Der Wind zwischen uns
Clara hatte den Hut nur aufgesetzt, weil er ihr im Flur an der Garderobe im Weg hing.
Das sagte sie sich, als sie die Wohnungstür zuzog. Das sagte sie sich auch, als sie im Treppenhaus an dem alten Spiegel vorbeiging und den schwarzen Rand des Strohhuts mit zwei Fingern richtete. Sie sagte es sich ein drittes Mal unten auf der Straße, wo der Sommer auf dem Pflaster lag und die Luft nach Staub, Lindenblüten und warmem Metall roch.
Es war ihr dritter Versuch, Daniel zu vergessen.
Beim ersten Versuch hatte sie den Sessel verkauft, in dem er immer quer gesessen hatte, ein Bein über die Lehne geworfen, die Zeitung auf dem Bauch. Ein Student hatte ihn abgeholt und gefragt, ob der Fleck am Arm von Kaffee sei. Clara hatte Nein gesagt, obwohl es Kaffee gewesen war, Daniels Kaffee, schwarz, ohne Zucker, verschüttet an einem Sonntag, an dem sie beide zu lange geschwiegen hatten.
Beim zweiten Versuch hatte sie seine Nummer gelöscht. Sie hatte danach trotzdem den Anfang eingetippt, nur um zu sehen, ob ihre Finger sich erinnern würden. Sie taten es.
Der dritte Versuch war dieser Spaziergang.
Der Stadtpark lag vier Straßen weiter. Hinter den Kastanien stand das Café mit den grünen Markisen, unter denen früher die Kellner die Aschenbecher vergessen hatten, obwohl niemand mehr rauchte. Ein Mann schob einen Kinderwagen am Brunnen vorbei. Zwei Mädchen teilten sich eine Tüte Kirschen und spuckten die Kerne in hohem Bogen ins Gras. Auf einer Bank las eine alte Frau ein Buch mit Eselsohren, hielt aber jede zweite Seite mit dem Daumen fest, weil der Wind daran zerrte.
Clara ging den Kiesweg entlang, als müsste sie irgendwohin. Ihre Sandalen knirschten. Der Hut saß tief auf ihrem Kopf, das schwarze Band lag knapp über ihren Augenbrauen. Sie hatte ihn vor vier Jahren an einem Marktstand gekauft, an einem Tag, an dem Daniel fünf Minuten gebraucht hatte, um einen Pfirsich auszusuchen. Er hatte den Hut genommen, ihn ihr aufgesetzt und gesagt: Der ist zu groß für dich. Dann hatte er den Rand mit dem Daumen angehoben, damit er ihre Augen sehen konnte.
Jetzt drückte Clara den Rand herunter.
Der Wind kam erst als Bewegung in den Blättern. Nicht laut. Nur ein Drehen, ein Flüstern, als würde jemand unter den Baumkronen nach einem verlorenen Schlüssel suchen. Die Luft kühlte an ihren nackten Armen ab. Über dem Café klapperte ein Schild gegen die Wand: Café Sommer, Café Sommer, Café Sommer, immer im gleichen falschen Takt.
Clara blieb stehen und sah zum Himmel. Die Wolken hatten sich über den Dächern zusammengezogen, grau und schwer an den Rändern, aber das Licht darunter blieb hell. Menschen wurden schneller. Eine Kellnerin sammelte Gläser von den Tischen, zwei in jeder Hand, die Finger gespreizt wie ein Zaubertrick.
Dann hob der Wind den Hut.
Clara griff danach. Ihre Fingerspitzen streiften das schwarze Band. Für einen Atemzug schwebte der Hut direkt vor ihr, als überlegte er es sich anders. Dann riss ihn die nächste Böe über den Kiesweg.
Sie lief ihm nach.
Nicht weit. Drei Schritte, vielleicht vier. Der Hut rollte auf der Kante, sprang gegen den Fuß einer Bank, kippte, hob wieder ab und trieb auf den Platz vor dem Café zu. Clara sah nur Stroh, schwarzes Band, hellen Kies. Sie hörte das Schild, die Kirschen der Mädchen in der Tüte, einen Hund, der bellte, weil sein Besitzer die Leine um einen Stuhl gewickelt hatte.
Eine Hand fing den Hut aus der Luft.
Nicht irgendeine Hand.
