Die Ameisen und die große Dürre
Tix lief durch den oberen Tunnel.
Der Boden brannte unter ihren sechs Füßen. Nicht wie Feuer. Eher wie ein Stein, der zu lange in der Sonne gelegen hatte und nun seine Wärme in jede Wand drückte.
Sie hielt an. Ihre Fühler tasteten über die Erde. Trocken. Krümelig. Kein kühler Strich. Kein nasser Punkt.
Hinter ihr drängten Larvenpflegerinnen vorbei. Sie trugen helle, weiche Larven tiefer hinab. Eine Larve krümmte sich. Tix wich erst zurück, dann schob sie ihre Schulter unter das Bündel und half drei Schritte lang.
Dann rannte sie wieder los.
Im großen Raum lag Königin Mara schwer auf den Beinen. Ihre Fühler hingen nicht, aber sie bewegten sich langsam. Neben ihr stand der letzte Tropfen auf einem Blattstück. Für eine Ameise war er ein runder Teich. Für das Volk war er fast nichts.
Mara neigte den Kopf. Ein Tropfen glänzte vor ihrem Mund, doch sie trank nicht. Sie schob das Blattstück mit dem Vorderbein zu den Larvenpflegerinnen.
Tix trat vor. Gleich wieder zurück. Die vielen Körper um Mara waren warm und dicht. Tix scharrte mit einem Fuß, als wollte sie fort, und blieb doch stehen.
Späherin Rox kam aus einem Seitengang. Staub klebte an ihren Beinen. Sie klopfte Tix zweimal an die Fühler, dann strich sie über den Boden: hinaus, Bach, suchen.
Mara hob den Vorderleib. Ihre Beine zitterten kurz. Dann setzte sie ein Bein vor das andere und berührte Tix, Rox und drei weitere Arbeiterinnen. Jede Berührung war kurz. Jede blieb auf dem Panzer wie ein Auftrag.
Tix schoss zum Ausgang.
Draußen stand die Sommerwiese hoch über ihr. Ein Grashalm ragte wie ein Baum. Seine Kante war scharf und trocken. Der Boden zwischen den Halmen war rissig, breit wie Schluchten für Ameisenfüße.
Hitze stieg aus den Ritzen.
Tix lief trotzdem. Dann blieb sie stehen. Sie hob den Kopf. Vom alten Bachlauf kam ein dumpfer, staubiger Geruch. Kein Wassergeruch. Nur heiße Erde.
Rox lief voran. Sie war schmaler als Tix und blieb kaum an den Halmen hängen. Tix folgte dicht. Zu dicht. Wenn Rox sich umdrehte, sprang Tix zur Seite, als hätte ein Grashalm nach ihr geschlagen.
Der Bachlauf lag offen in der Sonne. Früher war dort ein Streifen gewesen, den Ameisen nur über Steine querten. Jetzt lag er als grauer Graben da. Seine Schuppen aus Lehm waren hart.
Rox fand den ersten dunklen Fleck unter einem Stein.
Alle stürzten hin.
Tix presste ihren Mund an die Kante. Ihre Fühler zuckten. Der Fleck roch schwach nach Wasser. Sie grub. Zwei Körnchen. Drei. Der Boden gab nicht nach. Rox zwängte sich darunter, kam rückwärts wieder heraus und rieb ihre staubigen Fühler am Vorderbein.
Der dunkle Fleck war nur Schatten.
Tix schlug einmal mit dem Kiefer in die Erde. Dann hob sie ein trockenes Körnchen und trug es fort, als könnte Ordnung den Boden weicher machen.
Weiter.
Beim zweiten Versuch führte Rox sie zu einem Schneckenhaus. Es lag halb unter Klee, groß wie eine helle Höhle. An seiner Öffnung klebte ein kühler Hauch.
Tix kroch hinein. Der Rand schabte über ihren Rücken. Drinnen war es eng. Sie wollte weiter. Ihre Beine drückten. Ihr Hinterleib passte nicht.
Sie zerrte. Nichts.
Rox packte sie am Bein und zog. Tix kam frei und rollte in den Staub. Aus dem Schneckenhaus löste sich ein winziger Tropfen. Er hing am Rand. Rund. Schwer. Ein See an einer Wand.
Tix sprang hin.
Die Sonne traf den Rand.
Der Tropfen wurde kleiner, während ihre Fühler ihn berührten. Erst war er eine Perle, dann ein Splitter, dann nur ein nasser Strich. Tix leckte den Strich. Ein einziges Mal. Dann war er fort.
