Der Igel wartet auf den Regen
Igel Igo kam am Morgen aus der Hecke.
Er trottete nicht weit. Nur bis zu dem flachen Stein am Rand des Gartenwegs. Dort setzte er sich hin, wie gestern. Und vorgestern. Und am Tag davor.
Die Luft lag schwer auf seinen Stacheln. Sie drückte in jede Lücke zwischen Blatt und Boden. Aus der Erde stieg ein stumpfer Geruch, als läge Feuchte darunter und käme nicht heraus.
Igo hob die Nase.
Er schnupperte nach Regen.
Nichts fiel.
Ein trockenes Blatt kratzte über den Weg. Igo zog die Füße ein. Seine Stacheln stellten sich rund. Dann blieb alles still. Er öffnete sich wieder, langsam, Nase zuerst, ein Auge, zwei Pfoten.
Er rückte keinen Schritt fort.
Oben im Holunder saß Amsel Berta. Sonst sang sie, noch bevor die Sonne ganz über den Zaun kroch. Heute klappte nur ihr Schnabel auf und zu. Kein Ton kam heraus.
„Tick“, machte sie und hüpfte auf einen tieferen Ast.
Igo schaute nicht hinauf. Seine Nase blieb am Boden.
„Noch nichts?“, rief Berta.
Igo schob die Schnauze unter ein braunes Apfelblatt. Staub klebte daran. Er nieste einmal, klein und hart.
Berta legte den Kopf schief. „Willi ist nicht oben.“
Bei dem Namen grub Igo mit einer Vorderpfote. Die Erde brach in kleine Krümel. Trocken. Leicht. Sie fiel zurück, ohne zu kleben.
Er grub schneller.
Krümel sprangen gegen seine Nase. Ein Steinchen rollte in das Loch. Kein glatter, kühler Wurm wand sich dort. Nur Erde, die nach Warten roch.
Igo steckte die Schnauze tiefer hinein.
Nichts.
Er zog sich zurück und schüttelte Staub aus den Barthaaren.
Unter dem Beet, tief unter den Wurzeln, bewegte sich etwas kaum merklich.
„Unten“, kam Willis Stimme dumpf. „Noch unten.“
Igo drückte ein Ohr an die Erde. Sein Bauch berührte den warmen Boden. Von Willi kam nur ein feuchtes Schaben, weit weg, als läge der Regen zwischen ihnen und fände den Weg nicht.
Berta hüpfte vom Holunder auf den Zaun.
„Die Luft hängt“, sagte sie.
Ihre Flügel lagen eng. Der gelbe Schnabel blieb geschlossen. Sie machte keinen weiteren Ton.
Igo blieb beim Stein.
Eine Fliege setzte sich auf seinen Rücken. Er zuckte. Die Fliege stieg auf. Er rollte sich halb ein, nur halb, denn seine Nase zeigte weiter zum Himmel. So lag er einen Atemzug lang, Kugel und Schnauze zugleich.
Dann entrollte er sich wieder.
Mittags wurde der Garten grau.
Nicht dunkel. Nur grau. Die Wolken hingen tief über dem Birnbaum. Der Wind blieb hinter den Blättern stecken. Kein Rascheln kam aus der Hecke. Selbst die Spatzen am Schuppendach pickten leise und hörten wieder auf.
Igo ging zum Regenfass.
Dort roch es anders. Metall. Altes Wasser. Ein kühler Streifen lag am Holz des Fasses.
Er stellte sich auf die Hinterbeine und streckte die Nase. Ein Tropfen hing am Hahn. Rund. Schwer.
Igos Schnauze bebte.
Der Tropfen fiel.
Er traf den Stein unter dem Fass.
Igo fuhr hin. Er schnupperte so dicht, dass seine Nase den nassen Punkt berührte. Der Punkt roch nach Fass. Nach grünem Holz. Nicht nach Himmel.
Er leckte ihn trotzdem auf.
Dann setzte er sich wieder an seinen Stein am Weg.
Berta flog hinunter. Sie landete neben ihm, zwei Hüpfer entfernt. Ihre Krallen kratzten auf trockenem Laub.
„Kein Lied heute“, sagte sie.
Igo blinzelte. Ein Blatt knickte neben seinem Fuß. Er rollte sich sofort zusammen.
Berta blieb stehen.
Sie pickte nicht. Sie sang nicht. Sie wartete, bis die Stachelkugel wieder Pfoten bekam.
Igo streckte die Nase heraus.
Berta zog einen trockenen Halm zur Seite. Darunter war ein schmaler Riss in der Erde. Der Riss lief wie ein kleiner Weg zwischen den Wurzeln.
„Willi?“, rief sie.
Lange kam nichts.
Dann schob sich aus der Tiefe ein dunkler, feuchter Ring. Nur ein Stück von Willi. Gleich zog es sich wieder zurück.
„Zu warm“, murmelte Willi. „Zu hell. Zu trocken.“
Igo senkte den Kopf bis an den Riss. Sein Atem strich hinein.
Willi kam nicht höher.
Das bedeutete etwas. Igos Pfoten blieben stehen. Bertas Schnabel blieb zu. Das Beet hielt seinen Atem im Staub.
Am Nachmittag roch der Garten stärker nach Erde.
Nicht nass. Noch nicht. Aber tiefer, als hätte die Erde sich gedreht und ihre dunkle Seite nach oben gelegt.
Igo lief unter den Rhabarber. Dort war Schatten. Dort war das Laub dick und breit. Er scharrte am Stiel, wo sonst kleine Käfer saßen.
Ein Käfer rannte heraus.
Igo schnappte nicht.
Der Käfer blieb stehen. Igo blieb auch stehen.
Über ihnen schwieg Berta im Apfelbaum.
Weit hinten, jenseits des Gartenzauns, rollte ein dumpfer Laut. Nicht nah. Nicht stark. Nur ein Brummen im Bauch der Luft.
Igo erstarrte.
Seine Stacheln hoben sich. Seine Füße verschwanden. Aus dem Igel wurde eine feste Kugel im trockenen Laub.
Der Laut kam nicht wieder.
Ein Blatt fiel auf ihn. Es blieb auf seinen Stacheln hängen.
Lange lag Igo so.
Dann wackelte das Blatt. Eine Nase schob es fort. Zwei Augen erschienen. Vier Füße fanden den Boden.
Er ging zurück zu seinem Stein.
Berta hüpfte nebenher. Nicht zu nah. Nicht zu weit. Wenn Igo stehen blieb, blieb sie auch. Wenn er schnupperte, neigte sie den Kopf.
Der Himmel blieb grau.
Kein Gewitter kam.
Der Abend kroch unter die Büsche. Die Luft wurde nicht kühl, nur weicher. Die trockenen Blätter lagen still. Kein Lied kam von Berta. Kein Wurm kam aus der Erde.
Igo saß am Stein.
Seine Nase zeigte nach oben.
Auf einem Kohlblatt sammelte sich ein winziger Punkt. Er zitterte am Rand. Igo rührte sich nicht. Berta rührte sich nicht. Unter der Erde schabte Willi einmal, ganz tief.
Der Punkt löste sich.
Ein einzelner Tropfen fiel auf Igos Nase.
Igo blinzelte.
Er leckte nicht gleich.
Seine Pfoten blieben fest am Boden. Seine Ohren standen offen in die graue Luft.
Auf seiner Nase lag der Tropfen rund und kühl.
Igo wartete, ob noch einer kam.