Daniel stand vor der Markise, eine Schulter leicht höher als die andere, als hätte er gerade etwas getragen. Sein Hemd klebte an den Unterarmen, weil er die Ärmel hochgekrempelt hatte. Am linken Handgelenk trug er noch immer die silberne Uhr mit dem Sprung im Glas. Sie lief nie richtig. Sie war immer sieben Minuten zu spät gegangen, und er hatte immer gesagt, das reiche, um noch zu bleiben.
Er hielt ihren Hut in beiden Händen.
Clara blieb mitten auf dem Weg stehen. Der Wind drückte ihr ein paar Haare an den Mund. Sie zog sie weg, zu langsam, als hätte ihre Hand einen anderen Auftrag vergessen.
Daniel sah auf den Hut, dann auf sie. Er sagte nichts.
Die Sekunde wurde länger.
Clara bemerkte den dünnen Abdruck an seinem Ringfinger, obwohl dort kein Ring saß. Sie bemerkte einen hellen Faden an seinem Hemdknopf. Sie bemerkte, dass seine rechte Hand am Hutrand nicht ruhig blieb, sondern das Stroh kaum sichtbar eindrückte und wieder losließ.
Er kam einen Schritt auf sie zu.
Sie hätte gehen können. Links führte der Weg zum Rosengarten, rechts zum Ausgang an der Tramhaltestelle. Hinter ihr bog der Park in einen grünen Tunnel aus Ahornbäumen. Sie blieb.
Daniel reichte ihr den Hut. Nicht ganz. Zwischen seinen Händen und ihren blieb eine schmale Luft, breit genug für alles, was nicht gesagt worden war.
„Der ist zu groß für dich“, sagte er.
Clara nahm den Hut nicht sofort. „Du hast ein gutes Gedächtnis für unbrauchbare Sätze.“
Sein Mund bewegte sich, fast ein Lächeln, aber er ließ es nicht fertig werden. „Für manche schon.“
Das war der erste Satz, der nicht meinte, was er sagte.
Clara nahm den Hut. Ihre Finger berührten seine nicht. Sie sah trotzdem, wie er die Hand zurückzog und sie kurz zur Faust machte, bevor er sie in die Hosentasche steckte.
„Danke“, sagte sie.
„Gern.“
Wieder das Schild an der Wand. Café Sommer. Café Sommer.
Eine Böe schob ein trockenes Blatt zwischen sie, obwohl es Juli war. Daniel sah hinunter, als hätte das Blatt eine Frage gestellt. Clara setzte den Hut auf und zog das Band fest unter das Haar am Hinterkopf. Der Hut saß schief. Sie wusste es. Sie richtete ihn nicht.
„Du wohnst noch hier?“ fragte er.
„Vier Straßen weiter.“
„Ich dachte, du wolltest weg.“
„Ich dachte vieles.“
Er nickte. Sein Blick ging kurz zum Café, zu einem kleinen Tisch unter der Markise. Auf dem Tisch stand eine Tasse, daneben ein Glas Wasser, unberührt. Ein Buch lag mit dem Rücken nach oben: ein schmaler Band mit blauem Umschlag, die Ecken abgestoßen. Clara kannte das Buch. Nicht diesen Band, aber die Gewohnheit. Daniel legte Bücher immer offen hin, als könne eine Seite davonlaufen.
„Und du?“ fragte sie.
„Ich bin nur wegen eines Termins hier.“
„Im Park?“
„Dahinter. Kanzlei am Markt.“
„Du hast nie Anzüge gemocht.“
„Ich trage auch keinen.“
Sie sah auf sein Hemd, auf die dunkle Hose, auf die Schuhe, die zu sauber für den Kies waren. „Fast.“
„Fast zählt bei dir nicht.“
Der zweite Satz.
Clara drehte den Hutrand zwischen Daumen und Zeigefinger. „Bei mir zählt, was jemand tut.“
Daniel sah sie an. Der Wind fuhr zwischen ihnen durch und hob sein Haar an der Stirn. Früher hatte sie es ihm glatt gestrichen, wenn sie neben ihm im Kino saß. Manchmal hatte er dann ihren Finger festgehalten, ohne den Blick von der Leinwand zu nehmen.
„Ich bin damals gegangen“, sagte er.
