Das Planschbecken gehört uns beiden
Im Garten hing der Nachmittag tief über dem Gras. Die Luft drückte auf Lenas Schultern, und das blaue Planschbecken war so klein, dass ihre Knie aus dem Wasser guckten wie zwei helle Steine.
Lena saß trotzdem drin. Sie hatte den Rücken an den Rand gedrückt und bewegte nur die Zehen.
Am Zaun erschien Max. Erst seine Haare, dann seine Stirn, dann die Nase.
„Ist das neu?“
„Nein“, sagte Lena. „Seit heute Morgen.“
Max kletterte nicht über den Zaun. Er blieb mit einem Fuß auf der unteren Latte stehen und hielt sein Handtuch unter dem Arm, als hätte er es nur zufällig dabei.
„Ich guck nur.“
„Dann guck von da.“
Max guckte. Sehr lange. Das Wasser lag flach um Lenas Beine. Ein kleines Blatt schwamm gegen ihren Knöchel.
„Du bist gar nicht ganz drin“, sagte Max.
„Doch.“
„Deine Knie nicht.“
„Knie zählen nicht.“
Max zog den Mund schief. „Bei mir zählen die.“
Lena nahm das Blatt aus dem Wasser und legte es auf den Rand. Sie sah nicht zum Zaun. „Mama sagt, nicht drängeln.“
„Meine Mama sagt, man soll teilen.“
„Dann teil dein Handtuch.“
Max warf sein Handtuch über den Zaun. Es landete neben dem Planschbecken, halb im Gras.
„Da.“
Lena schaute auf das Handtuch. Dann auf Max. „Das war nicht gemeint.“
„Du hast es gesagt.“
Er kletterte jetzt doch hinüber. Seine Füße machten schnelle Abdrücke im trockenen Gras. Am Becken blieb er stehen und stellte einen Zeh ins Wasser.
„Nicht!“
Das Wasser schwappte gegen Lenas Bauch. Sie zog die Knie noch enger an sich.
Max nahm den Zeh wieder heraus. „War nur ein Zeh.“
„Dein Zeh ist groß.“
„Gar nicht.“
„Für mein Becken schon.“
Max trat zurück. Er legte das Handtuch glatt, ganz sorgfältig, Ecke auf Ecke. Danach setzte er sich nicht darauf, sondern daneben in den Staub.
„Ich war vorhin auf dem Gehweg“, sagte er.
„Na und?“
„Der klebt.“
Lena rutschte ein bisschen im Wasser. Es war nicht mehr richtig kühl. Es war nur noch weniger heiß als alles andere.
„Du kannst den Eimer nehmen“, sagte sie.
„Ich bin kein Blumenkohl.“
„Dann eben nicht.“
Sie stützte die Hände auf den Rand und stand auf. Wasser lief von ihren Beinen zurück ins Becken.
Max hob den Kopf.
„Gehst du raus?“
„Ich hol was.“
„Also gehst du raus.“
„Ich hol was“, sagte Lena noch einmal, lauter.
Sie lief zur kleinen Kiste unter dem Apfelbaum und wühlte darin. Der Schatten dort war dünn. Sie fand den roten Becher und den gelben Deckel von der Sandform. Damit konnte man Wasserstraßen bauen, wenn einer goss und der andere staute. Vielleicht.
Als sie zurückkam, saß Max im Planschbecken.
Er saß nicht bequem. Seine Beine waren zu lang, ein Fuß hing über den Rand. Trotzdem sah er zur Seite, als müsste er den Zaun prüfen.
Lena blieb stehen. Der rote Becher baumelte an zwei Fingern.
„Das ist mein Platz.“
„Du warst draußen.“
„Ich hab was geholt.“
„Für dich.“
„Für uns, du Keks.“
Max schaute auf den Becher. Dann auf den gelben Deckel. Seine Ohren wurden rot, aber er rutschte nicht heraus.
