Der Regenmacher
Der Boden in Duros Labor trocknete nie.
Er hatte den Raum über den Dachbalken der alten Salzwaage gemietet. Fünf Stockwerke über den Gassen. Eine Treppe aus schwarzem Holz führte hinauf. Jede Stufe trug eine Mulde in der Mitte. Händler, Gerichtsdiener, Bettler und drei Generationen von Regenknechten hatten dort ihre Sohlen abgerieben.
Im Labor roch es nach Mineralien und Dampf. Flaschen standen auf jedem Bord. Einige schimmerten, obwohl kein Fenster offen war. Andere hielten Wasser, das sich nicht rühren ließ. An der Nordwand hing ein Kupferbecken mit den Dellen des Glockenjahres. Darüber blieb ein Brandfleck in der Decke. Elf Lehrlinge hatten ihn gesehen. Neun hatten danach den Beruf verlassen. Zwei Namen standen noch mit Messerspitze im Türrahmen.
Duro wischte den Tisch mit einem nassen Tuch. Er tat es dreimal. Er legte das Tuch gefaltet neben die Waage. Er prüfte die Gewichte mit dem Daumennagel. Ein Lot aus Blei. Ein halbes Lot aus Zinn. Drei Haargewichte aus gebleichtem Fischbein.
Havi stand an der Schwelle. Sie trug ein graues Kleid, das an den Säumen vom Staub der Unterstadt steif geworden war. An ihrem Gürtel hing ein Schlüsselbund ohne Schmuck. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Lederbeutel. Ihre Finger lagen fest darum. Die Knöchel zeigten helle Kanten.
Duros Schwelle war mit Salz eingerieben. Das Salz hatte sich in die Risse des Holzes gefressen. Dort, wo früher der Stempel der Reichsgilde gelegen hatte, blieb nur ein flaches Oval. Niemand zahlte der Gilde noch Abgaben. Alle benutzten ihre Maße.
Havi trat ein.
Das Wasser auf dem Boden wich nicht vor ihrem Schuh. Es blieb stehen. Es lag um die Sohle wie Glas.
Duro sah es. Er sagte nichts.
«Sommerregen», sagte Havi.
«Für drei Stunden.»
«Für zwei Gassen und den Marktplatz.»
«Für das ganze Becken», sagte Duro. «Regen zieht nicht gerade Linien.»
Havi öffnete den Lederbeutel. Staub lag darin. Dachstaub. Hell. Fein. Duro nahm eine Messerspitze davon und legte sie auf seine Zunge. Er wartete. Er spuckte in eine Schale.
«Ziegel. Taubenkalk. Ruß von Kochfeuern.»
«Alles aus meinem Viertel.»
«Du willst, dass er dort zuerst fällt.»
Havi zog den Beutel wieder an sich. «Ich will, dass er dort fällt.»
Duro nahm ihr den Beutel nicht ab. Er streckte die Hand aus. Sie legte ihn hinein. Langsam. Als gäbe sie etwas zurück, das ihr nie gehört hatte.
Er arbeitete ohne Hast.
Er füllte die Retorte mit Brunnenwasser aus dem versiegelten Fass. Das Fass stammte aus der Zeit der dritten Belagerung. Der Stadtrat hatte seinen Adler in das Holz gebrannt. Der Adler hatte keinen Kopf mehr. Würmer hatten ihn gegessen. Duro hielt die Retorte gegen die Wand. Das Wasser darin stand schräg.
Er drehte sie, bis es gerade lag.
Er gab sieben Körner Salz hinein. Nicht acht. Er schnitt einen Faden aus blauem Leinen und verbrannte ihn in einer Zange. Die Asche fiel in einen Mörser. Er nahm Sommererde aus einem Tongefäß. Die Erde stammte von einem Feld vor den Mauern, das seit zwanzig Jahren unter Pflaster lag. Auf dem Deckel klebte noch das Siegel eines toten Königs.
Havi beobachtete seine Hände.
Duro nahm den Dachstaub. Er wog ihn gegen ein Haargewicht. Die Waage senkte sich. Er entfernte drei Körner mit der Spitze einer Nadel. Die Waage hielt.
