Die Seychellen-Nacht
Mia hatte die Bootstour nicht gebucht, weil sie Meer sehen wollte.
Das Meer lag seit drei Tagen vor ihrem Hotel, breit und hell, und sie hatte es behandelt wie einen großen Fernseher ohne Ton. Morgens saß sie mit Kaffee auf der Terrasse, hielt ein Buch aufgeschlagen in der Hand und las denselben Absatz viermal. Mittags ging sie zum Strand, nur bis zu der Stelle, wo der Sand so fein wurde, dass er sich unter ihren Fußsohlen falsch anfühlte, fast wie Mehl. Dann kehrte sie um.
Die Frau an der Rezeption hatte am Vorabend auf den Prospekt getippt. Ihre Fingernägel waren in einem Grün lackiert, das zu keinem Blatt im Garten passte.
„Sie sollten rausfahren“, hatte sie gesagt. „Ein halber Tag. Nicht anstrengend.“
Mia hatte genickt, weil Widerspruch mehr Kraft gekostet hätte als Zustimmung.
Jetzt stand sie am kleinen Anleger von La Digue und hielt den Prospekt gefaltet in der linken Hand. Auf ihrem Ringfinger zeichnete sich ein blasser Streifen ab. Sie hatte den Ring in Berlin in eine blaue Keramikschale gelegt, neben zwei Sicherheitsnadeln und einen Knopf von einem Mantel, den sie nie repariert hatte.
Das Holzboot schaukelte am Steg. Es war nicht weiß lackiert wie die Ausflugsboote vor dem Hotel, sondern dunkel, mit abgeschabten Kanten und einer Bank, auf der alte Salzränder klebten. Am Bug hing ein rotes Seil in einer ordentlichen Schlinge. Irgendwo schlug Metall gegen Holz, ein dünnes, regelmäßiges Klacken.
„Mia?“
Der Mann stand barfuß im Boot. Er trug ein ausgeblichenes Hemd, dessen Ärmel er bis über die Unterarme gerollt hatte. Seine Haut hatte die Farbe von Teakholz nach Regen. An seinem rechten Handgelenk saß ein schmales Armband aus roter Schnur, zweimal geknotet. Er sah nicht aus, als hätte er auf sie gewartet. Er sah aus, als hätte er das Boot vorbereitet und dabei ihren Namen im Kopf gehabt.
„Ja.“
„Noah.“ Er hielt ihr die Hand hin, nicht hoch, nicht auffordernd. Nur so weit, dass sie entscheiden konnte.
Sie nahm sie. Seine Hand war trocken, warm, rau an den Stellen, an denen ein Seil entlanglief. Er zog nicht. Er hielt nur, während sie ins Boot stieg. Das Holz gab unter ihrem Gewicht nach. Mia stellte den Fuß zu hastig auf, der Prospekt rutschte ihr fast aus den Fingern.
Noah sah auf ihre Hand, dann weg. „Tasche nach vorn. Da bleibt sie trocken.“
„Ich habe nichts Wichtiges drin.“
Er antwortete nicht. Er nahm die Tasche trotzdem und legte sie unter eine Plane.
Das Boot löste sich vom Steg mit einem Ruck. Der Motor sprang an, hustete zweimal und fand dann einen tiefen Ton, der durch Mias Rippen lief. Am Ufer standen Palmen in einer Reihe, als hätten Kinder sie zu nah ans Wasser gezeichnet. Das Dorf lag dahinter, kleine Häuser, Wellblechdächer, ein Laden mit gelbem Schild. Ein Junge schob ein Fahrrad über den Sand und winkte Noah zu. Noah hob zwei Finger vom Steuer.
Mia setzte sich auf die Bank gegenüber. Sie zog ihr Buch aus der Tasche, obwohl die Tasche unter der Plane lag und sie dafür zu weit nach vorn greifen musste. Es war ein Taschenbuch mit einem Kaffeefleck auf dem Umschlag. Sie hielt es auf den Knien, geschlossen.
„Sie lesen auf dem Wasser?“ Noah sah nicht zu ihr, sondern auf die Linie zwischen Riff und offener See.
