Der Wind zwischen uns
Clara kaufte den Hut an einem Dienstag, weil der Laden nach Zitronenseife roch und die Verkäuferin nicht fragte, für wen. Stroh, breite Krempe, ein dunkelblaues Band darum. Kein Hut, den Daniel je an ihr gesehen hätte.
Das war der dritte Versuch.
Den ersten hatte sie im Januar gemacht, als sie seine Nummer löschte und noch am selben Abend merkte, dass ihre Finger sie auswendig kannten. Den zweiten im April, als sie die Route zum Büro änderte und dafür jeden Morgen an der Bäckerei vorbeikam, in der Daniel früher Mohnbrötchen kaufte und immer drei Münzen zu viel auf den Tresen legte. Der dritte Versuch saß nun auf ihrem Kopf und warf einen Schatten über ihre Augen.
Im Stadtpark roch der Sommer nach warmem Staub, nassem Gras von der Bewässerung und dem Metall der nahen Straßenbahn. Hinter den Kastanien stand das Café mit den gelben Stühlen. Auf der Terrasse schlugen Löffel gegen Tassen. Jemand lachte zu laut. Über den Dächern schob sich eine graue Wand zusammen, aber die Luft blieb noch heiß und dicht, als hielte die Stadt den Atem an.
Clara ging schneller, als sie musste. In ihrer Tasche lag ein Taschenbuch, Mrs Dalloway, gebraucht gekauft, Eselsohr auf Seite siebenundvierzig. Sie hatte es nicht gelesen. Sie trug es seit drei Wochen mit sich herum, weil Daniel es ihr einmal im Bett vorgelesen hatte, sehr schlecht, mit falscher Betonung, bis sie ihm das Buch aus der Hand nahm und er aufgab, indem er seinen Kopf an ihre Schulter legte.
Heute wollte sie es in die Bücherkiste am Parkausgang legen. Keine Geste. Nur weniger Gewicht in der Tasche.
Der Wind kam zuerst durch die Blätter. Nicht als kühle Rettung, sondern als grobe Hand, die an allem zog. Servietten hoben von den Cafétischen ab. Eine Zeitung klappte einem Mann gegen die Brust. Clara drückte den Hut tiefer auf den Kopf und blieb kurz stehen, um die Schnalle ihrer Sandale zu richten.
In diesem Augenblick riss der Wind ihr den Hut weg.
Er sprang nicht. Er flog auch nicht elegant. Er kippte ihr schräg von der Stirn, schrammte an ihrer Hand vorbei und rollte mit der Krempe über den Kiesweg, als wüsste er genau, wohin. Clara griff ins Leere. Ihre Finger schlossen sich um heiße Luft.
Dann trat ein Mann aus dem Schatten der Kastanien.
Er fing den Hut mit beiden Händen, vorsichtig, als wäre die Krempe aus dünnem Glas. Einen Moment blieb er so stehen, leicht vorgebeugt, die Ärmel seines hellen Hemds bis zu den Unterarmen hochgeschoben. An seinem linken Handgelenk saß noch immer die alte Uhr mit dem Sprung im Glas. Clara sah den Sprung, bevor sie sein Gesicht sah.
Daniel hob den Blick.
Zwischen ihnen scharrte der Kies unter den Schuhen einer Frau, die weiterging, ohne aufzusehen. Vom Café her klirrte eine Tasse. Der Wind trieb Claras Haar in ihr Gesicht; sie strich es nicht weg.
Daniel hielt den Hut in der Hand.
Er sagte: „Clara.“
Ihr eigener Name klang, als hätte jemand ihn zu lange in einer Schublade liegen lassen.
„Daniel.“
Er sah nicht anders genug aus. Das war das Ärgerliche. Ein paar Linien mehr neben den Augen. Ein Bartschatten am Kinn, obwohl der Tag noch nicht vorbei war. Die Stelle an seiner rechten Augenbraue, wo nie Haare wuchsen, weil er mit zwölf gegen eine Kellertür gelaufen war. Alles da. Alles nicht ihre Sache.
Er machte einen Schritt auf sie zu und blieb dann stehen, als hätte er eine unsichtbare Kante im Weg bemerkt.