Auf dem nassen Boden tropfte nichts. Trotzdem bildete sich unter Havis linkem Schuh eine zweite Pfütze.
Sie bemerkte es nicht.
Duro bemerkte es. Er rieb den Zeigefinger an der Daumenbeere. Der Finger blieb kalt.
«Der Preis», sagte er.
Havi legte drei Silberstücke auf den Tisch.
Duro schob sie zurück. «Der andere.»
Sie öffnete die Hand am Gürtel. Zwischen den Schlüsseln hing ein Ring. Dünn. Kupfer. Innen glatt von langer Haut. Sie löste ihn nicht.
«Nein», sagte sie.
Duro wartete.
Havi nahm den kleinsten Schlüssel vom Bund. «Der Speicher unter der Gerbergasse. Er enthält Korn für zwei Wochen. Niemand soll das wissen.»
«Wissen ist kein Preis für Regen.»
«Es ist einer für Menschen.»
Duro sah zu den Flaschen. Eine davon trug ein Etikett aus Menschenhaut. Die Schrift war verblichen. Der Name eines Hauses stand darauf, das der Brand von Neunundvierzig ausgelöscht hatte. Damals hatten Regenmacher für beide Seiten gearbeitet. Danach hatte man die Gilde geschlossen und ihre Becken auf die Plätze gestellt. Kinder warfen Steine hinein. Männer tranken daraus.
«Blut», sagte Duro.
Havi zog ein Messer aus dem Ärmel. Sie schnitt in ihre Handfläche. Flach. Zu flach.
Duro nahm ihr das Messer ab. Er schnitt seine eigene Daumenkuppe. Tief. Das Blut fiel in die Retorte. Ein Tropfen. Zwei. Beim dritten zog sich die Haut um den Schnitt grau zusammen.
Sein linker Schneidezahn lockerte sich.
Er hielt den Mund geschlossen.
Havi sah auf seine Hand. Sie sagte nichts. Sie nahm ihr Tuch und band seine Daumenkuppe ab. Das Tuch war sauber gewesen. Danach blieb ein dunkler Rand darin. Er breitete sich nicht aus. Er zog sich zusammen.
Duro stellte die Retorte auf den Herd. Dampf stieg auf. Er roch nach Stein. Die Flaschen an der Wand beschlugen von innen. Eine nach der anderen. Der Boden wurde kälter.
Er rührte mit einem Löffel aus Zinn. Dreizehn Mal links. Fünf Mal rechts. Einmal gar nicht. Der letzte Schlag gehörte dem Becken an der Wand. Er schlug den Löffel dagegen. Das Becken gab keinen Ton.
Havi hob den Kopf.
«Es muss klingen», sagte sie.
«Nicht immer.»
Er log sauber. Er hatte es in langen Jahren gelernt. Eine Lüge brauchte dieselbe Form wie ein gutes Maß. Kein Rand durfte überstehen.
Er nahm die Retorte vom Herd. Der Dampf stand im Hals des Glases und ging nicht weiter. Duro öffnete das Dachfenster. Sommerhitze fiel herein. Alt. Trocken. Die Stadt lag darunter. Ziegeldächer, Schornsteine, Türme ohne Fahnen. Auf dem alten Münzamt klebte noch der schwarze Streifen des Steuersturms. Drei Dächer weiter ragte das Gerippe der Regenmühle in den Himmel. Man hatte ihre Schaufeln im Hungerwinter verheizt.
Havi trat auf das Dach.
Duro folgte mit der Retorte.
Die Dachziegel trugen eingeritzte Namen. Lehrlinge hatten sie dort hinterlassen, bevor sie ihre ersten Wolken kochten. Einige Namen liefen unter den Kupferrinnen weiter. Einige endeten an Stellen, wo Ziegel fehlten.
Duro stellte die Retorte in den Ring aus Kreide. Die Kreide hatte der letzte Regen nicht abgewaschen. Kein Regen wusch Kreide von diesem Dach, wenn Duro sie richtig zog.
Er kippte das Gebräu in das Kupferbecken.
Die Flüssigkeit traf den Boden des Beckens. Sie blieb eine Handbreit darüber stehen.
Havi atmete ein.
Duro zählte bis neun.
