Hase Milo und das verschwundene Ei
Kalte Tropfen rinnen an Milos langer Nase entlang. Um seine Vorderpfoten fühlt sich das Gras klamm und klebrig an, und an seinen Zehenspitzen kribbelt es – so heftig, dass er dreimal hintereinander hüpft, obwohl er eigentlich nur stehen wollte. Der taufeuchte Nebel hängt so tief, dass sogar sein buschiger Schwanz feucht wird.
In seiner rechten Pfote hält Milo das schönste Ei: weiß und blau, mit winzigen Punkten, ein bisschen schief gemalt vom Zittern der Pfoten. Er drückt es so fest, dass seine Finger warm und schwitzig werden. Er presst die Ohren an den Kopf, damit sie nicht so komisch zittern. Heute will er das Ei im dicksten Nebel verstecken – keiner ahnt je, wo.
Aus dem Graugrün des Gartens rollt Igel Stachel heran. Seine Stacheln sind nass, auf einer Spitze klebt ein halbes Blatt. „Ich bin schneller als du!“, ruft Stachel, obwohl Milo gar nicht gerannt ist. Stachel rumpelt gegen einen niedrigen Ast, schimpft, grunzt, schiebt sich durch matschiges Moos.
„Ich verstecke das beste Ei“, sagt Milo. „Niemand findet das.“ Er stellt sich vor, wie Igel Stachel überall schnauft und suchend summt, aber das Ei nicht findet.
Stachel rollt ein Stück näher, schnuppert laut – ein bisschen zu dicht an Milos Pfote. „Sag, wo es ist? Ist’s warm? Immer sind Eier so kalt! Hab schon vier gefühlt, die waren zu rau und eins war weich, das war eine Nacktschnecke.“
Milos Bauch zieht sich zusammen. „Iiiih, du hast… egal! Meins ist besser. Sieh weg jetzt! Sonst klappt’s nicht.“ Er dreht sich, stapft ins tiefere Gras, die Pfote um das Ei. Dabei rutscht sein rechter Hinterfuß weg – die Erde gibt nach; ein matschiger Sog an den Zehen. Milo rudert mit den Armen, eine Kralle piekst in die Schale. Hauchdünn, ein feiner Knack.
Er hebt das Ei an die Nase. Ein süßlicher Duft nach Farbe, ein bisschen von gestern. Die Pfote vibriert. „Nicht hingucken!“, ruft er, und springt ein Stück weiter. Die Kälte zwickt übers Fell. Zweimal bleibt er in klebrigem Harz hängen, einmal schrammt er das Ei an einen Ast – da fühlt sich sein Magen an wie ein Igel, zusammengekugelt und stachlig.
Die perfekte Stelle ist zwischen Brennnessel und Taubnessel. Hier spürt Milo kaum mehr seine Füße, sie sind matschverkrustet, kalt, aber das muss jetzt. Er legt das Ei ins feuchte Laub, ganz vorsichtig. Es rutscht ein Stück in eine kleine Mulde – und verschwindet im Nebelgrau.
„Stachel, los! Such jetzt!“ ruft Milo, atmet so laut aus, dass sein Bauch fast zusammenfällt. Ein bisschen zu laut, irgendwie falsch.
Stachel beginnt zu suchen, grunzt, schabt, wühlt im Gras. Er findet ein Stück Rinde, schnuppert daran; ein Ohr zeigt steil in die Luft, das andere ist abgeknickt vom Tau. „Ist’s weiter weg? Warum ist hier alles so nass? Ich krieg kalte Krallen! Ist’s rund? Gehört es zu dir?“
„Such doch einfach“, brummt Milo. Das Gras fühlt sich inzwischen wie eiskalte Wolken an. Immer wieder zieht Stachel den Kopf aus einem Grashalm, schnappt Luft. „Hier ist nix! Da ist auch nix! Nur noch Matsch und eine haarige Wurzel.“ Plötzlich bleibt Stachel stehen, die Nase schräg, wie eine kleine Fahne.
„Milo! Dein Ei? Hast du’s mitgenommen?“ Stachels Stimme macht ein komisches Auf und Ab.
Milo springt vor, stolpert, landet halb im kalten Gras. Die Mulde ist leer. Da, Schlieren im Matsch, ein Abdruck – und dahinter: nichts. Kein Ei, nur nasses Laub, ein Igelhaar, winzige Schneckenspuren.
Milo kratzt sich mit dem Hinterlauf am Ohr. Das Fell an seinen Flanken ist zersaust. Kribbeln an den Pfoten, wieder dieses Ziehen im Magen. „Hast du’s genommen?“
Stachel schüttelt sich, schmatzt, kleine Erdreste sprühen auf seine Stachelspitzen. „Ich schwör, nein. Ich glaub, das Ei… ist weg.“
Lange Nase, Ohren wieder an den Kopf, Milo schnuppert. Der Geruch von Farbe – weg. Nur noch nasse Erde, ganz viel Igel, irgendwo taugetränkter Spinnenfaden.
Er setzt sich. Bodenkalt drückt unter die Krallen. Stachel rollt sich neben ihn. Niemand spricht.
Aus dem Nebel kommt ein feines Glitzern: eine Schnecke zieht einen Farbschlieren-Schimmer hinter sich her. Und irgendwo im Laub ein Aufblitzen von Blau zwischen Matsch und Gras.