„Ich halte gern etwas fest.“
Er drehte den Kopf nur ein wenig. „Das Boot auch.“
Sie hätte lachen können. Es kam nicht dazu. Der Wind nahm ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und legte sie ihr sofort wieder über den Mund.
Die Hitze hier drückte nicht wie in Städten. Sie kroch. Sie setzte sich in die Ellenbeugen, in den Nacken, hinter die Knie. Sie roch nach Salz, Diesel, Kokosöl von fremder Haut und nach warmem Holz. Mia bemerkte, dass Noah den Motor am Geräusch steuerte. Wenn eine Welle quer kam, legte er die Hand anders auf den Hebel, bevor das Boot sie erreichte.
„Erste Reise hierher?“ fragte er.
„Ja.“
„Allein?“
Sie schlug das Buch auf. Die Seiten flatterten. „Sieht man das?“
„Man sieht, wer sucht, wo er sitzen soll.“
Sie strich die Seite glatt, obwohl sie keine Zeile lesen konnte. „Ich sitze doch.“
Noah nickte. „Jetzt.“
Das Klacken am Bug setzte wieder ein. Metall an Holz. Metall an Holz. Mia zählte sieben Schläge und hörte bei acht auf, weil Noah den Fuß hob und das lose Teil mit den Zehen festklemmte, ohne hinzusehen.
Sie fuhren an Felsen vorbei, die wie riesige Tiere im Wasser lagen. Das Wasser war nicht einfach türkis. Es wurde flach und hell über Sand, dann fiel es neben dem Boot in eine Tiefe, die grün begann und blau endete. Mia beugte sich unwillkürlich vor. Unter ihnen schoss ein silberner Fischschwarm auseinander, als hätte jemand eine Handvoll Münzen ins Meer geworfen.
„Da drüben schnorcheln die meisten“, sagte Noah. „Heute zu viele Boote.“
„Ich muss nicht schnorcheln.“
„Die meisten sagen das, bevor sie schnorcheln.“
„Ich bin nicht die meisten.“
Er sah sie an. Diesmal länger. Sein Blick blieb nicht an ihrem Gesicht hängen, sondern an ihren Händen, an dem hellen Streifen, den sie mit dem Daumen bedeckte. Dann schaute er wieder nach vorn.
„Nein“, sagte er.
Das Wort lag zwischen ihnen und tat nichts.
Nach einer halben Stunde wurde das Meer ruhiger. Noah nahm die Geschwindigkeit heraus. Das Dorf war nur noch ein heller Strich, das Hotel nicht mehr zu sehen. Mia hätte sich leichter fühlen müssen. Stattdessen merkte sie, wie weit die Küste weg war. Sie legte das Buch neben sich und schob es sofort wieder näher an ihr Knie.
„Wie lange machen Sie das schon?“
„Boote?“
„Menschen herumfahren.“
„Seit ich sechzehn war. Erst mit meinem Vater. Dann allein.“
„Und es wird nicht langweilig?“
Noah zog die Augenbrauen zusammen, als hätte sie gefragt, ob Wasser ihn langweile. „Das Meer wiederholt sich nicht.“
Mia sah auf die Fläche, auf der sich nichts zu verändern schien. „Menschen schon.“
Er ließ den Satz eine Weile neben dem Motor laufen. „Manche mehr als andere.“
Sie nahm das Buch hoch, klappte es auf, klappte es zu. „Das war keine Einladung.“
„Ich habe nichts gefragt.“
Sie sah ihn an. Sein Mund blieb ruhig, aber seine Finger lösten sich kurz vom Steuer und legten sich wieder darum, einzeln, als müsste er sie ordnen.
Das erste geplante Ziel war eine Sandbank, auf der schon drei Boote lagen. Menschen standen bis zur Hüfte im Wasser und hielten Telefone über den Kopf. Eine Frau in einem roten Badeanzug rief nach jemandem namens Daniel. Noah drehte den Motor leiser.
„Wenn Sie wollen“, sagte er.
Mia betrachtete die Menschen, die im Wasser lachten, als müssten sie beweisen, dass es warm war. „Nein.“
„Gut.“
Er gab Gas, bevor sie fragen konnte, ob er erleichtert war.
