Der perfekte Sturz
Die Treppenstufen im Hauseingang von Herbert Moll knarrten anders, als Claudia Renz sie betrat – leiser, als eine so alte Eiche eigentlich sollte. Das Holz war knochentrocken, aber unter ihren Sohlen spürte sie eine winzige, fast schmierige Delle am dritten Tritt, sehr neu, kaum sichtbar. Der Geruch im Flur: zu viel künstliches Orangenöl, das die vertraute Kühle des Frühlings auf fremde Weise überlagerte.
Der Unfall hatte sich am letzten Freitag hier im Hausflur ereignet – angeblich. Moll, Typ Buchhalter, mittlere Statur, ruhige Stimme, stand am Fenster, die Hände in den Taschen versenkt. Zu ruhig – als würde er seine Finger zählen statt ein Zittern zu verbergen. Renz folgte seinem Blick hinaus in den kleinen, sauberen Hinterhof, wo sich die Nachmittagswolken spiegelten. Sein Schatten fiel nicht auf den Boden, sondern auf einen Stapel alter Zeitungen an der Wand. Zu ordentlich gefaltet.
“Sie hatten Besuch an dem Tag, Herr Moll?”
Keine Verzögerung, keine Unruhe: “Nein, eigentlich nicht. Nachmittag war ich allein. Nur abends kam Ingrid noch, kurz.” Pause. “Sie bringt mir manchmal was vom Bäcker mit.” Die Stimme bewegte sich sachlich, keine Reibung. Trotzdem schien ein Zug um den Mund geübt, als habe er diesen Satz schon zehnmal mit sich selbst besprochen, auf einen unangenehmen Ton trainiert.
Renz’ Notizbuch lag offen in der Hand, aber sie schrieb nicht mit. Die Linien auf der Tapete schienen leicht zu flackern, als Moll sich vom Fenster löste und vorsichtig Richtung Flur ging. Seine Schritte zählten: eins, zwei, drei – stehenbleiben, kurz über die Schulter schauen. Nicht aus Angst, sondern wie jemand, der kontrolliert, ob alle Spuren wieder dahin gelegt sind, wo sie hingehören.
Sie ließ ihn reden. “Der Sturz war… also, ich war auf dem Weg nach oben. Plötzlich ausgerutscht, der Absatz ist abgebrochen. Die Krankenwagenleute haben mich dann mitgenommen.”
Renz’ Stimme war zu tief, als sie nachfragte: “Welcher Absatz? Ich sehe hier keinerlei Spuren an Ihren Schuhen.” Ihre eigenen Worte hörte sie wie ein Band, das nicht ihrer Frequenz entsprach.
Moll zuckte die Schultern. “Ach, die Schuhe habe ich weggeworfen. Waren alt.” Seine Finger nestelten an der Gürtelschließe, ohne sie zu lösen, die Nägel zu kurz gefeilt.
Im Versicherungsbüro nahm der Duft von Bohnerwachs dem Gespräch die Luft. Ein Aktendeckel lag auf der Kante eines Tisches, ein Streifen Streuselkuchen klebte am Rand. Ingrid, drahtig, die Haare festgesteckt, schob den Teller von sich. Ihre Stimme war fester als ihre Hände, die sich falten, öffnen, falten – als hätten sie einen Takt einzuhalten, der fehlt.
“Ich war so gegen sechs dort, Herbert wirkte… ganz normal. Den Sturz hab ich nicht gesehen. Aber das ist doch typisch, dass er nie um Hilfe ruft.” Die letzten zwei Worte ein wenig zu schnell, der Blick wenig zu tief in die Kaffeetasse. Die Milch war noch unberührt, ein Rand eingetrocknet.
Claudia notierte nichts davon, aber sie erwischte sich, wie sie die Wanduhr ansah: Der Sekundenzeiger sprang, als Ingrid ihren Satz beendete – zu exakt, keine Abweichung. In diesem Büro war alles abgestimmt: Die Bettkante auf dem Flickenteppich, der Füllstand des Aktenordners, sogar der kleine Haufen Krümel auf Ingrids Rock. Jemand hatte ihren Platz für sie vorbereitet.