Der erste Tropfen fiel neben seinem Stiefel. Er hinterließ einen dunklen Punkt auf dem Ziegel. Der zweite traf Havis Ärmel. Der Stoff nahm ihn nicht auf. Der Tropfen lag auf der Wolle wie eine kleine Linse.
Dann fiel Regen.
Er fiel fein. Er fiel dicht. Er traf die heißen Dächer und die Rinnen und den Staub in den Fugen. Unten öffneten Menschen Fenster. Eimer schoben sich aus Türen. Jemand lachte. Jemand rief den Namen eines Kindes.
Havi stand still.
«Er riecht falsch», sagte sie.
Duro hielt den Mund geschlossen. Sein Zahn bewegte sich mit jedem Herzschlag.
«Nicht nach Erde», sagte Havi. «Nach Kupfer.»
Der Regen lief in die Rinne. Die Rinne antwortete mit einem dünnen Klicken. Ein Geräusch wie Münzen in einer Hand.
Duro kniete. Er hielt die Schale unter den Ablauf. Regen sammelte sich darin. Klar. Keine Farbe. Kein Schaum. Er tauchte den Zinnlöffel hinein.
Der Löffel blieb am Boden der Schale haften.
Havi sah es.
«Hör auf», sagte sie.
Unten schlugen weitere Eimer auf Stein. Die Unterstadt hatte ihre leeren Gefäße bereitgestellt. Duro kannte den Klang. Er hatte ihn in trockenen Jahren oft genug gehört. Ein leerer Eimer machte einen hellen Ton. Ein Eimer mit Hoffnung klang tiefer.
«Noch nicht», sagte Havi.
Duro sah sie an.
Sie trat an die Dachkante. Regen lief über ihr Gesicht. Sie wischte ihn nicht weg. «Die Zisternen sind offen. Bis zum dritten Schlag.»
«Du hast eben gesagt, ich soll aufhören.»
«Ja.»
Der erste Glockenschlag kam vom Fischmarkt. Matt. Der Regen dämpfte ihn. Danach schlug die Glocke von Sankt Oren. Sie hatte seit der Kupferseuche einen Sprung. Ihr Ton kam immer ein wenig zu spät.
Diesmal kam er zu früh.
Havi schloss die Augen.
Duro nahm die Schale und ging zurück ins Labor. Der Boden dort war gestiegen. Wasser bedeckte seine Sohlen. Die Flaschen schimmerten nicht mehr. Sie schwitzten. Jede mit einem eigenen Rand. Grün an den Hälsen. Grün an den Korken.
Er stellte die Schale auf den Tisch. Er nahm den Dachstaub. Er siebte ihn durch Leinen. Er löste die Körner einzeln mit einer Nadel. Havi kam hinter ihm herein. Sie legte beide Hände auf den Tisch. Das Blut aus ihrem flachen Schnitt lief jetzt. Der Regen hatte die Wunde geöffnet.
Duro sah nicht hin.
Er fand Ziegel. Kalk. Ruß.
Dann fand er den Splitter.
Er war kleiner als ein Nagelmond. Rotbraun. Am Rand grün. Kein Dachstaub. Kein Korn aus Erde. Duro legte ihn auf die Zunge. Er spuckte sofort aus. Sein Zahn schlug gegen den nächsten. Schmerz lief bis ins Ohr.
«Glockenmetall», sagte er.
Havi nahm den Ring vom Schlüsselbund. Die Stelle, an der er gehangen hatte, blieb heller als der Rest des Kupfers. «Sankt Oren hatte drei Glocken», sagte sie. «Der Rat hat zwei eingeschmolzen. Eine wurde zu Rohren für den Obermarkt. Unsere Gassen bekamen Holzrinnen.»
Duro hielt den Splitter in der Nadelspitze.
«Du hast ihn in den Staub getan.»
«Ja.»
Der zweite Glockenschlag kam. Diesmal von zu vielen Türmen. Die Töne lagen übereinander. Das Glas in der Nordwand vibrierte. Eine Flasche sprang. Kein Wasser lief heraus. Ein trockener Staub fiel auf den nassen Boden.
Havi atmete flach. «Regen folgt Namen. Regen folgt Metall. Regen folgt dem, was man ihm gibt. Du weißt das.»
