Zwei Kinder, eine Wolke
Lea stand mit der Stirn fast am Fenster. Draußen hing der Himmel tief über dem Garten, grau an den Rändern und hell in der Mitte, als könne er sich nicht entscheiden.
Tom hielt den Fußball unter dem Arm. Er drückte ihn so fest, dass seine Finger kleine Dellen machten.
„Der Himmel macht nur so“, sagte er.
Lea zog eine Spur in den beschlagenen Fleck am Glas. „Er guckt aber sehr nach so.“
Aus der Küche kam Mamas Stimme. „Nicht mehr raus. Gleich kommt Gewitter.“
Tom drehte sich um. „Gleich ist kein richtiges Wort.“
„Doch“, sagte Lea. „Es ist das Wort, bei dem man Schuhe wieder ausziehen muss.“
Tom stellte den Fußball auf den Boden und tippte ihn mit der Fußspitze an. Einmal. Noch einmal. Der Ball rollte gegen den Teppichrand und blieb dort hängen.
„Wir könnten nur bis zur Schaukel“, sagte er.
Lea sah weiter nach draußen. „Mama hat Fensteraugen.“
„Fensteraugen gibt es nicht.“
„Heute schon.“
Tom schnaubte. Dann nahm er den Ball hoch und warf ihn in die Luft, aber nicht hoch genug, dass Mama etwas sagen musste. Lea sah es aus dem Augenwinkel. Beim dritten Wurf trat sie einen Schritt zurück.
„Wenn du die Lampe triffst, bist du der Regen.“
„Ich treffe nie Lampen.“
„Letzten Dienstag.“
„Das war ein Papierflugzeug.“
„Mit Absicht.“
Tom klemmte den Ball wieder unter den Arm. Er schaute auf das Sofa, auf den Sessel, auf den niedrigen Tisch. Alles stand still herum, als wäre es zu ordentlich für Sommer.
„Dann eben gar nichts“, sagte er.
Lea antwortete nicht. Sie ging zum Sofa und zog ein Kissen heraus.
„Das ist meins“, sagte Tom schnell.
„Ich klaue es nicht. Ich brauche einen Berg.“
„Ein Berg ist draußen.“
„Dieser nicht.“
Sie legte das Kissen auf den Teppich. Dann holte sie ein zweites. Tom blieb am Fenster stehen. Sein Ball drückte gegen sein T-Shirt. Draußen bewegten sich die Blätter kaum.
„Der Berg ist schief“, sagte er.
Lea stapelte weiter. „Berge fragen nicht Tom.“
Er kam näher. „Wenn er umkippt, sag nicht, ich hätte nichts gesagt.“
„Ich sage nichts.“
„Du sagst immer was.“
Lea setzte das kleinste Kissen ganz oben hin. Es rutschte herunter und landete vor Toms Fuß. Er hob es auf. Einen Moment hielt er es fest.
„Falsch herum“, sagte Lea.
Tom legte es richtig herum auf den Stapel. Nicht so fest, wie er sonst Dinge legte.
„Jetzt ist es der Donnerberg“, sagte Lea.
„Blöder Name.“
„Dann sag du.“
Tom kniete sich hin. „Wolkenkopf.“
Lea verzog den Mund. „Das klingt wie ein krankes Schaf.“
„Dein Berg klingt wie eine Tür.“
Sie sahen beide auf den Kissenstapel. Oben lag das kleine Kissen ein wenig schräg, als hörte es zu.
„Wolkenberg“, sagte Lea.
Tom nickte, aber nur mit einer Schulter.
Dann begann das Spiel, ohne dass jemand Anfang sagte.
Der Teppich wurde ein See. Der Wohnzimmertisch war eine Insel, auf die man nur durfte, wenn man vorher dreimal um den Sessel geschlichen war. Die Stühle kamen Rücken an Rücken in die Mitte. Lea hängte eine gelbe Decke darüber.
„Das ist die Sonnenhöhle“, sagte sie.
