Gewitterpause am Bahnhof
Der Bahnhof schwitzte.
Sommer hing unter dem Glasdach, schwer und elektrisch, und jedes Mal, wenn draußen ein Blitz über die Gleise riss, flackerte das Licht in der Wartehalle einen Wimpernschlag lang. Die Luft roch nach nassem Beton, heißem Metall und Frittieröl aus der Bar, die am Ende der Halle noch offen hatte. Auf den Fliesen standen dunkle Fußspuren. Irgendwo tropfte Wasser in einen Eimer, regelmäßig, als hätte die Nacht einen eigenen Puls.
Anna kam mit einem Rollkoffer herein, dessen linkes Rad bei jeder Umdrehung knackte. Sie zog ihn nicht hinter sich her, sie kämpfte ihn über die Fugen. Ihr Telefon zeigte vier Prozent. Der rote Balken sah aus wie eine Drohung.
An der einzigen freien Steckdose saß ein Mann auf dem Boden, Rücken an der Wand, ein Knie aufgestellt, ein Ladekabel in der Hand. Neben ihm lag ein schmaler Rucksack und ein Buch mit geknicktem Rücken: Der alte Mann und das Meer. Auf dem Umschlag klebte ein Regentropfen, der nicht dort hingehörte.
Anna blieb vor ihm stehen. „Ist der zweite Anschluss frei?“
Er sah hoch. Seine Haare klebten an der Stirn, als hätte er den Weg vom Bahnsteig bis hierher ohne Schirm genommen. „Wenn Ihr Kabel länger ist als meins.“
„Es reicht für Streit, nicht für Abstand.“
Er zog seinen Stecker heraus, steckte eine Mehrfachbuchse ein, die mit einem Gummiband umwickelt war, und schob ihr einen Platz frei. „Dann teilen wir den Streit.“
„Anna.“ Sie sagte es, weil man bei Steckdosen und Gewitter wohl Namen tauschte.
„Leo.“ Er hielt ihr nicht die Hand hin. Dafür rückte er seinen Rucksack mit dem Fuß so, dass ihr Koffer Platz hatte.
Die Anzeigetafel klackte. Drei Reihen wechselten zugleich. Menschen hoben die Köpfe, als hätte jemand ihren Namen gerufen.
RE 7142 NACH HAMBURG: FÄLLT AUS.
Ein Mann in Hemdsärmeln fluchte so leise, dass nur die erste Silbe durchkam. Eine Frau mit zwei Kindern setzte sich auf ihren Koffer. Draußen schlug Regen gegen die Scheiben, nicht in Tropfen, sondern in Handflächen.
Anna starrte auf die Tafel. Leo starrte auf Anna, nur kurz. Sie merkte es trotzdem. Er sah sofort wieder auf sein Buch, als hätte dort gerade etwas Dringendes gestanden.
„Letzter Zug?“, fragte er.
„Meiner.“
„Meiner auch. Andere Richtung.“
„Dann haben wir immerhin nicht dasselbe Problem.“
Er klappte das Buch zu und schob den Daumen zwischen die Seiten. „Vier Stunden bis zur nächsten Info, sagt die App.“
Anna lachte einmal ohne Ton. „Die App sagt auch, ich soll entspannt bleiben.“
„Meine hat gerade aufgegeben.“ Er drehte sein Telefon zu ihr. Ein schwarzer Bildschirm. „Sie hatte Charakter bis zum Schluss.“
Anna steckte ihr Kabel ein. Ihr Telefon vibrierte sofort, als hätte es gierig geatmet. Sie setzte sich neben ihn auf den Boden, nicht zu nah. Zwischen ihnen lag die Mehrfachbuchse, ein kleines weißes Tier mit zwei Schwänzen.
Eine Stunde später saßen sie in der Bahnhofsbar, weil der Boden kalt wurde und Leo behauptet hatte, Pommes seien bei Gewitter vernünftiger als Entscheidungen. Die Bar hatte gelbe Lampen über runden Tischen, klebrige Speisekarten und einen Fernseher ohne Ton. Hinter der Theke spülte ein Mann Gläser, obwohl niemand mehr Bier bestellte.
Anna rührte in ihrem Kaffee. Der Löffel schlug dreimal gegen die Tasse, dann legte sie ihn exakt auf die Untertasse. Leo bemerkte es. Er tat so, als suche er Salz.
„Sie fahren nach Hamburg?“, fragte er.