Ihre Beine standen breit. Rox klopfte ihr an die Schulter. Weiter.
Der dritte Versuch lag unter einer gelben Blüte, die flach über dem Boden hing. Dort roch es süß und feucht. Der Duft zog Tix wie eine Spur.
Eine Biene saß in der Blüte.
Ihr Körper brummte tief. Für Tix war das Brummen ein Gewitter im Stängel. Rox duckte sich. Die anderen duckten sich auch. Tix blieb vorn stehen, die Kiefer offen, der Körper ganz niedrig.
Ein Tropfen Nektar schimmerte am Blütenrand.
Tix kroch näher.
Die Biene bewegte ein Bein. Der Stängel bebte. Tix kippte rückwärts, rappelte sich auf und versuchte es noch einmal von der anderen Seite.
Der Stängel bebte stärker. Staub fiel von oben. Rox packte Tix am Hinterbein und zog sie weg. Der Nektartropfen blieb dort, hoch und unerreichbar, bewacht von dem großen brummenden Körper.
Tix rannte nicht sofort weiter. Sie stand im Schatten eines Kleepflanzchens. Ihre Fühler sanken bis zum Boden. Der süße Geruch blieb an ihnen kleben und machte den trockenen Bachlauf noch trockener.
Dann kam ein anderer Geruch.
Nicht süß. Nicht staubig. Grün und kühl.
Tix hob beide Fühler.
Unter einem umgeknickten Grashalm lag ein Käferpanzer. Schwarz. Gebogen. In seiner Mulde ruhte Wasser.
Ein Tropfen.
Nein. Für Tix war es ein ganzer stiller See, eingefasst von glatten Wänden. Die Oberfläche zitterte, obwohl kein Wind unten zwischen den Halmen ging.
Tix trat vor. Dann zurück. Ihr Mund öffnete sich. Der Tropfen roch nach Blatt und Schatten.
Rox berührte das Wasser. Sie trank nicht. Sie drehte sich und rief die anderen mit raschen Fühlerschlägen heran.
Sie brauchten Erde. Sie brauchten Blattfasern. Sie brauchten Körper.
Tix riss einen weichen Streifen von einem trockenen Blatt. Er war größer als sie. Sie zerrte ihn, fiel, stand wieder auf. Zwei Ameisen kamen dazu. Der Streifen wurde zum Docht.
Sie tauchten ihn in den Tropfen.
Wasser kroch hinein.
Langsam. Schwer. Kostbar.
Tix fasste den nassen Blattstreifen mit den Kiefern. Der erste Zug riss sie fast vornüber. Wasser machte das Blatt schwer wie einen Stein. Sie zog trotzdem.
Rox schob von hinten. Die anderen liefen an den Seiten. Bei jedem Riss im Boden mussten sie hinab und wieder hinauf. Einmal blieb der Streifen hängen. Tix zog zu stark, rutschte aus und landete mit dem Bauch im Staub.
Sie blieb einen Atem lang platt liegen. Dann kroch sie unter den Streifen und stemmte ihn mit dem Rücken hoch.
So kamen sie zum Bau.
Im Tunnel war die Wand noch warm. Doch der nasse Streifen hinterließ eine dunkle Spur. Ameisen drängten heran und wichen gleich wieder zurück, damit die Larvenpflegerinnen zuerst kamen.
Königin Mara stand am Rand des großen Raums. Ihre Beine waren weit gesetzt. Als der Streifen vor ihr lag, senkte sie den Kopf tief. Ihre Fühler ruhten auf dem nassen Blatt, ohne zu trinken.
Die Larven krümmten sich zum Wasser.
Tix trat zurück. Ihr Mund war trocken. Ein kleiner nasser Punkt klebte an ihrem Kiefer. Sie strich ihn ab und schob ihn einer Larve hin.
Über ihnen rollte ein leiser Schlag durch die Erde.
Alle hielten inne.
Noch ein Schlag.
Die Tunnelwand bekam einen dunklen Fleck. Er wuchs. Kühle kroch daraus hervor.
Tix lief zum Ausgang. Der Himmel war weit und grau über den Grasbäumen. Etwas Großes fiel herab.
Der erste Regentropfen traf den Boden vor ihr.
Er zerplatzte wie ein See, der vom Himmel kam. Eine kühle Welle rollte über Tix’ Füße, und in der kleinen Mulde neben ihr blieb ein neuer Tropfen liegen, rund und schwer.