Tom kroch darunter und kam auf der anderen Seite wieder heraus. „Zu niedrig.“
„Für dich.“
„Für alle großen Forscher.“
„Dann bist du ein kleiner großer Forscher.“
Tom zog an der Decke, damit sie höher hing. Ein Stuhl kippte fast. Lea hielt ihn fest.
„Nicht alles reißen“, sagte sie.
„Ich hab nur gebaut.“
„Du baust wie ein Sturm.“
Tom ließ die Decke los. Seine Hände verschwanden hinter seinem Rücken.
„Dann bau allein.“
Er ging zum Fenster zurück. Der Himmel war dunkler geworden. Das Glas machte sein Gesicht blasser, als es war.
Lea sortierte die Decke neu. Sie machte es langsam. Der Stuhl wackelte nicht mehr. Unter der Decke war ein gelber Bauch aus Stoff.
„Ich brauche einen Sturm“, sagte sie nach einer Weile.
Tom tat, als hätte er es nicht gehört.
„Einen, der nicht Lampen trifft“, sagte Lea.
Tom drehte sich halb um. „Stürme versprechen nichts.“
„Dieser schon. Sonst darf er nicht mit in die Höhle.“
Er kam zurück und setzte sich vor die Stühle. Mit zwei Fingern hob er die Decke an, nur ein Stück.
„So?“
„Mehr Wind.“
Er wedelte vorsichtig. Die gelbe Decke hob und senkte sich.
„Das ist ein müder Sturm“, sagte Lea.
Tom wedelte stärker. Ein Kissen fiel vom Wolkenberg. Lea fing es auf, bevor es in den Teppichsee rutschte.
„Gerettet“, sagte sie.
„War Absicht.“
„Natürlich.“
Sie musste nicht lachen, aber ihr Mund machte es fast.
Als der See größer werden sollte, fehlte Blau. Lea fand nur eine grüne Decke. Tom sagte, Wasser könne auch grün sein, wenn ein Monster darin wohne. Lea sagte, Monster müssten eine Erlaubnis haben.
„Von wem?“
„Von der Kapitänin.“
„Ich bin Kapitän.“
„Du hast doch Sturm genommen.“
„Sturmkapitän.“
Lea schob ihm einen Kochlöffel aus der Spielküche hin. „Dann rühr den See, aber nicht spritzen.“
„Ein See spritzt nicht mit Löffeln.“
„Unserer schon.“
Tom nahm den Löffel. Er rührte in der grünen Decke, sehr ernst. Dann machte er ein tiefes Brummen.
„Das Monster sagt, es will in den Keller.“
Lea sah zur Kellertür im Flur. Dahinter war es kühl und nicht Wohnzimmer. „Allein geht es nicht.“
„Monster haben keine Angst.“
„Ich habe nicht Monster gesagt.“
Tom hielt ihr den Kochlöffel hin, Griff zuerst. „Dann bist du Kartenleserin.“
Lea nahm ihn nicht gleich. „Kartenleserinnen gehen vorne.“
„Nur wenn sie wollen.“
Sie nahm den Löffel. Tom holte aus der Schublade eine kleine Taschenlampe. Er schaltete sie zweimal an und aus, als müsste sie nicken.
Im Keller roch es nach Sommerstaub und alten Kartons. Mehr brauchte der Keller nicht, um eine Höhle zu sein. Tom leuchtete auf die Stufen. Lea ging langsam. Bei der dritten Stufe blieb sie stehen und tat, als müsse sie die Karte lesen.
„Da ist ein Abgrund“, sagte sie.
Tom leuchtete auf den Boden vor ihren Füßen. „Abgrund ist frei.“
„Er sieht aber abgründig aus.“
Tom setzte sich auf die Stufe unter ihr. „Ich warte, bis er kleiner wird.“
Lea tippte mit dem Kochlöffel auf die Wand. „Jetzt.“
Unten fanden sie eine leere Kiste, zwei Wäscheklammern und eine Rolle Schnur. Tom wollte die Kiste tragen. Lea auch. Sie fassten beide an.