„Ja.“
„Beruflich?“
„Familie.“
Er wartete. Sie nahm den Pappstreifen vom Zucker, faltete ihn in der Mitte und wieder auf. „Meine Schwester bekommt morgen ihr Kind. Vielleicht heute. Wahrscheinlich jetzt, weil Züge ausfallen, wenn man sie braucht.“
Leo schob ihr die Pommes näher. „Dann sollten Sie essen. Tanten fallen sonst um.“
„Ich falle nicht um.“
„Gut.“ Er nahm eine Pommes, als hätte er nie etwas anderes behauptet.
Sie sah auf seine Hände. Ein kleiner Schnitt lief über den Knöchel seines rechten Zeigefingers. Seine Fingernägel waren kurz, an einem klebte ein Rest dunkler Tinte. Auf dem Tisch lag sein Buch, daneben ein Notizheft mit blauem Gummiband. Er hatte Milch, Batterien, anrufen auf die erste Seite geschrieben und das letzte Wort zweimal unterstrichen.
„Sie schreiben Einkaufslisten in Bahnhöfen?“
„Nur wenn ich nicht weiß, was ich sonst tun soll.“
„Und das Buch?“
„Das trage ich seit drei Monaten herum und lese immer dieselben acht Seiten.“
„Warum?“
Er strich mit dem Daumen über den geknickten Rücken. „Mein Vater hat es mir gegeben, bevor er ins Heim gezogen ist. Er sagt, ein Mann braucht ein Buch, das nicht nett zu ihm ist.“
Anna sah in ihren Kaffee. Die Oberfläche zitterte, als Donner durch die Halle rollte. „Klingt nach einem Mann, der seine Sätze vorher schärft.“
Leo lächelte nicht ganz. Nur eine Falte neben seinem Mund bewegte sich. „Er schleift noch.“
Sie aßen weiter. Die Pommes wurden weich. Der Regen schlug gegen das Glas wie Kiesel. Ab und zu lief jemand zur Anzeigetafel, blieb stehen, ging zurück. Anna griff dreimal nach ihrem Telefon und legte es dreimal wieder hin. Leo sah jedes Mal hin und sagte nichts.
„Rufen Sie nicht an?“, fragte er schließlich.
„Wenn ich anrufe, fragt sie, wo ich bin.“
„Und Sie sind hier.“
„Genau.“
Er nickte, als hätte sie mehr gesagt. „Manchmal ist eine Ortsangabe eine Beleidigung.“
Sie sah ihn an. Er hielt ihrem Blick nicht standlos, sondern ruhig, mit einem kleinen Blinzeln zu viel. Anna merkte, dass sein linkes Ohr rot wurde, und sofort tat sie so, als interessiere sie der Fernseher.
Um halb eins fiel in der Halle für zwei Sekunden der Strom aus. Die Bar sank in Dunkelheit, und alle Geräusche traten näher: der Regen, das Tropfen in den Eimer, ein Baby, das im Schlaf schmatzte, Leos Atem neben ihr. Dann sprang das Licht zurück, gelb und müde.
„Ich muss kurz raus“, sagte Leo.
Er nahm sein Telefon, das inzwischen wieder ein paar Prozent hatte, und ging Richtung Eingang. Anna sah ihm nach. In den drei Sekunden, in denen er seinen Rucksack liegen ließ und sich durch die Stuhlreihen schob, bemerkte sie Dinge, die sie nicht sammeln wollte: wie er zwei Finger auf die Lehne jedes Stuhls legte, ohne sich wirklich abzustützen; wie sein Hemd am Rücken dunkler war vom Regen; wie er vor der Tür stehen blieb, bevor er hinausging, als müsse er sich mit der Nacht erst einigen.
Durch die Scheibe sah sie ihn telefonieren. Er hielt das Telefon dicht ans Ohr. Seine freie Hand suchte die Hosentasche, fand sie nicht, hing dann offen neben seinem Bein. Er sagte wenig. Einmal schloss er die Augen. Einmal nickte er zu langsam.
Als er zurückkam, legte er das Telefon mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch.
„Alles in Ordnung?“, fragte Anna.
„Ja.“
Sie wartete.
Er nahm sein Buch, schlug es auf, schlug es wieder zu. „Nein.“
Der Mann hinter der Theke stellte eine Tasse in die Spülmaschine. Keramik klirrte. Anna zog den Zuckerstreifen durch ihre Finger, bis das Papier weich wurde.
„Sie müssen nicht erzählen.“
„Ich weiß.“
Das war der erste Satz, der zwischen ihnen stehen blieb.