«Kupfer im Regen zieht Kupfer aus dem, was er trifft.»
«Aus Rohren. Aus Münzen. Aus Schlössern.»
«Aus Blut.»
Havi sah auf ihre Hand. Der dunkle Rand im Tuch um Duros Daumen hatte sich zu einem Ring geschlossen.
Unten hustete jemand. Oder lachte. Der Regen schluckte den Unterschied.
Duro ging zum Becken. Der Regen draußen blieb gleichmäßig. Vollkommen. Ein guter Sommerregen. Kleine Tropfen. Keine Hagelkörner. Kein Sturm. Keine Kälte. Er hatte ihn gut gebraut. Nur der Geruch stimmte nicht.
Das war das Schlimme.
Er nahm das alte Register aus der Lade. Pergament klebte an seinen Fingern. Die Seiten trugen Flecken von hundert Aufträgen. Hochzeiten. Hinrichtungen. Belagerungen. Geburten in Dürrejahren. Neben jedem Rezept stand ein Preis. Ein Auge für Schnee im Herbst. Drei Nägel für Nebel über einem Heer. Ein Jahr Schlaf für Regen ohne Blitz.
Er fand die Zeile für Kupferregen.
Havi las über seine Schulter. Sie wich nicht zurück.
«Abbruch», sagte Duro. «Ein Schlag an das Becken. Dann fällt nichts mehr.»
«Und die Zisternen?»
«Leer.»
«Und wenn du ihn reinigst?»
Duro legte die Zunge gegen den lockeren Zahn. Er wusste den Preis, bevor er las. Er las trotzdem.
Lebender Zahn. Wurzel ganz. In die Mischung gegeben, bevor der dritte Schlag endet.
Havi sah ihn an. Nicht bittend. Nicht hart. Sie sah ihn an wie eine Frau, die bereits etwas getan hatte und noch nicht wusste, ob sie damit leben konnte.
Draußen kam der dritte Schlag nicht.
Die Stadt hielt den Ton zurück.
Duro ging zur Wand. Er nahm die Zange vom Haken. Sie hatte schwarze Griffe aus Knochen. Sein Meister hatte sie benutzt, als der Fluss rückwärts lief. Danach hatte der Meister nur noch Suppe essen können.
Havi stellte sich vor die Tür.
«Wenn du aufhörst, sage ich ihnen, dass ich es war.»
«Sie hängen dich an die trockene Brücke.»
«Vielleicht.»
«Sie kaufen danach wieder Regen für den Obermarkt.»
«Ja.»
Duro setzte die Zange an den Zahn. Er hielt inne. Durch das Dachfenster kam der Geruch von Kupfer. Stark jetzt. Darunter lag etwas anderes. Nicht Erde. Noch nicht. Nur die Erinnerung daran.
Er zog.
Der Zahn löste sich mit einem nassen Knacken. Die Wurzel hing lang daran. Blut füllte seinen Mund. Er spuckte nicht. Er legte den Zahn in den Mörser. Er zerdrückte ihn mit Salz. Er gab den Staub in das Becken.
Der dritte Schlag kam.
Das Becken klang diesmal.
Der Ton war klein. Er blieb im Labor. Die Flaschen hörten auf zu schwitzen. Der Boden sank nicht. Havis Schnitt schloss sich nicht. Duros Mund hörte nicht auf zu bluten.
Draußen fiel der Regen weiter.
Havi trat zum Dachfenster. Sie atmete ein. Ihr Gesicht änderte sich kaum.
«Erde», sagte sie.
Duro nahm den Splitter Glockenmetall vom Tisch. Er legte ihn nicht ins Register. Er warf ihn nicht fort. Er schob ihn in die kleine Dose mit den verbotenen Maßen.
Havi sah es.
Keiner sprach.
Unten füllten sich die Zisternen. Auf dem Obermarkt lösten sich die Schlösser an drei Speichern. In der Gerbergasse trug ein Kind einen Eimer über den Hof. Der Henkel glänzte grün. Das Wasser darin roch nach Sommererde.
In Duros Rinne lief ein dünner grüner Faden neben dem klaren Regen.




