Die Spur im Wind
Lena hielt ihr Eis mit beiden Händen fest, obwohl nur noch der Stiel übrig war.
Der Wind zerrte an ihrem Haar. Er drückte ihr Kleid an die Knie. Er schob Sand über den Weg, als wollte er den Park schnell zudecken, bevor jemand etwas merkte.
Lena merkte es trotzdem.
Mitten auf dem Sandweg stand ein Fußabdruck.
Nicht von einem Hund. Nicht von einem Vogel. Nicht von Mama, die längst auf der Bank saß und mit geschlossenen Augen so tat, als würde sie nur kurz ausruhen.
Der Abdruck war klein. Fast so groß wie Lenas Fuß. Neben der rechten Ferse steckte ein winziger Haken im Sand, als hätte jemand bei jedem Schritt einen krummen Zahn hinterlassen.
Dann kam noch ein Abdruck.
Und noch einer.
Alle gingen gegen den Wind.
Lena zog die Schultern hoch. Der Wind warf ihr Sand gegen die Schienbeine. Sie trat einen Schritt vor. Dann noch einen. Ihre Hand suchte nach Mamas Ärmel, fand nur Luft, und ihre Füße liefen trotzdem weiter.
„Nur bis zur Kurve“, sagte Lena.
Der Wind nahm den Satz und riss ihn weg.
Die Spur bog nicht zur Kurve. Sie blieb gerade. Sie lief mitten durch die helle Bahn aus Sand, dort, wo der Wind am stärksten pustete und jeder Abdruck schon an den Rändern zerfiel.
Lena kniete sich hin.
Der Haken war noch da.
Er stand immer links neben dem rechten Fuß. Nicht davor. Nicht dahinter. Links.
Lena legte ihren Finger daneben. Der Sand sprang ihr an die Hand. Sie blinzelte, aber sie stand nicht auf. Wenn jemand so ging, musste er etwas am Schuh haben. Eine Schnalle. Einen Nagel. Einen abgebrochenen Stock.
Oder etwas, das nicht zu Schuhen gehörte.
Die Spur führte zum alten Fliederbusch. Dort teilte sich der Weg. Rechts ging es zum Ententeich. Links zu den Spielgeräten. Geradeaus lag nur ein Stück Sand, dann Gras, dann die dichte Hecke, durch die niemand ging, weil sie piekste.
Rechts sah Lena eine lange Reihe dunkler Abdrücke.
Sie waren klarer. Tiefer. Leichter.
Lena grinste nicht. Sie biss auf den Eisstiel und rannte los.
Rechts.
Zum Teich.
Die Abdrücke zogen sich neben den Bänken entlang. Der Wind kam von hinten und schob Lena fast in sie hinein. Das war besser. So ging Folgen schnell.
Zu schnell.
Nach zehn Schritten wurden die Abdrücke breiter. Nach fünf weiteren hatten sie keine Zehen mehr. Am Teichrand endeten sie unter einem Kinderwagenrad.
Lena blieb stehen.
Das Rad hatte Sand in lange Streifen gezogen. Der Wind hatte kleine Hügel davor geschoben. Von oben sah es aus wie Füße.
Aber kein Haken.
Kein einziger.
Lena spuckte den Eisstiel in ihre Hand und lief zurück. Ihre Wangen brannten. Nicht vom Rennen. Sie schaute nicht zur Bank.
Beim Fliederbusch duckte sie sich wieder über den Boden. Der Wind hatte die ersten echten Spuren fast gefressen. Aber dort, wo der rechte Fuß gewesen war, lag links daneben jedes Mal ein winziger Strich.
Haken. Haken. Haken.
Die Spur war nicht dort, wo sie leicht war.
Sie war dort, wo sie sich wehrte.
Lena stellte sich so hin, dass ihr Körper den Wind abhielt. Sofort blieb der Sand vor ihren Zehen liegen. Sie verstand das kleine Stück. Hinter jeder Bank, hinter jedem Stein, hinter jedem Grasbüschel konnte ein Rest warten.
Sie ging nicht mehr schnell.
Sie sprang von Schutz zu Schutz.
Bankbein.
Baumwurzel.
Papierkorb.
Graskante.
Bei jedem Halt suchte sie den Haken.
Einmal war er weg.
Nur glatter Sand.
Lena presste die Lippen zusammen und drehte sich im Kreis. Der Wind schob ihr Haar über die Augen. Sie strich es nicht weg. Vor ihr wackelte ein trockenes Blatt, festgeklemmt unter einem Kiesel. Daneben lag Sand in einer kleinen Sichel.
Der Wind hatte alles nach rechts geweht.
Also musste die Spur links davon gewesen sein.
Lena trat links an dem Kiesel vorbei.
Dort: ein halber Fuß. Und der Haken.
„Hab dich“, flüsterte sie.
Die Spur lief nun nicht zum Spielplatz. Sie schlich daran vorbei. Am Klettergerüst hingen drei Kinder kopfüber. Keins hatte Schuhe mit Haken. Keins sah zu Lena.
Die Spur wollte zur Hecke.
Natürlich zur Hecke.
Lena blieb davor stehen. Die Blätter zitterten. Unten, zwischen den Zweigen, war ein Loch. Nicht groß. Gerade groß genug für ein Kind, das nicht an sein Kleid dachte.
Vor dem Loch endeten die Fußabdrücke.
Auf der anderen Seite sah Lena nur Schatten und Sand.
Sie schob zuerst den Eisstiel hinein.
Er blieb stecken.
Lena zog. Nichts. Sie zog fester. Der Stiel brach.
Jetzt wusste sie: In der Mitte war ein Ast, tief wie ein Riegel.
Sie legte sich flach hin. Sand klebte an ihren Ellbogen. Sie schob nicht nach vorn. Sie schob nach links, dorthin, wo der abgebrochene Stiel gewackelt hatte.
Der Ast kratzte über ihren Rücken.
Dann war sie durch.
Hinter der Hecke lag eine runde Sandstelle, ganz verborgen. Der Wind kam hier kaum hinein. Deshalb waren die Spuren scharf wie frisch geschnitten.
Sie führten zu einem Kind.
Das Kind saß barfuß im Sand. Neben ihm standen zwei Schuhe. An einem hing eine kleine verbogene Metallspange. Der Haken.
Vor dem Kind steckten sieben winzige Papierdrachen im Sand. Jeder war an einen Kiesel gebunden. Sechs Drachen waren weiß.
Der siebte war blau.
Auf seinem Schwanz stand in krummen Buchstaben: LENA.
Lena vergaß aufzustehen.
Das Kind sah sie an und hielt ihr eine Schnur hin.
„Der Wind nimmt nur die leichten Spuren“, sagte es.
Lena nahm die Schnur.
Über der Hecke rief Mama ihren Namen, erst nah, dann vom Wind zur Seite geschoben.
Der blaue Drache zitterte zwischen Lenas Fingern. Im Sand vor ihren Knien drückte ihr Fuß den ersten neuen Abdruck neben den alten Haken.



