Der Schmetterling und der heiße Asphalt
Über der Sommerstadt flimmerte die Luft.
Miro flatterte niedrig zwischen zwei parkenden Rädern hindurch. Seine gelben Flügel klappten schnell auf und zu. Unter ihm lag der Asphalt schwarz und breit, und aus ihm stieg Hitze wie ein unsichtbarer Atem.
Er sank.
Seine dünnen Beinchen berührten einen hellen Streifen auf der Straße. Gleich zogen sie sich wieder an seinen Körper. Miro schoss hoch. Seine Flügel schlugen krumm, dann gerade, dann noch schneller.
Kein Halm. Kein weicher Rand.
Nur Stein, Reifen, Schattenstücke.
Auf der anderen Straßenseite standen Balkonkästen. Rot und rosa hingen sie über einem Geländer. Miro bog dorthin ab. Er flog dicht an den Mauern entlang, obwohl die Wärme dort klebte. Wenn eine helle Blüte winkte, sank er. Wenn der Asphalt unter ihm flackerte, stieg er wieder.
Eine Biene brummte aus dem Spalt zwischen zwei Fensterläden.
«Bzzz. Miro. Nicht unten.»
Miro zuckte im Flug. Seine Fühler stellten sich nach vorn. Biene Bea hing einen Augenblick in der Luft, rund und gestreift, die Beine voller gelbem Staub.
«Oben gibt es Kästen», brummte Bea. «Komm.»
Sie flog geradeaus. Miro folgte nicht gleich. Er kreiste einmal über der Straße, tief, als müsse er noch einmal prüfen, ob dort nicht doch eine Blüte zwischen den Ritzen stand.
Hitze stieß ihm entgegen.
Er kippte hoch zu Bea.
Der erste Balkon roch staubig. Die Blütenblätter der Geranien lagen eingerollt wie kleine trockene Zungen. Bea landete auf einer roten Blüte. Ihre Fühler tasteten. Sie kroch hinein, kam wieder heraus und putzte sich kurz die Vorderbeine.
«Leer», brummte sie.
Miro setzte sich an den Rand eines Blattes. Das Blatt bog sich nicht. Es knackte leise unter seinen Füßen. Er hob ab, bevor es brach.
«Weiter», sagte Bea.
Sie sausten zum nächsten Haus. Dort standen Kästen hinter einem blauen Tuch. Der Schatten lag kühl an der Wand, und Miro ließ sich tiefer fallen. Seine Flügel wurden langsamer. Ein Topf Lavendel stand da, grau und schmal.
Miro landete.
Die Blüten waren hart.
Er tastete mit dem Rüssel. Nichts kam. Kein süßer Tropfen, kein weicher Grund. Nur trockenes Krümeln an der Spitze.
Bea steckte den Kopf in eine Blüte und zog ihn wieder heraus.
«Gestern war noch etwas da», brummte sie. Ihre Flügel rieben kurz aneinander. «Heute nicht.»
Miro flog auf. Nicht weit. Nur bis zur Balkonstange. Dort klammerte er sich fest und öffnete die Flügel ganz flach, als könne er jeden kleinen Luftzug einfangen.
Es kam keiner.
Von einem Fensterbrett über ihnen kluckte eine alte Stimme.
«Ihr fliegt zu niedrig, kleine Flügel.»
Taubenoma Clara saß im Schatten eines halb geschlossenen Fensters. Ihre grauen Federn lagen locker. Ein Fuß war unter den Bauch gezogen. Mit dem anderen kratzte sie langsam am Stein.
Miro stieg ein Stück höher. Nicht zu nah. Seine Flügel zitterten, doch sein Körper blieb in der Luft vor ihr stehen.
Bea brummte: «Clara, die Kästen sind leer.»
Clara neigte den Kopf. Ein rundes Auge sah zur Straße hinunter, dann über die Dächer.
«Nicht Straße. Nicht erste Reihe. Hinter dem Haus ist Hof. Hinter dem Hof ist Park. Im Park plätschert Steinwasser.»
Bei dem Wort Wasser schlugen Miros Flügel schneller.
Clara wippte schwer vom Fensterbrett. Luft drückte unter ihre Flügel. Sie glitt nicht weit, nur bis zum Sims am nächsten Haus. Dann wartete sie.
«So», gurrte sie.
Bea flog neben den Mauern. Miro folgte über den Fenstern, höher als die Schilder, höher als die heißen Autodächer. Unten flackerte der Asphalt weiter, aber hier oben strich ein dünner Zug zwischen zwei Häusern hindurch.
Miro ließ sich tragen.
Im Hof standen Mülltonnen im Schatten. Keine Blüten. Nur eine leere Schale am Boden. Bea flog hinab, prüfte den Rand und kam wieder hoch.
«Trocken.»
Clara schüttelte ihr Gefieder. «Noch ein Hof.»
Sie führten Miro durch eine Lücke zwischen Häusern. Dort hing Wäsche still auf einer Leine. Am Ende öffnete sich der Stadtpark. Die Luft bewegte sich anders. Nicht viel. Genug, dass Miros Flügel nicht mehr so hart schlagen mussten.
Dann hörte er es.
Plitsch. Platsch. Plitsch.
Miro stieg über eine niedrige Hecke. Vor ihm stand ein runder Brunnen. Wasser sprang aus einer kleinen Düse und fiel zurück in die Schale. Um den Rand wuchsen Blumen in tiefen Kübeln: Ringelblumen, Minze, kleine lila Sterne.
Bea war schon dort. Ihre Beine verschwanden in einer gelben Blüte.
«Hier», brummte sie dumpf.
Miro kreiste einmal über dem Brunnen. Der Stein am Rand war feucht gesprenkelt. Die Blumenstiele standen fest. Seine Fühler senkten sich.
Er landete auf einer lila Blüte.
Die Blüte gab nach.
Sein Rüssel rollte sich aus und fand einen kühlen, süßen Tropfen. Miro blieb. Seine Flügel klappten langsam zu, wieder auf, und wieder zu.
Über ihm saß Taubenoma Clara auf dem Brunnenrand. Bea brummte tief zwischen den Blüten. Aus der Straße dahinter stieg noch immer Hitze.
Miro rührte sich nicht.
Neben dem plätschernden Wasser standen die Blumen hoch über dem heißen Asphalt.