„Dein Hut“, sagte er.
„Ja.“
„Er wollte zum Café.“
„Er kennt mich kaum.“
Sein Mund zuckte. Nicht genug für ein Lächeln. Genug, dass Clara die kleine Kerbe an seiner Unterlippe sah, die er bekam, wenn er etwas nicht sagte.
Er reichte ihr den Hut.
Die Sekunde dehnte sich. Clara streckte die Hand aus. Daniel hielt die Krempe zwischen Daumen und Zeigefinger; seine Nägel waren kurz, am Ringfinger klebte ein feiner Strich schwarzer Tinte. Ihr Handrücken kam seinem Handgelenk nahe. Nicht berührend. Noch nicht. Der Wind drückte den Stoff ihres Kleides gegen ihre Knie. Das blaue Hutband flatterte und schlug einmal gegen seine Uhr.
Sie nahm den Hut.
Seine Finger ließen sofort los. Zu schnell. Als wollte er beweisen, dass er gelernt hatte.
„Danke“, sagte sie.
„Gern.“
Das Wort fiel zwischen sie und blieb liegen.
Clara setzte den Hut nicht auf. Sie hielt ihn vor sich, beide Hände an der Krempe, wie eine Schale. Daniel schaute kurz auf den Hut, dann auf ihre Tasche, aus der die Ecke des Buches ragte. Sein Blick blieb dort einen halben Atemzug zu lang.
„Du liest sie noch?“
„Ich trage sie nur spazieren.“
Er nickte, als wäre das eine vollständige Antwort.
Vom Himmel kam ein fernes Rollen. Die Gäste im Café drehten die Köpfe. Ein Kellner sammelte Kissen von den Stühlen und klemmte sie unter den Arm. Der Wind trieb den Geruch von Kaffee und heißem Asphalt über den Weg.
„Du gehst noch immer durch den Park“, sagte Daniel.
Clara legte den Daumen auf das Hutband und strich einmal darüber. „Heute nur, weil die Bahn umgeleitet wird.“
„Natürlich.“
Er sagte es leise. Beide wussten, dass es nicht um die Bahn ging.
Sie sah an ihm vorbei zum Café. Auf einem Tisch am Rand stand eine Tasse. Daneben lag ein schwarzes Notizbuch, offen, mit schrägen Zeilen. Daniels Schrift. Früher hatte sie sich darüber beschwert, dass seine Listen aussahen wie fallende Zäune. Neben dem Notizbuch lag ein Stück Walnusskuchen, unberührt.
„Du wartest auf jemanden“, sagte sie.
„Nein.“
Er zog die Ärmel noch ein Stück höher, obwohl es nichts mehr hochzuziehen gab. „Ich habe nur gesessen.“
„Das ist neu.“
„Was?“
„Nur sitzen.“
Er sah sie an. Hinter ihm riss der Kellner eine Markise ein Stück weiter aus, und der Stoff knatterte.
„Man lernt manches, wenn keiner mehr sagt, dass man zu schnell geht“, sagte Daniel.
Clara drückte die Krempe fester. Der Hut gab nach und sprang wieder zurück.
„Das klingt teuer.“
„War es.“
Diesmal sah sie weg.
Der erste Tropfen traf den Kies vor ihrem rechten Schuh und hinterließ einen dunklen Punkt. Dann kam nichts. Der Himmel hielt sich noch zurück. Clara hätte gehen können. Sie hatte den Hut. Das Buch. Den Parkausgang keine fünf Minuten entfernt.
Daniel machte eine kleine Bewegung mit der Hand Richtung Café. „Unter dem Dach ist es trocken.“
„Ich will nicht lange bleiben.“
„Ich habe nicht lange angeboten.“
Sie setzte den Hut auf. Der Wind hob sofort die Krempe, aber sie hielt ihn mit zwei Fingern fest und ging neben ihm zum Café. Nicht zu nah. Nicht weit genug.
Unter der Markise war die Luft dunkler. Die gelben Stühle standen schief, als hätte jemand sie in Eile verlassen. Daniel zog einen Stuhl zurück und ließ ihn dann los, bevor Clara ihn erreichte. Sie setzte sich auf den anderen. Er bemerkte es. Sie bemerkte, dass er es bemerkte.