Sie fuhren weiter, an einer Insel entlang, deren Granitfelsen rund und grau aus dem Grün traten. Ein Vogel mit schwarzem Rücken glitt so nah über das Wasser, dass seine Flügelspitzen die Oberfläche ritzten. Noah zeigte nicht darauf. Mia tat es auch nicht. Beide sahen hin.
Später holte Noah aus einer Kühlbox zwei Flaschen Wasser. Er reichte ihr eine. Ihre Finger berührten sich nicht. Sie bemerkte es, weil es so sorgfältig vermieden wurde.
„Danke.“
„Sie trinken zu wenig.“
„Sie beobachten Ihre Gäste sehr genau.“
„Ich zähle, wer blass wird.“
„Praktisch.“
„Ja.“
Sie schraubte die Flasche auf. Das Plastik knackte laut. „Und wenn jemand nicht blass wird?“
Er sah auf das Wasser vor ihnen. „Dann fahre ich trotzdem langsamer.“
Sie trank. Ein Tropfen lief ihr über das Kinn. Sie wischte ihn weg, zu schnell. Noah tat, als hätte er die Bewegung nicht gesehen.
Gegen Nachmittag änderte er die Richtung. Es gab keine Ansage. Er nahm einen engen Durchlass zwischen zwei Felsen, so nah, dass Mia die Maserung im Stein erkennen konnte. Dahinter öffnete sich eine Bucht, schmal und leer. Kein Boot. Kein Telefon über dem Wasser. Der Sand lag hell zwischen dunklen Felsen, und am Rand wuchsen niedrige Büsche, deren Blätter im Wind die Unterseiten zeigten.
Noah stellte den Motor ab.
Die Stille kam nicht sofort. Erst lief der Motor in Mias Körper weiter. Dann hörte sie das Wasser gegen den Rumpf, das leise Knarren einer Planke, irgendwo einen Vogel, der einmal rief und schwieg. Das rote Seil am Bug bewegte sich kaum.
„Das stand nicht im Prospekt“, sagte sie.
„Nein.“
„Warum sind wir hier?“
Noah warf den Anker. Die Kette glitt über Holz, Glied für Glied. Er sah ihr dabei zu, als müsste er kontrollieren, wie tief seine Entscheidung fiel. „Weil hier niemand ist.“
Mia zog die Schultern zurück. „Machen Sie das oft?“
Er richtete sich auf. Für einen Moment verstand er nicht, oder er wollte nicht. Dann veränderte sich sein Gesicht nicht, nur seine Hand am Seil wurde fester.
„Was?“
„Eine Bucht, keine Leute, keine Erklärung.“
Das Wasser hob das Boot. Senkte es. Noah wickelte das Seil zweimal um den Poller. Die Bewegungen wurden zu sauber.
„Ich kann zurückfahren.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Sie haben genug gesagt.“
Er griff zum Steuer. Nicht hastig. Das machte es schlimmer. Mia sah seine Finger auf dem Hebel, den roten Faden an seinem Handgelenk, die kleine Stelle, an der die Schnur ausgefranst war. Sie wollte sagen, dass sie es nicht so gemeint hatte. Sie wollte sagen, dass Männer, die Orte auswählten und nichts erklärten, in ihrem Leben nicht neu waren. Stattdessen legte sie die Hand auf ihr Buch, als könnte Papier etwas festhalten, das gerade rutschte.
Noah startete den Motor nicht.
Eine Minute verging vielleicht. Oder weniger. Die Bucht hielt sie fest. Wasser schabte leise am Boot. Von irgendwoher kam das Klacken wieder, obwohl das lose Metall noch unter Noahs Fuß klemmte; diesmal war es ihr Verschluss an der Wasserflasche, der gegen die Bank stieß. Mia nahm die Flasche und hielt sie still.
Noah sah auf den Boden des Bootes. Mia sah auf seine linke Hand. Ein schmaler Schnitt lief über seinen Daumen, frisch, mit Salz weiß am Rand.
„Mein Vater hat hier gehalten“, sagte er schließlich. „Wenn Gäste zu laut waren, nicht. Wenn sie still waren, manchmal.“
Sie hob den Blick.
