Der Brief im Sommerregen
Der Regen begann nicht mit Tropfen, sondern mit einem Geruch.
Marie stand am Küchentisch ihrer kleinen Wohnung, barfuß auf den kühlen Fliesen, und hielt den Füller über das Papier. Durch das gekippte Fenster kam nasse Erde herauf, obwohl unten in der Gasse nur Pflastersteine lagen. Irgendwo schlug ein Fensterladen gegen die Wand. Dreimal. Dann schwieg er, als hätte jemand ihn festgehalten.
Auf dem Tisch lag ein einzelner Bogen, cremefarben, an der linken Kante leicht gewellt. Daneben die blaue Keksdose mit dem verblichenen Segelschiff auf dem Deckel. Marie hatte sie als Kind für Knöpfe benutzt, später für Fahrkarten, seit sieben Sommern für Briefe, die nie einen Briefkasten sahen.
Sie setzte die Feder an.
Der erste Strich geriet zu dunkel. Tinte sammelte sich am Anfang des Wortes, ein kleiner blauer See. Marie hob den Füller, blies nicht darauf, obwohl sie es sonst tat, und sah zu, wie der Fleck in die Faser kroch. Ihr Daumen rieb über den silbernen Anhänger an ihrer Kette, eine kleine Schwalbe mit einem eingedrückten Flügel. Der Vogel hing seit Jahren an derselben Stelle, genau zwischen den Schlüsselbeinen, als wüsste er besser als sie, wohin er gehörte.
Sie schrieb weiter. Kein langer Satz. Dann strich sie ihn durch. Nicht hart, eher langsam, als würde sie jemanden zudecken, der nicht geweckt werden durfte.
Im Radio rauschte die Wetterwarnung. Die Stimme des Sprechers zerfiel in Knacken. Marie drehte den Knopf aus. In der Stille hörte sie das Wasser in der Regenrinne vor dem Fenster. Erst ein Tasten, dann ein Rennen.
Die Keksdose gab ein trockenes Geräusch von sich, als sie den Deckel anhob. Sechs Umschläge lagen darin, jeder mit demselben Sommerdatum, jeder mit ihrer Handschrift, die von Jahr zu Jahr weniger ordentlich geworden war. Der erste trug noch eine Briefmarke mit einer gelben Blume. Der zweite hatte an der Ecke einen Teefleck. Auf dem dritten stand gar nichts außen, nur innen, und sie erinnerte sich daran, wie sie ihn mitten in der Nacht geschrieben hatte, während die Nachbarn stritten und jemand im Hof eine Kiste Glasflaschen umwarf.
Sie zog den obersten alten Brief heraus. Der Umschlag klebte nicht mehr richtig. Sie kannte den ersten Satz darin, ohne ihn zu lesen. Sie kannte auch die Stelle, an der ihre Hand damals stehen geblieben war, weil unten ein Mann gelacht hatte, genau so tief, dass sie für einen Atemzug geglaubt hatte, er stünde wieder im Hausflur.
Sie legte den Brief zurück.
Das Telefon vibrierte neben der Zuckerdose. Kein Foto. Nur die Nummer, die sie nie löschte und nie benannte.
Marie sah auf das Display, bis es dunkel wurde. Beim zweiten Vibrieren nahm sie ab.
„Bei dir donnert es“, sagte er.
Seine Stimme klang, als hätte er den ganzen Tag nicht viel gesprochen. Im Hintergrund klirrte ein Glas gegen Porzellan.
„Bei dir nicht?“
„Noch nicht. Der Himmel hängt nur tief.“
Marie zog den Bogen Papier näher an sich, obwohl er ihn nicht sehen konnte. „Du rufst wegen des Wetters an?“
„Ich habe im Radio deine Stadt gehört.“
„Meine Stadt hat viele Straßen.“
„Ich kenne eine Gasse.“
Sie sah zum Fenster. Unten schob der Wind den Regen schräg unter die gelbe Laterne. Der Briefkasten gegenüber hing an der Mauer wie ein blaues Maul.
„Die Gasse hat sich nicht viel verändert“, sagte sie.
„Klappert der Briefkasten noch?“
Marie schloss die Finger um den Füller. Die Feder drückte gegen ihre Haut. „Nur bei Wind.“
Er atmete ein. Am anderen Ende blieb etwas unausgesprochen auf der Leitung stehen.
„Schreibst du?“ fragte er.
„Eine Liste.“
„Mit dem alten Füller?“
Sie blickte auf die blauen Spuren an ihrem Zeigefinger. „Manche Dinge tippe ich nicht.“
„Das weiß ich.“
Der Satz hatte kein Gewicht in der Stimme, aber er blieb schwer im Raum. Marie hörte das Wasser an der Scheibe, die Regenrinne, ihren eigenen Fingernagel auf Holz.
„Du solltest deine Fenster schließen“, sagte sie.