Leo sah zur Anzeigetafel draußen in der Halle. Anna folgte seinem Blick nicht. Zum ersten Mal seit Stunden hob keiner von beiden den Kopf, als das Klacken der Tafel wieder losging. Die Buchstaben änderten sich für andere Menschen. Zwischen ihnen lag sein Telefon, dunkel wie ein Stein.
„Meine Mutter“, sagte er nach einer Weile. „Sie ist bei ihm. Er erkennt sie heute nicht.“
Anna legte den Zuckerstreifen hin. „Und Sie fahren zu ihm?“
„Ich wollte morgen früh. Er hat gesagt, es sei egal.“
„Hat er das so gemeint?“
Leo sah auf seine Hände. Der Schnitt über dem Knöchel war wieder aufgegangen, ein schmaler roter Strich. „Er meint viele Dinge so, bis man weg ist.“
Anna schob ihm eine Serviette hin. Er nahm sie, drückte sie auf den Finger und sah sie dabei nicht an.
„Meine Schwester“, sagte Anna, „hat mir gestern geschrieben, ich soll nicht kommen, wenn es Stress ist.“
„Und?“
„Ich habe den Koffer schon gepackt.“
„Dann hat sie verloren.“
„Sie verliert ungern.“
„Sie auch?“
Anna hob die Tasse. Der Kaffee war kalt. Sie trank trotzdem. „Ich packe nur schnell.“
Leo sah auf ihren Koffer neben dem Stuhl. Am Griff hing ein kleines rotes Band, ausgefranst, mit einem Knoten, der zu fest gezogen war. „Sehr schnell“, sagte er.
Sie musste lächeln, aber nur in den Mundwinkeln. Er sah es. Diesmal tat er nicht so, als hätte er es übersehen.
Gegen zwei Uhr schloss die Bar. Der Mann hinter der Theke stellte die Stühle hoch, einen nach dem anderen. Anna und Leo kehrten in die Wartehalle zurück. Die Luft dort war kühler geworden. Das Gewitter stand noch über dem Bahnhof, aber es rückte nicht mehr so dicht an die Scheiben. Auf Gleis 4 blinkte ein rotes Signal. Eine Reinigungskraft schob einen Wagen vorbei, dessen Räder leise quietschten.
Sie setzten sich auf eine Metallbank. Nicht an den Rand. Nicht in die Mitte. Neben ihnen lag die Mehrfachbuchse wieder wie ein vereinbartes Tier. Anna lud ihr Telefon, Leo seines. Die Kabel kreuzten sich auf den Fliesen.
„Wenn Sie nach Hamburg kommen“, sagte Leo, „werden Sie die Geburt verpassen oder nicht. Beides kann Ihnen später vorgeworfen werden.“
„Sie machen Mut.“
„Ich übe Ehrlichkeit.“
„An Fremden?“
„An Leuten, die meine Steckdose benutzen.“
Anna drehte den Silberring an ihrem Daumen. Leo hatte ihn schon in der Bar gesehen. Ein schmaler Ring, zu groß für den Finger, mit einer Delle an der Seite. Jetzt bemerkte er, dass sie ihn immer dann drehte, wenn eine Ansage knisterte.
„Von wem?“, fragte er.
Sie hielt den Ring an. „Meiner Großmutter. Sie hat ihn beim Tanzen gegen einen Heizkörper geschlagen. Behauptete sie.“
„Und was war es?“
„Ein Mann, der ihr auf den Fuß getreten ist. Sie hat ihn geschubst. Später hat sie ihn geheiratet.“
„Guter Anfang.“
„Schlechter Schuh.“
Sie saßen eine Weile ohne Worte. Nicht leer. Draußen rollte ein Güterzug langsam durch, Wagen um Wagen, ohne Halt. Das Metall kreischte leise in den Kurven. Anna sah nicht zur Anzeigetafel. Leo auch nicht. Sie sahen auf die Kabel, die sich berührten, trennten, wieder berührten, weil jemand am anderen Ende der Bank mit dem Fuß wippte.
Seine Hand lag neben der ihren auf dem kalten Metall. Zwischen ihren kleinen Fingern blieb Platz für eine Münze. Dann für weniger. Anna bewegte sich nicht. Leo bewegte sich nicht. Über ihnen knackte ein Lautsprecher, fing eine Ansage an und brach wieder ab. In der Stille danach hörten sie den Eimer tropfen, weit hinten, Tropfen für Tropfen. Leo hob den Blick zuerst. Anna folgte. Sie sahen einander an, so lange, dass Ausweichen eine eigene Entscheidung geworden wäre.
Dann vibrierte Annas Telefon.
Sie griff danach. Eine Nachricht ihrer Schwester: Junge. 2:18. Wir warten auf dich, Tante.