Auf seinem Notizbuch lag ein Bahnticket. Clara las nur die erste Zeile: Zürich HB. Morgen. 08:14.
Daniel schob das Ticket mit zwei Fingern unter das Buch.
„Geschäftlich?“ fragte sie.
„Zuerst.“
Der Kellner kam. Daniel bestellte Wasser für sie, ohne zu fragen, und brach im selben Moment ab. „Entschuldige. Möchtest du etwas anderes?“
Clara sah die Tasse vor ihm an. Der Kaffee hatte eine Haut bekommen. „Wasser ist gut.“
Der Kellner ging. Daniel rührte seinen kalten Kaffee nicht an.
„Du trägst keinen Ring“, sagte sie.
Er senkte den Blick auf seine Hände. „Nein.“
„Ich habe nicht gefragt.“
„Ich weiß.“
Er sah auf ihre rechte Hand. Dort saß der schmale Silberring ihrer Großmutter, den Clara seit dem Winter trug. Er drehte sich immer leicht, weil er eine halbe Nummer zu groß war. Daniel kannte ihn nicht.
„Du aber“, sagte er.
Clara folgte seinem Blick und drehte den Ring mit dem Daumen gerade. „Der passt nicht richtig.“
„Das tun die wenigsten.“
Der Satz lag harmlos da. Eine Serviette wehte vom Nachbartisch an Claras Sandale. Sie hob sie auf, faltete sie einmal, legte sie neben die Zuckerdose. Ihre Finger arbeiteten ordentlich. Zu ordentlich.
„Ich habe dich im März gesehen“, sagte Daniel.
„Wo?“
„Vor dem Standesamt.“
Clara hob den Kopf. Der Wind blies Regen unter die Markise; ein paar Tropfen trafen Daniels Notizbuch. Er schloss es, ohne hinzusehen.
„Meine Schwester hat geheiratet.“
„Ich war auf der anderen Straßenseite.“
„Dann warst du weit genug weg, um falsch zu sehen.“
Er nahm diesen Satz an wie etwas Heißes. Nicht fallen lassen. Nicht behalten.
„Ja“, sagte er.
Die Silbe kam rau aus seinem Mund.
Der Kellner brachte Wasser. Zwei Gläser. Eine Flasche. Er stellte alles ab und verschwand, als hätte die Luft am Tisch ihn weggeschoben. Clara goss ein. Das Wasser schäumte kurz am Rand und klärte sich.
Daniel sagte: „Ich dachte, du hättest entschieden.“
Sie stellte die Flasche ab. „Du warst gut darin, mir Entscheidungen abzunehmen.“
Seine Hand blieb neben dem Glas liegen. Die Finger spreizten sich, dann schlossen sie sich.
„Ich bin damals gegangen, weil du den Schlüssel zurückgeschickt hast.“
„In einem Umschlag.“
„Ohne Brief.“
„Du hattest Zürich schon unterschrieben.“
„Ich hatte den Vertrag in der Schublade.“
„Du hast mir die Schublade gezeigt.“
Er atmete durch die Nase aus. „Ich wollte, dass du sagst, ich soll ihn nicht unterschreiben.“
Clara lachte nicht. Draußen kippte ein leerer Stuhl um und schlug mit den Beinen gegen den Boden. Niemand hob ihn auf.
„Und ich wollte, dass du fragst, ob ich mitkomme.“
Danach sagte keiner etwas.
Der Regen begann richtig. Er trommelte auf die Markise, erst ungleich, dann dicht. Wasser lief in dünnen Schnüren an der Kante herunter. Auf dem Weg bildeten sich kleine Kreise, die sich berührten und verschwanden. Clara hörte den Kühlschrank im Café brummen, ein tiefes gleichmäßiges Geräusch, das vorher nicht da gewesen war. Daniel sah auf seine Uhr mit dem Sprung im Glas. Nicht auf die Zeit. Auf den Sprung.