„Du auch.“
„Meins klemmt.“
„Das hat es früher schon getan.“
Früher. Das Wort ging nicht weiter. Es blieb zwischen ihnen liegen wie der Wohnungsschlüssel, den er damals auf den Küchentisch gelegt hatte, neben die halb gegessene Aprikose. Marie hatte die Aprikosenhälfte später weggeworfen. Den Kern hatte sie drei Wochen lang auf dem Fensterbrett liegen lassen, bis er schrumpfte und aussah wie etwas, das sich an sich selbst festhielt.
„Morgen bin ich nicht im Büro“, sagte er.
„Dann bleibt Post eben liegen.“
„Manches liegt schon lang genug.“
Marie sagte nichts. Die Schwalbe an ihrer Kette wärmte sich unter ihrem Daumen. Auf dem Tisch hatte die Tinte aufgehört zu glänzen.
„Marie?“
Ihr Name klang aus seinem Mund noch immer so, als würde er an der zweiten Silbe einen Schritt langsamer gehen.
„Ich muss auflegen“, sagte sie.
„Ja.“
Keiner von beiden beendete das Gespräch. Für fünf Atemzüge blieb die Leitung offen. In dieser Stille knackte sein Stuhl. Bei ihr tropfte Wasser vom Fenstergriff auf die Fensterbank. Sie sah den Tropfen wachsen, rund werden, fallen. Erst dann drückte sie auf den roten Kreis.
Die Wohnung wirkte danach enger. Das Bücherregal lehnte sich in den Raum, voll mit Romanen, Kochbüchern, einem Atlas aus Schulzeiten. Zwischen zwei Bänden steckte ein schmaler Papierstreifen: die Quittung aus einem Antiquariat, vergilbt, mit einer Adresse auf der Rückseite. Er hatte sie ihr vor sechs Sommern gegeben, nicht als Adresse, sondern als Lesezeichen. „Falls du das Ende vergisst“, hatte er gesagt und den Streifen in Der alte Mann und das Meer geschoben.
Sie hatte das Buch nie zu Ende gelesen.
Marie nahm den neuen Bogen. Sie schrieb wieder. Diesmal langsamer. Ihr Handgelenk schwebte über dem Tisch, ihr Atem blieb flach, wenn ein Wort kam, das sie nicht ersetzen konnte. Zweimal setzte sie an, etwas zu erklären. Zweimal zog sie eine Linie hindurch. Beim dritten Mal ließ sie eine Lücke, groß genug für einen Satz, der keinen Platz fand.
Draußen krachte Donner so nah, dass die Tassen im offenen Schrank aneinanderstießen. Das Licht flackerte. Für einen Augenblick verschwand die Küche und kam in gelbem Schein zurück. Marie saß noch immer da, den Füller in der Hand, als hätte jemand sie in ein altes Foto gestellt.
Sie faltete den Brief.
Die Kanten trafen nicht genau aufeinander. Sie öffnete ihn wieder, strich das Papier glatt, faltete neu. Dieses Mal passten die Ecken. Sie schob den Bogen in den Umschlag. Ihre Zunge berührte den Klebestreifen nicht. Sie hielt inne, ging zum Spülbecken, ließ Wasser über zwei Finger laufen und strich damit über den Leim. Eine kleine, sachliche Bewegung. Fast ärgerlich.
Dann schrieb sie die Adresse.
Nicht den Namen. Noch nicht. Nur Straße, Hausnummer, Postleitzahl. Die Buchstaben standen enger als sonst, als wollten sie sich gegenseitig Mut machen. Sie legte den Füller ab und drehte den Umschlag mit zwei Fingern, so dass die leere Zeile oben zu ihr zeigte.
Das Telefon blieb still.
Sie ging zum Schrank im Flur. Auf dem Haken hing ihr dünner Sommermantel, der bei Regen nichts taugte. Darunter die Sandalen mit dem gerissenen Riemen, den sie jedes Jahr ersetzen wollte. Sie zog sie trotzdem an. Der Umschlag lag auf der Ablage neben der Schüssel mit Kleingeld und einem einzelnen Knopf aus Perlmutt.
Marie nahm ihn nicht.
Sie öffnete die Wohnungstür. Der Hausflur roch nach gekochten Kartoffeln und feuchter Wolle. Unten lief irgendwo ein Fernseher. Eine Frauenstimme lachte zu laut. Marie trat einen Schritt hinaus, blieb stehen, sah zurück zum Tisch, auf dem der Füller offen lag.
Sie ging wieder hinein, setzte die Kappe auf den Füller, legte ihn neben die Keksdose und nahm den Umschlag.