Anna presste den Daumen auf den Silberring. Leo las nicht mit. Er sah nur, wie ihre Schultern einen Zentimeter sanken.
„Sie ist da“, sagte Anna.
„Er.“
„Er.“ Sie zeigte ihm das Foto. Ein zerknittertes Gesicht, eine winzige Faust, ein Krankenhauslicht, das alles zu hell machte.
Leo beugte sich vor. Sein Ärmel streifte ihren. „Er sieht aus, als hätte er die Beschwerde schon formuliert.“
Anna lachte, diesmal mit Ton. Ein Mann auf der gegenüberliegenden Bank hob den Kopf und schlief sofort wieder ein.
Um drei Uhr sieben kam die Ansage klar.
„Achtung an Gleis 5. Der Ersatz-Intercity nach Hamburg fährt voraussichtlich in zwölf Minuten ein. Reisende Richtung Süden benutzen bitte den bereitgestellten Zug auf Gleis 2.“
Bewegung lief durch die Halle. Koffergriffe schnappen hoch. Jacken rascheln. Menschen, die eben noch zu Möbeln der Nacht geworden waren, standen auf und wurden wieder Reisende.
Anna zog ihr Kabel aus der Mehrfachbuchse. Leo wickelte seine langsam auf, Schlaufe für Schlaufe. Beide taten beschäftigt. Beide brauchten zu lange.
„Gleis 5“, sagte Leo.
„Gleis 2“, sagte Anna.
„Praktisch.“
„Sehr.“
Er steckte die Mehrfachbuchse in seinen Rucksack. Das blaue Gummiband seines Notizhefts hing heraus. Anna sah darauf. Leo auch. Er zog das Heft hervor, riss eine Seite ab und schrieb etwas auf. Seine Schrift kippte nach rechts, stärker als auf der Einkaufsliste.
Er hielt ihr den Zettel hin. „Falls Ihr Neffe eine Beschwerdestelle braucht.“
Anna nahm ihn. Ihre Finger berührten seine nicht, weil beide zu genau darauf achteten. Sie faltete den Zettel einmal, dann noch einmal, und schob ihn unter den Silberring an ihrem Daumen, als wäre ihre Hand eine Ablage.
„Falls Ihr Vater ein Buch braucht, das netter zu ihm ist“, sagte sie und zog aus ihrer Tasche einen zerlesenen kleinen Band. Der Einband war grün, die Ecken rund. „Nehmen Sie den. Meine Großmutter hat darin immer Rezepte notiert, obwohl es Gedichte sind.“
Leo nahm das Buch. Zwischen zwei Seiten steckte ein alter Kassenbon. Er sah nicht hinein. „Leihen Sie es mir?“
„Wenn Sie es zurückgeben.“
„Das klingt nach Aufwand.“
„Nur nach Organisation.“
Der Zug nach Hamburg schob sich an Gleis 5 heran, nass, dunkel, mit gelben Fenstern. Auf Gleis 2 summten die Türen des anderen Zuges bereits offen. Eine Pfeife trillte irgendwo. Der Regen hatte nachgelassen; er hing jetzt als feiner Film in der Luft, und die Lampen auf dem Bahnsteig trugen kleine helle Höfe.
Anna hob ihren Koffer. Das linke Rad knackte. Leo griff danach, hielt aber an, bevor seine Hand den Griff erreichte.
„Der kämpft“, sagte er.
„Ich auch.“
Er sah sie an. „Ja.“
Diesmal meinte er nichts Praktisches. Anna verstand es und stellte den Koffer ab, nur für einen Augenblick. Auf der Anzeigetafel wechselte Hamburg von voraussichtlich zu bereitgestellt. Gleis 2 piepte zur Türschließung.
Leo trat einen Schritt zurück. Nicht weit. Genug, dass ein Mensch mit Koffer zwischen ihnen durchkonnte. Anna öffnete die Hand. Der gefaltete Zettel steckte noch unter ihrem Ring. Der Wind vom einfahrenden Zug hob eine lose Haarsträhne an ihre Wange.
„Anna“, sagte er.
Ihr Name klang in seiner Stimme, als hätte er ihn nicht nur behalten, sondern getragen.
Sie sah zu Gleis 5. Dann zu Gleis 2. Dann auf sein Buch in seiner Hand, grün und fremd und schon ein wenig seins.
Die Türen standen offen.
Auf dem nassen Bahnsteig lagen zwei Ladekabel für einen Moment nebeneinander in Leos Rucksack, weiß und schwarz, die Enden lose, noch nicht aufgewickelt.




