Der Gewitterunterschlupf
Der Himmel über dem Stadtrand hatte erst nur so getan, als würde er nachdenken. Dann schob er die hellen Wolken weg und holte die dunklen nach vorn.
Alexis blieb am Waldrand stehen. Sie zählte nicht die Bäume. Sie zählte die Sekunden zwischen dem ersten fernen Grollen und dem nächsten.
Jonas rannte schon los.
„Nicht so schnell!“, rief Alexis.
Jonas bremste mit beiden Schuhen im Staub. Seine Knie zitterten. Trotzdem drehte er sich nicht um. „Papa hat gesagt, der Unterschlupf ist gleich hinter der alten Hütte.“
„Papa hat gesagt: erst die Buche mit dem gebogenen Ast. Dann drei Steine wie Zähne. Dann links, obwohl rechts der breite Weg kommt.“
Jonas zeigte in den Wald. „Da ist ein breiter Weg. Also los.“
Ein Windstoß fuhr durch die Blätter. Er kam kalt, obwohl Sommer war. Alexis zog den Rucksack enger. Jonas hatte seinen gar nicht abgesetzt, seit sie aus dem Garten losgelaufen waren.
Sie rannten.
Der breite Weg schluckte ihre Schritte. Links und rechts standen Brombeeren mit Dornen wie kleine Haken. Jonas sprang über eine Wurzel, stolperte, fing sich und lief noch schneller. Alexis lief langsamer, aber ihre Augen sprangen von Baum zu Baum.
„Gebogener Ast?“, keuchte Jonas.
„Nicht der. Der zeigt hoch. Papa sagte, der Ast zeigt auf den Boden, als hätte der Baum etwas verloren.“
Das nächste Grollen kam näher.
Jonas sagte: „Dann nehmen wir die Hütte da!“
Zwischen den Stämmen hockte ein Dach. Es hing schief. Eine Regenrinne baumelte herab wie ein loser Arm. An der Wand steckte ein schwarzes Rohr.
Jonas packte den Türgriff. Er zog.
Nichts.
Er stellte einen Fuß gegen die Wand und zog mit beiden Händen.
Die Tür gab einen Spalt nach. Dann klemmte sie. Aus dem Spalt fiel altes Laub. Dahinter war kein Raum, nur Bretter, die von innen dagegen genagelt waren.
„Das ist sie nicht“, sagte Alexis.
„Doch! Alte Hütte. Dach. Tür. Fertig.“ Jonas zog wieder. Der Griff blieb in seiner Hand.
Alexis zeigte auf das schwarze Rohr. „Papa sagte, seine Hütte hatte keinen Schornstein. Er hat gesagt: Wenn du Rauch finden kannst, bist du falsch.“
Jonas starrte auf den Griff in seiner Hand. Er hatte gewonnen und doch nichts aufgemacht.
Dann knallte etwas über ihnen.
Nicht Donner. Die lose Regenrinne schlug gegen die Wand. Unter ihr war ein Brett heller als die anderen. Darauf kratzte etwas in das Holz: ein Fuchs mit einem Ohr.
Alexis trat näher. „Fuchsohr“, flüsterte sie.
Jonas hielt den Griff wie einen Schatz, der keiner war. „Papa hat nie was von einem Fuchs gesagt.“
„Doch. Er sagte, wir sollen nicht nach der Hütte suchen. Wir sollen nach dem Fuchsohr suchen. Ich dachte, er meint einen Baum.“
Das Fuchsohr zeigte nicht zum Weg. Es zeigte in das Gestrüpp hinter der Hütte.
Jonas machte einen Schritt hinein. Dornen kratzten seine Hose. Er zog den Fuß zurück.
„Da kommt man nicht durch.“
Alexis bückte sich. Unter den Dornen lag kein Laub. Dort war Erde platt getreten, alt und hart, als wären viele kleine Füße vor langer Zeit immer an derselben Stelle verschwunden.
„Unten durch“, sagte sie.
Jonas schluckte. Dann warf er sich auf die Knie.
Er kroch zuerst.
Die Dornen zogen an seinem T-Shirt. Ein Ast schnappte zurück und traf Alexis am Ärmel. Sie fluchte nicht. Sie hielt ihn fest, damit Jonas weiterkam. Hinter dem Gestrüpp wurde der Wald enger. Der breite Weg war weg. Nur eine Spur blieb, dünn wie eine Frage.
Der Himmel wurde dunkler. Nicht überall. Nur über den Baumspitzen, wo sie hinmussten.
„Drei Steine wie Zähne“, sagte Alexis.