Moll am nächsten Tag, im Gerichtssaal, dunkle Krawatte, grauer Anzug, saß kerzengerade, ohne die Lehne zu berühren. Seine Füße kreuzten sich immer wieder, dann auseinander, dann wieder zusammen. Die Richterin fragte: “Wann haben Sie bemerkt, dass Ihr Versicherungsvertrag erst vor sechs Wochen erhöht wurde?”
Seine Antwort kam prompt, aber sie stimmte nicht mit ihrer Frage überein. “Ich habe die Unterlagen immer im Ordner. Die Prämie ist regelmäßig bezahlt.” Der Blick ging nicht über den Rand des Tisches, sondern verharrte auf einem Stapel Papiere. Renz hörte das leise Keyboard-Klicken der Protokollantin wie einen Herzschlag – gleichmäßig, aber im falschen Rhythmus mit den restlichen Geräuschen im Saal.
Der Stein im Schuh – das, was nicht passte: Die Schuhe im Hausflur am Tatabend. Niemand hatte sie gesehen, aber Moll hatte ein Paar abgetretene Sportschuhe auf dem Dachboden, sauber nebeneinandergestellt. Daneben der leere Karton, noch mit Preisschild vom Vormonat. Keine Verschmutzung an der Sohle, kein Abrieb, als wären sie nie wirklich benutzt worden. Aber das Modell war identisch mit dem, das zum Unfall getragen worden sein sollte.
Renz befragte Ingrid in einer zweiten Runde, diesmal draußen vor dem Haus, zwischen blühenden Kirschbäumen. Ein Wind strich durch die Zweige, ein paar Blüten landeten auf der Schulter der Ermittlerin. Ingrid zuckte sie über die Wange, zu energisch, wie einen Fremdkörper.
“Wie oft haben Sie Herbert in letzter Zeit auf der Treppe gesehen?”
Ingrid zögerte länger als nötig, und ihr Blick tastete an Renz vorbei, als würde sie auf jemanden warten. “Immer mal wieder. Er hat doch… öfter mal Rücken. Er schont sich. Rückt langsam hoch, hält sich am Geländer fest.”
“Aber am Unfalltag lag Staub auf dem oberen Geländerabschnitt. Niemand hatte ihn angefasst.”
Ingrids Lippen spannten sich, der Kiefer trat schärfer hervor. “Kann sein. Vielleicht vergisst man ja manchmal, sich festzuhalten, wenn man in Gedanken ist.” Die Hände in den Jackentaschen, der Daumen fuhr die Naht entlang, suchte einen Riss, der nicht da war.
Zurück im Haus bemerkte Renz, dass jemand den Fleck auf der Delle im Treppenholz überpinselt hatte. Frischer Lack, noch minimal klebrig. Alles zu schnell restauriert, als hätte etwas nicht existieren sollen. Auf den Versicherungsunterlagen lag kein Staub – im Gegensatz zu allem anderen im Arbeitszimmer.
Noch einmal die Szene im Gericht. Herbert Moll, akribisch, die Hände übereinander, als würde er sich vor zu viel Sichtbarkeit schützen. Seine Augen weichen der Richterin aus, suchen in den Rängen. Ingrid sitzt da, die Beine zu ordentlich übereinandergeschlagen, der Blick ins Leere, die Lippen geschlossen.
Der Fall schien klar: zu viele Zufälle, zu wenig Abrieb, zu viele neue Schuhe. Aber die entscheidende Frage blieb unbeantwortet: Wer sitzt bei einem Frühlingsunfall freiwillig in neuen Sportschuhen im eigenen Haus? Moll behauptete, er habe nur noch dieses Paar besessen. Im Keller, hinter der alten Waschmaschine, fand man Wochen später ein weiteres Paar, eingerissen an der Ferse – nie gemeldet, aber getragen.
Die Richterin verlas das Urteil. Kein volles Geständnis, aber das Muster war deutlich: die neue Police, der makellose Ablauf, der orchestrierte Tritt. Niemand lächelte. Claudia Renz packte ihre Notizen zusammen, die letzte Seite unordentlich beschrieben. Im Flur, neben der aufgestellten Jacke, blieb ein halbierter Schuhlöffel zurück – ein kleiner Gegenstand, der nie gefragt wurde.
Draußen drehte sich der Wind. Der Flieder blühte, der Duft von Orangenöl klang nach, während Claudia den unscheinbaren Dellen im Holz nachspürte – die einzige Wahrheit war das, was fehlte.