Im Treppenhaus löste sich der erste Donner in langem Rollen. Die Stufen waren aus Stein, in der Mitte ausgetreten. Ihre Hand glitt über das Holzgeländer, über Kerben, Lackblasen, eine Stelle, an der vor Jahren jemand ein kleines M eingeritzt hatte. Sie hatte es damals entdeckt, am Tag nach seinem Auszug. Er hatte gesagt, das M sei nicht von ihm. Dabei hatte er beim Sprechen auf seinen Daumennagel geschaut.
Im zweiten Stock öffnete Frau Arendt die Tür einen Spalt. Ihr grauer Zopf hing über der Schulter, und sie hielt ein Geschirrtuch in der Hand.
„Bei dem Wetter?“
Marie hob den Umschlag nicht. „Nur kurz.“
„Der Regen kommt quer.“
„Dann gehe ich schräg.“
Frau Arendt sah auf ihre Sandalen, dann auf Maries Gesicht. Sie nickte, als hätte sie etwas verstanden, das Marie nicht gesagt hatte.
„Nehmen Sie den großen Schirm unten. Der schwarze.“
„Danke.“
Marie nahm ihn nicht.
Die Haustür klemmte wie immer, bevor sie nachgab. Der Regen schlug ihr gegen die Knie. Warm. Nicht wie Frühlingsregen, der warnt, sondern wie Wasser aus einem zu vollen Eimer. Die Gasse glänzte. In den Fugen sammelten sich braune Linien aus Staub und Blüten. Die gelbe Laterne flackerte, und jedes Flackern schnitt den Briefkasten kurz aus der Dunkelheit.
Er hing nur fünfzehn Schritte entfernt.
Marie machte den ersten.
Der Umschlag steckte unter ihrem Mantel, flach gegen ihre Rippen. Der Regen drang durch den Stoff und fand ihn trotzdem. Sie beugte sich darüber, als trüge sie etwas Kleines, das schlafen musste. Beim dritten Schritt rutschte ihr linker Sandalenriemen von der Ferse. Sie blieb stehen, stellte den Fuß auf die Zehenspitzen, zog den Riemen mit zwei Fingern zurück. Wasser lief ihr den Nacken hinunter.
Das Telefon vibrierte in der Manteltasche.
Sie ließ es dreimal vibrieren. Beim vierten zog sie es heraus. Der Bildschirm war nass. Sie wischte mit dem Handballen darüber.
„Marie?“
„Du solltest schlafen.“
„Du bist draußen.“
Sie sah zum Briefkasten. Regen sprang von seinem Dach in silbernen Fäden. „Du hörst viel für jemanden in einer anderen Stadt.“
„Ich höre, wenn du nicht in deiner Küche bist.“
Ein Auto bog am Ende der Gasse vorbei und warf Licht über die nassen Mauern. Für drei Sekunden lag alles offen da: die Mülltonnen, die alte Weinranke, der blaue Kasten, ihre Hand unter dem Mantel.
„Geh zurück“, sagte er.
„Zu spät.“
Er schwieg. Nicht leer. Nicht ruhig. Sie hörte einen Atemzug, dann noch einen. Vielleicht stand er jetzt am Fenster. Vielleicht hatte er die Hand an der Scheibe, ohne es zu merken. Sie wusste, dass er beim Warten den linken Daumen in die Faust legte, seit er sich einmal an einer Sardinendose geschnitten hatte. Sie hatte es nie erwähnt. Sie hatte vieles gesehen und so getan, als sähe sie die Tapete dahinter.
„Klemmt er noch?“ fragte er.
„Was?“
„Der Briefkasten.“
Marie trat näher. Ihre Knie berührten fast die Mauer. „Nur wenn man zögert.“
Am anderen Ende raschelte Stoff.
„Dann drück fester.“
Der Satz landete zwischen Regen und Atem, gewöhnlich genug, um von jedem gehört zu werden, und genau genug, dass sie den Mund schließen musste. Ihr Daumen fand wieder die Schwalbe. Der kleine eingedrückte Flügel schnitt leicht in die Haut.
„Gute Nacht“, sagte sie.
„Marie.“
Sie wartete.
Er sagte nichts mehr.
Sie legte auf.
Der Schlitz des Briefkastens hatte eine schmale Rostkante. Marie zog den Umschlag hervor. Der obere Rand war feucht, aber die Tinte hielt. Erst jetzt schrieb sie den Namen auf die freie Zeile, langsam, Buchstabe für Buchstabe, mit dem Kugelschreiber, den sie für Notfälle in der Tasche trug.
Herrn Simon Krämer.
Der Regen traf den Namen, aber er lief nicht davon.
Marie hob die Klappe. Metall quietschte. Sie schob den Umschlag hinein, und für einen Moment blieb er an ihrem Finger hängen, als hielte Papier stärker als Haut. Sie drückte nach.
Der Briefkasten klappte zu.
Marie stand im Regen. Der Kugelschreiber lag noch in ihrer Hand. Wasser tropfte von der Spitze auf das Pflaster, ein blauer Punkt, dann keiner mehr.
Dann ging sie.




