen dunkler Himmel schnitt in den Turm.
Emma kletterte hinaus. Finn folgte so schnell, dass er oben auf den Knien landete.
Die Plattform war klein. Das Geländer wackelte an einer Ecke, also fasste keiner es an. Der Wetterhahn stand über ihnen. Sein Kopf war schon vor der Wolke verschwunden. Nur der Schwanz glänzte noch.
In der Mitte der Plattform lag ein Glas. Es war mit blauem Band zugebunden. Dasselbe Blau wie unten am Riegel. Im Glas steckte ein Zettel.
Emma griff danach.
Finn griff nach ihrem Ärmel.
— Der Hahn.
Sie sah hoch.
Jetzt war er ganz schwarz.
Der Donner kam näher.
Emma hielt den Arm in der Luft. Ihre Finger waren schon am Band. Dann ließ sie los. Nicht ganz. Sie zog nur den Knoten auf, nahm den Zettel heraus und las laut:
— Wer schneller war als der Himmel, legt etwas zurück.
Finn schaute zum Feld. Der Birnbaum war weg im Schatten. Der helle Streifen am Rand des Himmels war nur noch ein dünner Faden.
Emma stopfte den Zettel zurück.
— Etwas Kleines.
Finn tastete in seiner Tasche. Er fand den gelben Knopf, den er seit Tagen mit sich herumtrug, weil er nicht wusste, wozu er gut war. Jetzt wusste er es nicht besser. Er legte ihn ins Glas.
Emma band das blaue Band zu. Nicht schön. Fest.
Dann rannten sie zur Falltür.
Runter war schwerer. Oben zog der Wind an ihnen. Unten warteten die roten Kreuze. Finn ging zuerst. Er zeigte jede Kante.
— Außen. Außen. Jetzt nicht die.
Emma folgte. Ihr Knie war staubig. Sie sagte nichts dazu.
Der erste Regen traf sie auf halber Treppe. Dicke Tropfen schlugen durch den Fensterschlitz und platzten auf Finns Arm.
Beide lachten.
Nicht lange. Die nächste rote Stufe kam.
Sie kletterten weiter. Schritt. Griff. Schritt. Griff. Der Donner riss über den Turm, und Finn duckte sich, aber seine Hand zeigte Emma die sichere Kante.
Unten stand die Tür noch offen. Das blaue Band am Riegel hing nass und dunkel. Sie sprangen hinaus unter das kleine Vordach.
Der Regen nahm die Felder. Der Turm tropfte auf ihre Schuhe. Hoch oben, hinter grauen Schnüren, saß das Glas auf der Plattform, und darin lag ein gelber Knopf, der vorher keinem Ort gehört hatte.