„Ja.“
„Du hast mich nicht aufgehalten.“
„Du hattest die Tasche schon in der Hand.“
Er atmete durch die Nase aus. Kein Lachen. Eher der Rest davon. „Sie war nicht schwer.“
Clara sah zu der silbernen Uhr. Der Sprung im Glas lief von der Zwei bis zur Mitte, ein feiner Blitz, eingeschlossen unter Glas. „Du hast das blaue Hemd vergessen.“
„Ich weiß.“
„Ich habe es irgendwann weggegeben.“
„An wen?“
„An einen Mann im Secondhandladen, der sagte, es sei gutes Leinen.“
Daniel nickte, als hätte der Mann recht gehabt und als müsse er ihm dafür danken.
Eine Kellnerin trat aus dem Café. „Entschuldigung, der Regen kommt gleich. Wenn Sie zahlen möchten—“ Sie brach ab, sah von Daniel zu Clara und wieder zurück. Dann stellte sie die Rechnung neben seine Tasse und ging.
Der Regen kam noch nicht. Nur der Wind. Er trieb die Hitze aus den Wegen und legte den Geruch von nassem Stein in die Luft, bevor ein Tropfen fiel.
„Setzt du dich kurz?“ fragte Daniel.
Clara schaute zum Tisch. Die Tasse. Das Buch. Das Glas Wasser. Ein zweiter Stuhl stand dort, halb herausgezogen, als hätte jemand ihn verlassen oder erwartet. Sie wusste, dass Daniel Stühle immer ganz an den Tisch schob. Früher hatte sie ihn dafür geneckt, weil er sogar in fremden Küchen Ordnung machte.
„Ich wollte nur spazieren“, sagte sie.
„Dann geh ein Stück mit mir.“
„Du hast einen Termin.“
„Der ist vorbei.“
„Und ich habe einen Hut, der flieht, sobald man nicht aufpasst.“
„Das kenne ich.“
Sie sah ihn an.
Er senkte den Blick zuerst. Auf dem Kies lag ein Kirschkern. Die Mädchen waren weg. Die alte Frau auf der Bank klappte ihr Buch zu und steckte es in eine Stofftasche. Ein Kellner zog die Markise mit einer Kurbel ein. Das Tuch ächzte, und die Luft roch kurz nach altem Regen, der im Stoff geschlafen hatte.
Clara setzte sich nicht. Daniel blieb neben dem Tisch stehen. Zwischen ihnen lag sein blaues Buch, offen auf dem Bauch, die Seiten nach unten. Der Wind blätterte es nicht um. Er konnte nicht.
„Du siehst gut aus“, sagte er.
Clara antwortete nicht gleich. Sie legte eine Hand auf den Hut, obwohl er fest saß. „Du siehst müde aus.“
„Das ist ehrlicher.“
„Das war nie unser Problem.“
„Nein.“
Das Wort fiel klein auf den Tisch. Es blieb dort liegen.
Eine Stille öffnete sich. Keine leere. Eine mit Gewicht.
Clara hörte das Klirren aus der Küche des Cafés. Ein Löffel fiel zu Boden und rollte aus, bis ihn jemand mit dem Schuh stoppte. Daniel strich mit dem Daumen über den Sprung in seiner Uhr. Nicht einmal. Dreimal. Clara folgte der Bewegung, obwohl sie nicht wollte. Ihre eigene Hand lag noch auf dem Hutrand. Unter ihren Fingern fühlte sich das Stroh rau an, an einer Stelle gebrochen. Sie erinnerte sich, wann das passiert war: in seiner alten Küche, als er den Hut auf den Kühlschrank geworfen hatte und sie beide Mehl an den Unterarmen hatten. Pfannkuchen um Mitternacht. Streit am Morgen.
Daniel hob den Kopf. „Ich war gestern vor deinem Haus.“
Clara nahm die Hand vom Hut. „Warum?“
„Ich habe den Namen am Klingelschild gesehen.“
„Das ist keine Antwort.“
Er sah zur Straße hinter dem Park, wo die ersten Tropfen dunkle Punkte auf den Asphalt setzten. „Ich wollte wissen, ob du wirklich noch da bist.“
„Und wenn nicht?“
„Dann hätte ich gewusst, dass ich zu spät bin.“
Sie lachte nicht. Sie hätte gekonnt. Der Satz bot ihr eine Tür, eine spitze, gute Tür, durch die sie hätte gehen können. Stattdessen strich sie einen Kirschstiel vom Tisch, der nicht ihr gehörte.
