Der Ventilator und die Sterne
Leo liegt in seinem Bett, aber die Decke liegt nicht auf ihm. Sie liegt nur am Fußende, zusammengefaltet wie ein kleines, weiches Tier, das selbst nicht näher kommen will. Die Nacht ist warm. Die Matratze ist warm. Das Kissen ist warm an der einen Seite und an der anderen Seite auch. Neben dem Bett dreht sich der Ventilator. Er macht frrr, frrr, frrr.
Das Fenster steht offen. Die Luft kam nicht richtig herein, aber sie versuchte es. Der Vorhang bewegte sich ein kleines Stück, dann blieb er wieder hängen. Draußen war die Straße schon dunkel geworden. Ein Auto fuhr weit unten vorbei, und sein Geräusch wurde länger, dann dünner, dann war es weg. Der Ventilator drehte sich weiter. Frrr, frrr, frrr.
Leo hält die Augen offen. Sehr offen. Seine Finger liegen auf dem Laken und trommeln noch ein wenig, als wollten sie zeigen, dass er noch da ist und noch alles merkt. Aber die Finger werden langsam. Erst der kleine Finger. Dann der Ringfinger. Seine Füße schieben sich aus dem Lakenrand hinaus, weil es darunter zu warm ist, und bleiben dort einfach liegen.
Die Tür geht einen Spalt auf. Mama kommt herein, nicht mit vielen Worten, nur mit ihren leisen Schritten. Sie stellt ein Glas Wasser auf den kleinen Tisch neben dem Bett. Das Glas macht ein feines Klick auf dem Holz. Mama sieht Leo an, streicht ihm nicht über die Stirn, weil alles schon warm genug ist. Sie lächelt nur. Dann geht sie wieder hinaus.
Das Klick bleibt noch kurz im Zimmer. Dann nicht mehr. Leos Blick bleibt an dem Glas hängen, an dem kleinen hellen Rand, der vom Fensterlicht kommt. Er will danach greifen, aber seine Hand hebt sich nur ein bisschen. Nicht bis zum Glas. Nur bis zur Hälfte. Dann legt sie sich wieder hin, als hätte sie einen besseren Platz gefunden.
Leo dreht den Kopf zum Fenster. Dort oben sind Sterne. Nicht viele, weil die Sommernacht hell am Rand der Stadt lag, aber genug für Leo. Er beginnt zu zählen. Eins. Zwei. Vielleicht drei. Der Ventilator sagt frrr dazu. Eins, frrr. Zwei, frrr. Drei, frrr. Seine Augen springen von einem hellen Punkt zum nächsten, aber die Punkte bleiben nicht ganz an ihrem Platz.
Ein Stern ist da. Dann ist daneben vielleicht noch einer. Leo blinzelt. Beim Blinzeln dauert das Dunkel ein bisschen länger, als er gedacht hatte. Als die Augen wieder offen sind, sieht er den Vorhang nicht mehr so genau. Er sieht nur den helleren Rand des Fensters. Er sieht das Stück Nacht dahinter. Er sieht die Sterne wie kleine, ruhige Zeichen.
Vom Flur kommt kein Schritt mehr. Aus der Straße kommt kein Auto mehr. Nur der Ventilator zählt weiter, ohne Zahlen zu brauchen.
Frrr, frrr, frrr.
Leo zählt noch einmal von vorn, aber die Eins wird sehr groß und die Zwei kommt spät.
Sein Mund bleibt ein wenig offen, weil die Luft so warm ist und weil das Atmen dann leichter geht.
Der Stern oben links wartet nicht auf ihn, und Leo wartet auch nicht richtig auf den nächsten Stern.
Seine Schulter sinkt tiefer in das Kissen.
Der Ventilator dreht sich weiter.
Frrr.
Das Fenster ist nur noch ein helles Viereck.
Die Sterne sind nur noch Punkte.
Ein Punkt.
Dann Wärme.
Nur Wärme an Leos Wange.
Warm in seinem Atem, ein und aus