„Ich sehe hundert Steine.“
„Zähne stehen nebeneinander.“
Jonas lief vor. Er fand drei helle Steine. Sie lagen im Moos, rund und brav.
„Da!“
Alexis kam nach, sah kurz hin und schüttelte den Kopf. „Das sind Eier.“
„Steine.“
„Zu rund. Papa sagte Zähne. Zähne beißen.“
Der Wind drückte die Blätter auf einmal alle in dieselbe Richtung. Ein Tropfen fiel auf Jonas’ Hand. Nur einer. Er sah viel zu groß aus.
„Wir haben keine Zeit für Zahnunterricht!“
Alexis antwortete nicht. Sie ging weiter, langsam genug, um zu schauen, schnell genug, um nicht stehen zu bleiben.
Dann blieb sie doch stehen.
Vor ihnen ragten drei graue Steine aus der Erde. Schief. Spitz. Der mittlere war abgebrochen. Zwischen ihnen lag eine Wurzel wie eine dunkle Zunge.
Jonas grinste schon, aber Alexis zeigte nach rechts.
Dort lief der breite Weg weiter.
„Papa sagte links, obwohl rechts der breite Weg kommt“, sagte sie.
Links war fast nichts. Nur Farne, eine nasse Senke und dahinter ein Hügel mit Haselsträuchern.
Jonas rannte los, diesmal nach links. Nach drei Schritten sank sein Schuh ein.
„Matsch!“
Er zog. Der Schuh blieb. Sein Fuß kam heraus.
Alexis packte seinen Arm. „Nicht ziehen. Dreh.“
„Der Himmel dreht auch nicht!“
„Dein Schuh schon.“
Er drehte den Fuß zurück in den Schuh, drehte den Schuh im Schlamm und zog langsam. Es schmatzte. Der Schuh kam frei.
Das neue Grollen rollte nicht mehr fern. Es rollte über ihnen.
Sie nahmen nicht die Senke. Alexis zeigte auf die Wurzeln am Rand. „Papa kam als Kind nicht durch den Matsch. Er ist über die Wurzeln.“
Jonas hüpfte von Wurzel zu Wurzel. Alexis sagte: „Links. Halt. Der flache. Nicht der glänzende.“
Er trat auf den flachen. Der glänzende daneben sank unter einem Tropfen ein.
Hinter den Haseln stand die alte Hütte.
Sie stand nicht schön. Sie hielt sich fest. Eine Wand war nach innen gedrückt. Das Dach lag tief auf ihr, als wollte es niemanden hineinlassen. Die Tür war klein und hing nicht gerade. Ein Brett war quer davor geschoben. Kein Griff außen. Kein Fenster, nur ein Loch, das mit einem Stück Blech zugenagelt war.
„Das ist kein Unterschlupf“, sagte Jonas. „Das ist ein Ärgernis.“
Alexis legte beide Hände an das Querbrett. Es bewegte sich nicht.
Jonas stieß mit der Schulter dagegen.
Die Hütte knarrte. Die Tür blieb zu.
Ein zweiter Tropfen fiel. Dann drei. Dunkle Punkte sprangen auf das trockene Holz.
Alexis sah nicht zur Tür. Sie sah auf den Boden. Vor der Schwelle lagen Kratzer im Staub. Sie liefen nicht nach innen. Sie liefen zur Seite.
„Schieben“, sagte sie.
Jonas hörte schon das Prasseln in den Blättern. Er redete schneller, als seine Hände arbeiteten. „Schieben, ja, klar, Papa hat bestimmt gesagt: Wenn du fast vom Blitz geholt wirst, schieb das blöde Brett, Jonas, schieb—“
Das Brett rutschte zur Seite.
Die Tür öffnete sich nach außen.
Innen war es niedrig. Eine Bank aus alten Bohlen stand an der Wand. Darunter lag eine Blechdose. Auf dem Deckel war derselbe Fuchs eingeritzt, nur hatte er jetzt zwei Ohren.
Der Regen brach los, als Jonas und Alexis über die Schwelle sprangen.
Jonas redete weiter. „Wir sind drin, wir sind wirklich drin, ich wusste fast alles, du wusstest den Rest, Papa hat nicht mal eine Karte gebraucht, und mein Schuh ist voller Wald—“
Alexis sagte nichts.
Sie schob das Brett zurück, langsam, bis der Wind draußen blieb.
Auf dem Boden standen zwei nasse Schuhabdrücke. Der kleinere zeigte zur Tür. Der größere zeigte schon zur Blechdose.