Clara legte die Hand auf den Hut in ihrem Schoß. Das blaue Band klebte feucht an ihren Fingern. Daniel streckte die Hand aus, als wolle er den Tropfen vom Band wischen, zog sie aber zurück, bevor er den Tisch überquerte.
Sie sah es. Er wusste, dass sie es sah.
„Der Hut steht dir“, sagte er.
„Du kennst ihn seit fünf Minuten.“
„Manchmal reicht das, um zu sehen, ob etwas bleibt.“
Sie nahm ihr Glas, trank, stellte es zu hart ab. Wasser sprang über den Rand und lief auf den Tisch. Daniel griff nach einer Serviette. Clara griff im selben Moment danach. Ihre Finger stießen zusammen.
Nur kurz.
Daniel zog seine Hand nicht sofort weg. Clara auch nicht. Zwischen ihren Knöcheln sammelte sich ein Tropfen Wasser und teilte sich langsam. Dann nahm sie die Serviette und wischte den Tisch trocken.
„Du gehst morgen“, sagte sie.
„Ja.“
„Zuerst geschäftlich.“
Er nickte.
„Und danach?“
Er sah zum Park hinaus. Der Wind trieb den Regen schräg über den Kies. Eine Kastanie verlor ein kleines grünes Fruchtbündel, das aufplatzte, als es auf den Boden schlug.
„Danach habe ich keine Wohnung mehr hier.“
Clara schob Mrs Dalloway tiefer in ihre Tasche. Das Eselsohr knickte dabei um.
„Dann ist es gut, dass ich nur kurz bleiben wollte.“
Er wandte den Kopf zurück. „Clara.“
Sie stand auf.
Der Stuhl quietschte über die Fliesen. Daniel machte keine Bewegung, um sie aufzuhalten. Das hatte er auch gelernt, oder er tat nur so. Clara setzte den Hut auf und band das blaue Band unter ihrem Kinn fester, als es nötig war. Ihre Finger fanden den Knoten nicht gleich. Beim zweiten Versuch hielt er.
Daniel stand nun auch. Zwischen ihnen der Tisch, darauf zwei Gläser, sein kalter Kaffee, das geschlossene Notizbuch mit dem Ticket darunter.
„Ich habe deine Nummer noch“, sagte er.
„Ich habe meine geändert.“
„Ich weiß.“
Sie sah ihn an.
Er hob eine Schulter. „Mara hat sie mir nicht gegeben. Sie hat nur gesagt, du hättest sie geändert.“
Clara zog den Taschenriemen auf die Schulter. „Das ist fast ehrenhaft.“
„Fast war immer mein Problem.“
Der Regen ließ nach, als hätte jemand einen Hahn gedreht. Aus der Markise tropfte es weiter. Im Park glänzten die Wege dunkel. Die Luft roch jetzt nach Erde und kaltem Stein.
Clara trat aus dem Schutz des Cafés. Der Wind kam wieder, weniger grob, aber beharrlich. Er fasste unter die Hutkrempe. Der Knoten hielt.
Daniel blieb unter der Markise stehen. Seine Hand ruhte auf der Lehne des Stuhls, den Clara nicht genommen hatte.
„Clara“, sagte er noch einmal.
Sie drehte sich halb um.
Er suchte nach Worten. Man sah es an seinem Mund, der sich öffnete und wieder schloss, an der Falte zwischen seinen Brauen, an der Hand, die sich um die Stuhllehne spannte. Dann ließ er los.
„Pass auf den Hut auf.“
Sie nickte. „Diesmal ja.“
Er verstand. Sie sah es daran, dass er nicht lächelte.
Clara ging den Kiesweg hinunter. Nach drei Schritten zog sie das Buch aus der Tasche. Sie blieb an der kleinen Bücherkiste beim Parkausgang stehen. Der Deckel klemmte vom Regen. Sie hob ihn mit beiden Händen an, legte Mrs Dalloway auf einen Stapel Krimis und schloss die Kiste wieder.
Als sie weiterging, drehte sie den Kopf nicht.
Hinter ihr stand Daniel vor dem Café. Der Wind bewegte die nassen Blätter über ihm. Clara ging durch den Parkausgang auf die Straße hinaus, und der Hut saß fest.




