Die Spur im Wind
Lena wollte nur bis zur Schaukel rennen.
Der Wind schob ihr das Haar in den Mund. Er blähte ihr gelbes T-Shirt auf wie ein Segel. Sie hielt den Saftkarton fest, obwohl er leer war. Der Park knisterte. Der Sandweg vor ihr rutschte in dünnen Streifen über den Boden.
Dann blieb ihr rechter Schuh stehen.
Im Sand lag ein Fußabdruck.
Nicht einfach ein Fußabdruck. In der Ferse saß ein kleiner Stern. Daneben zog jemand mit einem Stock einen kurzen Strich. Ein Schritt weiter: wieder ein Stern. Wieder ein Strich. Dann noch einer.
Der Wind fuhr darüber.
Der Rand des Sterns zerbröselte.
Lena klemmte den leeren Saftkarton unter den Arm. Ihre Knie wackelten. Ihre Füße gingen los.
Die Spur führte nicht zu den Schaukeln. Sie führte gegen den Wind, weg von den lauten Kindern, hin zum langen Sandweg zwischen den Linden. Lena beugte sich tief. Jeder Abdruck zeigte nach vorn. Jeder Stern saß in der rechten Ferse. Jeder siebte Schritt hatte zwei Striche statt einem.
Wer zählte beim Laufen?
Lena zählte mit.
Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Zwei Striche.
Der Wind warf Sand in die nächste Spur. Lena presste die Lippen zusammen. Sie legte ihre Hand wie ein Dach über den Abdruck. Das half nicht. Der Sand kroch trotzdem hinein.
Beim Brunnen teilte sich der Weg.
Links lagen tiefe Abdrücke. Groß. Schnell. Rechts lagen fast keine. Nur ein Strich, halb versteckt neben einem Blatt.
Lena sah links die tiefen Spuren. Tief musste richtig sein. Jemand war dort gerannt.
Sie rannte hinterher.
Die Spur sprang um den Brunnen. Sie bog zum Kiosk. Sie endete vor einer Bank, unter der ein Hund lag. Der Hund hob den Kopf. Im Sand neben seiner Pfote steckte ein Abdruck mit Stern.
Aber der Stern war falsch.
Er hatte fünf dicke Zacken. Die anderen hatten sechs dünne.
Der Hund schnaubte.
Ein Rad vom Kinderwagen schnitt quer durch den Sand. Dahinter lagen nur Pfoten und Schuhsohlen und ein zerdrücktes Eisstäbchen.
Lena hatte die falsche Spur erwischt.
Sie stampfte nicht. Sie wollte stampfen. Stattdessen hockte sie sich hin und sah den falschen Stern an. Die Zacken waren breit, weil eine Hundepfote hineingetreten war. Der echte Stern musste kleiner sein. Und die Striche gehörten nicht zu jedem Schritt. Sie gehörten zum Zählen.
Sie lief zurück zum Brunnen.
Der Wind hatte den rechten Weg fast leer gefegt.
Nur das Blatt lag noch da. Es zitterte am Stiel und zeigte mit seiner Spitze zu den Büschen. Neben dem Blatt klebte Sand an etwas Blauem.
Lena zog daran.
Ein Faden kam heraus. Blau. Dünn. An einem Ende hing ein winziger Knoten.
Sie hielt ihn hoch. Der Wind riss daran, als wollte er ihn zurückhaben.
Der nächste Abdruck war weg.
Lena stellte sich an die Stelle mit den zwei Strichen. Sie zählte sieben Schritte nach vorn, so groß wie die fremden Schritte. Beim siebten Schritt kniete sie nieder.
Nichts.
Nur glatter Sand.
Sie schob mit zwei Fingern vorsichtig die oberste Schicht weg. Darunter lag der Stern, ganz flach, als hätte ihn jemand zugedeckt.
Lena grinste nicht. Sie vergaß nur, den Saftkarton wieder festzuhalten. Er rollte davon und blieb an einem Busch hängen.
Jetzt wusste sie etwas.
Der Wind löschte oben. Unten blieb ein Rest.
Sie folgte den Resten.
Sie zählte. Sie kniete. Sie schob Sand weg. Ein Stern. Ein Strich. Zwei Sterne ohne Strich. Dann wieder zwei Striche. Der Weg ging am Ententeich vorbei, aber nicht zum Wasser. Er ging hinter die Hecke, wo der Park leiser wurde und die Banklehnen voller alter Kratzer waren.
Dort fehlte alles.
Der Sandweg war glatt wie ein Tisch.
Lena stand davor. Der Wind drückte gegen ihre Brust. Ihr Bauch zog sich klein zusammen. Ihre Zehen krallten sich in die Sandalen.
Vor ihr standen drei Möglichkeiten.
Geradeaus: ein Tor zum Rosengarten. Links: ein schmaler Pfad mit Kies. Rechts: ein Tunnel aus Haselsträuchern, so niedrig, dass Erwachsene sich bücken mussten.
Im glatten Sand lag kein Stern.
Aber am Rand des Tunnels steckte ein Stock im Boden. Nicht tief. Nur so weit, dass er nicht umfiel. Am Stock hing ein blauer Faden. Derselbe Knoten.
Lena duckte sich.
Der Tunnel kratzte an ihrem Haar. Sand lag hier nicht mehr viel. Der Boden war fest. Keine Abdrücke. Keine Sterne. Der Wind kam nicht hinein, aber er pfiff draußen, als warte er auf sie.
Nach sieben Schritten fand Lena einen Strich an der Rinde. Nach weiteren sieben einen zweiten. Nicht im Sand. Am Holz.
Die Spur hatte den Boden gewechselt.
Lena tastete sich weiter. Ihre Finger fanden Kerben, bevor ihre Augen sie sahen. Eins. Zwei. Drei. Dann ein kleiner Stern, in die Rinde gedrückt. Nicht geschnitten. Gedrückt, als hätte jemand einen Schuh dagegengepresst.
Am Ende des Tunnels wurde es hell.
Lena kroch hinaus und blieb auf allen vieren.
Vor ihr lag eine runde Sandfläche, versteckt hinter den Sträuchern. In der Mitte steckte ein roter Drachen im Sand. Nicht oben im Wind. Unten. Sein Schwanz war aus blauen Fäden geknotet. Um ihn herum führten Sternabdrücke im Kreis.
Ein Kind saß daneben.
Es trug nur einen Schuh. Der andere lag in seinen Händen. In der Ferse war ein Stern aus Metall.
Das Kind drückte den Schuh in den Sand.
Ein neuer Stern erschien.
Lena sagte nichts.
Das Kind sah auf ihren leeren Saftkarton, der nun zerbeult unter ihrem Arm klemmte. Dann zeigte es auf den Drachen. An der Spitze hing ein Zettel. Darauf stand in großen, krummen Buchstaben: Für wen der Wind nicht reicht.
Lena schluckte. Das Kind band einen blauen Faden an ihre Hand. Nicht fest. Nur einmal herum.
Der Wind packte den Drachen.
Er zog.
Er fiel nicht um.
Lena zog zurück. Das andere Kind zog mit. Der rote Drachen hob sich einen Fingerbreit aus dem Sand, sank wieder, hob sich noch einmal und blieb dann schräg stehen, als lauschte er.
Hinter Lena füllte der Wind die letzten Fußabdrücke zu.
Vor ihr grub der Faden eine neue Linie in den Sand.