„Du bist oft zu spät“, sagte sie.
Er hielt ihr seinen Arm hin, die Uhr nach oben. „Sieben Minuten.“
„Manchmal zwei Jahre.“
Er zog den Arm zurück. Diesmal steckte er die Hand nicht ein. Sie hing an seiner Seite, offen.
Der Regen begann mit großen Tropfen. Einer landete auf Claras Hut und blieb dunkel im Stroh. Ein zweiter traf Daniels Buch. Er klappte es zu, aber nicht schnell genug. Auf dem blauen Umschlag wuchs ein runder Fleck.
„Komm unter die Markise“, sagte er.
Clara trat einen halben Schritt zurück, statt vor. Der Kies knirschte unter ihrer Sandale. „Ich muss los.“
„Wohin?“
Sie sah an ihm vorbei zum Ausgang. Die Tramhaltestelle glänzte schon. Menschen liefen, Taschen über den Köpfen, Zeitungen vor dem Gesicht. Der Hund bellte nicht mehr. Er saß unter einem Stuhl und sah beleidigt in den Regen.
„Nach Hause.“
„Vier Straßen.“
„Ich kenne den Weg.“
Er nickte langsam. „Ja.“
Da war wieder ein Satz, der woanders hinzielte.
Clara setzte den Hut neu auf. Diesmal richtete sie ihn genau. Das schwarze Band lag straff. Sie zog die Krempe an beiden Seiten nach unten und spürte, wie der Wind dagegen drückte. Nicht genug.
Daniel sah auf ihre Hände. „Darf ich—“
Er brach ab. Seine Finger hoben sich, nur ein Stück, als wollte er den Rand so kippen wie früher. Dann ließ er die Hand sinken.
Clara wartete. Nicht lange. Lange genug, dass der Regen zwischen ihnen dichter wurde.
„Nein“, sagte sie leise.
Er nahm es an, ohne zu blinzeln. „Okay.“
Sie ging an ihm vorbei.
In den drei Schritten bis zum Weg hörte sie, wie er hinter ihr die Rechnung vom Tisch nahm. Papier raschelte. Münzen klickten. Kein Ruf. Kein Schritt, der ihr folgte. Das machte es schwerer, nicht leichter.
Am Rand des Cafés blieb sie noch einmal stehen. Nicht wegen ihm, sagte sie sich. Wegen des Regens. Wegen des Hutes. Wegen der Krempe, auf der jetzt Tropfen hingen wie kleine Glasperlen.
„Clara“, sagte Daniel.
Ihr Name klang anders, wenn er ihn sagte. Nicht weicher. Nur genauer.
Sie drehte sich nicht ganz um. Nur den Kopf.
Er stand noch unter der halb eingezogenen Markise. Das blaue Buch klemmte unter seinem Arm. In der anderen Hand hielt er seine Uhr, als hätte er sie eben abgenommen und wüsste nicht, wohin damit. Der helle Streifen an seinem Handgelenk wirkte nackt.
„Der Hut“, sagte er.
Sie fasste an die Krempe.
„Er sitzt jetzt.“
Clara sah ihn an. Der Regen zog Linien zwischen ihnen. Hinter ihm flackerte im Café ein warmes Licht auf, weil jemand die Lampen einschaltete. Das Schild an der Wand schwieg; der Wind hatte den Takt gewechselt.
„Ja“, sagte sie.
Dann ging sie.
Der Weg zum Ausgang glänzte dunkel. Der Regen kühlte ihre Schultern und rann an ihrem Nacken entlang. Clara hielt die Hand nicht mehr am Hut. Sie ließ die Arme locker neben sich, die Finger offen, die Schritte gleichmäßig. An der Tramhaltestelle drehte sie sich nicht um.
Daniel blieb vor dem Café stehen.
Er sah ihr nach, bis der Park sie zwischen den Ahornbäumen schluckte. Auf dem Tisch hinter ihm lag ein Kirschkern in einer kleinen Regenpfütze. Seine Uhr tickte nicht in seiner Hand. Der Wind griff nach Claras Hut, einmal, zweimal, und fand keinen Rand, an dem er ihn lösen konnte.