„Du ziehst schief“, sagte Tom.
„Du bist schief.“
„Die Kiste ist schief.“
Sie trugen sie trotzdem die Treppe hinauf, Stufe für Stufe. Oben stellte Tom sie ab und pustete, als wäre sie ein Felsbrocken gewesen.
„Das ist das Boot“, sagte Lea.
„Nein. Das ist die Gewittermaschine.“
Lea legte den Kochlöffel hinein. „Ein Boot mit Maschine.“
Tom dachte kurz nach. „Ein Maschinenboot, das Donner sammelt.“
Lea steckte die Wäscheklammern an den Rand. „Das sind die Ohren. Sonst hört es nichts.“
„Boote haben keine Ohren.“
„Dieses schon. Es muss hören, wenn Mama ‚Abendbrot‘ sagt.“
Sie bauten weiter. Die Schnur wurde eine Grenze, über die nur steigen durfte, wer ein Regenwort kannte. „Pfütze“ zählte. „Nass“ nicht. Der Fußball wurde die Wolke. Tom legte ihn auf den Wolkenberg.
„Nicht werfen“, sagte Lea.
„Ich hab ihn hingelegt.“
„Ich sag ja nur.“
Er nahm zwei kleine Kissen und legte sie neben den Berg. „Falls die Wolke runterfällt.“
Lea sah auf die Kissen, dann auf Tom. „Die Wolke ist schwer.“
„Ich weiß.“
Das Spiel bekam Regeln, die sich dauernd änderten. Wer auf den Teppichsee trat, musste mit dem Maschinenboot gerettet werden. Wer unter der Sonnenhöhle kroch, durfte eine Frage stellen, aber keine richtige. Tom fragte: „Warum haben Ameisen keine Gummistiefel?“ Lea antwortete: „Weil sie sonst zu laut gehen.“
Einmal blieb Lea mit dem Fuß in der Schnur hängen. Tom sagte nicht „Pass doch auf“. Er hob die Schnur hoch, bis sie frei war.
„Die Grenze war zu niedrig“, sagte er.
„Grenzen sind manchmal frech“, sagte Lea.
Sie machte sie danach höher, damit Tom darunter durchkriechen musste. Er beschwerte sich lange genug, dass sie ihm ein Kissen als Helm gab.
„Der Helm sieht aus wie ein Pfannkuchen.“
„Ein sehr sicherer Pfannkuchen.“
Aus der Küche kam Mama bis zur Tür. „Ihr zwei, es wird gleich richtig los draußen.“
Tom lag halb im Maschinenboot, Lea kniete am Teppichsee. Beide sagten: „Mhm.“
Mama blieb kurz stehen. „Soll ich die Fenster zumachen?“
„Das linke ist das Hafenfenster“, sagte Lea.
„Dann mache ich den Hafen zu.“
Tom hob eine Hand. „Aber leise. Die Wolke schläft.“
Mama machte das Fenster zu. Draußen wurde der Himmel noch dunkler, und der erste Donner rollte weit hinten, dumpf und langsam.
Tom hielt den Fußball fest, damit er nicht vom Wolkenberg rutschte. Lea schob das Maschinenboot näher an den Teppichsee.
„Jetzt kommt es wirklich“, sagte sie.
„Wir sind noch nicht fertig“, sagte Tom.
„Gewitter wartet nicht.“
„Unseres schon.“
Sie sahen sich nicht lange an. Lea nahm die gelbe Decke von der Sonnenhöhle und legte ein Ende über Toms Knie, das andere über ihre Schulter. Tom rückte den Fußball zwischen die beiden Kissen. Draußen prasselte Regen gegen die Scheibe.
Unter der Decke leuchtete die Taschenlampe auf die Kiste. Zwei Wäscheklammern hielten die Schnur am Rand. Der Kochlöffel lag quer darüber wie ein Mast. Neben dem Maschinenboot standen vier nackte Füße auf dem grünen See.