„Du hast nicht gesagt, dass es für mich ist.“
„Ich sag nicht alles vorher.“
„Ich auch nicht.“
Sie standen und saßen eine Weile so. Eine Fliege landete auf dem Beckenrand und flog wieder weg. Das Blatt klebte jetzt an Max’ Fuß.
Lena stellte den Becher ins Gras.
„Behalte es halt.“
Max zog die Knie an. Es passte nicht. Der Rand bog sich, Wasser lief über die Seite und machte einen dunklen Fleck im Boden.
„Hier ist noch Platz“, sagte er.
Es war gelogen, aber nicht ganz böse.
Lena setzte einen Fuß hinein. Ihr Knie stieß gegen seins. Max biss die Zähne zusammen.
„Aua?“ fragte sie.
„Nein.“
„Doch.“
„Bisschen.“
Sie nahm den Fuß wieder heraus. Max sah auf die Stelle, wo Wasser im Gras verschwand. Dann sah er zum Gartenschlauch, der neben dem Beet lag, grün und zusammengerollt.
Er stieg aus dem Becken.
„Ich muss was prüfen.“
„Was denn?“
„Ob der Schlauch noch lebt.“
Lena verschränkte die Arme. „Da kommt erst warmes Wasser.“
„Dann stell dich nicht davor.“
Max drehte den Hahn auf. Der Schlauch zuckte in seiner Hand. Ein müder Wasserstrahl fiel auf die Erde.
„Tot“, sagte Lena.
„Wart.“
Der Strahl wurde heller und weiter. Max hielt den Daumen davor. Wasser spritzte in dünnen Fäden auseinander und traf erst seine Shorts, dann Lenas Füße.
„He!“
„War der Schlauch.“
„Der Schlauch hat deinen Daumen?“
Max grinste nicht. Er hielt ihr nur das Ende hin. „Du kannst auch prüfen.“
Lena nahm den Schlauch. Für einen Moment zielte sie genau auf Max’ Bauch. Max machte die Augen halb zu, blieb aber stehen.
Sie spritzte neben ihn.
„Daneben“, sagte er.
„Weiß ich.“
Er rückte einen Schritt in den Wassernebel. Seine Schulter wurde nass. Lena hob den Schlauch höher, bis ein Bogen über dem Planschbecken hing.
„Tunnel“, sagte sie.
Max duckte sich darunter durch. „Zu niedrig.“
„Dann mach dich kleiner.“
„Mach du höher.“
Sie machte höher. Max rannte durch den Bogen und kam auf der anderen Seite mit nassen Haarspitzen an. Dann hielt er die Hand hin, ohne etwas zu sagen.
Lena gab ihm den Schlauch.
„Nicht ins Gesicht.“
„Nur Wolken.“
Er sprühte über sie hinweg. Feine Tropfen fielen auf ihre Arme. Lena schob den roten Becher mit dem Fuß zu ihm.
„Für den Regenmesser.“
Max stellte ihn unter den Wasserbogen. Der Becher kippte sofort um.
„Schlechter Messer.“
„Schlechter Regen.“
„Guter Regen“, sagte Max und hielt den Schlauch ein Stück weiter zu Lena, damit der Bogen sie beide traf.
Das Planschbecken stand zwischen ihnen. Keiner saß mehr darin. Wasser sammelte sich am Rand, lief über, suchte sich eine schmale Spur durch das Gras.
Als Lenas Mutter später zur Terrassentür kam, sagte sie: „Wolltet ihr nicht planschen?“
Max hielt den Schlauch nach oben. Lena hielt den roten Becher darunter, obwohl er wieder umkippte.
„Tun wir“, sagte Lena.
„Anders“, sagte Max.
Sie liefen barfuß durch den Wasserbogen, einmal hin, einmal zurück. In der Mitte des Gartens stand das kleine blaue Planschbecken leer, und über seinem Rand hingen zwei nasse Handtücher nebeneinander.