„Er sagte, manche Orte werden kleiner, wenn man sie erklärt.“
Mia ließ das Buch los. Der Kaffeefleck auf dem Umschlag hatte die Form einer Insel, die es auf keiner Karte gab.
„Ich dachte…“ Sie brach ab.
„Ich weiß.“
„Nein. Wissen Sie nicht.“
Er nickte langsam. „Nein.“
Das war die erste ehrliche Antwort des Nachmittags, die nichts reparieren wollte.
Sie saßen in der Bucht, ohne auszusteigen. Noah löste den Fuß vom Metall am Bug. Das Klacken begann wieder, einmal, zweimal, dann hielt er es mit der Hand fest. Mia sah, wie seine Finger um den kleinen Ring lagen. Er hätte loslassen können. Tat er nicht.
„Sie haben eine Rückreise?“ fragte er.
„Übermorgen.“
„Gut.“
Sie sah zu ihm. „Gut?“
„Ein Ticket ist besser als kein Ticket.“
„Das klingt wie etwas, das man sagt, wenn man nicht sagen will, was man meint.“
Er blickte in die Bucht, nicht zu ihr. „Ich sage vieles nicht.“
„Das habe ich bemerkt.“
Sein Mund bewegte sich fast. Kein Lächeln, eher ein Widerstand dagegen. „Sie auch.“
Mia fuhr mit dem Daumen über den blassen Streifen an ihrem Finger. Die Haut dort war glatter als der Rest, als hätte sie weniger von der Welt abbekommen. „Ich bin hierhergekommen, um nichts zu müssen.“
„Und?“
„Ich muss trotzdem essen, schlafen, Trinkgeld geben und Leuten erklären, warum ich allein am Tisch sitze.“
„Sie müssen mir nichts erklären.“
Sie sah ihn an. Die Sonne stand noch hoch, aber das Licht wurde weicher an den Kanten des Bootes. Auf Noahs Hemd hatten sich dunkle Stellen gebildet, am Rücken und unter den Armen. Er roch nach Salz und Motor, nicht nach Hotelhandtuch oder Seife aus kleinen Flaschen.
„Das ist nicht echtes Leben“, sagte sie.
Er zog die Hand vom Metallring zurück. Das Klacken setzte ein und brach sofort ab, weil das Boot anders lag. „Nein.“
„Morgen fahren Sie andere Leute.“
„Ja.“
„Und ich sitze wieder auf dieser Terrasse und tue so, als würde ich lesen.“
„Vielleicht lesen Sie dann eine Seite.“
Sie atmete aus, und diesmal kam ein kleines Lachen mit, trocken und unerwartet. Noah sah kurz zu ihr, als hätte der Laut eine Möwe aufgeschreckt.
„Sie sind sehr sparsam“, sagte sie.
„Mit Benzin?“
„Mit allem.“
„Nicht mit allem.“
Er sagte es ruhig. Zu ruhig. Mia hörte den zweiten Satz darunter, den er nicht aussprach. Sie hätte ihn greifen können. Sie ließ ihn im Raum zwischen ihnen liegen.
Nach einer Weile stieg sie doch ins Wasser. Noah hielt das Boot, während sie über die Leiter ging. Das Wasser nahm ihre Füße, dann ihre Waden, dann ihren Körper bis zu den Rippen. Es war warm an der Oberfläche und kühler darunter. Sie stand im flachen Teil, sah auf den Grund und konnte die Schatten der kleinen Fische über ihre Knöchel ziehen sehen.
„Hier fühlt sich der Sand falsch an“, rief sie leise.
Noah saß auf der Bootskante. „Zu fein?“
„Als hätte jemand ihn gemahlen.“
„Korallen. Zeit. Dinge, die brechen.“
Sie sah zu ihm hoch. Er hatte den Satz nicht für sie zurechtgelegt. Er war ihm aus der Hand gefallen wie ein Werkzeug.
„Und dann wird daraus Strand?“
„Manchmal.“
Sie tauchte die Hände ins Wasser und wusch sich das Salz aus den Handflächen, obwohl neues Salz sofort blieb. Als sie zurück ins Boot stieg, reichte Noah ihr ein Handtuch. Diesmal berührten sich ihre Finger. Er zog die Hand nicht weg, aber er machte auch nichts daraus. Das war schlimmer und besser zugleich.
Auf der Rückfahrt senkte sich der Abend über das Dorf. Kein großes Schauspiel. Nur Licht, das an den Fenstern hängen blieb, Rauch von einem Grill, der zwischen Häusern stand, und Kinderstimmen, die über den Strand liefen. Ein Hund bellte einmal und gab auf. Aus einem Laden kam Musik, dünn und blechern, bis der Wind sie zerlegte.
Mia saß nicht mehr gegenüber. Sie hatte sich auf die Bank hinter Noah gesetzt, seitlich, so dass sie das Profil seines Gesichts sehen konnte, wenn er den Kopf drehte. Er tat es selten. Sie sah die Linie seines Kiefers, die kleine Kerbe am Ohr, das rote Armband, das dunkler geworden war vom Wasser.
„Sie essen heute im Hotel?“ fragte er.
„Wahrscheinlich.“
„Im Dorf gibt es Fisch. Hinter dem blauen Haus. Keine Karte.“
„Ist das eine Empfehlung?“
„Ja.“
„Mehr nicht?“
Er steuerte an einem Felsen vorbei. Das Boot neigte sich leicht. „Was wäre mehr?“
Sie sah auf seinen Rücken. Ein Tropfen Wasser lief aus seinem Haar den Nacken hinunter und verschwand im Kragen. „Das wissen Sie.“
Er antwortete nicht sofort. Der Motor füllte die Pause. Vor ihnen wuchs der Steg aus dem Abend. Zwei Männer standen dort und rauchten. Eine Lampe über dem Laden flackerte dreimal, dann blieb sie an.
„Ich esse manchmal dort“, sagte Noah.
Mia legte das Buch auf ihre Knie. Der Umschlag hatte sich an einer Ecke gewellt. „Manchmal ist ein großes Wort.“
„Heute ist Sommer. Da ist alles groß.“
Sie sah zur Seite, damit er ihr Gesicht nicht bekam. Das Wasser neben dem Boot war nun dunkler, aber unter der Oberfläche lag noch ein Rest von Grün. Als hätte die Tiefe etwas aufgehoben, das oben niemand mehr sah.
Am Anleger sprang Noah zuerst hinaus und band das Boot fest. Das rote Seil glitt durch seine Hände. Mia blieb einen Moment sitzen. Ihre Beine wollten nicht gleich aufstehen. Sie steckte den Prospekt zwischen die Seiten ihres Buches, ohne auf die Stelle zu achten.
Noah hielt ihr wieder die Hand hin.
Diesmal nahm sie sie später. Nicht weil sie nicht wollte. Weil sie die drei Sekunden sah: seine Hand, offen und still; den weißen Schnitt am Daumen; das ausgefranste Ende der roten Schnur; das Boot, das unter ihr leicht zur Seite driftete; den Steg, der nach aufgeheiztem Holz roch. Dann legte sie ihre Hand in seine.
Er half ihr hinauf. Er ließ los, sobald sie sicher stand.
„Danke für die Tour“, sagte sie.
„Gern.“
Das klang zu klein für die Bucht, für den Sand unter ihren Fußsohlen, für den Satz über Dinge, die brechen. Aber vielleicht passten manche Dinge nur in kleine Wörter.
Vom Dorf her kam der Geruch von gegrilltem Fisch und Limette. Mia sah zum blauen Haus am Ende der Straße. Dann zu Noah. Er hatte die Hand schon am Knoten des Bootes und blickte auf das Seil, als wäre es die wichtigste Arbeit der Insel.
„Vielleicht lese ich heute eine Seite“, sagte sie.
„Vielleicht.“
Sie ging los. Nach fünf Schritten drehte sie sich um.
Noah stand im Boot. Er sah geradeaus, hinaus auf das Wasser, nicht zu ihr. Der Motor schwieg. Das rote Seil hing fest um den Poller, und neben dem Bug schlug ein kleiner Metallring gegen Holz, leise, gleichmäßig, als zählte er die Zeit bis zur nächsten Welle.




